Jesus weinte
Faith Impulse

Pastorin, Kinder- & Jugendwerk

Wie war Jesus in seiner Art als Mensch?
Selten bekommen wir solch intensive Einblicke in die Gefühlswelt Jesu, wie sie uns in der Passionszeit begegnen.
"Da weinte Jesus" – so drückt der Evangelist Johannes die Reaktion Jesu auf den Tod seines Freundes und die Trauer von dessen Familienmitgliedern aus. Die BasisBibel beschreibt es noch genauer: "Jesus brach in Tränen aus". Oder Luther 2017: "Jesus gingen die Augen über."
Etwas später, nach dem Einzug Jesu in Jerusalem begegnen wir einem zornigen Jesus, der vor Wut die Marktstände im Tempel verwüstet.
Was an diesen Stellen ganz deutlich ist: Jesus ist wirklich ganz Mensch. Jesus hatte nicht immer die Herrschaft über seine Reaktionen – auch aus Jesus brachen seine Emotionen in Extremsituationen heraus!
Das Weinen, das in Johannes 11,35 beschrieben wird, ist kein lautes Heulen, kein lauter Aufschrei, kein großes Gejammer.
Es ist ein stilles Weinen – mit Tränen, die sich nicht zurückhalten lassen.
Das Wort, das im griechischen Text an dieser Stelle verwendet wird, kommt im Neuen/ Zweiten Testament nur hier vor: δακρύω. An anderen Stellen wird das Weinen Jesu mit anderen (lauteren) Worten beschrieben.
Hier ist es eher die stille Verzweiflung, die sich zwischen Leben und Tod ausbreitet. Die Machtlosigkeit. Die Trauer. Das ganz intime Mitgefühl für die Menschen, die Jesus wichtig waren.
Das Weinen kennt nur den Moment. Jedes Weinen.
Das aus Verzweiflung, das aus Trauer, aus Freude, aus Erschöpfung, Wut.
Wenn wir weinen, baut unser Körper das Stresshormon Cortisol ab. Der Parasympathikus wird aktiviert und signalisiert uns, dass wir uns entspannen können. Weinen wir lange, dann beginnt unser Körper, Oxytocin und Endorphine auszuschütten – beide lindern Schmerzen und helfen dabei, wieder in Beziehung zu anderen zu treten.
Nach dem Tränenausbruch kommt die Wut in Jesus. Das Gebet, die Bitte um Gottes Hilfe. Und daraufhin die göttliche Antwort: Der Verstorbene wird auferweckt.
Die Trauer kommt abrupt zum Ende.
Das Unmögliche passiert: Gottes Barmherzigkeit ist grenzenlos! Sie überwindet selbst den Tod.
Die Tränen versiegen. Für Jesus und die Trauerfamilie wird die Trauer zur Freude. Sie erkennen: Die Traurigkeit, die Einsamkeit, der Schmerz – sie behalten bei Gott nicht das letzte Wort. Gottes Gnade schenkt neues Leben.
Auch in unseren Leidensphasen dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns sieht. Gott ist bei uns, mit uns, trägt uns, stützt uns, hilft uns. Diese liebevolle Beziehung Gottes zu uns Menschen macht unser Leben neu – auch wenn eine Situation noch so ausweglos scheint.
Das Weinen, die Trauer, die Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit – sie begleiten Jesus auf den letzten Wegen seines irdischen Lebens. Und sie begleiten auch uns in der Passionszeit und durch die Karwoche. Sie verschlingen uns aber nicht.
Wenn alle Tränen geflossen sind, sind wir leer und frei und können uns neu öffnen für das Leben, die Mitmenschen, Gott.
"Am Abend fließen die Tränen, doch am Morgen herrscht wieder Freude", erkennt schon der Psalmist (Psalm 30,6). Und die Offenbarung verspricht uns mit der diesjährigen Jahreslosung, dass der auferstandene Christus uns versichert: "Siehe, ich mache alles neu!".
Glaubensimpulse