Streift: „Eigentlich müssten die christlichen Kirchen aufgrund ihres Glaubens eine Vorhut versöhnter ethnischer Gemeinschaft sein."Foto: emk.at

Im Gedenkjahr 2018 stand bei der PfarrerInnentagung das Thema „Kirchen und Europa“ im Fokus

Keutschach (epdÖ) – Internationale GastrednerInnen haben bei der noch bis Donnerstag, 30. August, laufenden gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung im kärntnerischen Keutschach historische und aktuelle Entwicklungen in Europa im Zusammenhang mit den Kirchen untersucht. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot legte Konzepte für ein neues Europa vor, der evangelisch-methodistische Bischof für Mittel- und Südeuropa, Patrick Streiff, definierte Herausforderungen für die Kirchen am Kontinent, und die Historiker Karl M. Schwarz und Alexander Hanisch-Wolfram untersuchten aus Anlass des Gedenkjahres 2018 die Situation der evangelischen Kirchen ab 1918 in Österreich im Allgemeinen und Kärnten im Besonderen. Zum Abschluss am Donnerstag ist ein Gespräch zwischen Bischof Michael Bünker und der Schriftstellerin und Bachmannpreisträgerin Maja Haderlap geplant. Bei dem jährlich stattfindenden Treffen kommen geistliche AmtsträgerInnen der evangelisch-lutherischen, evangelisch-reformierten und evangelisch-methodistischen Kirche aus ganz Österreich zusammen.

Guérot: Staatsbürgergemeinschaft als Schlüssel für eine neue Bürgernähe in Europa

„Eine Krise ist der Zustand, in dem das Alte abstirbt, aber das Neue noch nicht zur Geltung kommen kann“, zitierte die in Krems lehrende deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot den italienischen Theoretiker Antonio Gramsci mit Blick auf die gegenwärtige Situation Europas. Sie plädierte für ein Fortschreiten in der historischen Entwicklungslinie des Kontinents seit der Aufklärung: Die Französische Revolution hätte Gleichheit jenseits von Klassen gebracht, die britische Frauenrechtsbewegung Gleichheit unabhängig vom Geschlecht, die US-Bürgerrechtsbewegung Gleichheit jenseits von Hautfarben: „Nun ist es Zeit für eine Gleichheit jenseits von Nationen“, meinte Guérot, die einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch ihr 2013 gemeinsam mit Robert Menasse publiziertes „Manifest für die Gründung einer Europäischen Republik“ bekannt geworden war. Die Leiterin des European Democracy Lab in Berlin argumentiert für einen „europäischen Rechtsraum mit einer territorial definierten, europäischen Staatsbürgergemeinschaft als Schlüssel für eine neue Bürgernähe in Europa“.

Bischof Streiff: Beim Blick in die Zukunft scheint alles viel bedrohlicher

Angesichts des wieder erstarkenden Nationalismus nahm der evangelisch-methodistische Bischof Patrick Streiff die europäischen Kirchen insbesondere in Südeuropa in die Pflicht: „Eigentlich müssten die christlichen Kirchen aufgrund ihres Glaubens eine Vorhut versöhnter ethnischer Gemeinschaft sein. Allerdings zeigt sich gerade in dieser Frage, wie stark nationales Denken die meisten Kirchen bestimmt.“ Als Beispiel nannte Streiff Serbien, wo Sprachgrenzen auch eindeutig Religionsgrenzen definierten. In ethischen Fragen sei eine starke Tendenz zu spüren, „dass die Gesellschaft die Gefahr des westlichen Liberalismus beschwört, vor dem man sich schützen und die traditionellen, christlichen Werte hochhalten muss.“ Aktuell werde häufig geklagt, „wie instabil die Situation, gerade in der EU, sei“. Streiff schätzt die Situation Europas und der Union jedoch nicht weniger stabil ein als vor zehn oder zwanzig Jahren: „Aber im Rückblick werden die Unsicherheiten geglättet und beim Blick in die Zukunft scheint alles viel bedrohlicher. Wir sollten nicht vergessen, dass auch die EU erst langsam zu dem geworden ist, was sie heute ist.“

Historiker Hanisch-Wolfram: Lange angespanntes Verhältnis zwischen Kärntner Slowenen und Evangelischer Kirche

Der Kärntner Historiker und Religionslehrer Alexander Hanisch-Wolfram blickte in seinem Vortrag auf die Entwicklung der Evangelischen Kirche in Kärnten im Kontext der nationalpolitischen Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert. Insbesondere zwischen Kärntner Slowenen und Evangelischer Kirche hätten sich nach 1918 Konfliktfelder aufgetan, so zum Beispiel „der Umgang mit dem katholisch orientierten autoritären System ab 1933/34, mit dem beide Minderheiten ihre Schwierigkeiten hatten, eine Ansiedlung von reichsdeutschen Familien im gemischtsprachigen Gebiet, von denen viele evangelisch waren, und der Umgang mit dem Nationalsozialismus, dem sich viele Evangelische in fataler Weise angenähert hatten.“ Nach 1945 hätten sich viele dieser Problemfelder etwas beruhigt, aber nicht gänzlich entspannt. Einen Wendepunkt markierte das Jahr 1972, als sich der damalige Superintendent Paul Pellar im Ortstafelstreit solidarisch mit den Kärntner Slowenen erklärte. Das, so Hanisch-Wolfram, „sorgte für Überraschung ebenso wie für Irritationen, war aber letztlich der Beginn einer vorsichtigen Annäherung – an deren Ende heute ein solidarisches Minderheitenverhältnis zwischen Evangelischer Kirche und Kärntner Slowenen steht“.

Kirchenhistoriker Schwarz: Ende der Monarchie mit schweren Folgen für Evangelische Kirchen

Einen historischen Überblick über die demographischen und strukturellen Auswirkungen des Zusammenbruchs der Donaumonarchie Österreich-Ungarn auf die Evangelischen Kirchen in den Nachfolgestaaten bot der Kirchenrechtler und Kirchenhistoriker Karl Schwarz. Besonders deutlich waren die Veränderungen in Ungarn zu sehen, das durch den Friedensvertrag von Trianon (1920) auf ein Drittel seines bisherigen Umfangs und 41 Prozent seiner Bevölkerung reduziert wurde; waren vor 1918 rund 2,6 Millionen Ungarn Reformierte und etwa 1,35 Millionen Lutheraner, so reduzierten sich die Zahlen danach auf 1,63 Millionen Reformierte und 485.000 Lutheraner. Mit der Gründung neuer Staaten hatten die Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen Doppelmonarchie zudem neue Ansprechpartner, die unterschiedlich stark in die kirchlichen Strukturen eingriffen. So sei in der Slowakei ein Generalkirchenrat eingesetzt worden, der hohe kirchliche Amtsträger ernennen konnte – „eine Verletzung der kirchlichen Autonomie“, sagte Schwarz.

Quelle: evang.at/epdÖ