Philippus, der Eunuch und das Wirken des Heiligen Geistes

Faith Impulse

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Dorothee Büürma

Pastorin, Kinder- & Jugendwerk


Eine Predigt zu Apostelgeschichte 8,25-40, aus der EmK Salzburg

Der Bibeltext: Apostel­geschichte 8,25-40


Philippus und der königliche Beamte aus Äthiopien

Philippus erhielt vom Engel des Herrn den Auftrag: »Steh auf! Geh nach Süden zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt und menschenleer ist.«

Philippus stand auf und ging zur Straße. Dort war ein Mann aus Äthiopien unterwegs. Er war Eunuch und ein hoher Beamter am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien.
Er verwaltete ihr Vermögen und war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten.
Jetzt war er auf der Rückreise. Er saß in seinem Wagen und las im Buch des Propheten Jesaja.

Der Heilige Geist sagte zu Philippus: »Geh hin und bleib in der Nähe des Wagens!«

Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut im Buch des Propheten Jesaja las.
Philippus fragte: »Verstehst du eigentlich, was du da liest?« 
Der Eunuch sagte: »Wie soll ich es verstehen, wenn mir niemand hilft?« 
Und er bat Philippus: »Steig ein und setz dich zu mir!«
An der Stelle, die er gerade las, stand: »Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt. Wie ein Lamm stumm bleibt, wenn es geschoren wird, sagte er kein einziges Wort. Er wurde zutiefst erniedrigt, doch das Urteil gegen ihn wurde aufgehoben. Wer wird seine Nachkommen zählen können? Denn sein Leben wurde von der Erde weg zum Himmel emporgehoben.«

Der Eunuch fragte Philippus: »Bitte sag mir, von wem spricht der Prophet hier – von sich selbst oder von einem anderen?«

Da ergriff Philippus die Gelegenheit: Ausgehend von dem Wort aus Jesaja, verkündete er ihm die Gute Nachricht von Jesus.

Als sie auf der Straße weiterfuhren, kamen sie an einer Wasserstelle vorbei.
Der Eunuch sagte: »Dort ist eine Wasserstelle. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?«

(Einige Handschriften fügen hinzu: (Vers 37) »Wenn du von ganzem Herzen an Christus glaubst, kannst du getauft werden«, erwiderte Philippus. »Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist«, bekannte der Hofbeamte.)

Er befahl, den Wagen anzuhalten.
Beide, Philippus und der Eunuch, stiegen ins Wasser, und Philippus taufte ihn.

Als sie aus dem Wasser herausstiegen, wurde Philippus vom Geist des Herrn fortgenommen. Der Eunuch sah ihn nicht mehr. Aber er setzte seinen Weg voller Freude fort.

Philippus fand sich in Aschdod wieder. Von dort zog er weiter bis nach Cäsarea.
Unterwegs verkündete er in allen Städten die Gute Nachricht.

(Text zitiert aus der BasisBibel)

Predigen in der "Zwischenzeit" des Kirchenjahrs – zwischen Ostern und Himmelfahrt/ Pfingsten

Liebe Leser*innen,

Wir befinden uns zum Zeitpunkt dieser Predigt noch immer in der österlichen Freudenzeit. 
40 Tage lang ist der Auferstandene Christus laut Lukasevangelium den Jüngern erschienen, bevor er dann in den Himmel aufgefahren ist. 
Die Leseordnung unserer Kirche hat in den letzten Wochen einige Geschichten über Begegnungen mit dem Auferstandenen beinhaltet. 
Nach Ostern hat die Leseordnung in diesem Jahr zusätzlich auch Texte aus dem Buch der Apostelgeschichte vorgesehen. Das macht natürlich Sinn; schließlich geht es in diesem Buch ja darum, wie die Jünger und die Apostel und die ersten Gemeinden den Glauben an den Auferstandenen gelebt haben.

Die Situation in den frühen Gemeinden und unter den Aposteln und Jünger*innen

Der Predigttext für den 28.4., auf den sich diese Predigt bezieht, steht noch recht nah am Anfang der Apostelgeschichte. Die Apostel und einige andere Nachfolger*innen Jesu hatten das Wunder erlebt, das wir an Pfingsten feiern. Der Heilige Geist war auf ihnen und wirkte unter ihnen. Sie waren vom Geist erfüllt und konnten durch den Geist Wunder vollbringen.

Während die ersten Gemeinden so viel Gutes ermöglichten, wirkte Saulus im Namen der römischen und jüdischen Obrigkeiten dem neu entstehenden Glauben entgegen. 

Die ersten "christlichen" Gemeinden wurden verfolgt und ihre Anhänger vertrieben, verhaftet, oder gar umgebracht.
Es war keine leichte Zeit, sich zu Jesus zu bekennen.
Und doch wirkte der Geist Gottes und immer wieder ließen sich Menschen im Glauben an Christus taufen. 

Der heilige Geist war die treibende Kraft Gottes, die die Gläubigen stärkte und ihnen Mut machte.

Philippus unterwegs im Auftrag des Heiligen Geistes

Philippus, von dem wir heute gehört haben, war zunächst in Samarien unterwegs gewesen. Er hatte den Menschen von Jesus gepredigt und viele getauft.

Und dann kam die Botschaft vom Engel Gottes an Philippus: »Steh auf! Geh nach Süden zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt und menschenleer ist.«
Dort begegnete Philippus ein Mensch. Ein ganz besonderer Mensch. Ein Eunuch aus Äthiopien.

Nun denkt ihr euch vielleicht: „Ach ja, die Geschichte kenne ich doch“.

Mir ist in diesem Jahr aufgefallen, wie unglaublich diese Begegnung eigentlich war. 
Da gab es zuvor die kurze Erwähnung, dass sich in Samarien viele Männer und Frauen von Philippus taufen ließen. Die Menge wird nicht genauer beschrieben (nur der Magier Simon, aber das ist eine andere Geschichte). 
Unzählige Begegnungen und Taufen hatte Philippus schon hinter sich, aber hier nimmt sich der Autor der Apostelgeschichte so viel Zeit für die Beschreibung dieser einen Begegnung.

Wieso? 
Was ist so anders, so besonders an dieser einen Geschichte, an diesem einen Menschen, der sich zum Glauben an Gott bekannt hat?

Das Besondere an der Begegnung mit dem Eunuchen

Ich möchte zwei Aspekte dieser Begegnung genauer betrachten, weil sie mir in diesem Jahr besonders auffallen.

1. Der Eunuch kam aus Äthiopien!

Er war für die Menschen in Israel ein Ausländer. Er hatte sicher eine etwas andere Hautfarbe. Er fiel auf. 

Etwas später im Buch der Apostelgeschichte (Kapitel 21) wird beschrieben, wie ein Grieche aus Ephesus nach Jerusalem in den Tempel mitgenommen wurde. Und den Judenchristen in Jerusalem wurde damit vorgeworfen, allein die Anwesenheit dieses Fremden hätte den Tempel entweiht!

Die Gesellschaft, in der die ersten Christ*innen lebten, war in ihre Untergruppen und Rassen aufgeteilt. Da gab es klare Hierarchien und Vorschriften. 

Ein Fremder aus Äthiopien – der konnte in Jerusalem nicht weit kommen, auch wenn er ein hoher Beamter am Königshof war. 

Warum er nach Jerusalem gereist war, das wird in der Apostelgeschichte deutlich beschrieben: Er wollte zum Tempel um Gott anzubeten.
Und ich bewundere den Mut dieses Mannes! 
Auch wenn er wusste, dass er nicht den gesellschaftlichen Anforderungen entsprach, machte er sich auf die Reise nach Jerusalem.
Er hatte es zwar nicht geschafft, Gott im Tempel anzubeten, aber zumindest konnte er eine Schriftrolle mit Worten des Propheten Jesaja erwerben und mitnehmen.

Der Geist Gottes wehte und Philippus begegnete diesem Reisenden auf dem Rückweg. 
Er nahm sich Zeit für die Fragen des Fremden. Er setzte sich zu dem Fremden in seinen Wagen und erklärte ihm die Worte des Propheten. Er erzählte ihm von Jesus Christus.

An diesem ersten Merkmal wird hier ganz deutlich: Der Geist Gottes unterscheidet nicht nach Herkunft, gesellschaftlicher Schicht oder sonstigen menschlichen Abgrenzungen.  

Der heilige Geist setzt in dieser Begegnung ein ganz klares Zeichen gegen Rassismus und für Menschenliebe! Halleluja!

2. Der Fremde war ein Eunuch!

Der fremde königliche Hofbeamte war nicht nur das; er war auch noch ein Eunuch. 

Was genau waren denn Eunuchen? Was hat sie ausgezeichnet?
Um es ganz einfach zu fassen: 
Eunuchen waren im Grunde Menschen, die nicht in das traditionelle sexuelle Schema der Gesellschaft passten. Sie waren entweder von Geburt an „anders“ oder hatten im Lauf ihres Lebens ihre Geschlechtsidentität abgelegt. 
Heutzutage würde man sie als intersexuell beschreiben. Nicht eindeutig einem bestimmten Geschlecht zuzuordnen. 
Eunuchen würden wir heute also als "LGBTQI" bezeichnen

Die jüdischen Vorschriften hatten klare Richtlinien für Menschen dieser sexuellen Identität:
„Es soll niemand mit zerstoßenen Hoden und auch kein Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.“ (5. Mose 23,2). Und die Einschränkungen im 5. Buch Mose gehen in den anschließenden Versen noch weiter; beispielsweise dürfen auch Fremde nicht in den Tempel kommen.

Der Eunuch hatte in Jerusalem also wirklich keine Chance! 
Zu Gott würde er dort nicht gelangen!

Doch genau zu diesem Menschen schickt der Heilige Geist Philippus. Zu dem, der nicht ins traditionell religiöse Schema passte. Zu dem, der anders war. 

Der Eunuch hatte Gott in Jerusalem gesucht, 
aber nur Ablehnung und Ausgrenzung gefunden. 

Auf dem Rückweg traf er auf Philippus. Und der taufte ihn.
 Er taufte ihn, weil der Eunuch ihn darum gebeten hatte. 
Philippus fing nicht damit an zu argumentieren, dass man dieses

oder jenes sein oder vorher getan haben müsste, um getauft zu werden. 
Er tat es einfach. 

Die Begegnung und das Gespräch mit dem Eunuchen

muss eindrücklich für ihn gewesen sein. 
Vielleicht hat sie ihn nachdenklich gemacht,

vielleicht sogar persönlich berührt. 

Vielleicht fand Philippus auch gerade durch den Eunuchen heraus,

was es wirklich heißt, Gott zu suchen. 
Denn er hatte jemanden getroffen, der trotz aller Ablehnung, Ausgrenzung und trotz aller Widerstände weiter nach Gott gesucht hat.  

Wir wissen es nicht. 

Aber wir wissen, dass Philippus den Fremden getauft hat. 

Pfarrerin Dr. Kerstin Söderblom (EKHN)
evangelisch.de - "der Eunuch aus Äthiopien"

Ausgerechtnet ein fremder Eunuch wurde getauft. Was für eine Geschichte!
Was für eine Feier der Vielfalt und der Inklusion!

Ich brauche in meinem Leben immer wieder Begegnungen mit Menschen anderer Herkunft, anderer Orientierung, anderer Ansichten, die mir das Wasser in der Wüste zeigen. Ich muss mir immer wieder sagen lassen:

"Hier ist Wasser in der Wüste. Was spricht dagegen mich zu taufen?" 

Wenn mir das jemand sagt, dem ständig mitgeteilt wurde, 
er oder sie sei nicht willkommen, dann hat das eine enorme Wirkung. 
Denn er oder sie glaubt trotz alledem. 

Vielleicht ist sie gläubig und intersexuell. 

Oder er betet und ist schwul. 

Sie ist engagierte Christin und lesbische Aktivistin. 

Er ist bisexuell und engagiert in der Gemeinde. 

Sie ist transsexuell und zweifelnde Gläubige, glaubende Zweiflerin. 

 

Es geht nicht darum diese Menschen zu verändern. 
Es geht darum, sie ernst zu nehmen, sie zu respektieren, so wie sie sind. 
Das wichtigste ist zu fragen: "Was wollt ihr und was braucht ihr?"

Ich kann mich durch Fremde, denen ich begegne, berühren lassen

und dadurch vielleicht sogar neu bekehren lassen.

Pfarrerin Dr. Kerstin Söderblom (EKHN)
zitiert Worte der lutherischen Pfarrerin Nadia Bolz-Weber

Wenn wir "Eunuchen" begegnen...

Wie Philippus sich nicht abschrecken ließ von dem göttlichen Auftrag, sich Zeit für den Eunuchen zu nehmen, so dürfen auch wir mutig auf Menschen zugehen, die im Lauf der Geschichte von den christlichen Kirchen ausgegrenzt wurden. 

Die Generalkonferenz unserer weltweiten methodistischen Kirche tagt derzeit in Amerika. Leider haben sich im Vorfeld dieser Konferenz viele methodistische Gemeinden und Pastoren von unserer gemeinsamen Kirche getrennt. Die United Methodist Church ist merklich geschrumpft. 

Aber: Die Eindrücke der Generalkonferenz zeigen, dass die Kirche nicht kleiner ist, sondern vielfältiger, und dass eine Freude an dieser Vielfalt spürbar ist.

Ein Schlusswort insbesondere für die Evangelisch-methodistische Kirche in Salzburg (in der diese Predigt gehalten wurde)

Wir sind Teil dieser vielfältigen weltweiten United Methodist Church.

Wir sind auch in Salzburg offen für alle Menschen, die sich uns anschließen wollen auf dem Weg des Glaubens, die auf der Suche nach einer Begegnung mit Gott sind, die das Wasser sehen und sich fragen: "Was spricht dagegen?"

Wir suchen Gemeinschaft mit allen, die (wie wir) spüren, dass rein gar nichts dagegen spricht, sich der Liebe Gottes anzuschließen – so individuell wie sie und wie wir alle sind.

Und dafür bin ich heute ganz besonders dankbar!

Amen.

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