Mit Nikodemus durch die Nacht
Faith Impulse

Pastorin

Gespräche in der Nacht...
Liebe Gemeinde,
heute, an diesem Morgen, kehren wir mit dem Predigttext aus dem Johannesevangelium noch einmal in die Nacht zurück.
In dieser Nacht kommt Nikodemus zu Jesus. Es ist dunkel. Finster. In Jerusalem um das Jahr 30 gab es keine Straßenbeleuchtung wie heute. Vielleicht ein Lämpchen. Ein Feuer. Die Sterne am Himmel, wenn er klar ist. Dunkel ist es. Im Dunkeln ist es einfacher, nicht alles von sich preiszugeben. Im Dunkeln muss man nicht so sehr zeigen, wer man ist. Im Dunkeln bleibt man im Vagen. Und wenn man sich am nächsten Tag wiedersieht, kann es sein, dass man sich nicht einmal erkennt.
Manche Gespräche führt man denn auch lieber in der Nacht. Mir geht es jedenfalls so. Gespräche mit anderen Menschen. Die Gespräche, die persönlich sind. Bei denen es ans Eingemachte geht. Die führe ich am Ende des Tages, wenn ich Zeit habe, wenn ich weiß: Ich hab nichts anderes Dringliches mehr, das sich in den Vordergrund schieben könnte. Mein Tagwerk ist vollbracht. Wenn nicht, muss es sowieso bis morgen warten. Aber dieses Gespräch, das machen wir noch. Jetzt, in der Nacht. Ein Gespräch mit dem Partner. Mit der Ehefrau. Mit der besten Freundin. Selbstgespräche vielleicht auch ab und zu. Gespräche mit Gott. Auch die. Diese Nachtgespräche sind anders. Draußen ist es dunkel. Innen die Lampe. Oder die Kerze. Ein bisschen Licht. Ein bisschen Helligkeit. Aber in der Nacht bleibt alles zugleich auch verborgen. Nicht alles wird ganz klar. Ich selbst verberge mich in der Dunkelheit. Mit all dem, was ich im Hellen gar nicht haben will. Auch mit dem, was meine Müdigkeit jetzt schon überdeckt. Wenn zwischendurch nicht nur die Augenlider schwer werden, sondern auch der Kopf. Und es ist auch so: Manches braucht Zeit, bis es nach oben kommt. Ich brauch manchmal Zeit, um wieder klar zu werden. In der Nacht bleibt die Ambivalenz. Zwischen Licht und Dunkelheit. Auch meine Worte sind seltsam doppeldeutig in der Nacht. Sie kommen und gehen. Und manches versteht man nicht sofort. Die Zeit dehnt sich aus in der Dunkelheit. Es ist, als könnte man warten. Bis sich alles klärt. Bis am Morgen manches noch klarer ist. Bis ich selber wieder klarer bin.
... und am Tag
Gespräche am Tag sind anders. Gespräche am Tag, das sind die zwischen zwei Terminen. Am Telefon. Am Computer. Oder persönlich. Man sitzt sich gegenüber. Man sieht sich in die Augen. Das Licht scheint hell herein. Sogar im Winter mit seinem Hochnebel ist es im Vergleich zur Nacht tagsüber doch hell. Die Worte sind klar und deutlich. Das Gespräch hat ein Ziel. Oder einen Zweck. Eine Agenda. Etwas mehr Distanz als noch am Abend zuvor. Vielleicht hat es auch eine Wahrheit, die es in der Nacht nie gegeben hat. Eine Lösung. Eine Antwort, die passt. Einen nächsten Termin, und dann beendet man das Gespräch. Pünktlich und Auf Wiedersehen.
Nikodemus und die Nacht
Nikodemus kommt zu Jesus in der Nacht. Vielleicht war es bei ihm auch so: Es war ihm nicht so richtig klar. Was das mit diesem Jesus zu bedeuten hatte. Was das alles, was mit diesem Jesus war, mit ihm, mit Nikodemus, zu tun haben sollte. Wo er war in all dem und wer. Und er wollte reden. Reden ohne Hast. Ohne Eile. Reden ohne die vielen, die ja längst von Jesus begeistert waren.
Als Jesus während des Passahfestes in Jerusalem, war, "da glaubten viele an seinen Namen, weil sie seine Zeichen sahen, die er tat" (Johannes 2,23). So erzählt es das Johannesevangelium kurz vor dem Abschnitt, den wir vorhin gehört haben.
So geht Nikodemus zu Jesus in der Nacht. Zu dem, zu dem er sagt: Gott ist mit dir. Sonst könntest du nicht solche Zeichen tun. Nikodemus bekommt einiges zu hören in dieser Nacht. Antworten von Jesus. Worte, die ihm nicht so richtig klar sind. Die nicht so richtig klar zu kriegen sind. Die Nikodemus missversteht. Bei denen er nachfragen muss und etwas in ihm bleibt ungelöst. Das kann doch alles gar nicht sein! Nikodemus hört. Doch irgendetwas bleibt ungehört. So fühlt es sich an. In dieser Nacht.
Antworten von Jesus
Was hört ihr, wenn ihr die Antworten von Jesus hört? Hört noch einmal hin:
Jesus antwortete: "Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird,
kann er das Reich Gottes sehen."
Jesus antwortete: "Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes hineinkommen.
Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind.
Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes.
Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:
"Ihr müsst von oben her neu geboren werden.""
Jesus antwortete:"Du bist Lehrer Israels und verstehst das nicht?
Amen, amen, das sage ich dir:
Das, was wir wissen, davon reden wir.
Und das, was wir gesehen haben, das bezeugen wir.
Aber das, was wir bezeugen, nehmt ihr nicht an.
Ihr glaubt mir schon nicht,
wenn ich zu euch von weltlichen Dingen spreche.
Wie werdet ihr mir dann glauben,
wenn ich zu euch von himmlischen Dingen rede?"
Was habt ihr gehört in den Antworten von Jesus? An was seid ihr hängengeblieben beim Hören? Vielleicht, weil es euch gut bekannt war? Oder weil es euch noch einmal neu ans Ohr gekommen ist? Was habt ihr euch gemerkt? Bei was denkt ihr: Hab ich verstanden? Bei was denkt ihr: Hä? Bitte noch einmal, das klingt jetzt aber kompliziert?
In den Antworten von Jesus klingt für mich manches kompliziert. Verschachtelt. Unklar und doppelbödig. Rätselhaft. Voller Anspielungen auf Dinge, die ich nicht so genau verstehe. Wenn man den griechischen Text liest, steckt diese Unklarheit teilweise in den Wörtern selbst. Zum Beispiel: Wenn Jesus sagt "Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen." Das kann auf Deutsch auch heißen: "Wenn jemand von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen." Deshalb, so ein exegetischer Kommentar zu dieser Stelle (Hartwig Thyen, Das Johannesevangelium, Tübingen 2005, zur Stelle), ist mit dieser ersten Antwort auf Jesus auch gar nicht eine Neugeburt von Menschen gemeint, wie Nikodemus es ja versteht, nicht einmal geistlich, wie wir es traditionell verstehen, sondern Jesus selbst. Die Geburt aus Wasser und Geist, die ist dann auf die Menschen bezogen, die glauben. Also auf die Menschen damals und auf uns. Mit der Geburt von oben ist Jesus selbst gemeint, der aus der Verbundenheit, ja aus der Einheit mit Gott auf die Erde kommt.
Die Nacht aushalten und den Wind spüren
Ok. Ganz schön kompliziert. Gerade wenn ich dann so denke, ja doch, ist alles klar, dann zeigt mir die nächste Antwort schon: Wer weiß.
Ich weiß nicht, ob ich alles begriffen hätte in dieser Nacht, wenn ich da gestanden wäre und nicht so genau gewusst hätte, was das alles soll mit diesem Jesus und was das alles mit mir zu tun, zu bedeuten hat. Ich weiß nicht, ob ich alles begriffen hätte, selbst wenn ich auch eine von den vielen gewesen wäre, die "da glaubten … an seinen Namen, weil sie seine Zeichen sahen, die er tat." (Johannes 2,23)
Und dann denk ich mir: Das ist ja kein Wunder. Es ist Nacht. Und nicht immer wird alles klar in einer Nacht. Schon gar nicht von selbst. Es braucht ein bisschen Zeit. Vor allem aber: Es muss etwas geschehen. Wenn es geschieht, ist es vielleicht gar nicht mehr so wichtig, alles ganz genau zu verstehen. Jedes einzelne Wort. So wie beim Wind. Manche wissen es, sie kennen sich aus. Ich nicht. Ich kenn mich mit dem Wind nicht aus. Kaum kann ich sagen, ob es der Nordwind oder der Südwind ist. Ich verwechsle das immer. Und ich spür ihn doch, diesen Wind, und er bläst um mich herum und manchmal durch mich hindurch.
"Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe: "Ihr müsst von oben her neu geboren werden." Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird."
Klarheit durch den Wind und durch den Geist
Wenn der Wind bläst, kann etwas klarer werden. Die Wolken verziehen sich. Der Nebel verschwindet. Manchmal sogar die Dunkelheit. Die Luft wird ganz klar. Um mich herum. Und es wird auch ganz klar in mir drin. Ich laufe durch die Straßen und durch mein Leben, und es ist Tag, es ist hell geworden, und ich frag mich: Was war denn eigentlich so unklar in der Nacht? Der Weg liegt vor mir und ich weiß: Den geh ich jetzt. Das ist jetzt so. Ich bin geborgen. Wo ich auch bin. Ich bin gut aufgehoben. Licht ist um mich herum. Und gleichzeitig fühl ich mich wie neugeboren. Den Geist zu verstehen? "Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht." Und trotzdem ist er am Werk. In dir. In dieser Welt. Der Geist ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine göttliche Möglichkeit. Er macht einen Unterschied. In dir.
Du hörst, was Gott sagt. Vielleicht weißt du gar nicht so genau, warum. Oder wann es begann. Es ist so: Du hörst die Liebe, und du weißt: Ich bin gemeint. Du siehst das Licht selbst.
"So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab.
Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen,
sondern das ewige Leben haben."
Mit Nikodemus und dem Geist von der Nacht zur Klarheit des Ostermorgens
Nikodemus bleibt im Schatten in dieser Nacht. Die Klarheit des Lichts hat ihn noch nicht ergriffen. Aber seine Geschichte ist noch nicht am Ende. Das Johannesevangelium erzählt an zwei weiteren Stellen von ihm und damit auch von jener Nacht. In Johannes 7 wird berichtet, dass Nikodemus im Gegenüber zu den Pharisäern für Jesus Partei ergreift. In Johannes 19 erscheint Nikodemus mit einer riesigen Menge kostbarer Salben. Zusammen mit Josef von Arimathäa kümmert er sich um den Leichnam von Jesus: Sie balsamieren seinen toten Körper ein. Sie bestatten ihn. Sie legen Jesus in sein Grab. Jesus wird dort nicht bleiben. Am Morgen des 3. Tages wird es ganz hell werden. Heller als jemals zuvor.
Ich stell mir vor: Klarheit kam für Nikodemus nach dieser Nacht, damals, in Jerusalem. Vielleicht schon am nächsten Morgen. Vielleicht nach und nach und vielleicht hat es ein bisschen gebraucht. Einen Umweg. Oder etwas Schlaf. Die Stimme, die ihn noch einmal ruft. Und noch einmal. Das Brausen des Windes. Vielleicht hat er geschwankt, hier und da. Man weiß ja nicht immer so genau, was es damit auf sich hat, mit diesem Brausen. Man fühlt es nicht immer klar in sich drin. Aber nach und nach hat Nikodemus vertraut. Der Stimme des Einen. Er hat sie gehört. Mit dem Ohr und mit dem Herz. Es wurde immer klarer. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Der Geist hat ihn verändert. Und es war ihm ganz klar:
"Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten."
Dich und mich. Uns alle. Dazu ist Jesus Christus gekommen, das Licht der Welt. Heller als alle Finsternis. Er hält die Nacht mit uns aus. Und er ruft uns in seine Klarheit.
Amen.