Mission und Sicht­barkeit

Faith Impulse

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Predigt zu einer Schriftstelle, die irritieren kann und wohl einer Erklärung bedarf. Deren Potenzial aber in Hinblick auf unsere Themen im Jahr 2022 ausgelotet wird.
Mit ergänzenden Bemerkungen zum Thema.

Je öfter ich den Text aus dem 2. Korintherbrief gelesen habe, desto mehr ist mir die Verbindung zu einem unserer Hauptthemen für das Jahr 2022 aufgefallen. 
In diesem Jahr, also 2022, wollen wir als Evangelisch-methodistische Kirche in Österreich unseren Dreierzyklus beenden, der um die drei Fragen von John Wesley kreist, die er an den ersten Konferenzen gestellt hat: What to teach, how to teach and what to do. 
Also was sollen wir lehren, wie sollen wir lehren und wie gemma's a, wie wir hier in Österreich sagen würden.

Und letztes Jahr haben sich dann verschiedene Schwerpunkte herauskristallisiert, aus denen die Pastor*innen und Laiendelegierten jeweils unabhängig voneinander drei Hauptthemen aussuchen sollten. Unabhängig voneinander, in getrennten Sitzungen, haben wir drei Themen ausgewählt: Kinder und Jugendliche, Schöpfungsverantwortung und Klimaschutz, sowie Mission und Sichtbarkeit.

Und zu diesem letzten Thema, nämlich Mission und Sichtbarkeit, sehe ich Anregungen im heute gehörten Brief, den Paulus der Gemeinde in Korinth geschrieben hat.

Und das, obwohl ich persönlich überhaupt nicht der Meinung bin, die Paulus hier vertritt!
Wie gesagt, ich habe den Text mehrfach gelesen und dann natürlich begonnen alle damit verbundenen Stellen zu suchen und ebenfalls zu lesen. Wie man das halt so macht, wenn man in der Schrift forscht und auch begründen möchte, warum man Zweifel am Gesagten oder Gehörten oder Gelesenen hat.

Zunächst hat mich die Art, wie Paulus sich über eine Religion erhebt, der er selbst einmal angehört hat, stark irritiert: 
„Bis zum heutigen Tag liegt, wenn aus den Schriften des alten Bundes vorgelesen wird, diese Decke über ihrem Verständnis und wird nicht weggenommen. Beseitigt wird sie nur dort, wo jemand sich Christus anschließt.“

Bedeutet das jetzt, dass alle Jüdinnen und Juden von uns Christinnen und Christen missioniert werden müssen? 
Ich meine, lange Zeit hat sich die christliche Kirche ja genau so verhalten. Und in vielen mittelalterlichen Darstellungen haben Künstler das genau so umgesetzt – die triumphierende Kirche, Trägerin des neuen Bundes und die sterbende Synagoga als Vertreterin des alten Bundes. 

Wieviel Leid ist daraus entstanden? 
Aus dieser unglaublich arroganten, überheblichen und vor allem gänzlich lieblosen Art? 

Hat der als Jude geborene und erzogene Paulus das Wort aus Jeremia 31 nicht gekannt, das wir als Evangelisch-methodistische Kirche jedes Jahr bei der Erneuerung unseres Bundes mit Gott lesen? 
Jeremia 31: „Siehe es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen … ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“

Also bezüglich der Missionierung der Jüdinnen und Juden habe ich mit so einer Stelle meine liebe Not, sprich: Ich höre hier eine klare Verheißung an das jüdische Volk, die nach wie vor gültig ist. Um unsere jüdischen Geschwister müssen wir uns also meines Erachtens keine Sorgen machen. 
Bliebe da noch die Frage, ob es bei beiden Stellen um das Verständnis geht.

Also salopp gesagt: 
Unsere jüdischen Geschwister blicken es halt einfach nicht. 
Sie blicken es einfach nicht, weil diese Decke über ihrem Verständnis liegt. 
Sie blicken oder verstehen nicht, dass Jesus der Messias ist und eben schon da war.

Dazu muss ich sagen, dass ich sehr froh darüber bin, dass wir uns als Christinnen und Christen heute eher am Wort aus den Römerbrief orientieren, das interessanterweise auch Paulus zugeschrieben wird. 
Im 11. Kapitel geht es um die Rettung der anderen Völker und dazu wird ein Bild gebraucht, wonach einige Zweige vom edlen Ölbaum, gemeint ist Israel, ausgebrochen wurden. Damit der Zweig eines wilden Ölbaums, gemeint sind die anderen Völker, eingepfropft werden kann. Und dann heißt es bezüglich Überheblichkeit: 
„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“

Ich denke, dieses Wort ist deutlich geeigneter, das Verhältnis von Christ*innen und Juden wieder in einer Art und Weise zu gestalten, wo wir voneinander lernen können. Denn dass wir als Christinnen und Christen eine Menge aus den Schriften des ersten Testaments lernen können, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die wesentlichen Fragen unseres Menschseins werden hier behandelt. Die unglaublich ehrliche Art, wie hier von Erfolg und Misserfolg berichtet wird, von Gottesnähe und Gottesferne, von gelingenden und scheiternden Beziehungen – all das verdanken wir den Texten den ersten Testaments. Und wer behauptet, das ist alles nicht so wichtig, wir müssen nur auf Jesus schauen, dem sei gesagt, dass Jesus ein Jude war. Und zwar durch und durch Jude. 

Denken wir einmal daran, was Jesus selbst über seine Sendung gesagt hat: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Volkes Israel gesandt." (Matth 15,24)

Soviel einmal zur Bedeutung des ersten Testaments, zum Verhältnis zwischen Jüd*innen und Christen und zu den etwas problematischen Formulierungen, die Paulus im heute gehörten 2. Korintherbrief verwendet hat.

Wenden wir uns jetzt den positiven Anregungen zu oder den Passagen, weswegen ich in diesem Text das große Thema der Mission und Sichtbarkeit sehe. 

Stichwort positiv: Ich ersetze das Wort Mission jetzt für alle, die sich damit schwer tun oder es in ihrem Leben schon negativ erlebt haben oder an die Christianisierung denken, mit Weitererzählen. Weitererzählen, was wir Gutes mit Gott erlebt haben, wie uns das Gebet zu Jesus geholfen hat und wie wir vom Geist Gottes gerettet wurden und wir begonnen haben Gott zu vertrauen.

Drei große Themen sehe ich im Text, aber ich hatte das Gefühl, erst einmal auf die Belehrung der Jüdinnen und Juden eingehen zu müssen, damit man sich gut darauf einlassen kann. 
Ich hoffe, das können wir jetzt. Die drei großen Themen sind: Unerschrockenheit, Ebenbildlichkeit und Wahrheit.

Ja – sie sind alle im Text vorgekommen.

Beginnen wir mit der Unerschrockenheit: 
„Weil wir nun eine so große Hoffnung haben, treten wir frei und unerschrocken auf.“ (V12) 
Wie ist das heute? Treten auch wir frei und unerschrocken auf? 

Das muss jetzt jede und jeder selbst beantworten. 
Aber für mich war es hilfreich, mir vor Augen zu halten, dass dies gar nicht mein heutiges Problem ist. Mein Problem im Gegensatz zu Paulus, der ins Gefängnis geworfen und mit dem Tode bedroht wurde, ist nicht die Furcht, dass mir Gleiches passiert. Mein Problem ist die Indifferenz. Bevor ich über meinen Glauben reden kann, muss ich erst einmal Interesse für Gott wecken. Außerhalb unseres Theotops, also außerhalb unserer Kirchen und Gemeinden, interessieren sich die Menschen nicht für Gott. Kann sein, dass es ihn gibt, vielleicht, vielleicht auch nicht, egal. 
Wenn wir also über Unerschrockenheit nachdenken, dann geht es nicht darum, Menschen zwangszubeglücken. Nicht darum, auf dem Hauptplatz das Evangelium zu verkündigen. 
Sondern wir sollten darüber nachdenken, wie wir das Interesse der Menschen an Gott wecken können. Wie das geht, darüber müssen wir miteinander reden. Eine vorsichtige Antwort von mir wäre, davon zu erzählen, was uns gut tut und Halt gibt. Angesichts der Krisen, die ich überall auf der Welt sehe, tut es mir gut zu wissen, dass diese Welt in Gottes Händen liegt. Dass Gottes Wege nicht unsere Wege sind. Das tröstet mich. 
Und ist mein Beispiel, vielleicht kannst du mir deine Erfahrung mitteilen?

Damit komme ich zu Ebenbildlichkeit: 
„indem wir das Ebenbild des HERRN anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden“ (V18) 
Was ist damit gemeint? 
Für mich drückt sich in diesem Satz die Sehnsucht aus, dass wir nicht damit zufrieden sein sollen, wie wir heute sind. Wir sind geliebte Kinder Gottes. Das ist so und ist keine Frage. Aber Gott immer ähnlicher zu werden bedeutet liebevoller, freundlicher und barmherziger zu werden. 
Ich erzähle euch dazu ein Negativbeispiel:
Vergangene Woche ist mir eine Romafrau mit ihrer Tochter auf dem Gehsteig entgegen gekommen. Ich weiß nicht, ob ihr das auch schon erlebt habt, aber das Gespräch beginnt mit „Eine Frage“. Das ist die Einleitung, um dann in der Folge um Geld zu bitten. Aber an diesem Tag habe ich auf diese Einleitung hin einfach „Nein“ gesagt und bin weitergegangen. 
Und im Nachhinein habe ich mich dafür geschämt. 
Musste das sein, habe ich mich gefragt. 
Hätte ich sie nicht wenigstens ausreden lassen können? 
Wie soll ich die gute Botschaft Gottes verkündigen, wenn ich selbst so unbarmherzig bin? Ich glaube, das ist mit Ebenbildlichkeit gemeint.

Mein letzter Punkt heute ist Wahrheit: 
„Weil wir uns Gott gegenüber verantwortlich wissen, machen wir die Wahrheit bekannt.“ 
Dazu möchte ich nur Folgendes sagen: So wahr es ist, dass du Gottes Liebe erlebt hast, so wahr ist es auch, dass du nur mit deiner ungelenken Sprache davon erzählen kannst. 
Es muss uns bewusst sein, dass wir Gott nicht eindeutig, verstehbar und klar beschreiben können. 
Gott ist kein Tisch oder Gott ist kein Mensch. 
Die Größe Gottes bedingt, dass wir Menschen uns immer nur annähern können. Es bleibt eine Unzulänglichkeit, die dem Wesen Gottes geschuldet ist. Gott ist so anders als wir, dass wir hier auch mit unserer Sprache scheitern müssen. 

Aber – und damit schließe ich jetzt meine Predigt – es gibt auch dazu eine absolut begründbare, frohmachende Hoffnung: 
So unvollkommen unsere Sprache auch sein mag, wir haben nur sie. 
Und in Kombination mit Gottes Geist, hat auch diese unvollkommene, menschliche Sprache die Kraft, Glauben an Gott in anderen Menschen zu wecken. 

Dafür zeugst du und dafür zeuge ich. 

Wir alle sind Zeugnis dafür, dass Gott auch heute noch Menschen in seine Nähe ziehen kann.

Amen.

Was kann das jetzt bedeuten?

Die große Frage in diesem Zusammenhang ist:
Wie kommen wir über unseren Glauben ins Gespräch mit Menschen, die noch keine Glaubenserfahrungen gemacht haben.

Ich meine Ebenbildlichkeit spricht für sich: 
Über unser Vorbild im Reden und Handeln werden Menschen angeregt zu fragen: Was bewegt dich? Warum tust du was du tust?
Wichtig scheint mir hier, dass wir die Beweggründe unseres Handelns offen und direkt ansprechen: 
Wir versuchen barmherzig, liebevoll, helfend, verzeihend, solidarisch, geduldig und vieles Gute mehr zu sein, weil wir Jesus Christus nachfolgen wollen, der unser Vorbild ist. 
Das kann man auch aus anderen oder humanistischen Gründen tun – das ist aber nicht unsere Motivation.

In Bezug auf Unerschrockenheit und Wahrheit – im Grunde genommen aber eine Überlegung in Bezug auf Verkündigung – hier eine Überlegung über die wir gemeinsam nachdenken können:
Anstatt die Schöpfung zu erklären,
anstatt Gott zu erklären (zu versuchen)
anstatt stimmige Glaubenszusammenhänge zu erklären,
wer Jesus ist und welche Bedeutung sein Tod hat,
und so weiter...

Warum nicht einmal über das reden, was wir tun?

Ich gehe in die Kirche.
Ich bete.
Ich spende Geld.
Ich singe.
Ich suche die Gemeinschaft.

Gerade in der jetzigen Krisensituation mit dem Krieg in der Ukraine stellt sich doch eine Frage, an die wir mit unseren Mitmenschen anknüpfen können:

Was bewegt dich?
Wenn du an die Menschen in der Ukraine oder die Soldaten auf beiden Seiten denkst?
Was tust du? Was kannst du tun?
Um deinem Herzen Entspannung zu geben, um teilzuhaben, um kein Klotz aus Stein zu sein, sondern ein mitfühlender Mensch?

Erzählen wir von unserem ganz konkreten Tun – ohne dem Drang oder dem Wunsch – dem jeweils Anderen unsere Welt zu erklären.

Laden wir stattdessen ein, nachzudenken was wir tun können.

Im Angesicht unserer Ohnmacht mag vielleicht der eine oder die andere überlegen – wer Gott ist.

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