Unterschiedliche Sichtweisen in der Frage der Homosexualität bewegen die Gemüter in der EmK. Der Runde Tisch unterbreitet jetzt seinen Lösungsvorschlag.
Die weitreichenden Entscheidungen der außerordentlichen Generalkonferenz, des höchsten Leitungsgremiums der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK), waren der Auslöser. Im Februar letzten Jahres war der einzige Tagungsordnungspunkt die seit Jahren innerhalb der EmK umstrittene Bewertung unterschiedlicher Orientierungen im Bereich menschlicher Sexualität. Seit dieser Zeit ringt der deutsche Teil der EmK um einen gemeinsamen Weg in dieser schmerzlichen Auseinandersetzung.

Zusammen einen Weg suchen

Zur Klärung dieser Streitfragen setzte Harald Rückert, der für Deutschland zuständige Bischof, einen »Runden Tisch« ein. Erklärtes Ziel für die Arbeit des Runden Tischs war, für den deutschen Teil der Kirche einen Weg zu beschreiben, um zusammenzubleiben und eine Kirche zu sein, »in der Menschen unterschiedlicher Auffassungen miteinander leben können«. Weiter hieß es, dass dieser Weg im Bewusstsein eingeschlagen werde, »dass das Bemühen um Gemeinschaft uns allen auch in Zukunft viel abverlangen wird«, wenn Menschen unterschiedlicher Überzeugungen Geborgenheit und Heimat in der Kirche finden sollen. Die Bitte wird ausgesprochen, »in unserer Kirche zu bleiben und zusammen mit uns diesen Weg zu suchen«. Diese Suche hat stattgefunden. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor. Damit bahnt sich in dieser Frage eine Lösung an.

Lösungsvorschlag mit großer Übereinstimmung

Die unterschiedlichen Sichtweisen in Fragen von Eheschließung und Ordination Homosexueller sollen dabei mit zwei Vorschlägen für Veränderungen der Ordnung der EmK befriedet werden, die für den Bereich der Zentralkonferenz Deutschland gültig sind.

Zum einen wird vorgeschlagen, die wenigen Passagen mit negativen Aussagen zum Thema Homosexualität sowie die dazugehörigen Verbote kirchlicher Handlungen vorläufig außer Kraft zu setzen. Damit hätten Gemeinden und Jährliche Konferenzen der EmK in Deutschland die Möglichkeit, sich für die Belange von Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen stärker zu öffnen.

Die zweite Veränderung der Ordnung zielt auf die Neuformierung eines »Gemeinschaftsbunds« innerhalb der EmK in Deutschland. Die Beschreibung dieses Bundes sieht eine ausdrücklich konservative Profilierung besonders in Fragen von Sexualität und Ehe vor. Diesem Gemeinschaftsbund können sich sowohl einzelne Kirchenglieder als auch Gemeinden oder Bezirke anschließen. Der Bund ist ausdrücklich in die Arbeit der Kirche eingebunden und als solcher bei den Tagungen der Jährlichen Konferenzen in Deutschland sowie der Zentralkonferenz vertreten.

Noch ist dieser Vorschlag nicht beschlossen. Nur der für den deutschen Teil der EmK zuständige Kirchenvorstand kann diese Veränderungen vorläufig bis zur nächsten Tagung der Zentralkonferenz in Kraft setzen. Nötig ist dieser Zwischenschritt mit vorläufiger Beschlussfassung durch den Kirchenvorstand, weil die für Ordnungsänderungen zuständige und regulär für diesen Monat geplante Zentralkonferenz coronabedingt um ein Jahr verschoben werden musste. Stattdessen tagt jetzt der Kirchenvorstand am 20. und 21. November. Für die Beratung und Entscheidungsfindung zum Vorschlag des Runden Tischs werden die Mitglieder der Zentralkonferenz jedoch per Videokonferenz zugeschaltet.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist festzuhalten: Die Mitglieder des Runden Tischs legen einen Vorschlag vor, der eine mit großer Übereinstimmung gefundene Lösung anbietet, obwohl die Sichtweisen in Fragen von Eheschließung und Ordination Homosexueller sehr unterschiedlich sind. Jetzt muss der Kirchenvorstand entscheiden, ob dieser Vorschlag vorläufig in Kraft gesetzt werden kann bis die nächste ordentlich tagende Zentralkonferenz voraussichtlich im Spätherbst des Jahres 2021 endgültig darüber befindet.

Wichtige Wegmarke

»Es ist ein Wunder, dass wir heute gemeinsam stehen, wo wir stehen«, zitiert Bischof Harald Rückert die Aussage eines Mitglieds des Runden Tischs im Begleitschreiben an alle Mitglieder der Jährlichen Konferenzen in Deutschland. Der Bischof leitete die acht Sitzungen, die zuletzt nur in Form von Video-Konferenzen durchgeführt werden konnten. Laut Rückert seien die Kontroversen einige Male so stark gewesen, dass ein Abbruch der Beratungen wahrscheinlicher schien als eine Fortsetzung. Sein Dank gelte daher den Mitwirkenden am Runden Tisch, dass sie mit Engagement, Leidenschaft und ausdauernder Bereitschaft den ursprünglich so unscheinbaren Satz »Wir wollen einander nicht loslassen!« durchbuchstabiert hätten.

So hatte es der Kirchenvorstand in der auftraggebenden Sitzung vom März vergangenen Jahres angesichts der drohenden und hoffentlich abzuwendenden Trennung oder gar Spaltung formuliert. Mit der vorgelegten Lösung sei eine »wichtige Wegmarke für den künftigen Weg unserer Kirche in Deutschland« erreicht, schreibt der Bischof. »Lasst uns nicht müde werden, Gott um Weisheit und Mut zu bitten – und lasst uns dankbar sein für die zurückgelegte Wegstrecke und das durch unermüdliches, gemeinsames Ringen Erreichte«, ist Rückerts inniger Wunsch und sein Gebet für den weiteren Weg.

Die eigene Meinung in Frage stellen lassen

»Was uns als EmK auszeichnet, ist, dass wir den Weg in großer Beharrlichkeit gegangen sind und weitergehen und alles versuchen, dass die Kirche zusammenbleibt«, kommentierte ein Mitglied des Runden Tischs die zurückgelegte Wegstrecke. Ein anderer unterstrich diese Erfahrung damit, dass es in beeindruckender Weise gelungen sei, »am Runden Tisch sehr offen zu diskutieren und dabei auch die eigene Meinung in Frage zu stellen, in Frage stellen zu lassen und die eigene Meinung auch zu ändern«. Nur so sei es möglich gewesen, aufeinander zuzugehen, füreinander einzutreten und für die EmK in Deutschland einen gemeinsamen Weg zu beschreiben.

Eine demütige, begründete, hoffnungsvolle Einladung

Um das vorgelegte Ergebnis besser nachvollziehen zu können, beschreiben zwei Mitglieder des Runden Tischs in einem dreiseitigen »Bericht über den gemeinsamen Weg« die gemeinsam zurückgelegte Wegstrecke. Darin wird deutlich, wie schwer es war, »eine gemeinsame Sprache, geschweige denn eine gemeinsame Vertrauensbasis zu finden«. Die Auseinandersetzungen »in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten« hätten »Spuren von Verletzung und Enttäuschung hinterlassen«. Dabei habe sich einigen Teilnehmern des Öfteren auch die Frage gestellt, »ob die EmK weiterhin ein Zuhause für sie sein kann oder nicht«.

Wie herausfordernd die Arbeit des Runden Tischs war, zeigt sich auch an dem im Bericht eingestreuten Hinweis, dass den Weg »nicht alle berufenen Mitglieder bis zum Ende mitgehen konnten«. Durch die gemeinsame Wegstrecke sei jedoch nach und nach spürbar geworden, »wie wichtig das fortlaufende gemeinsame und respektvolle Gespräch und vor allem auch die gemeinsame Ausrichtung auf Gottes Leitung im intensiven Gebet und Mahl« gewesen sei. Daraus sei die Erfahrung erwachsen, »dass Gott uns eine Einmütigkeit geschenkt hat, die uns selbst überrascht hat«.

Den gemeinsam erarbeiteten Vorschlag verstünden sie »in aller Demut als begründete, hoffnungsvolle Einladung, nicht stehen zu bleiben und aufzugeben, sondern den eingeschlagenen Weg miteinander und vor Gott weiterzugehen« und »Menschen schon jetzt in den Gemeinden neue Heimat zu ermöglichen und die lebendige Vielfalt als Geschenk Gottes anzunehmen«. Die Mitglieder des Runden Tischs sind überzeugt, dass sich für die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland mit dem jetzt veröffentlichten Vorschlag ein gemeinsamer Weg eröffnet, »der zur Einheit und Stärkung der Gemeinden in ihrem Auftrag hilft, Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern zu machen«.