Ismael, Isaak und Abraham

Faith Impulse

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Alexander Mühlberger

Predigthelfer, EmK Salzburg


Eine Predigt mit christlichen und muslimischen Deutungen von 1. Mose/ Genesis 21,8-21

Die  Lesung aus dem 1. Buch Mose (Kapitel 21,8-21) macht mich nachdenklich. Abrahams Frau Sara befielt ihrem Mann, seinen erstgeborenen Sohn Ismael samt dessen Mutter Hagar zu vertreiben.

Sara und Hagar

Sara ist eifersüchtig. Im Text lesen wir, dass sie Ismael lachen sieht. Das ist für sie zu viel. Und sie ist geizig. Sie will nicht, dass ihr Sohn Isaak sein Erbe mit Ismael teilen muss. In ihren Augen ist Isamel nur der "Bastard" ihrer ägyptischen Sklavin. Sie sagt das auch ganz offen zu Abraham. Mich wundert, dass in dieser alten patriarchalen Welt diese Frau es überhaupt gewagt hat, eine solche Forderung an ihren Mann zu stellen. Aber die Magd Hagar war ja ihr Eigentum. Die Bibel beschreibt, dass sie ihre ägyptische Sklavin war. Und wahrscheinlich konnte selbst in dieser Zeit Sara selber darüber entscheiden, was mit ihr passiert.

Wir erinnern uns: Hagar hat Isamel nicht aus einer Liebesbeziehung geboren. Sara konnte selbst keine Kinder bekommen, und so musste Hagar mit ihrem Mann Abraham schlafen, damit Abraham zu einem Sohn, und somit zu einem Erben, kommt. Hagar wurde da wohl nicht lange gefragt. Und jetzt, nachdem Sara durch die Hilfe Gottes doch einen eigenen Sohn zur Welt brachte, ist in ihren Augen kein Platz mehr für das uneheliche Kind ihres Mannes mit ihrer Sklavin.

Abraham im Zwiespalt

Also soll Abraham die beiden wegschicken. Das fällt ihm schwer, aber Gott spricht zu ihm und teilt ihm mit, dass er tun solle, wie seine Frau Sara es von ihm forderte. Denn der Herr wird nicht nur Isaak, sondern auch Ismael zu einem großen Volk machen. Gott spricht: „Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist.“ (1. Mose 21,13). Das geht natürlich nur, wenn er überlebt. Abraham versteht, dass Gott dafür sorgen würde, dass Ismael trotzdem eine große Zukunft haben wird. Gott wird dafür sorgen, dass alles gut ausgeht.

Die Abrahamitischen Religionen

Aber von welchem Volk spricht Gott hier? Wie ihr vielleicht wisst, gibt es die drei abrahamitischen Weltreligionen. Das Judentum, das Christentum und der Islam. 
Aber warum heißen sie „abrahamitisch“? 
Weil sie sich alle drei auf Abraham zurückberufen. 
Abraham hatte zwei Söhne. Das israelitische Volk (aus dem sich das Judentum entwickelte) entstammte aus Isaak, und das arabische Volk (aus dem sich der Islam entwickelte) entstammte aus Ismael. 

Das Christentum entstand aus dem Judentum und zählt deshalb auch dazu. Jesus selbst war ja Jude. Er ging mit seinen Eltern in den Tempel, er lehrte in den Synagogen und die Pharisäer und Schriftgelehrten beäugten ihn und seine Jünger oft, weil sie in ihren Augen oftmals nicht alle Gebote genau nach dem Gesetz Mose eingehalten hatten.

Hagar und die Wüste

Aber wie geht die Geschichte weiter? Hagar irrt in der Wüste umher. Sie kann nicht ertragen, ihren Sohn sterben zu sehen. Also legt sie ihn unter einen Busch und entfernt sich ein paar Meter weit. Sie fängt an zu weinen und Gott hört ihr Flehen und das Weinen des Kindes. Ein Engel erscheint und spricht: „Fürchte dich nicht!“ Auch Hagar erfährt, dass aus Ismael ein großes Volk hervorkommen soll.

Dann erscheint plötzlich ein Brunnen mit klarem Wasser und beide haben reichlich zu trinken und können somit überleben.

Im 25. Kapitel des 1. Buch Mose wird Ismael noch einmal erwähnt. Dort steht, dass er nach dem Tod Abrahams seinen Vater gemeinsam mit seinem Bruder Isaak begrub und dass er selbst 137 Jahre alt wurde. Scheinbar ein Happy End!

Danach erzählt das Buch nur mehr die Geschichten von Isaak und seinen Nachkommen, weil er ja die erbliche Linie der Hebräer beginnt und die fünf Bücher Mose ja die Tora bilden, also die Heilige Schrift im Judentum.

Unterschiede in der islamischen Erzählweise

Aber nachdem es im Bibeltext um Ismael geht, möchte ich die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel vorstellen – nämlich aus der Sicht des Islam. Die islamische Erzählweise ist sehr ähnlich wie die aus der Bibel, aber dennoch gibt es kleine Unterschiede. Und ich finde gerade das das Spannende daran.

Die islamische Tradition erzählt die Geschichte wie folgt: Abraham bekommt von Gott den Auftrag, mit Hagar und Ismael fortzuziehen. Er begleitet die beiden bis in die arabische Wüste. Also verlassen die beiden das Haus Abrahams nicht auf Geheiß von Sara, sondern weil Gott es Abraham aufgetragen hat. Er geht also mit ihnen und lässt die beiden dann in der Wüste zurück. 

Hagar läuft in ihrer Verzweiflung sieben Mal zwischen zwei Hügeln hin und her, weil sie Ausschau nach anderen Menschen halten will, die ihr und ihrem Sohn helfen könnten. Dann hört sie die Stimme eines Engels, der einen Brunnen entspringen lässt.

Die zwei Hügel befinden sich im heutigen Mekka und jedes Jahr wird bei der großen Pilgerfahrt Hadsch auch zwischen diesen Hügeln hin und her gegangen. Und der Brunnen heißt Zamzam-Brunnen und ist im Zentrum der großen Moschee in Mekka zu finden. Heute noch fließt dort Wasser und es gilt für Muslime als ein ganz besonderes Wasser.

An diesem Brunnen siedeln sich Völker an. Ismael wächst heran und viele Jahre später überkommt Abraham die Sehnsucht nach seinem Sohn und er reist wieder an den Ort, wo er Hagar und Ismael einst zurückließ. Er freut sich sehr, als er erfährt, dass sein Sohn noch lebt. Hagar ist bereits verstorben.

Dann hat Abraham dort einen Traum, in dem er Ismael für Gott opfern sollte. Wir kennen diese Geschichte mit Isaak. Sie läuft aber auch hier sehr ähnlich ab. Abraham will Gott gehorchen und ist bereit, seinen Sohn zu opfern, aber im letzten Moment sendet Gott ein Schaf, das Abraham stattdessen opfert. Auf dieses Ereignis bezieht sich das islamische Opferfest, das Muslime jedes Jahr feiern. Das größte islamische Fest im Jahr geht also auf Abraham zurück (und nicht auf Mohammed, wie man vielleicht vermuten würde).

Danach baut Abraham mit seinem Sohn Ismael ein Haus, damit Gott an einem bestimmten Ort angebetet werden kann: die Kaaba. Das ist das schwarze würfelförmige Gebäude in der Mitte der großen Moschee in Mekka. Alle Muslime weltweit beten in Richtung der Kaaba.

Was können wir daraus lernen? 

Mir ist wichtig, dass ihr versteht, dass ich euch nicht vom Islam überzeugen möchte, sondern ich möchte darüber aufklären, dass wir Christ*innen mit Muslim*innen mehr gemeinsam haben, als uns unterscheidet, und die meisten Christ*innen wissen das gar nicht.

Die Geschichten in der islamischen Tradition unterscheiden sich oft nur wenig von den alttestamentlichen Geschichten. Manche werden aber ganz anders interpretiert und geben dadurch einen besonders interessanten Blick darauf. Wie zum Beispiel auch die Geschichte von Kain und Abel: Sie wird in der islamischen Tradition sehr interessant anders erzählt. Vielleicht schreibe ich auch darüber einmal eine Predigt.

Aber kommen wir wieder auf unseren Text aus dem Alten Testament zurück. Wir müssen uns die schwierige Situation von Abraham vorstellen. Seine Frau befiehlt ihm, seinen erstgeborenen Sohn und dessen Mutter fortzujagen, und dann sagt ihm Gott auch noch, dass er tun soll, wie seine Frau es verlangt. Ich bin mir sicher, dass Abraham seinen Sohn geliebt hat, und jetzt soll er ihn in die heiße Wüste schicken und ihn womöglich nie mehr wieder sehen? 

Abraham gehorcht Gott

Und wie wir wissen, soll er später auch noch seinen zweiten Sohn Isaak opfern. Beide Male gehorcht Abraham dem Befehl Gottes. Abraham ist meiner Ansicht nach die Personifizierung des Wortes „Gottgehorsamkeit“. Abraham wäre – wie schon erwähnt – in einer patriarchalen Welt wohl nicht dem Befehl seiner Frau nachgekommen. Erst nachdem Abraham den Ruf Gottes vernommen hat, tat er, wie ihm gesagt wurde.

Abraham war schon sehr alt, und jetzt soll er beide Söhne, die ihm durch den Segen Gottes geschenkt wurden, wieder verlieren? Für mich wäre so etwas unvorstellbar. Aber vielleicht hat Abraham etwas verstanden: Und zwar, dass man einen Verlust so betrachtet, als hätte man Gott das zurückgegeben, was Er uns einst gegeben hatte, so dass wir mit Seinem Willen zufrieden sind. Vielmehr sollte man sich sagen, dass es eine Gabe Gottes war, die Er zurückgenommen hat, so dass man sich dem Willen Gottes fügt.

Gottes Gnade & Barmherzigkeit

In Psalm 86 lesen wir: „In der Not rufe ich dich an;“ (Psalm 86,7) und „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Kraft und hilf dem Sohn deiner Magd!“ (Psalm 86,16)

Was können wir heute aus diesen Texten lernen?

Als gläubige Menschen (egal welcher Religion) ist es eine der schwierigsten Aufgaben, stets auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen, egal wie groß die Not ist.

Im Austausch mit Gott

Aber Gott lässt uns nicht im Stich. Wichtig für uns zu wissen ist, dass wir stets darum bemüht sein müssen, eine Beziehung zu Gott aufzubauen und diese zu erhalten. Wir brauchen das Gespräch mit Gott – also das Gebet – und wir brauchen die Heilige Schrift, in der wir regelmäßig lesen. Oft lenkt uns der Heilige Geist zu einem Bibelvers, der uns gerade an diesem Tag direkt anspricht und uns aus der Seele spricht. Das tut gut und gibt uns Kraft.

Gott ganz und bedingungslos zu vertrauen ist extrem schwierig. Unser Verstand lässt uns in schweren Situationen Angst und Unsicherheit verspüren. Gerade in solchen Situationen müssen wir uns in Erinnerung rufen, wie Abraham gehandelt hat. Er hat Gott voll vertraut, weil er ihm versichert hat, dass er aus seinen Söhnen große Völker machen werde.

Das Versprechen von Jesus Christus stärkt

Seit dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu gehören auch wir durch die Taufe alle zum großen Volk Gottes. Der Apostel Paulus schrieb in seinem Brief an die Römer: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.“ (Röm. 11,2) Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns nicht verstoßen wird, weil wir zu seinem Volk gehören.

„Gottgehorsamkeit“ heißt für uns heute zum Glück nicht mehr, Schlacht- oder Brandopfer darzubringen, sondern ganz auf Gott zu vertrauen mit der Gewissheit, dass wir zum Volk Gottes gehören, in dem wir durch Jesus Christus alle miteinander verbunden sind.

Amen

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