Positive Auswirkungen der gemeinsamen Erfahrung der Verfolgung durch das totalitäre Regime auf die Ökumene der getrennten Christen

Wien, 23.03.18 (örkö) Die Besinnung auf die Ereignisse des Jahres 1938 bildete am Donnerstag den Themenschwerpunkt der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker berichtete dabei ein wenig bekanntes Detail: Am 15. März 1938 hatte der evangelische Pfarrer von Gosau ( und De-facto-Bischof der evangelischen Kirche in Österreich), Hans Eder, im Wiener Hotel „Imperial“ ein Damaskus-Erlebnis. Eder hatte – mit dem NS-Parteiabzeichen – dem „Führer“ Adolf Hitler einen Besuch abgestattet. Gegen Ende der Begegnung wurde er zum Fenster geführt, um zu sehen, wie Kardinal Theodor Innitzer mit seiner Begleitung auf dem Weg zum Eingang von den NS-Sympathisanten angerempelt, gestoßen und bespuckt wurde, was Hitler mit der Bemerkung quittierte: Sehen Sie, so empfangen die Wiener ihren Kardinal. Für Eder sei dies eine traumatische Erfahrung gewesen, im Dezember 1938 habe er dann in sein Tagebuch geschrieben: „Ich zweifle nicht mehr daran, dass nun die evangelische Kirche daran kommt. Ich sehe nur auf allen Linien Zusammenbrüche und auf den Trümmern erhebt sich eine geschlossene Front des Antichristentums“.

In einem Rückblick auf die Entwicklung der evangelischen Kirche in Österreich zwischen 1918 und 1938 legte Bischof Bünker auch die nationalsozialistische Infiltrierung der Kirche in der Zwischenkriegszeit dar. Einen besonderen Einschnitt habe die Errichtung des Ständestaates ab dem Jahr 1933 bedeutet: „In ihrem Streben nach einem ‚Anschluss‘ an das Deutsche Reich als dem ‚Mutterland der Reformation‘ gerieten die Evangelischen nun in immer größeren Gegensatz zum Staat und der Mehrheitsgesellschaft und zunehmend auch ins Fahrwasser des Nationalsozialismus“. Man könne drei tiefere Ursachen benennen, die die evangelische Kirche falschen Heilsrufen folgen ließ: „Sie war politisch verblendet, deutsch-national imprägniert und antisemitisch vergiftet“. Alle drei Faktoren hätten das Evangelium verdunkelt, das der Grund der Kirche ist. Nach evangelischem Verständnis habe die Kirche selbst – „nicht nur die Christen in ihr“ – immer wieder Anlass, ihre Schuld zu bekennen, sich als die „größte Sünderin“ (Martin Luther) zu wissen und den Weg der Umkehr zu gehen.

ÖRKÖ-Pressesprecher Erich Leitenberger hatte zuvor – auch unter Berufung auf die Darlegungen der Wiener Historikerin (und Leiterin des Kardinal-König-Archivs) Annemarie Fenzl – die dramatischen Entwicklungen des Jahres 1938 nachgezeichnet. U.a. nahm er auch auf die „Feierliche Erklärung“ der österreichischen katholischen Bischöfe vom 18. März 1938 und das mit „Heil Hitler“ unterzeichnete Begleitschreiben des Kardinals an den „Gauleiter“ Josef Bürckel Bezug. Aus den Aussagen von Josef Himmelreich, eines „katholischen“ Mitarbeiters des Büros von Bürckel, wisse man, dass „dieser unselige Gruß auf besonderen Wunsch des ‚Gauleiters‘ dem Schreiben nachträglich beigefügt wurde“. Dem Kardinal, der Bedenken äußerte, sei erklärt worden, er könne auf diese Weise den „Führer“, der in Wien eine Friedenserklärung für Kirche und Staat abzugeben plane, günstig stimmen.

Kardinal Innitzer – seit September 1932 an der Spitze der Erzdiözese Wien – habe aber seit jeher eine entschieden „judenfreundliche“ (so die Diktion seiner nationalsozialistischen Gegner) Haltung eingenommen, betonte Leitenberger. So habe Innitzer im Februar 1936 bei der Einweihung neuer Räume des „Pauluswerkes“ erklärt: „In einer Zeit, wo der Rassenhass und die Vergötzung der Rasse ihre Triumphe feiern, ist es gut, wenn wir von der alten Kultur unseres Vaterlandes Österreich aus betonen, dass wir einen anderen Standpunkt einnehmen…Wenn Christus, der Herr, gesagt hat, sie sollen alle eins sein, so sind die Brüder im Judentum nicht ausgeschlossen…Wir werden die große Parole Gerechtigkeit und Liebe im Auge behalten, gerade in einer Zeit, in der den Juden das elementarste Naturrecht abgesprochen wird“. Im Dezember 1940 habe sich Kardinal Innitzer dann entschlossen, eine zunächst als privater Verein, dann als Caritas-Institution geführte, aber ständig von der Gestapo bedrängte Hilfsaktion für Christen jüdischer Herkunft persönlich unter seine Fittiche zu nehmen. Mit dem lapidaren Satz „Mehr als erschlagen können sie mich nicht“ habe der Kardinal trotz der Pressionen des Regimes der „Erzbischöflichen Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ Räume im Erzbischöflichen Palais zur Verfügung gestellt und die Mitarbeitenden und Schützlinge der Hilfsstelle in jeder Weise unterstützt.

In der Diskussion wurde mehrfach darauf verwiesen, dass die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung positive Auswirkungen auf die Ökumene der getrennten Christen gehabt habe. Der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) verwies darauf, dass es umso wichtiger sei, heute gemeinsam für Frieden und Menschenrechte einzutreten und sich gemeinsam der Märtyrer jener dunklen Zeit zu erinnern, wie das etwa in der von der Gemeinschaft Sant’Egidio betreuten Basilika San Bartolomeo auf der römischen Tiber-Insel geschehe. Der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin bedauerte, dass im europäischen Bewusstsein die Geschehnisse des Genozids an den Christen im Osmanischen Reich in den Jahren von 1915 bis 1923 mit ihren rund drei Millionen Todesopfern nicht präsent sind.

Für einen „Regierungsbeauftragten gegen Antisemitismus“

Der Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, em. Prof. Martin Jäggle, betonte bei der Vollversammlung die Notwendigkeit, die übliche öffentliche Verurteilung des Antisemitismus mit „praktischen Konsequenzen“ zu verbinden. In diesem Sinn werde sich der Koordinierungsausschuss dafür einsetzen, dass auch in Österreich ein Regierungsbeauftragter gegen Antisemitismus eingesetzt wird. Prof. Jäggle skizzierte als Aufgaben des 1956 begründeten Koordinierungsausschusses (der damit nach dem „Weltgebetstag der Frauen“ die zweitälteste ökumenische Organisation in Österreich ist) den Einsatz für die Erneuerung der Kirchen von der Besinnung auf die jüdischen Wurzeln her, die Information über das Judentum und die Arbeit gegen den Antisemitismus. Seit heuer gehört der Koordinierungsausschuss dem ÖRKÖ als Beobachter an.

Als wichtige Initiative bezeichnete Prof. Jäggle die Broschüre „Antisemitismus im Alltag“, die gemeinsam von der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Ökumenischen Rat erarbeitet wird. Jäggle: „Wir müssen den Antisemitismus kreativ angehen“. Erfreulich sei, dass sich der „Tag des Judentums“, mit dem sich die christlichen Kirchen jeweils am 17. Jänner – zum Auftakt der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen – gemeinsam auf die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens besinnen, überall in Österreich als „Tag des Feierns, des Gedenkens und des Lernens“ etabliert habe.

Viele ökumenische Termine

Bei der ÖRKÖ-Vollversammlung wurde vom Vorsitzenden, Landessuperintendent Thomas Hennefeld, ein Überblick über die ökumenischen Termine der kommenden Monate gegeben. Am 20. Juni wird sich der diesjährige Ökumenische Frauenempfang, eine Initiative des Ökumenischen Forums Christlicher Frauen in Österreich, mit der Frage „Geschlechtergerechtigkeit? Wo stehen wir nach 100 Jahren Wahlrecht für Männer und Frauen“ befassen. Der Frauenempfang findet an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien stattfinden. Von 9. bis 12. Juli findet der diesjährige „Summer Course“ von „Pro Oriente“ statt, der im Zeichen des 70-Jahr-Jubiläums des Weltkirchenrats (ÖRK) steht; Pfarrer Olav Fykse Tveit, der Generalsekretär des ÖRK, wird das Hauptreferat halten. Von 11. bis 13. Juli findet im Stift Kremsmünster die diesjährige Ökumenische Sommerakademie statt, die sich heuer mit dem Thema „Digitalisierung“ auseinandersetzt.

Von 24. bis 27. September ist Wien Ort des diesjährigen Treffens der Generalsekretärinnen und Generalsekretäre der europäischen Nationalen Kirchenräte. Als Thema wurde gewählt: „Toleranz im christlich-jüdisch-muslimischen Gespräch“. Am 24. September wird um 18 Uhr ein ökumenischer Eröffnungsgottesdienst in der Ruprechtskirche stattfinden. Am 10. Oktober wird um 18 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst der Gründung des ÖRKÖ vor 60 Jahren gedacht. Am 11. Oktober findet ab 14 Uhr im „Club Stephansplatz 4“ ein Symposion über die Märtyrer der Kirche statt. Das Hauptreferat über den christlichen Märtyrerbegriff wird der in der Österreichischen Bischofskonferenz für die Ökumene zuständige Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer halten. Mit dem Symposion nimmt der ÖRKÖ eine Empfehlung der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Busan zur vergleichenden Betrachtung der unterschiedlichen Traditionen in den einzelnen Kirchen auf.

In der „Schöpfungszeit“ (1. September bis 4. Oktober) wird es heuer einen offiziellen ökumenischen Gottesdienst des ÖRKÖ im Zeichen eines Doppeljubiläums geben: Seit 15 Jahren gibt es die Initiative „Pilgrim-Schulen“, die ökologisches und soziales Engagement mit spiritueller Vertiefung verbindet, vor 15 Jahren wurde das „Ökumenische Sozialwort“ veröffentlicht, in dem die christlichen Kirchen in Österreich erstmals gemeinsam Grundlinien für das soziale Handeln der Christen erarbeitet hatten.

Am 9. November wird der ÖRKÖ aus Anlass des 80-Jahr-Gedenkens der nationalsozialistischen November-Progrome Mitveranstalter des traditionellen „Mechaye hametim“-Gottesdienstes in der Ruprechtskirche sein. Bei dem Gottesdienst um 19 Uhr werden Kardinal Christoph Schönborn und der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker das Wort ergreifen. Mit dem Gottesdienst am 9. November um 19 Uhr soll im Rahmen der Besinnung auf die Ereignisse des Jahres 1938 in besonderer Weise der jüdischen Österreicherinnen und Österreicher gedacht werden, die vom NS-Regime getötet, vertrieben, entrechtet wurden.

Quelle: Erich Leitenberger, Stiftung Pro Orients

Bild: Vorstand des ÖRKÖ / Foto: kathpress

 

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