Stunde der Klarheit: Um 10:37 Uhr Ortszeit meistert der »Traditional Plan« als erster die Hürde. Um 15:26 wird klar, dass die anderen Entwürfe scheitern werden. (Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof)

Am dritten Tag der Generalkonferenz liegen erste klare Ergebnisse auf dem Tisch. Sie hinterlassen ratlose oder freudige Gesichter – je nach Sichtweise.

Der dritte Tag der Generalkonferenz in St. Louis war der mit größter Spannung erwartete Tag. Es war anzunehmen, dass sich an diesem Tag eine Richtung zeigen würde, wohin die Delegierten in ihrer Entscheidung tendieren. Am Ende des Tages liegen die Ergebnisse auf dem Tisch und hinterlassen ratlose oder freudige Gesichter – je nach Sichtweise.

Die Fakten

Nach der Priorisierung vom Vortag fanden in dieser Reihenfolge die Abstimmungen über die vorgelegten Entwürfe und weiteren Anträge statt. Weil die Beschlüsse nach den formalen Regeln der Generalkonferenz erst im Plenum gefasst werden können, wenn sie zuvor in einem der Konferenzausschüsse beraten wurden, tagte die Generalkonferenz an diesem Tag als ein solcher Konferenzausschuss. Die eigentliche Diskussion und Entscheidung findet dann am letzten Sitzungstag, dem Dienstag statt. Kurz zusammengefasst sieht das Ergebnis der vorentscheidenden »Konferenzausschusssitzung« folgendermaßen aus: Der von konservativer Seite stark unterstützte sogenannte »Traditional Plan« hat als einziger der vorliegenden Entwürfe die notwendige Mehrheit erhalten, um am letzten Konferenztag abschließend diskutiert zu werden. Er erzielte 461 Ja-Stimmen bei 359 Gegenstimmen (rund 56 zu 44 Prozent). Der von der Kommission »Ein Weg in die Zukunft« und auch vom Bischofsrat mit deutlicher Mehrheit empfohlene Entwurf, der sogenannte »One Church Plan«, hatte nur 386 Ja-Stimmen auf sich vereinigen können bei einer Zahl von 436 Gegenstimmen (rund 47 zu 53 Prozent). Auch der sogenannte »Connectional Conference Plan« ist vom Tisch. Ebenfalls deutlich abgelehnt wurde ein weiterer, »Simple Plan« genannter Entwurf, der eine Variante des »One Church Plans« darstellte.

Klar und trotzdem unübersichtlich

Von den der Generalkonferenz vorgelegten Entwürfen hat also nur der »Traditional Plan« die Hürde genommen, um am letzten Tag der Generalkonferenz in letzter Lesung diskutiert und entschieden zu werden. Formal schwierig ist dabei, dass für diesen Entwurf bekanntermaßen noch große Unwägbarkeiten im Raum stehen. Der Rechtshof als oberstes Recht sprechendes Organ der Evangelisch-methodistischen Kirche hat schon vor geraumer Zeit deutlich gemacht, dass etliche der mit dem »Traditional Plan« verbundenen Regelungen mit der Verfassung der Kirche nicht konform sind. Das betrifft vor allem Regelungen, die stark auf Kontrolle und Ahndung ausgerichtet sind und dabei nur den einen Sachverhalt der Homosexualität als Kriterium heranziehen. In dieser Hinsicht ist das starke Abschneiden dieses Entwurfs kirchenjuristisch noch mit Vorsicht zu betrachten. In dieser Angelegenheit wird es zu Anfang des kommenden Sitzungstages eine Stellungnahme des Rechtshofs geben. »Damit ist die Lage noch etwas unübersichtlich«, erklärte Bischof Harald Rückert auf Nachfrage, wie das weitere Verfahren jetzt aussehe. Jedenfalls sei die Einheit der Kirche mit diesem Votum gefährdet. Mit aus dieser Sorge um die Einheit der Kirche hat eine Delegiertengruppe bereits angekündigt, dass sie ein Minderheitenvotum einbringen werde, um auf diese Weise den »One Church Plan« als einen verbindenden Weg der Mitte doch noch einmal ins Gespräch bringen zu können. Zu dieser Gruppe gehört auch der durch sein Buch »24 Stunden« bekannte US-amerikanische Pastor und Buchautor Adam Hamilton.

Die Abstimmungsmehrheit kommt von außerhalb der USA

Eine wesentliche Änderung im Abstimmungsverhalten der Delegierten sei nach Meinung erfahrener Delegierter und von Beobachtern nicht zu erwarten. In den USA wird der »Traditional Plan« von einer verhältnismäßig starken Gruppe, vor allem aus dem Süden der Vereinigten Staaten, befürwortet und beworben. Besonders stark befürworteten diesen Entwurf die Delegierten der afrikanischen Konferenzen. Aus Osteuropa und den Philippinen kamen weitere Unterstützer dieses Entwurfs, die sich in der Debatte verhältnismäßig stark zu Wort meldeten. Die Befürworter des »One Church Plans«, die eine deutliche Mehrheit der Delegierten in den USA und den westeuropäischen Konferenzen haben, vermochten es dagegen nicht, darüber hinaus nennenswert weitere Delegierte zu gewinnen, die der Freiheit dieser Regelung ihre Stimme gaben.

Kein sofortiger Handlungsdruck

Laut Bischof Harald Rückert »müssen wir jetzt erst den morgigen Tag abwarten«. Erst dann liege die endgültige Entscheidung vor. Auch nach dieser Entscheidung – und das gelte auch, wenn die Delegierten der Generalkonferenz sich noch anders besinnen sollten – gebe es keinen sofortigen Handlungsdruck. Nach Abschluss der Generalkonferenz könnten alle Entscheidungen in Ruhe beraten werden, um daraus die Schlussfolgerungen für die EmK in Deutschland abzuleiten. In diese Richtung äußert sich auch die Laiendelegierte der Süddeutschen Konferenz, Christine Flick. »Wir sollten jetzt nicht ›das Kind mit dem Bade ausschütten‹«, meint sie, auch wenn sie am Ende dieses Tages »einfach nur traurig« ist. Obwohl die Kommission »Ein Weg in die Zukunft« eine Brücke gebaut hatte, »die die unterschiedlichen Überzeugungen wertschätzt und verbindet« sei diese von konservativer Seite gar nicht genutzt worden. Aus ihrer Sicht habe diese Seite »im Grunde die eigene Überzeugung absolut gesetzt«.

»Ich habe einen Traum«

Markus Jung, pastoraler Delegierter und Superintendent im Nürnberger Distrikt der Süddeutschen Konferenz, hatte sich in der Konferenzdebatte am Nachmittag zu Wort gemeldet. In Anlehnung an Martin Luther Kings »I have a dream« hat er in einer Drei-Minuten-Rede den Delegierten seinen »Traum von Kirche« vorgestellt, in der die Kirche »bunt, vielfältig und voller Liebe« ist. An diesem Konferenztag sei er aber, so schreibt er in einem persönlichen Resümee, von harten Wortmeldungen verletzt, die eine »vollkommene Ablehnung gepaart mit in einer Wortwahl« offenbart hätten, »die ein weiteres Zusammenarbeiten für mich kaum möglich macht«. Werner Philipp, pastoraler Delegierter der Ostdeutschen Konferenz und designierter Superintendent für den Distrikt Zwickau, fühlt sich durch die mit dem »Traditional Plan« verbundene rigorose Kontrolle und die Ahndung durch disziplinarische Maßnahmen »an die Gesinnungsschnüffelei im real existierenden Sozialismus vergangener Tage« erinnert. Damals sei ihm aber die Kirche »ein existentieller Zufluchtsort freien Denkens und Glaubens« gewesen. Er ist der Überzeugung, »dass die Kirche in einer Zeit wachsender Polarisierung und Ausgrenzung ein überzeugendes Zeichen setzen muss, mit dem sie die Gegenkultur bedingungsloser Inklusion und Nächstenliebe lebt«. Es scheine sich aber abzuzeichnen, »dass es Toleranz und Inklusion in diesen Tagen schwer haben – auch in unserer Kirche«. Vorsichtig lässt er trotz eines »ernüchternden« Konferenztages noch Hoffnung zu. »Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, und manchmal«, so schreibt er am Schluss seiner Tageszusammenfassung »ersteht sie auch am dritten Tag. Und der wäre ja – je nach Zählung am letzten noch ausstehenden Konferenztag«. 

Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit

Quelle: emk.de