»Uns verbindet mehr als uns trennt«, sagt Bischof Harald Rückert.
Deshalb sei es in der Kirche möglich, mit Unterschieden zurechtzukommen.
Seit gut zwei Jahren ist die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) weltweit in einem intensiven Gesprächs- und Gebetsprozess, um eine Lösung in den strittigen Fragen zur menschlichen Sexualität zu finden. Die aktuelle Ausgabe des EmK-Magazins »Unterwegs« beschäftigt sich ausführlich mit diesem weltweit angelegten Prozess. Harald Rückert, der Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, schreibt in dieser Ausgabe des Magazins, wie es aus seiner Sicht möglich ist, trotz unterschiedlicher Ansichten und Meinungen Gemeinschaft und Einheit zu bewahren:

Was verbindet: Liebe zu Gott, zur Bibel, zu den Menschen und zur Kirche
Auf unserem »Weg in die Zukunft« stehen wir als Kirche derzeit vor einer großen Herausforderung. Es geht um unsere Gemeinschaft. Es geht darum, wie wir als Kirche die uns in Christus geschenkte Einheit leben wollen. Lassen Sie uns dafür zuerst festhalten, was uns bisher verbindet: Die Liebe zu Gott. Sie ist unsere Antwort auf Gottes bedingungslose Liebe, mit der er uns und allen Menschen begegnet. Die Liebe zur Bibel. Sie ist Quelle und Maßstab für unseren Glauben. Auf Grundlage der Bibel helfen uns Tradition, Erfahrung und Vernunft zum besseren Verständnis biblischer Texte. Die Liebe zu allen Menschen. Alle Menschen sind von heiligem Wert und nach dem Bild Gottes geschaffen. Alle sind in unseren Gemeinden willkommen und zur Mitarbeit eingeladen. In unserer »Verfassung, Lehre und Ordnung« werden in diesem Zusammenhang auch homosexuelle Menschen ausdrücklich erwähnt. Die Liebe zu unserer Kirche. In ihr haben wir geistliche Heimat gefunden und erleben Gemeinschaft. Hier sind wir zum Glauben gekommen. Hier sind Menschen, die uns beeindruckt oder gar geprägt haben. Hier sind Menschen, mit denen wir Geschichten teilen, mit denen wir gelacht und geweint haben. In dieser Kirche wird unser Glaube geformt, und in ihr sind wir gemeinsam in der Nachfolge Christi unterwegs. Das und noch viel mehr verbindet uns.

Mit Unterschieden zurechtkommen
Gerade angesichts unserer großen Herausforderung, erscheint mir folgende Anregung hilfreich: Erzählen Sie sich gegenseitig einmal, was Ihnen an unserer Kirche wertvoll ist und welche bewegenden Erfahrungen Sie mit unserer Kirche verbinden. Alle Gespräche und Diskussionen, die in der kommenden Zeit stattfinden werden – und zu denen ich ausdrücklich ermutige – sollten so beginnen. Das gibt eine andere Grundlage für Gespräche, in denen dann auch Strittiges zur Sprache kommt. Denn, auch wenn wir gemeinsam unsere Liebe zur Bibel bekennen, lesen wir sie doch auf verschiedene Weisen und kommen zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Beispiel? Die einen bevorzugen eher die Taufe von Kindern und die anderen eher die Taufe von Erwachsenen; wir gehen mit den Gaben des Heiligen Geistes unterschiedlich um; in Fragen des gesellschaftlichen Engagements setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte. Weil uns so viel miteinander verbindet, ist es uns bisher dankenswerterweise recht gut gelungen, mit diesen Unterschieden zurecht zu kommen. In dieser Vielfalt sind wir eins in Christus.

Wann muss Einheit aufgekündigt werden?
Auf unserem Weg in die Zukunft fordern uns derzeit die unterschiedlichen Sichtweisen zum Thema Homosexualität und zum Zusammenleben mit homosexuellen Menschen heraus. Ich frage mich, und ich frage Sie: Sind diese unterschiedlichen Überzeugungen wirklich so gewichtig, um unsere Einheit in Christus in Frage zu stellen und sogar aufzukündigen? Messen wir dieser Frage so große Bedeutung zu, dass wir damit alles Schöne, Gemeinsame, Vielfältige und Verbindende unwiederbringlich durchkreuzen lassen?

Trübe Spiegel und Stückwerk
Liebe Schwestern und Brüder, sprechen Sie miteinander ganz persönlich darüber, was Sie in diesem Zusammenhang belastet und beschwert. Ringen Sie gemeinsam darum, wie Ängste überwunden und Einheit bewahrt werden können. Suchen Sie das geistliche Gespräch, bei dem eine klare Überzeugung willkommen ist und gleichzeitig mit der Demut Hand in Hand geht, die darum weiß, dass unser Erkennen »wie durch einen trüben Spiegel hindurch Stückwerk« (nach 1. Korinther 13,12) ist und bleibt. Treten Sie immer wieder gemeinsam in Gottes Gegenwart und beten Sie miteinander gerade als Menschen mit unterschiedlicher Sichtweise. Ich bete inständig dafür, dass Gott uns als Kirche seinen Weg in die Zukunft zeigt.

Bildnachweis: Klaus Ulrich Ruof, EmK-Öffentlichkeitsarbeit
Dieser Artikel ist dem EmK-Magazin »Unterwegs« 21/2018 vom 14. Oktober 2018 entnommen.