Erste evangelische Seelsorge-Tagung in Wien stellt Reformatoren Luther, Zwingli und Wesley als Seelsorger vor

Wien (epdÖ/Schröckenfuchs) – Die Reformatorinnen und Reformatoren waren nicht nur Kirchenerneuerer, sondern auch Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ihre Tätigkeit und ihre grundlegenden Überzeugungen bieten auch heute noch Impulse für die Seelsorge. So der Grundtenor eines Studiennachmittags im Rahmen der ersten evangelischen Seelsorgetagung am 20. März im Evangelischen Zentrum in Wien. Über Martin Luther, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin und John Wesley sprachen der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld und der evangelisch-methodistische Superintendent Stefan Schröckenfuchs vor Seelsorgerinnen und Seelsorger aus ganz Österreich.

Der Wittenberger Reformator Martin Luther sei schon sehr früh mit Seelsorge in Kontakt gekommen, erklärte Bischof Michael Bünker. So erfuhr Luther durch seinen Beichtvater Johann von Staupitz intensive Seelsorge während seiner Zeit im Augustinerkloster, die von Zweifel und Anfechtung geprägt gewesen sei. Dabei habe Luther von von Staupitz gelernt, den Blick auf Christus zu richten, gerade in den schwierigen Situationen. „Für Luther war in Folge der Seelsorger dann auch immer einer, der mit seinem Gesprächspartner solidarisch auf der selben Seite stand, ihnen gegenüber stand Christus.“ Luther war es wichtig, dass Menschen im Wort Gottes zu Hause sind, so Bünker. Darüber hinaus spielte bei Luther aber auch das Gebet eine zentrale Rolle. Konkrete Auswirkungen von Luthers Seelsorgeüberlegungen, die von seiner Theologie getragen wurde, waren etwa in seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ deutlich erkennbar. „Im Gegensatz zur mittelalterlichen ars moriendi, stand hier nicht das ängstliche Sterben, sondern das getroste Sterben im Mittelpunkt. So hat Luther etwa auch die Sterbestunde ganz deutlich entdramatisiert.“ In Folge sei auch das Trösten der Kranken und Sterbenden zur Aufgabe der Kirche geworden. Auch in seinen berühmten Seelsorgebriefen habe Luther immer wieder Trost und Stärkung schenken wollen.

Für den Zürcher Reformator Ulrich Zwingli hatte Seelsorge immer auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Er war davon überzeugt, dass der Mensch im Evangelium, welches sich in der ganzen Heiligen Schrift findet, Trost findet. „Zwingli hat den Menschen immer in seiner Gesamtheit gesehen, deswegen war ihm auch der gesellschaftliche Kontext so wichtig“, betonte Landessuperintendent Thomas Hennefeld. Zwingli unterschied nicht zwischen der seelischen und der ökonomischen Situation. Aus seiner Sicht hätten Pfarrer die Wahrheit zusagen, dies beinhalte auch die Kritik an den herrschenden Bedingungen. „Wenn der Pfarrer die Wahrheit nicht in der Gemeinde sagen darf, dann soll man einen Musikanten anstellen mit Pfeife und Laute; das hören wir alle gern, und niemand wird sich ärgern drüber! Es genügt aber nicht, dass der Musikant, das heißt der Pfarrer natürlich, die Wahrheit entschieden lehrt, wir müssen sie auch tun“, zitiert Hennefeld Zwingli. Kern der seelsorgerlichen Arbeit sei aus Sicht Zwinglis jedenfalls die Liebe gewesen. Auch Calvin habe eine große seelsorgerliche Tätigkeit entfaltet. Er selbst wusste, wovon er sprach, war er doch in seinem Leben von vielen Schicksalsschlägen betroffen. Auch Calvins These von der doppelten Prädestination, wonach manche Menschen von Gott zum ewigen Leben bestimmt seien, andere hingegen nicht, hatte eine starke seelsorgerliche Komponente. Sie sollte den Christinnen und Christen Sicherheit und Heilsgewissheit vermitteln und Ängste nehmen. „Calvin war der Überzeugung, dass das Wort Gottes trösten soll, aber nicht vertrösten“, so Hennefeld.

„Die methodistische Bewegung war eigentlich eine sehr ganzheitliche Seelsorgebewegung“, sagte Superintendent Stefan Schröckenfuchs. John Wesley, der Begründer der methodistischen Bewegung, suchte gemeinsam mit anderen einen Weg, der schrittweise zur "christlichen Vollkommenheit" (1) führt, erklärte Schröckenfuchs. Schon die erste Gruppe, die Wesley als Tutor in der Universität Oxford leitete, war von strengen Regeln geprägt. Von daher sei es auch zu dem Namen „Methodisten“ für diese Gruppierung gekommen. Dabei ging es der Gruppe rund um Wesley immer sehr stark um Selbstforschung und Weiterentwicklung. „Wesley hat Menschen nie auf einen status quo festgelegt, sondern immer ein Potential für Entwicklung und Wachstum in den Menschen gesehen.“ Im Zentrum der daraus entstehenden methodistischen Bewegung, die ihren Ursprung im England des 18. Jahrhunderts hat, standen ebenfalls Kleingruppen, genannt Klassen und Banden. Diese Gruppen hatten den „Auftrag, sich gegenseitig zu stärken“, in dem miteinander gesprochen und gebetet wurde. Wesley hat den Teilnehmern dabei zu einem hohen Maß an Disziplin ermutigt. Diese Idee der Seelsorge durch Gruppen habe sich bis in die heutige Zeit gehalten, etwa bei den Anonymen Alkoholikern. „Das Ziel von Wesley war es, die Gesellschaft grundlegend zu reformieren“, erklärt Schröckenfuchs.

Bei der Tagung, die am Dienstag zu Ende ging, haben aus fast allen Seelsorgebereichen ehren- und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den aktuellen Fragen in ihren Arbeitsfeldern gearbeitet. „Für mich bedeuten die Ergebnisse dieser Tagung die Grundlage meiner weiteren Arbeit im Projekt ´Seelsorge 2020´“, bilanziert Pfarrerin Margit Leuthold, die zur Tagung eingeladen hatte.

Konkret gehe es dabei darum, Seelsorge sichtbar zu machen „in unserer Kirche und an den Orten, wo wir gefragt sind und bei den Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen, denn Seelsorge ist das Gesicht der Kirche“. Gleichzeitig soll künftig auch der Frage nachgegangen werden, wie durch Entlastung und Stärkung wieder Zeit und Räume für Seelsorge geschaffen werden können. Leuthold: „Eine gute Ausbildung und die Anerkennung von Kompetenz und Talent sind für mich hier das Stichwort.“

(1) Der Begriff "Christliche Vollkommenheit" stammt ursprünglich von William Law. Wesley ging es dabei v.a. darum, Menschen zu ermutigen, nicht bei dem zu bleiben, was sie einmal erreicht hatten, sondern seine ganze (von Gott geschenkte) menschliche Potentialität zu entdecken und zu verwirklichen. Auch solches Wachstum ist freilich ein Geschenk Gottes im Glauben. Aber der Glaube braucht geistliche Nahrung, sonst droht er zu verkümmern.

 

Im Bild die Moderatorinnen Gudrun Steininger (Mitte) und Ulrike Schelander-Fertic. Foto: epd / M. Uschmann