Predigt von Superintendent Stefan Schröckenfuchs beim ökumenischen Reformationsgottesdienst am 31.12.2017 in der Zwinglikirche, 1150 Wien

1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll. Liebe Schwestern und Brüder, das ist die erste der 95. Thesen, die Martin Luther heute vor 500 Jahren veröffentlich hat. Wie Luther wohl reagiert hätte, wenn man damals gesagt hätte, dass 500 Jahre später altkatholische, lutherische, methodistische, reformierte und römisch-katholische Christinnen und Christen dieses Ereignis gemeinsam feiern werden? Ich nehme an, er wäre entsetzt gewesen. Die einzigen, über die er sich gefreut hätte, wären vermutlich die römisch-katholischen ChristInnen gewesen. Aber Lutherische Christen? „Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen?“, schriebt er 1522. Für Methodisten, Reformierte und Altkatholiken hätte er vermutlich auch nicht viel freundlichere Worte gehabt…  In diesem Sinne soll meine Predigt auch nicht eine Dankesrede an Martin Luther werden. Sondern ich möchte meinen Fokus auf jenes Thema lenken, das Luther schon in der 1. These anspricht - nämlich die Buße. Und ich möchte versuchen zu zeigen, dass Reformation im christlichen Sinne immer etwas mit Buße zu tun haben muss.

a) Wichtig ist mir dabei in Erinnerung zu rufen, was der Begriff Buße eigentlich meint. Heute kommt er ja fast nur mehr im Begriff „Bußgeld“ vor, oder im Satz „das wirst du mir büßen.“ Da schwingt immer etwas von einer Strafe mit. Ich glaube eigentlich, dass das nicht angemessen ist. Luther verweist explizit auf Mt. 4,17 - das ist die kurze Zusammenfassung der Verkündigung Jesu am Anfang seines Wirkens: Tut Buße! Denn nahegekommen ist das Himmelreich. Im Griechischen steht hier das Wort Metaneite - der Imperativ von Metanoeo - und das bedeutet zu allererst: seinen Sinn ändern. D.h. die Ausrichtung des Denkens ändern. Zürcher übersetzt: Kehrt um - ändert eure Ausrichtung, wendet euch von etwas falschem ab und etwas richtigem zu. „Das ganze Leben der Gläubigen soll Buße sein“ - oder (mit einem anderen Lutherzitat): wir müssen den alte Adam täglich in Reue ersäufen - und uns von neuem auf Gott ausrichten.

b) Unserer erste Lesung (2.Kön) gibt uns ein beeindruckendes Beispiel einer solchen Neuausrichtung: von der Reform, die der König Hiskia vor ca. 2700 Jahren in Juda durchgeführt hat. Ich finde es spannend, wie diese Reform beschrieben wird: Einerseits wendet sich Hiskia radikal von gewissen religiösen Praktiken seiner Zeit ab: er lässt alle Heiligtümer zerstören, an denen nicht dem Gott Israels gehuldigt wurde. In der Regel waren das Fruchtbarkeitsgötter; ich nenne diese Gottheiten auch gerne „Machbarkeitsgötter“. Denn im Prinzip funktionieren diese Gottheiten alle so, dass der gläubige ihnen etwas opfere, damit die Gottheit dann das macht, was der Gläubige will. Zumindest war das die Erwartung an diese Gottheiten. Besonders interessant finde ich dabei den Aspekt, dass Hiskia auch die eherne Schlange zerstört, die Mose einst gemacht hat. Sie kennen vermutlich die Geschichte aus der Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. Die Israeliten murren wieder einmal über den mühsamen Weg in die Freiheit. Gott schickt daraufhin zur Strafe giftige Schlangen. Andererseits lässt er Mose eine Schlangenskulptur machen: und jeder, der von einer giftigen Schlange gebissen wurde und dann zu dieser Schlange schaute, überlebt den Biss. Der ursprüngliche Idee war dabei vermutlich, dass der Blick auf diese Skulptur die Israeliten daran erinnern sollte, dass sowohl die Schlangen als auch die Rettung von ihrem Gott kommen. Zur Zeit Hiskias ist die Schlangenskultpur allerdings schon längst selbst zu einer Art Götzenbild geworden, dem die Menschen wie all den anderen Machbarkeitsgöttern geopfert haben. Davon wendet sich Hiskia radikal ab: Er zerstört all diese Götzenbilder inkl. der Schlange Moses. Denn Hiskia vertraut nicht auf die „Machbarkeitsgötzen“, sondern sein Vertrauen gilt dem Gott Israels. Und dieses Vertrauen zeigt sich v.a. darin, dass er sich an Gottes Gebote hält: er hört auf Gottes Wort, er befolgt seine Weisungen, und er strebt nach jener Gerechtigkeit, die Gott fordert. Die Reform Hiskias ist also genau so eine Form der Umkehr, wie es das Wort „Metanoeo“ meint: Es ist eine Abkehr von Praktiken, die ihn und sein Volk von Gott trennen - und eine Hinwendung zu und Neuausrichtung auf Gott, die im sowohl im Hören auf Gott als auch im Tun des Willens Gottes besteht.

c) Ich denke, das ist ein Anliegen, das sich auch in Luthers 95 Thesen finden lässt. Auch Luther kritisiert mit dem Ablasshandel seiner Zeit eine Art „Machbarkeitsreligion“: Durch den Kauf von Ablassscheinen wurde den Menschen vermittelt, dass sie sich damit ein Geschenk Gottes - nämlich Vergebung - erkaufen könnten. Ich zahle etwas - ich bringe ein Opfer - und im Gegenzug werden mir Sünden (bzw. die befürchtete Bestrafung dafür) vergeben. Die entscheidende Voraussetzung für Vergebung - nämlich die Bereitschaft zur Umkehr, die in einer Änderung von Absichten und Verhalten zielt - bleibt bei diesem System auf der Strecke. Dem hält Luther in der 94. und 95. These entgegen: Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten. und dass die lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen. Die Reformation beginnt mit der Aufforderung zur Buße: also zu einer Abkehr von Dingen, die mich von Gott trennen, und einer Neuausrichtung auf Gott, die im Vertrauen auf Gott besteht und in der Bereitschaft, seinen Geboten zu folgen.

d) Was kann das heute für uns als Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen im Jahr 2017 hier im 15. Wiener Gemeindebezirk? Wo brauchen wir heute solche Buße? Ich habe nicht den Anspruch, diese Frage umfassend zu beantworten - wir alle werden in ein paar Minuten die Gelegenheit haben, selbst zu formulieren, wo wir eine solche Reformation heute für nötig halten. Ich will aber zumindest zwei Bereich ansprechen, in denen ich denke, dass es Umkehr bzw. Neuausrichtung braucht - bzw. teilweise Gottseidank auch schon gibt.

Das erste ist der Gedanke, dass wir darauf acht haben sollten, uns nicht zu viel mit uns selbst zu beschäftigen. Das gilt sowohl im persönlichen Bereich, als auch im Kirchlichen. In unserem persönlichen Leben sind wir heute ja permanent aufgefordert, uns permanent selbst darzustellen. Der kleine Machbarkeitsgott in meiner Hand - das Smartphone - ermöglicht es mir, mich immer und überall selbst zu inszenieren: ich brauch nur ein Foto oder Video auf Facebook usw. teilen. Das ganze funktioniert wie ein kleiner Götzendienst: Ich opfere ein Stück von meiner Privatsphäre, und werde belohnt mit den Likes meiner Freunde - bzw., wenn es daneben geht, werde ich mit einem Shitstorm bestraft. Wer ständig darauf bedacht ist bzw. sein muss, sich so darzustellen, wie er sich selbst - oder seinen virtuellen Freunden - wohlgefällt, wird sich schwer tun so zu leben wie ein Hiskia, der sich darum bemüht, so zu leben, wie es dem Herrn, seinem Gott wohlgefällt. Anders gesagt: Man kann nicht zwei Herrn gleichzeitig gefallen wollen. Die chronische Beschäftigung mit mir selbst steht mir dabei im Weg, mich und mein Sinnen auf Gott auszurichten.

Die Gefahr der übermäßigen Beschäftigung mit sich selbst betrifft uns aber auch als Kirchen: Wir Protestanten sind jetzt schon ziemlich lange damit beschäftigt, uns an unsere Geschichte und unser reformatorisches Erbe zu erinnern. Aus der Vergangenheit können wir viel für die Gegenwart lernen. Es gibt aber auch die Gefahr, sich so sehr mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, dass der Blick auf Gott dabei auf der Strecke bleibt. Vermutlich geht es unseren römisch-katholischen Geschwistern mit ihrer Strukturreform in Gestalt von Pfarrzusammenlegungen nicht anders. Die neuen Strukturen können Raum schaffen für mehr Begegnung mit Gott - sie können aber auch so viel Aufmerksamkeit binden, dass Gott dabei ganz aus dem Blick gerät. Eine Umkehr hin zu Gott bedeutet immer auch ein Stück weit eine Abkehr von mir selbst - ein Lösen des Blickes von mir.

Mein zweiter Gedanke zielt auf die Frage, worin es sich zeigt, dass wir auf Gott ausgerichtet sind. Es zeigt sich darin, dass wir uns darum bemühen, seinen Willen zu tun und seine Gebote zu halten. Und ich denke hier v.a. an jenes Gebot, das wir im Evangelium gehört haben: Ein neues Gebot gebe ich euch: dass ihr einander liebt. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Und daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr bei euch der Liebe Raum gebt. Wenn wir uns auf Gott ausrichten, wird sich das darin zeigen, dass wir einander lieben. Nun wird immer wieder gesagt, dass die Trennung des Christentums in verschiedene Konfessionen unsere Glaubwürdigkeit beschädigt. Und man kann die Frage stellen, ob die Konfessionen nicht ein Zeichen sind, dass wir uns zu wenig lieben. Ich möchte dagegen eine andere These stellen: Wenn es uns gelingt, uns trotz unserer konfessionellen Unterschiede so zu lieben, wie Christus uns geliebt hat, ist das ein viel stärkeres Zeichen der Liebe. Denn was heißt es denn, uns so zu lieben, wie uns Christus liebt? Nun - die Jünger Jesu waren ein ziemlich bunter Haufen. Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Geschichten, und oft genug auch unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Dennoch hat sie Jesus alle angenommen, wie sie sind - mit ihren Ecken und Kanten und mit ihren Fehlern. Und er hat sie nicht nur angenommen, sondern er hat ihnen auch etwas zugetraut. Er hat etwas von ihnen gefordert und von ihnen erwartet. Und schließlich hat er sich aus Liebe selbst für sie hingegeben - und zwar für alle. Das heißt es, einander so zu lieben, wie Christus uns liebt: Indem wir uns gegenseitig annehmen - auch trotz der Fehler und Schwächen, die wir im anderen vielleicht sehen. Indem wir einander etwas zu trauen, uns gegenseitig - im Besten Sinne - herausfordern, und etwas von einander erwarten. Und indem wir uns mit allen unseren Kräften für einander einsetzen, ja uns für einander hingeben und alles geben, um das Beste für den Schwester, den Bruder zu erreichen. Dass ist die Liebe, zu der uns Christus ruft: Und wo es uns gelingt, uns mit solcher Liebe zu lieben - über alle Konfessionsgrenzen hinweg und trotz unserer unterschiedlichen Meinungen und Strukturen - da ist das das viel stärkere Zeichen, als wenn wir irgendwie konfessionell vereint wären - und sich dennoch die Lieblosigkeit unter uns breit macht. Ein Herz, das auf Gott ausgerichtet ist, zeigt sich darin, dass es bereit ist, auch den zu lieben, der ganz anders ist als ich selbst.

Und - und das ist mein letzter Punkt: solche Liebe endet natürlich nicht beim Mitchristen, sondern sie gilt grundsätzlich jedem Menschen. Und sie gilt besonders dem, der auf meine Liebe und Solidarität angewiesen ist. 43. Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablass zu kaufen. 44. Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser. Da, wo ich es riskiere, die Liebe Gottes weiterzuschenken - in Wort und Tat - da werde ich nicht ärmer, sondern reicher - reicher an Liebe, weil die Liebe wächst. „Den, der nackt bist, kleidest du, Trost sprichst du den Armen zu“. - haben wir vorher in dem Lied von Charles Wesley gesungen - und im Refrain: „Liebe, unermeßlich groß! Sie gilt allen - grenzenlos. Ich bin froh und dankbar, dass wir gerade in diesem Bereich der gelebten Nächstenliebe schon zu einem wirklichen Miteinander der verschiedenen Konfessionen hier im Bezirk gefunden haben. Ich denke hier an die Arbeit mit Flüchtlingen, die uns seit 2015 beschäftigt - oder an die Arbeit mit Obdachlosen und Armen: wo es um den Dienst am Nächsten geht, sind die konfessionellen Grenzen schon längst keine Barriere mehr. Natürlich wäre es schön, wenn wir uns in einem Gottesdienst wie diesem auch gemeinsam um den Tisch des Herrn versammeln könnten, ohne dass dies für ein Teil bedeuten würde, gegen die Lehre und Regeln der eigenen Kirche zu verstoßen. Aber dass wir gemeinsam miteinander und füreinander beten - und dass wir uns gemeinsam daran machen, den Armen und Bedürftigen den Tisch zu decken - ist für mich ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gott segne uns weiter auf diesem gemeinsamen Weg. Amen