Gnade und Heiligung kommen als Wörter im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr vor. Worum es geht, beschreibt Holger Eschmann im EmK-Magazin »unterwegs«.
Den Gottesdienst zu besuchen ist heilsam. Hier kann die Gnade Gottes erfahren werden – unabhängig davon, wo ein Mensch im Glauben und im Leben steht. Wie das in der methodistischen Theologie gründet und was es für den Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) bedeutet, beschreibt der an der Theologischen Hochschule in Reutlingen lehrende Professor für Praktische Theologie Holger Eschmann in einem Artikel für das EmK-Magazin »unterwegs«:

Gnade hoch drei

Der Gottesdienst wird im Methodismus als ein »Gnadenmittel« bezeichnet. Das sind Zeichen, Worte oder Handlungen, die Gott üblicherweise nutzt, um den Menschen Gnade zukommen zu lassen. Neben dem Gottesdienst zählen das Abendmahl, die Beschäftigung mit Gottes Wort, das persönliche und gemeinsame Gebet und das Fasten zu den Gnadenmitteln. In den Gnadenmitteln teilt der dreieinige Gott seine Gnade auf eine dreifache Weise mit, nämlich als zuvorkommende, rechtfertigende und heiligende Gnade. Was heißt das?

Zuvorkommende Gnade – Gott sucht den Menschen

Wie die Reformatoren im 16. Jahrhundert sah John Wesley den Menschen wegen der Sünde nicht in der Lage, von sich aus zu Gott zu finden. Er hielt auch an dieser Auffassung fest, als in der Epoche der Aufklärung anders darüber gedacht wurde. Wesley war allerdings davon überzeugt, dass Gottes Geist in seinen Geschöpfen mit seiner zuvorkommenden Gnade immer schon am Werk ist – auch bei denen, die noch nicht an Gott glauben. Mit Hilfe des Gewissens und der Sehnsucht nach Sinn, Erfüllung und Heil treibt demnach der Heilige Geist den Menschen hin zu Gott. Ebenfalls wie die Reformatoren predigte John Wesley die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade und Glauben.

Rechtfertigende Gnade – von Schuld befreit

Durch die rechtfertigende Gnade befreit Gott den Menschen. Dabei ist der Glaube an Gott und sein Heil in Jesus Christus nicht als menschliche Leistung zu verstehen, sondern ganz als göttliches Geschenk. Christus tat am Kreuz nicht nur etwas für den Menschen, so dass Gott ihn deshalb als Gerechten ansieht, sondern er tut im Heiligen Geist auch etwas im Menschen. Er befreit von Schuld und von der Macht der Sünde und er schenkt Gewissheit des Heils.

Heiligende Gnade – Gott verwandelt

Schließlich vermittelt Gott durch seinen Geist nach dem Verständnis John Wesleys auch die heiligende Gnade: Sie prägt Menschen, die Jesu Christus nachfolgen, nach seinem Bild und führt sie zu einem Leben im Dienst Gottes und des Nächsten. Auch die Heiligung geschieht allein aus Gnade und Glauben und ist kein Verdienst des Menschen. Aber sie nimmt den ganzen Menschen mit Herzen, Mund und Händen in Dienst. Für John Wesley wirkt der Geist Gottes so, dass einzelne Menschen verändert werden, aber auch eine Gemeinschaft kann von ihm geprägt werden und die Gesellschaft als Ganzes.

Gemeinschaft der Suchenden und Glaubenden

Gottes Gnade wirkt dreifach. So verstehen sich methodistische Gemeinden als »Gemeinschaft von Suchenden und Glaubenden«. Auch bei Suchenden ist Gott mit seiner zuvorkommenden Gnade am Werk. Das zeigt sich auch im Gottesdienst, zum Beispiel im sogenannten »Offenen Abendmahl«. Zum Abendmahl sind in der Evangelisch-methodistischen Kirche alle Menschen eingeladen, ob Kinder oder Erwachsene, ob getauft oder ungetauft, ob gläubig oder suchend. Ausschlaggebend ist das Verlangen des Menschen, im Abendmahl der Gnade und Liebe Gottes zu begegnen. Diese unter den Freikirchen unübliche Offenheit bei der Zulassung zum Abendmahl ist – wie bereits gesagt – in John Wesleys dreifachem Gnadenverständnis begründet.

Ein Zitat aus der von Walter Klaiber und Manfred Marquardt geschriebenen methodistischen Dogmatik »Gelebte Gnade« bringt es auf den Punkt: Das Verständnis vom »Offenen Abendmahl« bedeutet, »dass Gottes Geist ... Menschen durch die Teilnahme an der Abendmahlsfeier sowohl zum Glauben führen als auch im Glauben und in der Gewissheit festigen (kann); er kann sie zur Hingabe an Christus und an ihre Mitmenschen sowie zur Verantwortung in allen Bereichen ihres Lebens erneuern«.

Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »unterwegs« 14/2018 vom 8. Juli 2018 entnommen.
Bildnachweis: Susanne Meister, THR