In diesen Tagen ringen wir darum, Hoffnung zu bewahren. Das Coronavirus hat die Welt in einen Fieberschub versetzt, selbst jene Menschen, die nicht selbst daran erkrankt sind. Auch dann müssen sich die einen – als wären sie schon ans Bett gebunden – auf ein Leben in ihren vier Wänden beschränken, und andere sind in Krisenstäben und Gesundheitswesen mit Arbeit und lebenswichtigen Entscheidungen überlastet. In diesem weltweiten Fieberschub ist nichts mehr, wie es zuvor war. Niemand weiss genau, wie lange es geht, ausser dass die Nachwehen von heftigen Fieberschüben immer länger dauern, als man zunächst annimmt. Und in solchen Zeiten ringen wir darum, Hoffnung zu bewahren.


Im kirchlichen Kalender stehen wir in der Passionswoche. Wir erinnern uns an den Lebensweg Jesu Christi. Er, der den Menschen neue Lebensperspektiven schenkte, erfuhr an sich selbst Ablehnung und Verurteilung. Er, der aus einem tiefen Vertrauen in Gottes treue Liebe lebte, musste an sich selbst das finstere Tal der Gottverlassenheit durchleiden. In der Passionswoche erinnern wir uns, dass der Lebensweg Jesu nicht unmittelbar zu Freude, Hoffnung und Lebensglück führte, sondern mitten in den Zerbruch von Leben. So jedenfalls bezeugen es uns die Schriften des Neuen Testaments. Und sie unterscheiden sich darin von der Lesart jüdischer Messiashoffnungen ebenso wie von der Darstellung des Lebens von Jesus, Īsā, im Koran. Im Unterschied dazu erzählen die Evangelien ausführlich die Zuspitzung des Konflikts, der sich im Massenphänomen entlud, dass Jesus gekreuzigt werden muss, und der die römische Obrigkeit dazu führte, die brutalste Todesstrafe zu vollziehen.


Doch es ist nicht das Ende der Geschichte. Wo Menschenwege enden, fängt Gottes Weg erst an. Gott auferweckt Jesus von den Toten. Dieses Ereignis ist so unglaublich, dass die zu Tode betrübten und sich in ihrer Angst in einer Wohnung einschliessenden Jünger nicht glauben, was die Frauen ihnen erzählen. Gott schafft Neues in einer unvorstellbaren Weise. Er bestätigt damit, dass Jesus in Wahrheit sein geliebter Sohn ist, an dem er Wohlgefallen hat und auf den wir hören sollen. Erst als der Auferstandene sich selbst seinen Jüngern zu erkennen gibt, fassen sie Vertrauen und Mut. Und dann ist ihre Hoffnung ungebrochen, dass Gott Neues schafft und er tatsächlich treu in seiner Liebe zu uns Menschen ist.


Im ersten Petrusbrief (1,3) wird diese Erneuerung so zusammengefasst: «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem grossen Erbarmen hat er uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist.»
Lebendige Hoffnung braucht einen festen Grund. In diesen Tagen, in denen wir darum ringen, Hoffnung zu bewahren, wird uns das besonders bewusst. Manche Menschen gehen in diesen Tagen durch tiefes Leid, weil sie einen lieben Menschen verloren haben. Andere sind der Erschöpfung nahe, weil sie in Gesundheits-berufen jetzt Ausserordentliches leisten müssen. Wieder andere halten es in ihren Familien in kleinen Wohnungen nicht mehr aus und streiten miteinander, obwohl sie ja eigentlich nicht möchten. Und wieder anderen mangelt, Zuneigung und menschliche Nähe empfangen oder geben zu können, weil keine Besuche mehr möglich sind. - Geduld, Hoffnung, Liebe stehen auf dem Prüfstand. Und auch wir versagen manchmal, sie zu leben, und können nur rufen: Herr, erbarme dich!


In diesen Wochen ringen wir darum, Hoffnung zu bewahren. Wir werden Ostern feiern, aber es wird so anders sein als in den Jahren davor: keine gemeinsamen Gottesdienste und kein gemeinsamer Zuruf: «Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Hallelujah!» Dieses Jahr ist anders. Und es wird wohl noch eine Weile anders bleiben. Umso mehr braucht unsere Hoffnung einen festen Grund, einen Grund in Gott. Gott hat ihn gelegt in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Seit 2000 Jahren schöpfen Christinnen und Christen daraus kreative Kraft und Freude, gerade mitten in schwierigen Zeiten.


Ich wünsche diese lebendige Hoffnung auch Ihnen allen. Ich selbst freue mich zu sehen, wie Menschen in der Nachfolge Jesu Christi nicht auf das fixiert bleiben, was nicht mehr möglich ist. Sie besinnen sich auf das, was Gott beginnt und ermöglicht, auch in ihrem eigenen Leben. Sie leben als österliche Menschen. In dieser lebendigen Hoffnung preise ich Gott, den Vater unseres Herrn Jesu Christi. Möge der Friede Christi, des gekreuzigten und auferstandenen Herrn mit euch allen sein!