Zeit zu wachsen

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt von Pastorin Esther Handschin zu Markus 4,30-34: das Gleichnis vom Senfkorn

Bibeltext: Markus 4,30-34

Das vierte Kapitel des Markusevangeliums ist zur Hauptsache den Gleichnissen gewidmet. Um den Menschen das Reich Gottes nahezubringen und ihnen das Wesen Gottes verständlich zu machen, hat Jesus eine Reihe von Geschichten erzählt. Man nennt sie Gleichnisse, weil sie uns anhand eines vergleichenden Bildes oder einer alltäglichen Begebenheit auf Gott aufmerksam machen. Jesus hat dazu auf Situationen und Gegenstände aus der Alltagswelt der Menschen seiner Zeit zurückgegriffen. Da ist vom Säen und vom Ernten die Rede, vom Acker, vom Unkraut und vom Senfkorn. Wir hören vom Sauerteig und verlorenen Münzen, von Schafen und von Fischen, die ins Netz gehen. Mit den Gleichnissen hat Jesus so gesprochen, dass ihn die Menschen seiner Zeit verstanden haben.

Für Menschen, die in einer Stadt groß werden, sind die vielen landwirtschaftlichen Bilder aus den Gleichnissen nicht so leicht zu verstehen. Ihnen sagt Säen und Ernten, Unkraut und Jäten, die Aufsicht über Schafe oder das Kneten von Brotteig nicht mehr viel. Es braucht Übersetzungsarbeit. Es müsste schon eher heißen: Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie mit einer Gruppe von Menschen, die auf Whats App miteinander in Verbindung sind … oder: Das Reich Gottes ist wie wenn du auf Facebook zu einer Party einlädst. Du lädst wenige ein und plötzlich kommen ganz viele.

So modern unsere Welt daherkommt, sobald bei uns der Strom ausfällt, sieht die Welt anders aus. Dann werden wir wieder lernen, dass man ein Licht besser an einen erhöhten Ort stellt als es unter einem Eimer zu platzieren, damit es hell wird im Haus. Das große Blackout, bei dem alle Lichter ausgehen und das viele schon befürchten, ist noch nicht eingetroffen. Aber die Pandemie hat uns inzwischen eine Idee davon gegeben, dass auch etwas ganz kleines wie ein Virus, eine große Wirkung entfalten und unser Leben auf den Kopf stellen kann.

Bilder statt Anleitungen

Die Gleichnisse Jesu erzählen nicht nur in ganz elementaren Bildern von Gott, sie sind auch noch in einer anderen Hinsicht hilfreich. Wir leben in einer Welt, wo wir daraufhin trainiert, wenn nicht schon gedrillt werden, Befehle zu empfangen und Bedingungen zu erfüllen. Wenn du die Matura schaffen willst, dann musst du lernen und gute Noten schreiben. Wenn du deinen Fernseher oder ein Haushaltsgerät in Betrieb nehmen willst, dann gibt es dafür eine Bedienungsanleitung, wo drin steht, welcher Knopf zu drücken ist. Wenn du einen Elefanten aus Papier falten oder eine Bombe basteln möchtest, dann findest du im Internet bestimmt dazu eine Anleitung. Wir leben von und mit Befehlen, Anweisungen und Anleitungen. Das führt dazu, dass wir auch in den Bereichen nach Anleitungen suchen und Befehle erwarten, wo wir besser unserer Intuition und unserem Herzen folgen: Wie geht trösten? Wie sieht es im Himmel aus? Wie kann ich mich von Herzen mitfreuen? Dazu gibt es noch keine Anleitungen im Internet. Und auch die Frage nach Gott und was Glaube bedeutet, lässt sich nicht anhand einer Bedienungsanleitung lernen.

Die Gleichnisse Jesu sind keine Wegbeschreibungen für den Weg ins Himmelreich und keine Gebrauchsanweisungen für ein besseres Leben. Die Gleichnisse Jesu zeichnen vor unseren Augen vielmehr ein Bild, das uns anregt die Welt Gottes in den Bildern unserer Welt zu entdecken. Sie regen unsere Fantasie an und laden uns dazu ein, weiter zu träumen und unsere eigenen Bilder zu entwickeln, wenn es um das geht, was wir von Gott und seinem Wirken erwarten. Eines dieser Bilder ist das Bild vom Senfkorn.

So einiges mag nicht ganz stimmen mit diesem Bild. Zumindest die Senfkörner, die ich kenne, gehören nicht zu den kleinsten Samenkörnern, die es auf Erden gibt. Ich habe schon kleinere gesehen und gegessen. Die Samenkörner einer Erdbeere bleiben leichter zwischen meinen Zahnlücken stecken als ein Senfkorn. Der Senf ist auch eher eine Krautpflanze und wächst weniger bis zur Staude oder gar zum Baum, wie es im Matthäus- und im Lukasevangelium heißt. Wenn Vögel im Schatten einer Senfpflanze wohnen sollen, dann müssten es eher Bodenbrüter als Vögel sein, die Nester in Zweigen bauen. Das Entscheidende beim Gleichnis vom Senfkorn sind also weniger die nackten Tatsachen als der Vergleich, der gezogen wird: Aus etwas Kleinem und Unscheinbarem kann etwas Großes und Ansehnliches werden. Und ebenso wichtig ist die Art und Weise, wie es geschieht: Wenn das Kleine kontinuierlich wächst, dann ist es letztlich auch eines Tages groß.

Wachstum überall

Jetzt, in der Zeit des Frühsommers, kann man es wieder erleben, was es heißt, wenn Pflanzen wachsen. Das Gras schießt in die Höhe, kaum ist eine Kälteperiode vorbei. Auf einmal blühen die Rosen auf, sodass man es bald übersehen hätte. Es wachsen nicht nur die Tomaten und Bohnen. Es wächst auch das Unkraut. Am letzten Wochenende war ich seit langem wieder einmal mit dem Zug unterwegs und habe nur so gestaunt, wie hoch der Weizen schon steht. Bald fängt er an sich gelb zu verfärben.

Manches Wachstum erkennen wir leichter, wenn wir es in größeren Abständen sehen. Bekommt man die Enkelkinder nicht jeden Tag, sondern alle paar Monate zu Gesicht, so kann man nur staunen, wie viel sie schon wieder gewachsen sind oder was sie alles schon wieder können.

Wachsen in Gottes Reich

Was sagt uns das Senfkorn über das Reich Gottes oder darüber, wie Gott seine Herrschaft ausübt? Das Wort „Reich“ oder „Königtum“ oder „Herrschaft“ gibt uns einen Begriff aus der politischen Welt vor. Da ist jemand der das Heft in der Hand hält und die Geschäfte führt. Zu Zeiten als es noch Könige gab, hat ein Herrscher die Macht übernommen, wenn sein Vorgänger verstorben ist oder abgedankt hat. Der Machtwechsel kam mit einem Schlag. Auch in einer Demokratie kann es plötzlich vorbei sein mit der Macht, wenn eine Partei nicht mehr gewählt wird. Es gewinnt jeweils derjenige, der die meisten Stimmen hat. Es gehört zur Herrschaft dieser Welt, dass sie dem Größten oder dem Mächtigsten gehört, jedenfalls dem, der sich am besten durchsetzen kann oder das meiste Geld aufbringen und sich die beste Werbung leisten kann.

Mit dem Reich Gottes aber ist es anders. Es ist einem Senfkorn gleich. Ein Senfkorn wird nicht über Nacht zu einer Staude. Es veranstaltet keine Revolution. Es putscht sich nicht an die Macht. Das Senfkorn braucht seine Zeit, bis aus dem kleinen Ding, das in der Erde verborgen liegt, etwas geworden ist, von dem man erkennen kann, was es ist. Am Anfang nimmt man gar nicht richtig wahr, dass da etwas wächst. Und manchmal verwechselt man so ein kleines Pflänzchen und hält es für etwas anderes. Doch dann wächst es heran. Oft so, dass man dieses Wachstum gar nicht richtig wahrnimmt. Aber das Senfkorn lässt es sich nicht nehmen zu dem zu werden, was in ihm angelegt ist.

Wie Gott wirkt in dieser Welt

Dieses Bild zeigt uns, wer Gott ist und wie er in dieser Welt wirkt. Das Kleine und Unscheinbare ist bei ihm geachtet. Das, was man gerne übersieht, was einem so zwischen den Fingern durchrutscht, geht bei ihm nicht verloren. Ist das nicht eine wunderbare Zusage! Es macht Mut, das Kleine und Unscheinbare zu achten: ein einfaches Gebet, das mehr gestammelt ist als mit großen Worten daherkommt; eine kleine Gabe, aber eine, die von Herzen kommt, auf ihr liegt der Segen Gottes; ein freundliches Lächeln, ein Zunicken und Ermuntern, auch das ist genauso wertgeschätzt wie die große Umarmung oder die eindrucksvolle Begrüßungsrede.

Das Bild vom Senfkorn weist uns noch auf etwas anderes hin: Gott wirkt nicht nur im Kleinen. Wo er am Werk ist, da geht es nicht immer in großen Sprüngen und Revolutionen. Es ist vielleicht mehr das kontinuierliche Dranbleiben, nicht locker lassen, es immer wieder versuchen, auch wenn ich weiß, dass das Resultat vorerst nicht großartig ausschaut. Das entspricht dem Wirken Gottes. Und plötzlich bin ich überrascht, dass aus dieser Kontinuität, aus dem Dranbleiben, doch etwas Beachtliches gewachsen ist, das sich sehen lassen kann. Und die, die lange dabei waren, haben es gar nicht bemerkt, weil es so langsam vor sich gegangen ist. Erst im rückblickenden Vergleich sieht man, wie bescheiden die Anfänge waren, die man hinter sich gelassen hat.

Das Wachstum in mir

Ich möchte das Wachstum des Senfkorns nicht nur als Beispiel dafür betrachten, wie Gott in dieser Welt wirkt. Kann es nicht auch ein Beispiel dafür sein, was in unserem Inneren, mit unserem Glauben geschieht? Geben wir es zu, manche unserer Glaubensanfänge sind bescheiden. Manchmal wissen wir nicht, wie wir beten sollen. Wir seufzen einfach. Unser Vertrauen ist oft schwach und wir bezweifeln viel. Sich zu bemühen, auf andere Menschen zuzugehen, scheitert gelegentlich am Zeitbudget oder am Mangel an Kräften. Den Nächsten zu lieben, das gelingt uns nicht immer. Aber wir bleiben dran, wir lassen nicht locker, wir bitten Gott darum, dass er uns Kraft und Weisheit schenkt. Und nach einiger Zeit schauen wir uns um, versuchen uns an die Anfänge zu erinnern und da bemerken wir: Aber hallo, da hat sich ja etwas bei mir verändert! Ich bin gelassener geworden im Umgang mit Menschen, die mich sonst nerven. Ich tappe nicht mehr in jedes Fettnäpfchen, sondern nur noch in jedes zweite. Mein Vertrauen ist gewachsen, ohne dass ich es bemerkt habe. Aber andere haben mich daraufhin angesprochen und mich darauf hingewiesen.

Das Senfkorn erzählt uns zwei Dinge über das Reich Gottes: Auch aus etwas Kleinem kann etwas Großes werden. In Gottes Welt haben die Maßstäbe andere Längen und Maße als in unserer Welt. Die Jesus-Bewegung und die daraus hervorgegangene Kirche ist das beste Beispiel dafür. Es hat begonnen mit zwölf Jüngern, die sich haben senden lassen und mit einer Hand voll Frauen, die daran festgehalten haben, dass Jesus auferstanden ist. Und das andere: Das Wachsen im Glauben und das Wachsen des Reiches Gottes, sie geschehen selten plötzlich und über Nacht. Es geht vielmehr kontinuierlich voran, indem man dranbleibt mit Zuversicht und Beständigkeit, indem man sich nicht beirren lässt und nach den großen Zahlen schielt, sondern treu bleibt im Kleinen und Geringen und treu bleibt bei den Kleinen und Geringen. Amen.

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