Vor einer Woche (Samstag, den 7. Dezember) hatte der von Bischof Harald Rückert für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland eingesetzte Runde Tisch seine dritte Sitzung. Von dieser Sitzung liegt jetzt der von zwei Mitgliedern des Runden Tisches verfasste Bericht vor. Die Veröffentlichung erfolgt hier im Rahmen einer Dokumentation des gesamten Textes:

»Zu Jesus Christus gehören wir nicht durch eine richtige Erkenntnis, sondern zu allererst, weil wir von Gott geliebt sind. An der Liebe wird man uns erkennen.« So formulierte es Superintendent Siegfried Reissing in seiner Andacht zu Beginn der dritten Sitzung des »Runden Tischs« der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland, die am 7. Dezember 2019 in Fulda stattfand. Dabei ließ sich Reissing durch die Worte des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth leiten: »Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.« (1. Korinther 2,2).
Die von Bischof Harald Rückert berufenen Mitglieder des »Runden Tischs« sind beauftragt, angesichts unterschiedlicher Grundüberzeugungen zu Fragen der Homosexualität nach möglichen gemeinsamen Wegen der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland zu suchen. Wie herausfordernd diese Suche ist, haben die intensiven Gespräche in den Distrikten, Bezirken und Gemeinden während der vergangenen Monate gezeigt.

Im August dieses Jahres wurden die vom »Runden Tisch« formulierten ersten groben Entwürfe zu möglichen Wegen der Kirche an alle Mitglieder der drei Jährlichen Konferenzen in Deutschland versandt. In einem Begleitbrief wurde dazu eingeladen, die Vorschläge auf allen Ebenen der Kirche intensiv zu diskutieren und bis Anfang Dezember Rückmeldungen und Einschätzungen an den »Runden Tisch« zu senden. Etwa 190 Rückmeldungen von Gruppen, Gemeinden, Bezirken, Regionen und auch Einzelpersonen sind seither eingegangen. Darunter befinden sich auch alternative Vorschläge zu den bisherigen Entwürfen. Bis zur vierten Sitzung des »Runden Tischs« am 10. und 11. Januar 2020 werden die Mitglieder des »Runden Tischs« alle Rückmeldungen sichten und sich mit den Inhalten intensiv auseinandersetzen.

Viele Gespräche in den Regionen und Gemeinden sind mit großem Respekt und in geschwisterlicher Liebe zueinander geführt worden. Die Diskussionen während der vergangenen Monate in den Gemeinden, aber auch unter den Mitgliedern des »Runden Tischs« haben jedoch ebenfalls gezeigt, dass die in der Kirche vorhandenen stark auseinandergehenden Grundüberzeugungen gemeinsame Wege weiterhin vor große Herausforderungen stellen. Unbedacht können die Diskussionen und Auseinandersetzungen zu Verletzungen führen. Vorurteile und Missverständnisse erschweren gemeinsame Schritte. Pflänzchen des Vertrauens zueinander benötigen Zeit zu wachsen und können schnell wieder eingehen. Das hat auch in der Zusammensetzung des von Bischof Harald Rückert berufenen »Runden Tischs« zu einer Zerreißprobe geführt, die grundlegender Klärung bedurfte.

Beim dritten Treffen des »Runden Tischs« nahm folglich eine aktuelle Standortbestimmung des gemeinsamen Weges einen bedeutenden Zeitraum ein. In großer Offenheit tauschten sich die Mitglieder des »Runden Tischs« über die folgenden Fragen aus: Was ist uns miteinander gelungen? Was ist nicht gelungen? Wo wurde Vertrauen strapaziert?
Nachhaltig wurde spürbar, wie wichtig das fortlaufende gemeinsame und respektvolle Gespräch und vor allem auch die gemeinsame Ausrichtung auf Gottes Leitung im gemeinsamen Gebet sind.
Erneut haben sich die Mitglieder des »Runden Tischs« auf »Leitlinien für unser Miteinander« verständigt. Sie sind davon überzeugt, dass diese Leitlinien über die Wege des »Runden Tischs« hinaus auch für das Miteinander in der Kirche von grundlegender Bedeutung sind:

Wir stellen die Sichtweise der anderen so fair wie möglich dar.
Wir unterlassen generalisierende Urteile und vereinfachende, tendenziöse Darstellung der jeweils anderen und stellen uns der Herausforderung, wirklich verstehen und den anderen ernstnehmen zu wollen.
Wir versuchen, das Gewinner-Verlierer-Schema zu überwinden.
Wir geben der Frage »Was braucht der jeweils andere?« Vorrang vor der Frage »Was brauche ich?«
Wir unterstellen einander Gutes.
Wir nehmen einander ab, dass wir aufrichtig gemäß unserer jeweiligen Glaubensüberzeugung reden und handeln. Auf dieser Basis müssen Unstimmigkeiten und vermeintliches Fehlverhalten offen geklärt werden.
Wir streiten miteinander, aber vermeiden, was zu öffentlichen Polarisierungen führt.
Mehr noch: Wir widersetzen uns aktiv allen schädigenden Polarisierungsversuchen und sind bereit, mäßigend auf unser Umfeld einzuwirken.
Wir gehen die anstehenden Fragen mit Weisheit und theologischer Differenziertheit an.
Das methodistische »Quadrilateral« (Schrift, Tradition, Vernunft und Erfahrung) dient uns als hilfreicher Rahmen für unsere Verständigung. Einfache Schwarz-weiß-Muster helfen nicht weiter.
Wir orientieren unser Reden und Handeln am Modell der »convicted humility« (Überzeugung und Demut).
Wir teilen einander unsere tiefen Überzeugungen mit und treten für unsere Sichtweise ein. Das verbinden wir allerdings mit der Demut, die darum weiß, dass alle Erkenntnis Stückwerk bleibt (1. Korinther 13,9.12.13) und darum ergänzungs- und korrekturbedürftig ist.
Wir glauben einander den Glauben.
Wir gestehen einander die Liebe zu Jesus Christus, zur Schrift, zu unserer Kirche und zu unserem Auftrag zu.
Auf der Grundlage der offenen Gespräche und dieser »Leitlinien des Miteinanders« konnten sich die Mitglieder des »Runden Tischs« neu auf die weiteren Gespräche und das weitere gemeinsame Ringen um den Weg der Kirche einlassen.
Die entscheidenden Fragen sollen nun zu nachhaltigen Lösungsmodellen führen: Welche konkreten Gefäße sind in der Kirche nötig, um Menschen unterschiedlicher Grundüberzeugungen eine Heimat zu geben und dabei den kirchlichen Auftrag, Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern zu machen, neu ins Zentrum zu rücken? Was zeichnet – trotz aller unterschiedlichen Grundüberzeugungen – ein gemeinsamer Weg als Kirche Jesu Christi aus, in dem die Liebe Gottes erkennbar wird?

Bei der kommenden Sitzung des »Runden Tischs« im Januar 2020 werden die eingegangenen Rückmeldungen, Vorschläge und die bis dahin weiterentwickelten Gefäße diskutiert. Ziel ist es schließlich, den Jährlichen Konferenzen und der Zentralkonferenz 2020 ein konkretes Modell für den weiteren Weg der Kirche zur Entscheidung zu empfehlen, welches in den Gemeinden eine breite Unterstützung finden kann.
Bitte begleiten Sie auch in Zukunft die Arbeit des »Runden Tischs« und die Suche nach einem gemeinsamen Weg der Kirche in Ihrem Gebet.

Für den »Runden Tisch« der EmK in Deutschland:
Stephan von Twardowski und Steffen Klug
im Dezember 2019