Man müsse sich als Kirche "das eigene Versagen eingestehen" und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sagte der Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen in Österreich Superintendent Lothar Pöll beim Gedenkgottesdienst für die Opfer der Shoah in Wien. (Im Bild: Kerzen vor dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah in Wien, Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Wien (epdÖ) - Zum 76. Jahrestag der Novemberpogrome gedachten die Kirchen am Sonntag, 9. November mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche der im Zuge des nationalsozialistischen Terrors im November 1938 verschleppten und ermordeten Jüdinnen und Juden. Der evangelisch-methodistische Superintendent und aktuelle Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) Lothar Pöll warnte in seiner Predigt davor, Antisemitismus zu übersehen. Es sei ein Faktum, dass der Judenhass in den letzten Jahren wieder stark zunehme. Im Anschluss an den Gottesdienst sammelten sich die TeilnehmerInnen zu einem Schweigegang von der Ruprechtskirche zum Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa auf dem Judenplatz.

Pöll erinnerte daran, dass der Judenhass, der schlussendlich in der Shoah gipfelte, auch ein Ergebnis der antisemitischen Theologie der Kirchen war und durch diese auch legitimiert wurde. Man müsse sich als Kirche "das eigene Versagen eingestehen" und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Dadurch hätten die Kirchen auch heute noch die Pflicht, sich auf die Seite der jüdischen Mitbürger zu stellen, wenn diese Anfeindungen ausgesetzt sind. Geschichte sei nie etwas Abgeschlossenes und reiche immer auch in die Gegenwart hinein. Judenfeindlichkeit sei auch heute noch ein Problem, das zunehmend stärker werde. So habe es laut Pöll allein im Jahr 2013 über 140 Vorfälle mit klar antisemitischem Hintergrund in Österreich gegeben. Beim aktuellen Antisemitismus dürfe man keinesfalls die Augen verschließen, sonst mache man sich mitschuldig. Auch bei den Novemberpogromen 1938, bei denen allein in Wien 6547 Juden verhaftet wurden, hätten neben den aktiven Tätern "viel zu viele tatenlos zugeschaut", so der ÖRKÖ-Vorsitzende.

Der Gedenkgottesdienst, den der Rektor der Ruprechtskirche, Hans Brandl, und die evangelische Hochschulpfarrerin Gerda Pfandl gestalteten, bildete den Abschluss der alljährlich stattfindenden Bedenkwoche "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt". In Erinnerung an die Ereignisse vor 76 Jahren fanden bis 9. November zahlreiche religiöse, wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen in Wien und Niederösterreich statt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die noch immer unter dem euphemistischen Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge der Pogrome insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp unter 4000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.