Grenzen über­s­chreit­en

Faith Impulse


Predigt von Bischof Harald Rückert (Deutschland). Gehalten zum Abschluss der Zentralkonferenz am 16. März 2025 in der Evangelisch-methodistischen Kirche Winterthur
Bischof Harald Rückert predigt an der ZK MSE 2025 in Winterthur

Apostelgeschichte 1,8 – Grenzüberschreitungen

„Grenzen überschreiten“ – darüber möchte ich heute Morgen predigen. Vielleicht überrascht Euch diese Formulierung. Dass es in der Kirche darum geht, Grenzen zu überwinden, die Menschen von anderen trennen, das erwartet man. Dass man in der Kirche davon spricht, Grenzen abzubauen, die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken oder Lebensmöglichkeiten vorenthalten, das ist gut so. Aber „Grenzen überschreiten“? Beim Begriff „Grenzüberschreitung“ schwingt oft etwas sehr Unangenehmes mit:

Da kommt mir etwa viel näher, als mir lieb ist. Wenn mich beispielsweise jemand berührt, obwohl ich das nicht will, wird meine persönliche Grenze überschritten. Da wird ein Bereich betreten, der eigentlich nicht hätte betreten werden dürfen. Als Russland die Ukraine und bereits vorher die Krim überfiel, wurde eine rote Line überschritten; vom unfassbar menschenverachtenden Terrorangriff der Hamas auf Israel ganz zu schweigen. Da wird eine ungeschriebene und bisher als unantastbar geltende Übereinkunft einfach gebrochen. Als im Januar 2021 nach Anfeuerung durch den abgewählten Präsidenten Trump das Capitol in Washington gestürmt wurde, wurde ein als unantastbar geltende Grenze der Demokratie überschritten. Und Trump bleibt sich bis heute darin treu und bricht gerade ein Tabu nach dem anderen. 

„Grenzüberschreitungen“

Haltet ruhig einmal diese unangenehmen Empfindungen und Situationen für einen Augenblick fest. Sie sind die Folie, um schärfer und deutlicher nachzuvollziehen, was uns die Bibel gleich zumutet. Denn es sind Zumutungen, über die wir heute Morgen nachdenken werden; Zumutungen im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Evangeliums.

Grenzen überschreiten in der Apostelgeschichte

Die sogenannte „Apostelgeschichte“ ist das Buch der Bibel, das von Anfang bis Ende von Grenzüberschreitungen berichtet, im eigentlichen und im übertragenen Sinn. Sie erzählt von der Ausbreitung des Evangeliums. Sie berichtet davon, wie der Heilige Geist weht und bläst und dabei „rote Linien“ überschritten und Konventionen auf den Kopf gestellt werden. Die Apostelgeschichte schildert, wie das Evangelium von Jesus Christus Menschen näherkommt, als sie sich das jemals vorstellen konnten; und wie das Evangelium sie ergreift. Sie redet davon, wie allgemeine religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Grenzen, die bisher fraglos galten und Sicherheit und Verlässlichkeit garantierten, einfach ignoriert wurden. Im Buch der Apostelgeschichte weht uns eine Weite entgegen, die uns bedrohlich nahekommt.

Die Apostelgeschichte führt in eine Freiheit, die uns den Atem stocken lässt. Sie nötigt uns Beweglichkeit und Risikobereitschaft ab, die uns eigentlich hoffnungslos überfordern und verunsichern. Die „Apostelgeschichte“ erzählt von der Ausbreitung des Evangeliums. Dabei berichtet sie am laufenden Band von ungeheuerlichen Grenzüberschreitungen, im eigentlichen und im übertragenen Sinn.

Allerdings: Bei all diesen „Grenzüberschreitungen“ kommt kein Mensch zu Schaden; im Gegenteil: Es geht um neue Lebensperspektiven! Niemand wird eingeengt; im Gegenteil: Es geht um Freiheit! Niemand wird missbraucht; im Gegenteil: Es geht um bedingungsloses Angenommensein! Die Apostelgeschichte ist ein unvergleichliches Zeugnis vom Wehen und Wirken des Heiligen Geistes und zugleich ein unvergleichliches Zeugnis von permanenten Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen um des Evangeliums willen. Denn: Nichts und niemand darf die Botschaft von Gottes rettender Liebe in Jesus Christus festhalten oder eingrenzen, kleinmachen oder einschränken, domestizieren oder einsperren.

Diese Botschaft gilt allen! Niemand ist ausgenommen!

Ganz am Beginn (Apostelgeschichte 1,8) lesen wir, dass Jesus selbst – kurz vor seiner Himmelfahrt – seinen Jüngern diese Dynamik des Heiligen Geistes zugesagt hatte: »Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen ... und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Enden der Erde.« Das, was so schlicht und unspektakulär klingt, hat es in sich! Von Jerusalem bis ans Ende der Welt: Wie viele geographische Grenzen sind da zu überschreiten!? Wieviel äußere und innere Hindernisse sind da zu überwinden!? Jerusalem war das Zentrum des jüdischen Glaubens. Zugleich aber auch der Ort, an dem sich entscheidende Dinge des neuen christlichen Glaubens ereignet haben (Tod und Auferweckung Jesu). Das judäische Umland war die Gegend, in der Jesus und seine Anhänger zu Lebzeiten gewirkt hatten. Samarien war das Gebiet des modifizierten, abtrünnigen jüdischen Glaubens. Aus jüdischer Sicht war das das Land der Sektierer. Die „Enden der Erde“ markieren die Welt der vielfältigen Religionen, Kulte und des Heidentums. Wieviel Glaube, Hoffnung und Liebe, Bewegung, Leidenschaft und Aufbruch sind da gefragt!? Von Jerusalem bis ans Ende der Welt. Das hat es in sich! Doch wir, die wir heute hier sind, sind der lebende Beweis, dass all diese Grenzen tatsächlich überschritten worden sind. Sonst hätte uns das Evangelium nie erreicht. Sonst wären wir nicht hier zu diesem Gottesdienst.

Beispiele aus der Apostelgeschichte

Von Jerusalem bis Winterthur. Viele Barrieren mussten vom Heiligen Geist überwunden werden. Das Buch der Apostelgeschichte berichtet von diesen absolut faszinierenden inneren "Grenzüberschreitungen". Einige Beispiele:

Pfingsten: Apostelgeschichte 2,1-14.37

Zunächst werden uns die Pfingstereignisse im Neuen Testament als ein Sprachwunder beschrieben. Da hält Petrus eine sehr lange Predigt. Nach heutigen Maßstäben der Rhetorik und Homiletik war sie nicht besonders gut.

Im Examen an der Theologischen Hochschule hätte er vermutlich damit nicht bestanden! Aber – sein Anliegen wird verstanden! Seine Zuhörer begreifen jenseits von Rhetorik und Fremdsprachenkenntnissen: In diesen Worten redet der lebendige Gott zu uns. Der Heilige Geist macht es möglich, dass sie die Sprache Gottes verstehen. Sie fangen an zu verstehen, dass Gottes Liebe sie persönlich meint und ihr Leben verändern will. Ihnen geht ein Licht auf über ihre Verfehlung und Verkehrtheit im Leben. Aber noch mehr: Sie können begreifen, dass ihr Leben trotzdem von Jesus angenommen und getragen ist. Sie erkennen, dass all dies mit der Person Jesus zu tun hat, der hingerichtet worden war, sich aber inzwischen als quicklebendig erweist. Das, was niemand sich selbst sagen kann, das, was unter keinen Umständen zu erwarten war, das, „was kein Ohr je gehört hat“ – diese Botschaft geht ihnen mitten durchs Herz und sie lassen sich taufen.

Der Heilige Geist überwindet die „Sprachbarriere“ zwischen Gott und uns und schenkt Verstehen.

Ein Eunuch: Apostelgeschichte 8,26f

Da ist ein Mann unterwegs: kein Jude, nur dem jüdischen Glauben nahestehend; gott-suchend. Vermutlich hat er dunkle Hautfarbe. Er ist ein Eunuch. Die notwendigen Manipulationen, die ihn zu einem Eunuchen gemacht haben, haben ihn zugleich – zumindest in jüdischem Verständnis – aus dem gottesdienstlichen Leben ausgegrenzt. Philippus, einer der ersten Christen, wird vom Heiligen Geist gedrängt und geschubst, genau diesem Menschen entgegenzugehen. Philippus bezeugt ihm das Evangelium. Der Eunuch begreift: „Ich darf dazugehören! Die Botschaft des Evangeliums gilt auch mir; ohne Einschränkung!“ Und schneller als man es sich heute denken kann, an Ort und Stelle und ohne Liturgie, ohne geweihtem Wasser, ohne Glaubenskurs: Der Eunuch wird getauft. Er gehört zur Gemeinde Jesus Christi dazu – innerlich und äußerlich! Vollständig.

Der Heilige Geist lässt Ausgrenzungen nicht gelten und überschreitet alle von Menschen gemachten religiöse Barrieren.

Ein Heide: Apostelgeschichte 10

Was kurz vor ihm Paulus am eigenen Leib erfahren hatte, muss nun auch der Jude Petrus am eigenen Leib erfahren. Petrus erhält durch den Heiligen Geist einen für ihn schockierenden Traum, in dem allerlei unreines Getier vorkommt. Er erhält darin unmissverständlich den Auftrag, sich zu einem Mann namens Kornelius zu begeben. Mit größten inneren Skrupeln und vermutlich gegen Vieles rebellierend, was ihm als frommen Juden beigebracht worden war, betritt der Petrus letztlich das heidnische Haus des Kornelius. Er bezeugt dort das Evangelium und muss miterleben, wie Heiden mit dem Geist erfüllt werden.

Der Heilige Geist drängt zum Kontakt mit anderen Menschen über die Grenzen der traditionellen, bewährten, theologischen Festlegungen hinweg.

Ein Streit: Apostelgeschichte 15

In der frühen Kirche gab es Streit – damals als auch schon! Die Frage war: Wie gehen wir damit um, dass heidnische Menschen Christen werden? Was sind die Voraussetzungen? Was sind die geistlichen Auswirkungen? Was sind die Bedingungen und die Folgen? Müssen die Heiden nicht erst Juden werden (mit allem, was dazugehört, z.B. Beschneidung), um dann Christen zu werden? Oder gibt es eine Abkürzung?

Es gibt eine Menge Spannungen. Die Positionen sind festgelegt. Das jüdische "Kirchenrecht" ist sehr deutlich. Intensive Diskussionen, harte Worte, Vorwürfe, heftiger Streit. Aber am Ende: "… es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch – den Heiden –weiter keine Last aufzuerlegen." (Apostelgeschichte 15,28) Keine Bedingungen für den Eintritt in die Kirche Jesu Christi für die Heiden. Keine Grenze, kein Zaun, keine besonderen Anforderungen. Nichts anderes als Vertrauen und Glaube. Die Apostel hatten den Mut, das Kirchengesetz zu übergehen, um dem Evangelium bei der Ausbreitung hinein in die heidnische Welt zu folgen. Welche eine Grenzüberschreitung um des Evangeliums willen!

Der Heilige Geist stößt die Tür für das Evangelium auf; weit über nationale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg.

Eine Frau: Apostelgeschichte 16

Der erste Christ in Europa – so steht es in der Apostelgeschichte – war eine Christin. Eine weibliche Person und ein Geschäfts“mann“ zugleich. Das ist äußerst bemerkenswert. Die Emanzipation der Frau war damals noch kein Thema. Frauen waren im Alltag nicht wirklich gleichberechtigt. Frauen als Geschäftsfrauen, als Handelsfrauen – beides nicht sehr verbreitet. Aber eine solche Frau war die erste Christin auf dem neuen Kontinent Europa. Was für eine Grenzüberschreitung! Ganz zu schweigen von der enormen Herausforderung, durch den Sprung von Asien nach Europa einen völlig neuen Bereich des Denkens, der Kultur und der Philosophie zu betreten. Und noch einmal: Dies geschah durch die Unterstützung einer antiken Geschäftsfrau, namens Lydia.

Um der Menschen willen und um des Evangeliums willen überschreitet der Heilige Geist Grenzen, die von dem, was als „normal“ betrachtet wird, gezogen wurden.

Soweit einige Beispiele. Die ganze Apostelgeschichte ist eine bewegende und atemraubende Geschichte von Grenzüberschreitungen durch den Heiligen Geist. Für die Ausbreitung des Evangeliums, für die Gültigkeit der guten Nachricht, für das Angebot des neuen Lebens aus Gott gibt es keinerlei Einschränkung!

Nicht „Rasse“ oder Kultur, Moral oder Sitten, Tradition oder theologische Spitzfindigkeiten, Geschlecht oder sexuelle Orientierung, Sprache oder Hautfarbe. All das kann und darf kein Hinderungsgrund sein, das neue Leben aus Gott zu empfangen und in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Die Liebe Gottes lässt sich von all den menschlichen Barrieren nicht aufhalten; sie lässt sich nicht einsperren und begrenzen auf menschliche Bereiche, die wir definieren. Ist das nicht eine ziemliche Herausforderung für uns!?

Am Anfang stand eine Katastrophe

Von Jerusalem bis nach Winterthur – Was war der Ausgangspunkt für diesen dynamischen Prozess?

Ausgangspunkt war eine Katastrophe, die Katastrophe von Karfreitag. Für die Jünger waren alle Hoffnungen in sich zusammengestürzt. "Vergeblich gehofft!" so einer der Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Diese Katastrophe hatte die Jünger in die absolute Enge geführt: Verkrochen in einem Winkel der Stadt Jerusalem. Verrammelte Türen. Dumpf vor sich hinbrütend. Eingesperrt. Angsterfüllt.

Doch die Türen werden geöffnet von Jesus. Frischer Wind bläst ihnen entgegen, als ihnen der Auferstandene entgegentritt: "Friede sei mit euch!" "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch auch!" Jesus bestellt die Jünger nach Bethanien (Lukas 24,50). 40 Tage (Apostelgeschichte 1,3) nimmt er sich Zeit, um alles zu erklären und das Vergangene in ein neues Licht zu stellen. Dann spricht er Abschiedsworte. Aber es wird kein Abschied, der traurig macht. Im Gegenteil!

Jesus wird in den Himmel aufgenommen. Er überschreitet die Grenze und taucht ein in die ungetrübte Gegenwart Gottes. Trotzdem sind die Jünger froh. Sie haben begriffen: Jesus ist und bleibt uns trotzdem nah. "Mit großer Freude" kehren die Jünger zurück nach Jerusalem; zurück an den Ort der Katastrophe.

Keine verrammelten Türen mehr, sondern jeden Tag im Tempel. Keine dumpfe Leere, sondern große„Grenzüberschreitungen“: Freude erfüllt ihr Leben. Keine dumpfe Angst, die einweckt, sondern das Lob Gottes bewegt sie. Eine Bewegung wird in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Unwiderstehlich breitet sich die Botschaft des Evangeliums aus. Keine äußere Grenze kann sie aufhalten. Von Jerusalem in das jüdische Land; von Samarien im Norden nach Kleinasien (heutige Türkei). Schließlich der Übertritt nach Europa mit der ersten Gemeinde in Philippi. Und letztlich auf vielen, verschlungenen Wegen bis nach Rom, dem Zentrum der damals bekannten Welt und dann nach Winterthur.

Das Evangelium braucht Menschen, die Grenzen überschreiten

Der Heilige Geist überschreitet Grenzen – bis heute. Er bläst uns den Wind der Weite und der Freiheit des Evangeliums um die Ohren! Uns will er in Bewegung setzen. Uns mutet er zu, mutig und tatkräftig Grenzen zu überschreiten, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

Wir leben in einer Zeit, in der in unserer Gesellschaft die Tendenz zunimmt, sich voneinander abzuschotten, andere auszugrenzen, zu polarisieren, fast nur noch das Eigene zu sehen und gelten zu lassen, alles andere schlecht zu machen. Auch in Kirchen und Gemeinden werden an manchen Stellen die Auseinandersetzungen härter und unbarmherziger (z.B. bei Themen wie: Corona, Klimawandel, Gender, Homosexualität, Krieg und Frieden u.v.a).

Liebe Schwestern und Brüder, was die Menschen in unseren Gemeinden und die Menschen in unserer Stadt und in unserem Land brauchen, sind Christinnen und Christen, die sich in Gottes Mission hineinnehmen lassen: Menschen, die gemeinsam eine große Leidenschaft für die verändernde Dynamik des Evangeliums in sich tragen. Christinnen und Christen, die es wagen, menschengemachten Grenzen, angstgeborenen Grenzziehungen und menschenverachtenden Ausgrenzungen laut und klar zu widersprechen und sich einfach darüber hinwegzusetzen. Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu, die andere ermutigen, befähigen und notfalls den Rücken decken, wenn es darum geht, Grenzen zu überwinden, Gräben zu überbrücken und zu verhindern, dass das Evangelium kleingemacht und eingesperrt wird.

Christen, die trotzig die Oster-Hoffnung festhalten, dass aus Katastrophe und Zerbruch neue Lebendigkeit auferstehen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, lasst euch infizieren mit Leidenschaft für die bedingungslose Liebe Gottes. Lasst uns gemeinsam in der Kraft des Heiligen Geistes leben. Lasst uns um des Evangeliums willen immer wieder zu Barrierebrechern und Grenzüberschreitern werden. Amen.

Bischof Harald Rückert, Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland

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