Zwischen den Tagen

Faith Impulse

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Antje Klein

Pastorin


Eine Predigt zwischen Reformationstag und Allerheiligen und 1. Thessalonicher 2,9–13 am 01.11.2026 in der EmK Wien-Fünfhaus

1. November: Ein Tag zwischendrin

Liebe Gemeinde,

heute ist so ein Tag zwischendrin. Der Anfang vom November: Der Oktober war teilweise noch ziemlich warm und sonnig. Ich habe die Sonnenstrahlen bei Spaziergängen genossen, und einige Male war ich noch ohne Jacke draußen. In der letzten Woche war es immer mal wieder trüb. Seit der Zeitumstellung ist es hier in Wien einfach so richtig früh dunkel. Da muss man dann schon richtig zeitig am Nachmittag los, wenn man noch Sonnenstrahlen sehen will. Wenn die Sonne denn scheint. Ich fürchte mich schon ein bisschen vor dauerndem Hochnebel. Aber nun ja. Immerhin kann man dann in der Wohnung die Kerzen wieder anzünden und sich einen Tee kochen, und so weit ist der Advent ja auch nicht mehr. Dann wird es wieder ein bisschen heller. Am Ende dieses Monats beginnt er schon, der Advent!
 

Heute ist so ein Tag zwischendrin. Auch bei uns in der Gemeinde. Bei uns in der evangelisch-methodistischen Kirche. Das fällt mir als jemandem, die aus der lutherischen Kirche stammt, in diesen Tagen am Ende des Kirchenjahres besonders auf. Da ist die Tradition hier in der evangelisch-methodistischen Kirche ein bisschen anders als dort, wo ich bisher war. Allerheiligen gibt es dort nicht. In der evangelisch-methodistischen Kirche schon, ebenso wie in den katholischen Kirchen. Die ESUMC, wir haben es schon (in der Kindergeschichte) gehört, und man sieht es auch an der Gestaltung des Abendmahlstisches, feiert All Saints Day. Dabei wird auch an die Verstorbenen gedacht. Kerzen werden angezündet. Ein wichtiger, ein berührender Tag im Kirchenjahr. Für viele mit intensiven Gefühlen verbunden. Mit Traurigkeit und mit Dankbarkeit. Mit Schmerz und mit einem Lächeln, wenn man sich davon erzählt, wie es einmal war, mit dem, mit der.

In unserer Gemeinde feiern wir das Gedenken an die Verstorbenen am letzten Sonntag des Kirchenjahres, der in der lutherischen Tradition Toten- oder Ewigkeitssonntag heißt. So vermischen sich manchmal eben Traditionen. Wie auch immer, es ist wichtig, dass wir in der Kirche, in der Gemeinde, an die denken, die uns vorausgegangen sind. Dass wir die Erinnerung pflegen und so verbunden bleiben über den Tod hinaus. Dass wir uns daran erinnern, dass in Jesus Christus niemand verloren geht. Egal, ob wir dies nun an Allerheiligen oder am Ewigkeitssonntag tun.

Zwischen den Traditionen: Allein die Gnade

Heute jedenfalls ist wirklich so ein Tag dazwischen. Auch zwischen den Traditionen. Das entspricht der evangelisch-methodistischen Tradition selbst, finde ich. Die kommt ja bekanntlich aus der Kirche in England, aber steht auch in der Tradition der Reformation von Martin Luther. Für John Wesley waren die Schriften von Martin Luther wichtig. Sein berühmtes Bekehrungserlebnis hatte er, nachdem er einen Text von Luther, seine Vorrede zu seiner Vorlesung über den Römerbrief, gehört hatte. Gestern, ich habe es schon gesagt (in der Kindergeschichte), war ja mit dem 31. Oktober der Reformationstag. Am Abend vor Allerheiligen 1517 hat Martin Luther, zumindest der Legende nach, seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Geld nützt nichts für die Ewigkeit. Niemand kann sich die Liebe Gottes erkaufen. "Sola gratia – allein durch Gnade" wird der Mensch selig. Nur Gottes Gnade zählt! "Jeder wahre Christ, lebend oder tot, hat, ihm von Gott geschenkt, teil an allen Gütern Christi und der Kirche, auch ohne Ablassbriefe.", kann Luther deshalb beispielsweise sagen (These 37). Diese Gewissheit kann man nicht kaufen. Sie ist ein Geschenk. "Allein durch Gnade": Mir ist das Wort "Gnade" hier in der evangelisch-methodistischen Kirche wieder öfter begegnet. Durch die Gnadenmittel, wie sie John Wesley genannt hat, die wir gebrauchen sollen – und die auch jede und jeder gebrauchen kann: Gottesdienst feiern, Gottes Wort hören, das Abendmahl empfangen, beten, in der Schrift forschen, fasten. Wir haben ja in der letzten Fastenzeit eine ganze Reihe dazu gehabt. 

Zwischen Heiligen und (Glaubens-)Vorbildern

Nur Gottes Gnade zählt. Damit sind wir auch wieder bei Allerheiligen. Bei den Heiligen nämlich. In den evangelischen Kirchen gibt es keine Heiligen, die für einen vor Gott einzutreten hätten, vor Gott für jemanden bitten könnten, weil sie selbst so viele Schätze im Himmel angesammelt haben durch gute Werke. Was es aber auch in den evangelischen Kirchen gibt, das sind Vorbilder im Glauben. Im Glauben und im Leben, das daraus wird. Für manche ist es die Großmutter. Für andere die Lehrerin. Sie hatte immer gute Worte für einen als Kind. Für den nächsten ist es der Pastor, der seinen Weg in der Jugend geprägt hat. Oder der Nachbar, der sich einfach um die Menschen um ihn herum gekümmert hat, weil er das für selbstverständlich hielt. 

Dann gibt es auch in den evangelischen Kirchen die, die viele Generationen und eigentlich die ganze Kirche durch ihr Wirken geprägt haben und zu Vorbildern wurden: Für die evangelisch-lutherische Kirche – klar, wer zu einem Playmobil-Männchen wird! – hat Martin Luther selbst manchmal den Rang eines Heiligen. In der evangelisch-methodistischen Kirche kommt dieser Rang dann oft John Wesley zu. Und ich glaub, das schadet auch gar nichts, im Gegenteil, es ist ja gut, sich daran zu erinnern: Da waren vor mir welche, die haben viel Gutes getan und gesagt, die waren wirksam mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Ohne sie wären wir so nicht hier! Und auch wenn mir mein eigener Glaube bisweilen klein und brüchig vorkommt: Da gibt es welche, an deren Glauben kann ich mich orientieren und davon lernen. Sie sind Zeuginnen und Zeugen des Glaubens. Dabei waren ja gerade Luther und Wesley Menschen, die selbst die Brüchigkeit des Glaubens mit all seinen Zweifeln kannten. Aus evangelischer Sicht, lutherisch oder methodistisch, gilt freilich: Solche Menschen sind deshalb nicht vor Gott besser gestellt als andere. Und kritisieren darf man sie schon! Nicht alles, was sie getan oder gesagt haben, muss man einfach schlucken und hinnehmen. 

Allein (durch) die Schrift und in ihrer Mitte

Ein anderes reformatorisches Grundprinzip ist ja das „sola scriptura“, auf deutsch „allein (durch) die Schrift“. Die biblischen Schriften sind unsere Norm. Was es darüber hinaus gibt an Regeln, an Lehren, an Beschlüssen von Konzilien und Synoden oder Konferenzen, an Aussagen von einzelnen Amtspersonen, das hat nicht dieselbe Autorität. Das heißt dann aber nicht, dass man den Bibeltext nicht auch kritisch lesen darf. Sogar dann, wenn er von einem anderen Vorbild im Glauben, vom Apostel Paulus selbst geschrieben wurde. 

In dem Abschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief des Paulus, den wir vorhin gehört haben (1. Thess 2,9–13), beschreibt Paulus sich eigentlich selbst als Vorbild: „Ihr wisst doch“, schreibt er da, „Für jeden Einzelnen von euch waren wir wie ein Vater. Wir haben euch Mut gemacht und euch zugeredet. Und wir haben euch nachdrücklich aufgefordert, ein Leben zu führen, das Gott Ehre macht. Denn er hat euch in sein Reich gerufen und schenkt euch Anteil an seiner Herrlichkeit.“

Die Menschen in der Gemeinde in Thessaloniki nennt Paulus Zeugen dafür, dass er sich in diesem Sinne verhalten hat. Als ich den Abschnitt zum ersten Mal gelesen habe, kam er mir daher eher wie eine Eigenwerbung von Paulus vor: Schaut her, was ich alles gemacht habe. Und vor allem: Was ich alle richtig gemacht habe: "Zusammen mit Gott seid ihr Zeugen dafür, wie wir uns euch Glaubenden gegenüber verhalten haben: Wir waren stets gewissenhaft und gerecht, und niemand kann uns je einen Vorwurf machen." (1. Thess 2,10)

Das Paulus hier so schreibt, hat freilich einen Grund: Offenbar wurde ihm und seinen Mitarbeitern vorgeworfen, das Evangelium nur aus Eigennutz zu verkündigen. Dagegen wehrt er sich. Er sucht eben nicht nur seinen eigenen Vorteil! Das will er hier ganz deutlich sagen. 

Für meinen Geschmack geht er etwas übers Ziel hinaus. Ich kann das aus der historischen Situation heraus nachvollziehen, aber ich möchte es so nicht einfach übernehmen. "Wir waren stets gewissenhaft und gerecht" – wer kann das schon von sich behaupten? Ich kann Paulus hier und an anderen Stellen schon auch kritisch sehen. Aber ich muss mich in dieser Aussage auch selbst kritisieren lassen, wenn es nötig ist. Dass wir darüber diskutieren können, über die Schrift und ihre Bedeutung für uns, das ist für mich auch eine Frucht der Reformation. Wir haben unseren Verstand, unser Gewissen, unsere Erfahrung, andere Menschen, die ihre Ansicht dazulegen – so forschen wir in der Schrift. In einer Übersetzung, die wir verstehen. Und damit denken wir zusammen darüber nach, was die Mitte der Schrift ist, mit Martin Luther: „Was Christum treibet“. Was entspricht Christus und seinem Geist? Nicht jede Generation wird diese Frage auf dieselbe Weise beantworten. Nicht jeder Mensch. Aber wir bleiben darüber im Gespräch! 

Vom Menschenwort zum Gotteswort

Und so wird die Heilige Schrift immer wieder zum Gotteswort. Nicht weil jedes einzelne Wort darin von Gott diktiert wäre. Christus selbst ist das Wort Gottes, nicht irgendwelche Buchstaben! Die Heilige Schrift wird zum Gotteswort: Zu einem Wort, das von Gnade spricht und von der Liebe. Von der Liebe bis in die Ewigkeit. Zu einem Wort, das von Versöhnung spricht und davon, dass du gemeint bist. Zusammen mit der ganzen Schöpfung! Auch von mancher Zumutung spricht es, die daraus erwächst. Gerechtigkeit soll werden! Und wir tun etwas dazu. Aus dem Sein kommt eben auch ein Sollen. In meinem Leben habe ich immer wieder andere Worte der Bibel gehabt, die mir auf diese Weise zum Gotteswort geworden sind. Oft hat mir dabei auch das Gespräch mit anderen darüber geholfen. Oder eben tatsächlich das genaue Forschen. 

In dem Abschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief, den wir vorhin gehört haben, schreibt Paulus, dass seine Verkündigung in der Gemeinde in Thessaloniki als Gotteswort gehört wurde: "Deshalb danken wir Gott immer wieder dafür, dass ihr durch unsere Verkündigung sein Wort empfangen habt. Ihr habt sie nicht als Menschenwort angenommen, sondern als das Wort Gottes, was sie tatsächlich ist. Nun wirkt es unter euch, die ihr zum Glauben gekommen seid." (1. Thess 2,13)

Das Menschenwort des Paulus ist den Menschen damals zum Gotteswort geworden. Das kann auch heute noch geschehen: In dem, was du deinem Nachbarn, deiner Nachbarin sagst. Das gute Wort im Gespräch kann Wort Gottes werden für den, der es hört. Hoffentlich auch immer wieder das, was einer oder eine predigt. Ein Laienprediger oder ich als Pastorin. Oder eine, die Kinderstunde hält. Ein Wort, als ob Gott selbst zu einem spricht. Ein Wort, das für eine lebendig wird und sie gewiss macht: Ich bin geliebt. Ich bin Gottes Kind. Ich bin nicht allein. 

Das Gotteswort wirkt unter euch

Das Gotteswort: "Nun wirkt es unter euch, die ihr zum Glauben gekommen seid." 

Manchmal wirkt es ganz groß, und es wird eine Reformation daraus. Eine neue Kirche.

Manchmal wirkt es ganz klein und jemand geht getröstet in den Tag. Gestärkt in die neue Woche. Verändert und immer mehr zu der, als die sie Gott geschaffen hat. Heiligung. Zwischendrin. Weil wir längst geheiligt sind. Aller-Heiligen. Alle zusammen.

In Klarheit und mit Ambivalenzen

Und wer jetzt denkt: Aber! Paulus – Martin Luther – John Wesley. Alles heilige Männer? Wer dies jetzt etwas einseitig findet, der, die hat recht. Das sag ich jetzt noch, aber ich lass es für heute trotzdem dabei. Immerhin steh ich hier heute als Frau. Als Predigerin. Als ordinierte Person. Das ist in vielen reformatorischen Kirchen möglich - ich sag: Gott sei Dank. Ich sag auch: Ich finde das schriftgemäß. Aber das sagen nicht alle Christinnen und Christen auf dieser Welt, und deshalb ist das auch immer etwas, über das Kirchen im Gespräch bleiben müssen. Bei dem wir auch gefragt sind, einen Standpunkt einzunehmen. Meiner ist klar und auch der dieser Kirche, sonst stünde ich hier nicht.

So sind wir jetzt doch bei einem klaren Standpunkt gelandet. Am Anfang war es ein "dazwischen". Zwischen Reformationstag und Allerheiligen, und Halloween hat (in der Kindergeschichte) auch noch um die Ecke geschaut. 

Beides gehört zum menschlichen Leben dazu: Klarheit und Ambivalenzen. 

Beides gehört zum Glauben dazu. Ich denke, wenn Paulus sagt: "Wir waren stets gewissenhaft und gerecht", dann weiß er ganz genau, dass das vielleicht für seine konkrete Situation stimmt, für ein menschliches Leben aber eine gewagte These ist. 

Veränderung gehört dazu. Ein sich verändern. Unklarheiten. Unsicherheiten. Zweifel. Und dann Gewissheiten, die wieder werden. Stärkung, die jemand erfährt. Und in all dem ein immer heiliger Werden. Es hört halt nie auf. Genauso wenig wie das Nachdenken über die Schrift und das Forschen in ihr. 

Für mich ist das eine Hoffnung: Auch das Wirken des Wortes Gottes hört nicht auf. "Nun wirkt es unter euch, die ihr zum Glauben gekommen seid."

Amen

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