Beziehungen gestalten und vertiefen
Faith Impulse

Pastor i.R. (Evangelisch-freikirchliche Gemeinden)
„1Paulus und Timotheus, Diener von Christus Jesus. An alle, die in Philippi leben und durch Christus Jesus zu den Heiligen gehören – samt den Gemeindeleitern und den Diakonen. 2Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 3Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke. 4Ich danke ihm in jedem Gebet, das ich für euch alle spreche! Ich kann voller Freude beten, 5weil ihr euch so sehr für die Gute Nachricht einsetzt – vom ersten Tag an bis heute. 6Ich bin ganz sicher: Der das gute Werk bei euch begonnen hat, der wird es auch vollenden – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.“
(Philipper 1,1-6, BasisBibel)
In diesem kurzen Abschnitt aus dem Philipperbrief, speziell in Vers 6, kommt eine Grundhaltung zum Ausdruck, die allen Beziehungen in den verschiedensten Lebensbereichen eine besondere Prägung geben. „6Ich bin ganz sicher: Der das gute Werk bei euch begonnen hat, der wird es auch vollenden – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.“
- Paulus lässt durchgehend seine Entscheidung dafür erkennen, dass er die Menschen, die er anspricht, aufwerten will.
- Aus dem Evangelium hat sich Paulus die Sichtweise zugelegt, dass bei denen, mit denen er gerade zu tun hat, etwas Gutes im Entstehen ist.
- Das Vertrauen des Paulus auf die schöpferischen Kräfte Gottes machen ihn zuversichtlich, dass Gott sein Werk an den Menschen vollenden wird.
Oder noch kürzer:
(1) aufwerten
(2) sehen
(3) vertrauen
Aufwerten
Paulus lässt durchgehend seine Entscheidung dazu erkennen, dass er die Menschen, die er anspricht, aufwerten will.
Er streicht ihre Würde heraus. Der nennt sie „Heilige“, d.h. Menschen, die zu Gott gehören, die wertvoll, etwas Besonderes sind. Er spricht ihnen den Segen Gottes zu. Alle Gebete werden ihm zu einem Dank. „1Paulus und Timotheus, Diener von Christus Jesus. An alle, die in Philippi leben und durch Christus Jesus zu den Heiligen gehören – samt den Gemeindeleitern und den Diakonen.
2Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 3Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke. 4Ich danke ihm in jedem Gebet, das ich für euch alle spreche! Ich kann voller Freude beten, 5weil ihr euch so sehr für die Gute Nachricht einsetzt – vom ersten Tag an bis heute.“
Natürlich weiß Paulus von einschneidenden Problemen in der Christengemeinde in Philippi. Im weiteren Fortgang des Briefes, obschon der vom Ton der Freude getragen ist, finden sich genügend Hinweise darauf. Aber Paulus weiß – und das hat er von Jesus gelernt – was es ist, das Kraft und Motivation weckt, und einen Menschen dazu bewegt, sich zum Guten zu entwickeln, zu reifen und sich zu verändern.
Manche würden ja sagen, man müsse den Finger auf die Probleme legen und hartnäckig einen anderen darauf festnageln, was nicht gut ist. Da entstünde dann der nötige Druck, der Menschen dazu bringt, sich zu verändern. (Man nennt eine solche Einstellung „problemorientiert“, bzw. „defizitorientiert“).
Paulus weiß es besser: Menschen verändern sich von innen heraus viel eher durch die Erfahrung, dass jemand etwas Gutes in ihnen sieht, etwas, das wertvoll ist und das man noch weiter verstärken kann. Das wird zum entscheidenden Ansporn. (Heute nennt man eine solche Einstellung „ressourcen-orientiert“: Welche Möglichkeiten zeigen sich schon im Ansatz bei einem Menschen, die nun weiter entfaltet werden können).
In meiner Jugend war das Buch von David Wilkerson, Das Kreuz und die Messerhelden, ein wahrer Renner in der christlichen Szene. David Wilkerson war Pfingstpastor, der sich nach New York berufen wusste und dort eine christliche Arbeit unter rauschgiftsüchtigen Mitgliedern von Straßenbanden anfing. Eine Schlüsselszene für die weitere Entwicklung dieses Werks war, dass David Wilkerson Nicki Cruz, den Anführer einer gefürchteten Straßenbande, bei einer der ersten Veranstaltungen aufforderte, die Kollekte einzusammeln. Nicki Cruz, der später selbst einer der leitenden Figuren in diesem missionarischen Sozialwerk wurde, schildert im Rückblick, dass er hinter der Bühne drauf und dran war, mit dem Geld abzuhauen. Aber da gab es etwas, das ihn zurückhielt: Das erste Mal in seinem Leben hatte ihm jemand vertraut. Ein anderer hatte etwas in ihm gesehen, was gut war und worauf man sich verlassen konnte. Das war der Wendepunkt in seinem Leben.
Wenn wir zu Gott kommen sieht er uns nicht als Würmer, die sich im Schmutz winden. Sondern Gott richtet uns auf und macht uns groß. Er „krönt uns mit Gnade und Barmherzigkeit.“
Sehen
Aus dem Evangelium hat sich Paulus die Sichtweise zugelegt, dass bei denen, mit denen er gerade zu tun hat, etwas Gutes im Entstehen ist.
„6Ich bin ganz sicher: Der das gute Werk bei euch begonnen hat, der wird es auch vollenden – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.“
(An dieser Stelle wurde ein persönliches Beispiel im Gottesdienst erzählt, das hier nicht zitiert wird.)
Was sehen wir, wenn wir unsere Kinder, unseren Ehepartner, unsere Mitmenschen und Mitchristen ansehen? Natürlich sehen wir das, was nicht gut ist und nicht gut läuft. Natürlich nerven uns die Pannen, Fehler und Unarten, die sich nicht ausmerzen lassen. Aber wohnen wir in diesen negativen Dingen? Nisten wir uns in unseren Emotionen dort ein?
Menschen, die das Negative, das Unvollständige, Ungenügende in den Fokus nehmen, sagen häufig: Lob und Anerkennung machen leichtfertig und bequem, wiegen die anderen in der falschen Sicherheit, dass alles ok sei.
Was wir heute an soliden Ergebnissen aus Pädagogik und Psychologie haben, weist in eine andere Richtung.
Christoph Jacobs, ein katholischer Ordensmann und Leiter eines Seelsorgezentrums, schreibt in dem von Anselm Grün herausgegebenen Büchlein, Was macht krank? Was macht gesund? einen Artikel mit dem Titel: Salutogenese: Ein Programm für ein heilsames Leben. „Es geht darum, dass Menschen sich in ihren Stärken und positiven Seiten erfahren. Wer mehr oder weniger dauernd erleben muss, auf das ‚Noch-Nicht’, seine Schwächen oder problematischen Seiten, also seine Defizite reduziert zu sein, wird sich in Richtung Krankheit entwickeln.“
Paulus spricht das an, was Gott schon begonnen hat. Er hat den Teil des Gebäudes vor Augen, der einigermaßen fertig ist. Was für ein ermutigender Blickwinkel! Der Apostel nagelt sie nicht auf das fest, was noch nicht ist, sondern sieht, was Gott schon begonnen hat.
Vertrauen
Das Vertrauen des Paulus auf die schöpferischen Kräfte Gottes macht ihn zuversichtlich, dass Gott sein Werk an den Menschen vollenden wird.
„Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu“ – so lautet der Vers 6 bei Luther. Die BasisBibel formuliert (wir haben es vielleicht noch im Ohr): „6Ich bin ganz sicher: Der das gute Werk bei euch begonnen hat, der wird es auch vollenden – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.“
Jetzt redet Paulus über etwas, das noch unvollendet ist. Das kann man nicht einfach so lassen, wie es ist! Aber sehen wir doch, unter welchem Vorzeichen Paulus das Unfertige sieht: Unter dem Vorzeichen des Vertrauens auf die Kräfte, die von Gott her auf uns einwirken und in uns wirken. Unter diesem Vorzeichen kann er gelassen werden.
Natürlich werden wir nicht in gespielter Naivität nur das Gute sehen. Worum es geht ist vielmehr dies: dass wir mit den Augen Jesu sehen lernen:
- Zuerst sollen wir uns an dem freuen, was Gott schon getan hat (Sehen!).
- Dann schauen wir aber nicht weg, wenn es darum geht, was noch fehlt. Und daran können und müssen wir weiter bauen. Aber es soll unter dem Vorzeichen des Vertrauens in die guten Kräfte Gottes geschehen.
Nur das rettet uns vor einem nörglerischen Geist! Nur das rettet uns vor der Versuchung, in das Leben anderer Menschen eingreifen zu wollen und überall unsere Hand im Spiel haben zu müssen. Gottes Hand ist im Spiel! Der Heilige Geist hat Zugang zu Menschen, wie kein anderer Mensch ihn haben kann. Nur der Heilige Geist, Gott selbst, kann mit der Freiheit eines Menschen zusammen die gute Frucht hervorbringen und nicht gegen die Freiheit eines Menschen etwas erzwingen, was nach außen hin vielleicht wie eine Frucht aussehen könnte, aber zu viele Druckstellen hat.
Paulus spricht natürlich von den Beziehungen zwischen Christ*innen. Aber die Grundhaltung, die aus dem Abschnitt spricht, kann auf jede Beziehung im Alltag des Lebens übertragen werden.
- Was kann ich über den Betreffenden oder die Betreffende so denken, dass sie dadurch aufgewertet werden?
- Welche guten Seiten und Fähigkeiten sind in einem bestimmten Menschen im Ansatz vorhanden, die man durch Ermutigung und Unterstützung weiterentwickeln kann?
- Wo kann ich den Seiten eines Mitmenschen oder einer Gemeinschaft, die mich nerven und ärgern, das Vertrauen auf Gottes Kraft entgegensetzen? Vielleicht notiere ich im Kopf ein paar Punkte, wofür ich im Blick auf den anderen dankbar bin. Vielleicht kann ich meine Genervtheit in ein stilles Segensgebet verwandeln.
Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Man kann sich ununterbrochen über etwas ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet!“
Halten wir’s mit Paulus: „6Ich bin ganz sicher: Der das gute Werk bei euch begonnen hat, der wird es auch vollenden – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.“
Amen
Glaubensimpulse