Vision einer sichtbaren Einheit
Die Vereinigung von Evangelischer Gemeinschaft und Methodistenkirche war von Anfang an auf der Tagesordnung. Den Grund dafür erklärt Ulrike Schuler.
Methodisten – auch wenn sie diese Bezeichnung nicht im Kirchennamen tragen – arbeiten zusammen, denn Trennung schadet. Das war und ist ein Kennzeichen methodistischer Geschichte in parallel entstehenden Arbeitszweigen sowie in Trennungen und Vereinigungen. Ulrike Schuler, promovierte Historikerin und Professorin für Kirchengeschichte, Methodismus und Ökumenik an der Theologischen Hochschule Reutlingen, erklärt, warum die Vereinigung der Evangelischen Gemeinschaft und der Methodistenkirche von Anfang an auf der Tagesordnung stand. Die Fragen stellte Michael Putzke.

Wo ist die Idee der Vereinigung entwickelt worden?

Ulrike Schuler: Schon seit Gründung der Evangelischen Gemeinschaft (EG) Anfang des 19. Jahrhunderts in den USA gab es Gespräche mit der Bischöflichen Methodistenkirche (BMK), die missionarische Arbeit zusammenzuführen. Vor allem aus sprachlichen Gründen hat man so nicht entschieden, denn die EG war unter deutschen Einwanderern entstanden, die lange an der deutschen Sprache festhielten. Aber es wurden gegenseitig Delegierte zu den Jährlichen Konferenzen gesandt und die Zusammenarbeit gestärkt. Als beide Kirchen in Deutschland die evangelistische Arbeit aufnahmen, haben sich die Missionare untereinander geholfen. Ursprünglich wollten sie die Landeskirchen in einem Prozess der geistlichen Erneuerung unterstützen.

Wichtig war die ökumenische Bewegung, in der sich beide Kirchen engagierten. Vor allem die BMK hatte hier eine Vorreiterrolle. 1881 wurde der heutige »Weltrat Methodistischer Kirchen« gegründet. Dieser hieß zunächst »Ökumenische methodistische Konferenz«. Sie hatte das Ziel, die weltweit entstandenen Kirchen mit wesleyanisch-methodistischen Wurzeln zu vereinen.

Warum kam es erst in den 1960er-Jahren zur Vereinigung?

EG und BMK führten in den 1920er-Jahren in Deutschland miteinander intensive Gespräche über eine Zusammenarbeit. Gleichzeitig wurden auch Absprachen mit den Landeskirchen erörtert. Alle Gespräche wurden durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Die Vision von einer sichtbaren Einheit gehört zum Proprium (die Identität ausmachende Eigenschaft; Anm. d. Redaktion) methodistischer Kirchen und wurde von ihnen weiter forciert. Auf Weltebene wurde dann die Vereinigung nach dem Zweiten Weltkrieg eingeleitet.

1939 kam es – außerhalb des deutschsprachigen Raums – zu einer Wiedervereinigung der BMK mit zwei anderen methodistischen Kirchen, an der die EG nicht beteiligt war. Die neue Kirche nannte sich Methodistenkirche (MK). Wie unterschiedlich waren die Prägungen in EG und MK?

Die EG-Gemeinden ähnelten in Deutschland den Landeskirchlichen Gemeinschaften. Die MK war internationaler ausgerichtet und geübter in der Arbeit in kirchlichen Strukturen wie auch in ihrer ökumenischen Ausrichtung. Die EG hat in Europa ausschließlich in deutschsprachigen und überwiegend protestantischen Kontexten gearbeitet. Die MK hat in fast allen Ländern Europas gewirkt, auch in solchen mit römisch-katholischen oder orthodoxen Gesellschaften.

Welche Hoffnung verband man mit der Vereinigung?

Man war sich neben dem Missionsauftrag Jesu des Rufs zur Einheit bewusst: »… auf dass sie alle eins seien« (Johannes 17,21). Die Hoffnung war, die in Jesus Christus bestehende Einheit sichtbar zu machen und die Zersplitterung der Christenheit zu überwinden, um glaubhafter das Evangelium verkünden zu können.

Welche Hoffnungen haben sich erfüllt, welche nicht?

Der Gedanke, dass man die Kirchengliederzahlen einfach addieren und dann besser missionarisch arbeiten könne, hat sich so nicht erfüllt. Es mussten Strukturfragen geklärt werden: Wie vereinigen wir die beiden Seminare, die Verlagshäuser, die drei Diakoniewerke und vieles mehr? In den 1970er-Jahren sind dann theologische Fragen wichtig geworden: Was bedeutet methodistische Identität? Gibt es eine Weise der Schriftauslegung, die für den Methodismus typisch ist? Inwiefern können wir Brückenbauer zwischen den Konfessionen und gesellschaftlichen Systemen sein?

Was waren die größten Probleme, auf die man gestoßen ist?

Dazu gehören die Gemeinden und Werke, die zusammengelegt werden mussten. Es geht dabei ja auch um soziale Gemeinschaften, die eine Identität entwickelt haben, die mit dem Bau von Gebäuden zusammenhängt. Viele Werke sind mit persönlichem Opfer aufgebaut worden – von Menschen, die nach dem Krieg ihre Arbeitskraft eingesetzt und finanzielle Opfer gebracht haben. Den eigenen Standort aufgeben ist schmerzhaft.

Was hat die EmK in der Vereinigung gewonnen?

Meines Erachtens gab es eine große Offenheit, die Tradition der anderen kennenzulernen und gemeinsam die Ursprünge des Methodismus neu zu entdecken. Ich selbst komme aus der EG und habe John Wesley als Inspirator und Organisator schätzen gelernt. Die Regeln, die er aufgestellt hat, empfinde ich heute als großartiges Angebot. Wenn ich heute mit den Studierenden die Allgemeinen Regeln John Wesleys diskutiere, höre ich, dass sie diese als Orientierungshilfe ansehen – zur Selbstprüfung und als Anregung zu einer an der Bibel orientierten Lebensführung.

Foto: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit