Alle paar Jahre trifft sich die Charles Wesley Society, deren meiste Mitglieder in den USA leben, in Großbritannien. Seit bald 30 Jahren ist diese Gesellschaft darum bemüht, das poetische und theologische Erbe Charles Wesleys zu erforschen. Viele Jahrzehnte stand der ältere Bruder John als Begründer des Methodismus im Mittelpunkt der Forschung. Doch die Ergebnisse, die über die Publikationen der Charles Wesley Society an die Öffentlichkeit gelangen, zeigen, dass auch der jüngere der beiden Brüder großen Anteil daran hatte, dass die methodistische Bewegung sich ausbreiten konnte.
Der Schwerpunkt der diesjährigen Tagung lag mit Bristol, wo 1739 das erste methodistische Kirchengebäude „The New Room“ errichtet wurde, auf den Anfängen der Bewegung in und um Bristol. Diese Stadt am Avon River, die durch ihren Hafen wichtigen Anschluss an den Welthandel hatte, war zu dieser Zeit die zweitgrößte Stadt Englands und gründete ihren Reichtum auf dem Sklavenhandel. Doch es gab auch arme Menschen in dieser reichen Stadt und ihrer Umgebung. Zu den Arbeitern in den Steinkohlegruben von Kingswood predigte John Wesley erstmals unter freiem Himmel. Wenn er weiterzog, war es oft Charles Wesley, der diesen Dienst übernahm und manchmal auch die ungelösten Probleme, die sein Bruder hinterlassen hatte, so Gary Best in seinem Referat über die Anfänge der Methodisten in Bristol.
Die Tagung fand Anfang August in den Räumlichkeiten des „New Room“ unmittelbar in der Fußgängerzone von Bristol statt. Dieses erste methodistische Gotteshaus wurde umfassend renoviert sowie mit einer Bibliothek, einem Café und einem Tagungsraum ergänzt. Der Gottesdienstsaal, der in früheren Zeiten während der Woche auch als Sozialstation diente, blieb in seiner ursprünglichen Form bestehen. In den Räumen des Obergeschosses, das John und Charles Wesley und ihren Mitarbeitern als Aufenthaltsort diente und wo auch die erste methodistische Konferenz der Prediger stattfand, gibt es nun eine neue Ausstellung, die über die ersten John und Charles Wesley, die methodistischen Prediger und Gemeinschaften sowie die Bildungsinitiativen wie die Schule im nahe gelegenen Kingswood informiert.
Bristol war für 22 Jahre auch fester Wohnsitz von Charles Wesley und seiner Frau Sally, geb. Gwynne. In der nahe beim New Room gelegenen Charles Street bewohnten sie ein Haus, das heute Ausstellungsräume rund um die musikalischen Kinder und das Liedschaffen von Charles Wesley enthält. Im Rahmen der Tagung gab Philip Carter, der Kirchenmusiker des New Room, einen Einblick in das musikalische Schaffen der beiden Söhne und des einen Enkels von Charles Wesley, wobei er betonte, dass diese ihre Musikalität eher von der Mutter Sally als vom Vater geerbt hätten. Die weiteren sechs Kinder des Paares, von denen fünf im früheren Kindesalter starben, sind ebenfalls in Bristol beerdigt.
In den Referaten wurde deutlich, dass Charles Wesley mit Recht „ein Mann der Freundschaft“ genannt werden darf. Während sein Bruder John sehr strikt sein konnte und die Kontakte zu den Personen abbrach, mit denen er inhaltlich nicht übereinstimmte, hielten Charles und seine Frau Sally die Kontakte aufrecht und pflegten Jahrzehnte später noch Beziehungen, so z.B. zu John Cennick, einem Lehrer, der ab 1740 an der methodistischen Schule in Kingswood unterrichtete, diese aber bald schon verlassen musste wegen Lehrunterschieden. Pauline Watson, die über archaische Symbole in den Liedern von Charles Wesley referierte, führte seine Fähigkeit zur Freundschaft auf die positive frühkindliche Situation zurück sowie auf die glücklichen Jahre, die Charles während seiner Schulzeit in London bei seinem ältesten Bruder Samuel verbringen konnte. Obwohl in dieselbe Familie hineingeboren, dürfte John, der einige Jahre vor Charles zur Welt kam, wesentlich schwierigere erste Kindheitsjahre sowie eine harte Schulzeit erlebt haben.
Ein weiteres beeindruckendes Referat hielt Peter Forsaith, der unter anderem als Kurator der Methodist Art Collection tätig ist. Er brachte Liedstrophen von Charles Wesley mit einzelnen Werken dieser Kunstsammlung aus dem 20. und 21. Jahrhundert in Verbindung. Die Methodist Art Collection ist im Besitz der britischen Methodistenkirche und umfasst Bilder, die religiöse Kunst meist britischer Künstler darstellen. Methodistische Gemeinden können damit Ausstellungen in ihren Kapellen und Kirchenräumen gestalten.
Bericht: Esther Handschin

Bildlegende: Teilnehmende des Treffens der Charles Wesley Society auf der imposanten Doppelkanzel im New Room. Vom unteren Pult aus wurden die Lesungen vorgenommen, vom oberen Pult aus hat John Wesley gepredigt, wenn er in Bristol war.