In ihrem Vortrag über Diakonie als „Testfall der Theologie“ an Evangelisch-theologischer Fakultät betonte Direktorin Maria Katharina Moser: Die Diakonie sei keine Organisation der Starken, die sich den Schwachen zuwendeten. Theologie muss auf ein Kampagnenplakat passen.

Mit dieser Zuspitzung machte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser am Montag, 22. März, in einem Vortrag an der Universität Wien, die Arbeit ihrer Organisation als „Testfall der Theologie“ deutlich.

So lautet nämlich der Titel der Vortragsreihe, die derzeit an der Wiener Evangelisch-theologischen Fakultät anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens läuft. Darin erzählen Theologie-Absolvent*innen, wie das Studium und die Theologie als Wissenschaft ihre tatsächliche Arbeitspraxis prägen. Im Falle von Maria Katharina Moser, Pfarrerin und seit 2018 Direktorin der evangelischen Hilfsorganisation Diakonie, ist aber nicht nur das Plakat Messlatte für die Theologie, sondern auch umgekehrt: „Hinter jedem Kampagnen-Plakat steht theologische Reflexion und Begründung.“ Deutlich werde das etwa an dem „JA“, das jedes Diakonie-Plakat prägt: „Dieses Ja ist das Ja Gottes zum Menschen. Zu allen Menschen und jedem und jeder einzelnen. Ein Ja, das uns zugesprochen wird, geschenkt. Ein Ja, das wir uns weder verdienen können, noch müssen.“

„Leben bedeutet auch eine Verlustgeschichte“

In ihrem Vortrag hob Moser drei „theologische Ankerpunkte“ hervor, die für die Arbeit der Diakonie entscheidend seien. Fragmentarität, Hoffnung und Relationalität. „Leben bedeutet nicht nur Wachstum und Weiterentwicklung, sondern auch eine Verlustgeschichte: Zerbrochene Hoffnungen, verronnene Lebenswünsche, verworfene Möglichkeiten, verwehrte Chancen, gebrechliche Körper, verletzte Seelen.“ Diese Fragmentarität und Brüchigkeit des menschlichen Lebens werde weitgehend verdrängt, etwa wenn Kinder mit Behinderung juristisch als „Schadensfall“ eingestuft würden oder Menschen lieber sterben als sich in Pflege zu begeben. Der Einspruch gegen diese Verdrängung seien Jesus und die Karfreitagserfahrung: „Die Wunden und Brüche im Leben von Menschen sind der Ort, an dem Kirche ist – insbesondere in ihrer Sozialgestalt der verbandlich organisierten Diakonie. Diakonie – und damit Kirche – ist dort, wo die prinzipielle Hilfs- und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen akut wird.“

„Hilfe unter Protest“

Um als Fragment leben zu können, brauche der Mensch Hoffnung. Für die Diakonie habe der Begriff eine doppelte Funktion. Sie solle zum einen „den gegenwärtigen Menschen trösten und tragen“. Zum anderen übe sie eine kritische Funktion gegenüber der Gegenwart der Welt aus. Hier gelte es, sich für politische Rahmenbedingungen stark zu machen. Beide Dimensionen ließen sich unter der Überschrift „Hilfe unter Protest“ zusammenfassen.

„Legitimitätskrise des Helfens“

Gleichwohl sehe sich die Diakonie mit einer „Legitimitätskrise des Helfens“ konfrontiert. Hilfsbedürftigkeit werde oft als Zur-Last-Fallen interpretiert; Beziehungen zwischen Helfenden und Menschen, die Hilfe empfangen, seien asymmetrisch; als Folge von Überforderung entwickelten sich Helfersyndrome. Entscheidend sei hier eine Reflexion auf die fundamentale Abhängigkeit des Menschen – beginnend bei der Geburt. Hier nimmt Moser die universitäre Theologie in die Pflicht. Diese fokussiere zu stark auf Kreuzestheologie und Karfreitag, und lasse Weihnachtstheologie und Theologie der Geburt oft außen vor: „Das Heil, das Gott für uns Menschen will, ist nicht erst von Jesu Leiden und Tod ‚für unsere Sünden‘, sondern von der Geburt Jesu her zu verstehen.“

Diakonie sei daher keine Organisation der Starken, die sich den Schwachen zuwende, sondern „Jede*r ist bedürftig, jede*r braucht die Unterstützung und Hilfe anderer. Genauso wie jede*r etwas zu geben hat.“ Die Vortragsreihe findet wegen der Coronapandemie virtuell statt.

Alle Termine unter: etf200.univie.ac.at. Hier gibt’s die Vorträge zu Nachsehen: etf200.univie.ac.at/archiv