»Kirche, die sich nur um sich selbst dreht, ist eigentlich keine Kirche«. Diese Aussage stellte der methodistische Theologe Jörg Rieger zur Diskussion.

Ende Juni veranstaltete die Theologische Hochschule Reutlingen (THR) der Evangelisch-methodistischen Kirche das »Forum Forschung«, das methodistischen Theologen eine Bühne bietet. Dort konnten in mehreren Arbeitsphasen Forschungsprojekte aus verschiedenen theologischen Disziplinen und unterschiedlichen kulturellen Kontexten vorgestellt und unter fachlicher Anleitung diskutiert werden.

Kirche im Sinne Wesleys

Im Rahmen des Forums war der öffentliche Vortrag von Jörg Rieger platziert, der in den Vereinigten Staaten als Professor für Theologie und Inhaber des Cal-Turner-Lehrstuhls für Wesleyanische Studien an der Vanderbilt-Universität in Nashville lehrt. In seinem Vortrag unter dem Titel »No Religion but Social Religion«, auf Deutsch in freier Übersetzung »Kirche mit anderen« ging Rieger der Frage nach, ob Religion Privatsache sei, oder Spiritualität in erster Linie dem persönlichen Wohlbefinden diene. Dieser Annahme widersprach der bekannte Befreiungstheologe. Dabei bezog er sich auf einen Satz John Wesleys, des Begründers der methodistischen Bewegung. Dieser betonte: »Das Christentum ist wesentlich eine soziale Religion; es zu einer Privatreligion zu machen, würde es zerstören.«

Laut Rieger ist das viel mehr als die banale Feststellung, dass Glaube nur in Gemeinschaft gelebt werden könne. Vielmehr bedeute Wesleys Aussage, dass Kirche nur Kirche sein kann, wenn sie sich radikal für die Probleme der Gesellschaft öffnet. »Eine Kirche, die sich nur um sich selbst dreht, ist eigentlich keine Kirche«, folgerte Rieger. Nicht nur Kirche »für« andere solle sie sein, wie Dietrich Bonhoeffer betonte, sondern Kirche »mit« anderen und zwar besonders mit den Menschen am Rand der Gesellschaft. Dabei dienten die »Werke der Solidarität« nicht dazu, sich den Himmel zu verdienen. Sie seien Mittel, in der Begegnung mit den Armen und Ausgeschlossenen die Gnade Gottes zu erfahren. Die sich an den Vortrag anschließende lebhafte Diskussion erörterte, was dieser Ansatz für die konkreten gesellschaftlichen Probleme wie Armut, Finanzkapitalismus oder Rechtspopulismus bedeutet.

Jörg Barthels, Bildnachweis: THR