Skateboards und Geschwisterliebe
Faith Impulse

Pastor, Kinder- und Jugendwerk

Liebe Geschwister,
ich erzähle euch heute von Julie. Julie liebt es, Skateboard zu fahren. Seit sie zum ersten Mal jemanden mit Skateboard gesehen hat – und welche Tricks dieser Jugendliche mit diesem Brett mit Rollen machen konnte – wusste Julie: „Das will ich auch können.“
Damals war sie noch ein Kind. Jetzt ist sie schon 20 Jahre alt.
Julie hat viel geübt. Sie hat jede freie Minute genutzt, um auf dem Skateboard zu stehen. Sie hat Schürfwunden und Knochenbrüche in Kauf genommen. Und Julie ist mittlerweile richtig gut. Bei der letzten Staatsmeisterschaft hat sie die Silber-Medaille erkämpft. Beim nächsten Mal, hofft sie, Gold zu holen.
Im 1. Petrus-Brief haben wir gehört:
Ihr wisst ja:
Ihr seid freigekauft worden von dem sinnlosen Leben,
wie es eure Vorfahren geführt haben.
Das ist nicht geschehen durch vergängliche Dinge
wie Silber oder Gold.
Julie freut sich über Silber und Gold. Sie freut sich, wenn sie bei Meisterschaften Erfolg hat. Sie ist froh, dass sie einen Sponsor hat, der es ihr ermöglicht, ihren Lieblingssport semi-professionell auszuüben.
Aber Silber und Gold sind nicht der Grund, warum sie so viel Zeit und Schweiß investiert hat. Die Gründe, warum Skaten jetzt schon seit vielen Jahren einen so großen Teil in Julies Leben einnimmt, sind andere:
Was Julie – neben einer Liebe zum Skateboard, die sie selbst nicht ganz versteht und erklären kann – am meisten mag am Skaten: Es bringt ihr Freiheit und Zugehörigkeit.
Freiheit
Es ist ein unglaubliches Freiheitsgefühl, wenn Julie aus verschiedenen Elementen ihre eigenen Tricks und Combos bastelt.
Es fühlt sich frei an, wenn sie Tricks macht und dabei nicht einmal genau nachdenken muss: Ihre Füße verlagern wie von selbst das Gewicht. Ihr ganzer Körper weiß, was er zu tun hat. Der Rist zieht am Griptape das Skateboard hoch – und schon springt Julie mit dem sich um die Längs- und Querachse drehenden Brett in die Luft – landet wieder sanft auf dem Board und rollt fast schwerelos weiter.
Es fühlt sich frei an, in andere Städte und Länder zu fahren; an Treffen und Meisterschaften teilzunehmen; Skateparks mitzueröffnen; ganz verschiedene Menschen kennen zu lernen, die eines gemeinsam haben: Ihre Liebe zum Skateboard.
Zugehörigkeit
Und damit sind wir bei der anderen Erfahrung: Zugehörigkeit. Julie hat viel Zeit beim Skatepark in der Nähe ihrer Wohnung verbracht. Sie hat andere Skateboard-Begeisterte kennen gelernt. Von vielen hat sie etwas gelernt. Einige sind Freund*innen geworden.
Wenn Julie zu Skateboard-Events fährt, trifft sie lauter Bekannte wieder. Es fühlt sich gut an, dazuzugehören. Und es fühlt sich gut an, dass es nie eine Diskussion gab, ob sie dazugehört: „Du liebst Skateboard, also gehörst du dazu.“ So einfach war das damals.
Wir hören wieder Worte aus dem 1. Petrus-Brief:
Ihr betet doch zu Gott als eurem Vater.
Er beurteilt jeden nach seinem Tun,
ohne Ansehen der Person.
Führt deshalb ein Leben in Ehrfurcht vor Gott,
solange ihr noch hier in der Fremde seid.
Liebe Geschwister,
Ende des 1. und Anfang des 2. Jahrhunderts hatten es Christ*innen im römischen Reich teilweise nicht leicht. Viele wurden diskriminiert oder sogar verfolgt. Im 1. Petrus-Brief hören wir daher vom Grundgefühl: Ich bin fremd in dieser Welt. Aber ich lebe dennoch in dieser Welt. Also ist das auch eine Chance, eine Haltung, die aus meinem christlichen Glauben kommt, auszuleben.
fremd & Felix
Bei Julie ist das etwas anders. Julie gehört zur Szene – keine Frage. Aber trotzdem fühlt Julie sich manchmal auch irgendwie fremd. Denn in der Szene sind manche Dinge nicht in Ordnung. Das ist Julie zum ersten Mal bei Felix klar geworden.
Felix ist zwei Jahre älter als Julie und hat ihr besonders viel beigebracht. Er war jeden Tag am Skatepark. Auch, weil es bei ihm zu Hause nicht viel gab, wofür es sich lohnte, zu Hause zu sein.
„Musst du nicht heim?“ fragte Julie ihn einmal am Abend. „Schlecht behandeln lassen kann ich mich anderswo auch,“ antwortete Felix mit einem bissigen Lächeln.
Felix war es, der Julie damals ermutigte, als sie zum ersten Mal überlegt hat, an einem Wettbewerb teilzunehmen.
Julie mag Felix. Sie findet es gut, dass er den Jüngeren immer Tricks zeigt. Sie mag auch seinen bissigen Humor.
Anfangs war Julie immer recht verständnisvoll mit Felix. Sie wusste ja, wie schwer er es daheim hatte. Darum hat sie einfach darüber hinweggehört, wenn er mit seinen Freunden sexistische Sprüche geklopft hat.
Aber gut findet sie das natürlich nicht. Und Julie hat Immer wieder schlechte Erfahrungen mit anderen Skatern gemacht. Natürlich gibt es auch total viele ganz nette Burschen in der Szene. Aber dass sie sich im Laufe der Zeit als Frau schon so viel Scheiße anhören musste, nervt sie. Und dass oft niemand etwas dagegen sagt, wenn jemand einen blöden Spruch macht, nervt sie auch.
Andere Heimat
Julie ist nicht nur in der Skateboard-Szene beheimatet. Es gibt da noch eine Gruppe, in der sie sich wie zu Hause fühlt: Ihre Kirchengemeinde.
Da ist sie sogar noch länger daheim, als in der Skateboard-Szene. Denn sie wurde als Baby getauft und ist in der Gemeinde aufgewachsen.
Auch hier nicht alles OK
Auch hier kennt Julie fast alle. Auch hier gibt es Menschen, die manchmal bissl übergriffig sind. So wie Frau Singschräg zum Beispiel. Die hatte Julie jeden Sonntag zu verstehen gegeben, dass sie mit der Art, wie Julie ihre Baggy Jeans trägt, nicht einverstanden ist: „Nicht sehr schicklich, für eine junge Dame“, hat sie immer gemeint.
Anfangs dachte Julie nur: „Okay, Boomer.“ Dann hatte sie manchmal sogar einen frechen Kommentar parat: „So schick wie Sie, Frau Singschräg, wollte ich eh nie sein.“
Aber Frau Singschräg ließ sich nicht beirren und irgendwann wurde es Julie zu viel. Sie hat mit ihrer Pastorin darüber geredet. Und die hat ein klärendes Gespräch mit Frau Singschräg geführt. Die kam dann am nächsten Sonntag bissl geknickt und zerknirscht zu ihr und hat sich entschuldigt.
Und dann hat sie noch gesagt: „Danke, dass du etwas gesagt hast. Als ich jung war, haben mir alle andauernd gesagt, was ich tun und lassen soll. Das hat mich ziemlich gestört. Aber ich wusste nicht, wie ich das ansprechen soll … es waren andere Zeiten damals. Aber eigentlich habe ich mir geschworen, nie so zu werden, wie die Alten damals. Und das will ich immer noch nicht. Dank dir, denke ich jetzt wieder daran und bemühe mich, diese blöden Bewertungen bleiben zu lassen.“
Noch einmal Worte aus dem 1. Petrus-Brief:
Durch Christus glaubt ihr an Gott,
der ihn von den Toten auferweckt
und ihm Herrlichkeit verliehen hat.
Deshalb könnt ihr nun
euren Glauben und eure Hoffnung auf Gott richten.Indem ihr der Wahrheit gehorsam gefolgt seid,
habt ihr euch im Innersten gereinigt.Dadurch seid ihr fähig geworden,
eure Brüder und Schwestern aufrichtig zu lieben.
Geschwisterliche Liebe
Julie weiß: Für Gott bin ich mehr Wert, als alles Silber und Gold. Und ich muss mich nicht verbiegen, um irgendwo dazuzugehören.
Julie spürt: Es ist gut, dass ich die Gemeinde habe. Die Menschen hier versuchen alle von Jesus zu lernen.
Einige aus der Gemeinde sind für Julie zu Vorbildern geworden.
Und in der Skateboard Szene ist Julie mittlerweile ein Vorbild für einige jüngere Fahrerinnen. Das freut sie auch.
Erfunden, aber wahr
Liebe Geschwister, wahrscheinlich kennt auch ihr das Gefühl, irgendwo fremd zu sein; und hoffentlich kennt ihr auch das Gefühl, zu Hause zu sein!
Diese Julie, von der ich heute erzählt habe, gibt es nicht wirklich. Aber ihre Geschichte ist auch nicht frei erfunden. In ihr stecken Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe; oder Menschen, um mich herum.
Die Geschichte soll nicht dazu verleiten, es sich einfach zu machen und zu sagen: Gute Kirche, Böse Welt. Das wäre zu einfach. Und es wäre nicht fair gegenüber Menschen, die negative Erfahrung, z.B. von Diskriminierung, gerade in der Kirche gemacht haben.
Es wäre auch unfair gegenüber Menschen, die keine Christ*innen sind, aber sehr wohl einen hohen moralischen Anspruch in ihrem Leben umsetzen.
Aber ich selbst habe es so erlebt: In meiner Gemeinde und meiner Kirche war ich immer voll angenommen. Und in dieser Gemeinschaft habe ich auch gelernt: Bei Gott bin ich sowieso viel mehr wert als alles Silber und Gold dieser Welt.
Das hat mir Freiheit und Zugehörigkeit gegeben. Und ich meine, das ist etwas, das wir Menschen alle brauchen.
Und darum schließe ich mit Worten aus dem 1. Petrus-Brief:
Hört also nicht auf,
einander aus reinem Herzen zu lieben.

10 Jugendliche kamen von 17. bis 19. April in Graz zusammen, um einander „kühn zu lieben“.
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