Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist...
Faith Impulse

Pastorin

Es ist alles schon da. Es ist alles bereits gesagt.
Liebe Gemeinde,
als ich die Texte gelesen habe, die für den heutigen Sonntag als Bibeltexte gegeben sind, da habe ich an die Ereignisse der vergangenen Wochen in den USA und anderswo gedacht, vielleicht in Davos oder immer wieder in der Ukraine oder an den 27. Januar, den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialimus. An diese Ereignisse habe ich gedacht, und ich habe die Bibeltexte gelesen, und da bin ich traurig geworden, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, wütend war ich auch und eigentlich, ganz ehrlich, verzweifelt. Ich habe gedacht: Was soll ich noch sagen? Es ist doch alles da. Es ist doch alles da: Seit Jahren und Jahrhunderten ist alles da. Wir Menschen wissen doch, wie es geht. Als Christin kann ich es nur in den Worten meiner christlich-jüdischen, vor allem der biblischen Tradition sagen. Aber viele, die sich in der Welt gerade so verhalten, dass ich daran wenig Christliches erkennen kann, beziehen sich ja auch auf diese Tradition.
Worte aus dieser biblischen Tradition haben wir heute bereits miteinander gebetet und auf sie gehört. Ich mag heute gar nicht viel eigenes dazulegen. Ich mag die Worte noch einmal selbst sprechen lassen:
Psalm 15
Zum Beispiel so:
Herr, wer darf zu Gast sein in deinem Zelt? … Einer, der in jeder Hinsicht das Rechte tut… Er fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu und bringt seinen Nachbarn nicht in Verruf. ... Er verleiht kein Geld zu hohen Zinsen. ... Und er nimmt keine Bestechungsgeschenke an, damit der Unschuldige keinen Schaden erleidet.
Die Worte finde ich ziemlich klar. Auch wenn ich die Stimmen kenne, die mir sagen, man muss alles seinem Kontext sehen, relativieren, und womöglich kann man das heute nicht mehr so sagen. Die Wirtschaft muss funktionieren, und das meine ich ganz ernst, die kleine ebenso wie die große Politik und all das, und manchmal denk ich dann, was weiß ich schon? Ich kenn mich nicht aus oder jedenfalls bin ich keine Expertin. Ich sage trotzdem: Ich finde die Worte klar. Klar genug. Klar genug, um Handlungsentscheidungen zu treffen.
Les ich die biblischen Worte, die uns für den heutigen Sonntag gegeben sind, dann denk ich: Es ist doch alles da.
1. Korinther 1
Zum Beispiel so:
Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung.
Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen.
Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt,
was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.
Das ist schon ein bisschen verklausulierter als der Psalm. Aber dass Stärke anders sein soll als wir Menschen oft denken, das kann ich in den Worten von Paulus erkennen. Dass mit Macht sorgsam umzugehen ist. Weil sie leicht bewirkt, dass einer sich vor Gott rühmt. Dass einer denkt: Ich bin der Größte. Vielleicht auch eine, aber was ich auf der Welt sehe, ist das jedenfalls in den großen Zusammenhängen eher seltener der Fall. Was Paulus auch sagt: Dass die göttliche Stärke sich in der Ohnmacht am Kreuz zeigt. Da, wo es gar keine Macht mehr gibt. Dass Gott das Törichte erwählt, vielleicht auch die in der Welt als töricht gelten, nämlich die Schwachen und die sich auf ihre Seite stellen. "Gott macht zunichte, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme." Auch das finde ich ziemlich klar. Eigentlich ist alles gesagt.
Matthäus 5
Zwei weitere von der Ordnung der Texte vorgegebene Abschnitte aus der Bibel gibt es noch für diesen Sonntag. Einer ist aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 5, die Verse 1-12. Das sind die Seligpreisungen. Die haben wir schon letzte Woche gehört. Sie klingen in mir noch nach. So zum Beispiel (das ist jetzt aus der Luther-Übersetzung, letzte Woche war es die BasisBibel):
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. …
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. …
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. …
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. …
Sanftmütige, Barmherzige, Friedensstifterinnen, Verfolgte um der Gerechtigkeit willen. Sie werden glücklich gepriesen. Auf sie kommt es an. Auf sie kommt es dann, damit Glück wahr wird. Für sie selbst bei Gott. Auf dieser Welt. So hat es Jesus gesagt. Wenn ich daran denke, was das für unser Handeln bedeutet, finde ich auch das ziemlich klar. Ich kennen die Tendenzen, die Bergpredigt zu relativieren. Sie ist ja auch krass. Fordernd und einfach zu viel. Täglich so zu leben – eine Aufgabe, die mir unmöglich ist. Klar finde ich sie trotzdem.
Es ist alles schon längst da. Genau das sagt der vierte Abschnitt aus der Bibel, der uns für diesen Sonntag gegeben ist, und den ich an dieser Stelle noch dazulegen möchte. Oder muss. Wir leben aus diesen Worten! Einen Teil daraus haben wir auch schon gehört in der Kindergeschichte. Ihr wisst schon, worum es geht. Der Text steht im Buch des Propheten Micha im 6. Kapitel:
Hört doch, was der Herr sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!«
Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des Herrn, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der Herr will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!
"Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert?
Das sage mir!
Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.
Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der Herr dir alles Gute getan hat."
"Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen, mit einjährigen Kälbern?
Wird wohl der Herr Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?"
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert:
nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Am Anfang dieses Abschnittes ist alles ein bisschen komplizierter. Kurz gesagt: Es geht um einen Streit Gottes mit seinem Volk. Das Volk ist müde. Es fühlt sich beschwert. Offenbar gerade durch das Gute, das Gott an ihm getan hat. Oder es hat genau das vergessen. Gott erinnert es daran. Gott erinnert es daran: Ich habe ganz konkret etwas mit dir getan. An und mit ganz bestimmten Personen. Ich hab dich befreit. Ich war für dich da, von Ägypten bis ins versprochene Land!
Dann beginnt eine Person zu reden, die sich fragt, wie sie Gott gefallen kann. Die Ideen, die ihr kommen, sind völlig überzogen: Viel tausend Widder, unzählige Ströme von Öl, der Erstgeborene. In einem Kommentar zu dieser Stelle habe ich gelesen: „Darauf läuft die Gottesermüdung hinaus: Wer den Gott der konkreten Heilstaten vergisst, kommt bei einem transzendenten Tyrannen heraus.“ (Martin Hailer in GPM 78/4, 2024, 469f.) Bei einem Tyrannen, der so viel verlangt, das man es eh nicht schaffen kann.
Es ist alles schon da. Es ist alles bereits gesagt.
Dann ist bei Micha aber Schluss mit aller Kompliziertheit. Dann sagt der Prophet: Es ist doch ganz einfach. "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." In den Worten von vorhin (bei der Kindergeschichte): Recht tun. Mit anderen Nachsicht haben. Man kann auch sagen: Güte lieben. Deinen Weg bewusst mit Gott an deiner Seite gehen.
In Beziehung mit Gott bleiben und daraus gemeinschaftsbezogen und solidarisch handeln. Mit Gott durchs eigene Leben gehen, das nie nur das eigene ist, sondern das, das in Solidarität mit anderen gelebt wird. Ich denke da an Menschen in der Nähe und in der Ferne. Menschen in Kirchen in den USA und Menschen, die hier in unsere Wärmestube kommen. Ich denke an die Menschen, die in unser Land kommen und es schwer haben, weil andere neidisch und missgünstig sind. Ich denke an Menschen, die „We shall overcome“ singen in einer Kirche in Minneapolis. In Solidarität mit ihnen werden wir nachher das Soziale Bekenntnis der methodistischen Kirche sprechen. Um uns daran zu erinnern, in welcher Tradition wir stehen. Dass auch von unserer Tradition her alles klar ist. Jedenfalls so klar, dass du und ich, dass wir schon wissen und fühlen, welche Handlungsoptionen dazu gehören, zum Recht tun, zum Nachsicht haben, zum Gehen unseres Weges mit Gott an unserer Seite.
Es ist alles schon da. Es ist ganz einfach. Ihr habt vorhin die Kinder gehört (während der Kindergeschichte haben wir Beispiele notiert, wie das gehen kann – s. Bild). Schreibt nachher selbst etwas dazu. Notizzettel habe ich genügend dabei. Auch wenn, und das weiß ich wohl, es nicht immer einfach ist. Auch wenn wir uns allzu oft selbst in die Quere kommen. Da müssen wir nicht auf die Großen in den Nachrichten schauen oder mit dem Finger auf diesen oder jene zeigen. Da reichen wir selbst. Ja, so ist das: Tun ist schwer. Ich bin froh, dass Gott mir seine Gnade verspricht. Dass wir nachher zusammen das Abendmahl feiern. Dass Vergebung nicht nur ein frommes Wort ist, sondern Wirklichkeit. Ich brauche die Vergebung jeden Tag.
Dennoch: Heute bleibe ich dabei. Es ist alles schon da. Denn es ist alles schon gesagt: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."
Amen
Nach der Predigt und einem Gebet haben wir im Gottesdienst in Solidarität mit anderen, die sich in diesem Sinn für andere Menschen, für Gerechtigkeit und so auch für die Liebe Gottes einsetzen, miteinander das Soziale Bekenntnis der evangelisch-methodistischen Kirche gesprochen.