Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRKÖ) vermisst den regelmäßigen Austausch der Bundesregierung mit den Kirchen, sagt Lothar Pöll, scheidender Vorsitzender des ÖRKÖ. Gesprächsbedarf gäbe es bei Antisemitismus, Asylsuchenden und zum Thema Armut.

Seit 2014 steht Lothar Pöll dem ÖRKÖ vor, dem 16 christliche Kirchen angehören. Im Oktober wurde Thomas Hennefeld, reformierter Landessuper-intendent von den Delegierten zum Nachfolger von Pöll ab 1. Jänner 2017 gewählt.

Kein Interesse der Regierung?

Die Regierung habe scheinbar kein Interesse mehr daran was der evangelisch-methodistische Pastor „sehr schade“ nannte. Denn dies bedeute zugleich, dass die Stimmen der Kirchen etwa in Fragen der Flüchtlingspolitik oder bei der Mindestsicherung nicht mehr in dem Maße wahrgenommen würden wie früher.

Pöll verwies in diesem Zusammenhang auf ein nicht verwirklichtes Projekt des ÖRKÖ. So habe man schon 2015 rund 200 Flüchtlinge mit sehr realistischen Asyl-Aussichten direkt aus Nordafrika nach Österreich bringen und hier versorgen und integrieren wollen. Dieses Projekt, dass die Kirchen gemeinsam mit der evangelischen Diakonie sowie mit Partnern aus Italien hätten umsetzen wollen, sei aber am Widerstand von Innen- und Außenministerium gescheitert. „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir die Not sehen und handeln und die Menschen legal zu uns bringen anstatt noch das Geschäft der Schlepper zu unterstützen“, erklärte Pöll.

Das sei noch vor der großen Flüchtlingswelle vom Herbst 2015 gewesen, doch schon damals seien tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken. Wie Pöll sagte, sei das Projekt von Seiten der Kirchen nicht ad acta gelegt. „Wir wären dazu bereit, auch heute, es liegt schlicht an der Politik.“

Ganz grundsätzlich würden die Kirchen einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und sozialen Frieden in Österreich leisten und so einer Polarisierung der Gesellschaft vorbeugen, unterstrich der ÖRKÖ-Vorsitzende.

Front gegen Antisemitismus

Aufgabe der Kirchen sei es, „an vorderster Front gegen jede Form von Antisemitismus aufzutreten“, führte der ÖRKÖ-Voritzende weiter aus. Vielleicht nicht gerade in Österreich, aber dafür in vielen anderen europäischen Ländern sei der Antisemitismus wieder im Zunehmen. Juden würden sich nicht mehr sicher fühlen und auswandern, warnte Pöll. In diesem Sinne habe sich der ÖRKÖ viele Jahre dafür eingesetzt, den 27. Jänner - der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz - auch in Österreich als offiziellen Tag des Gedenkens an die jüdischen Opfer des NS-Regimes einzuführen. Damit habe sich der ÖRKÖ aber bei den politisch Verantwortlichen noch nicht genug Gehör verschaffen können. Das Ansuchen sei von der Politik bisher mit dem Verweis auf das Gedenken im Mai zur Befreiung Mauthausens und des Endes des Zweiten Weltkriegs abgelehnt worden.

Er halte einen solchen offiziellen Gedenktag am 27. Jänner, der den jüdischen NS-Opfern gewidmet ist, aber nach wie vor für notwendig, so der ÖRKÖ-Vorsitzende. In diesem Kontext sei zudem das jährliche Erinnern an die Novemberpogrome (9./10. November 1938) zu sehen. Es stimme ihn zuversichtlich, dass an der Gedenkveranstaltung in der Wiener Ruprechtskirche immer mehr junge Menschen teilnehmen würden, so Pöll. „Option für die Armen“

Als ein gelungenes Projekt des ÖRKÖ erinnerte Pöll an die vor rund einem Jahr erschienene Broschüre „Solidarische Gemeinde“, die aus dem Prozess „sozialwort 10+“ entstanden war. Damit wollte man Hintergrundinformationen zu sozialen Fragen und konkrete Handlungsanregungen liefern, wie Pfarrgemeinden und andere kirchliche Gruppierungen ihr soziales Profil noch schärfen können. Die Kirchen hätten die Aufgabe, die „Option für die Armen“ verstärkt aufzugreifen, so der ÖRKÖ-Vorsitzende.

Zu kurz gekommen seien dabei aber die Fragen rund um den Klimaschutz oder auch Bildungsfragen, räumte Pöll selbstkritisch ein. „Obwohl wir natürlich auch dazu punktuell Initiativen setzten.“

Dem ÖRKÖ gehören derzeit 16 Kirchen an. Darüber hinaus arbeiten eine Reihe von kirchlichen Organisationen als Beobachter mit. Die Beziehungen zwischen den Kirchen seien in Österreich sehr gut, so die Bilanz Pölls. Der Weg zur sichtbaren Einheit sei freilich noch weit, und es gebe noch zahlreiche ungelöste Fragen. Pöll sprach diesbezüglich etwa das Thema gemischt-konfessionelle Ehepaare und deren Zugang zur Kommunion an wie auch die nach wie vor nicht mögliche gemeinsame Eucharistiefeier.

Ökumenische Signale

Er wolle die Entwicklung aber positiv betrachten, so der ÖRKÖ-Vorsitzende. Papst Franziskus mache etwa mit einigen ökumenischen Signalen wie seiner Teilnahme an der Eröffnung des Reformationsjubiläums im schwedischen Lund Hoffnung. Es sei auch sehr positiv, dass die katholische Kirche das Reformationsjubiläum so wohlwollend wahrnehme.

Für dringend notwendig für die Kirchen in Österreich (und drüber hinaus) hält Pöll einen verstärkten theologischen Dialog - vor allem auch mit den orthodoxen Kirchen. Das habe der ÖRKÖ auch erkannt und plane in der Zukunft wieder regelmäßige Symposien. Zwar werde man damit nicht alle weltkirchlich anstehenden Fragen lösen können, aber allein schon das wertschätzende Gespräch habe große Bedeutung, so Pöll.

Link: www.oekumene.at

Foto: kathbild/Franz Josef Rupprecht

Quelle: religion.ORF.at/KAP

Lothar Pöll ist seit 1. Jänner 2014 ÖRKÖ-Vorsitzender, seine Amtszeit endet mit 31. Dezember. In einem auf der Website des ÖRKÖ (www.oekumene.at) veröffentlichten Bilanz-Interview wies Pöll darauf hin, dass es zu seinem Amtsantritt noch einen regelmäßigen Austausch zwischen der Regierung und den Vertretern der Kirchen und Religionen gegeben habe. Man habe sich auf Einladung der Regierung bzw. des Bundeskanzlers ein bis zwei Mal im Jahr zu aktuellen Fragen und Entwicklungen ausgetauscht. Seit eineinhalb Jahren sei dieser Dialog nun „eingeschlafen“, bedauerte Pöll.

 

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