Die Himmelsleiter: Ein Traum von Gerechtigkeit
Faith Impulse

Spricht Gott im Traum?
Liebe Schwestern und Brüder!
Träume sind Schäume! So sagt ein wohl bekanntes Sprichwort. Aber ist das wahr? Sind wirklich alle Träume Schäume? Ich denke nicht. Manchmal bekommen wir in unseren Träumen Antwort auf unsere Fragen. Manchmal werden wir in unsren Träumen gewarnt oder ermutigt, etwas zu tun oder zu lassen.
Zu einer Zeit, als ich eine neue Kirche gesucht habe, habe ich viel gebetet, dass Gott mich zu der Kirche führt, wo ich hingehöre. Eines Nachts habe ich ganz fest geschlafen, und dann habe ich geträumt, dass ein Mann mir gesagt hat: Du gehst zu den Methodisten oder zu den Lutheranern. In dieser Sekunde war ich munter, mit ein bisschen Herzrasen, denn ich hatte den Eindruck, es war jemand in meinem Zimmer. Sicher war niemand da, nur mein Mann hat friedlich neben mir geschlafen. Ich habe mich auch umgedreht und weiter geschlafen. Am nächsten Morgen waren die Worte des Mannes in meinem Traum immer noch in meinem Kopf. Da war es mir klar, der Traum von dem Mann, das war die Antwort Gottes auf meine Frage nach einer Kirche. Aber ich war nicht zufrieden mit der Antwort, schließlich wollte ich nicht zwischen Methodisten und Lutheraner experimentieren, und Gott sollte ein bisschen präziser sein. Das war er auch. Deshalb bin ich jetzt hier.
Aber das geschieht nicht nur mit mir. Ich denke, jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen, wie Gott mit ihm spricht.
Gott spricht mit Jakob im Traum
Und so geschah es mit Jakob.
Die Bibel erzählt uns von Jakobs Flucht und von dem Traum, wo Gott ihm Land, Nachkommen und Schutz verheißt.
10Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
18Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.
Jakobs Traum hat eine (Vor-)Geschichte
Hier müssen wir eine kleine Pause machen und schauen, was vorher geschah: Warum ist Jakob auf der Flucht?
Damals beinhaltete die Erbschaft alles, wirklich alles: Der Erstgeborene war beim Tod des Vaters der Nachfolger als Chef der Familie und der ganzen Sippe vorgesehen. Er hat alles geerbt, was dem Vater gehörte: Land, Vieh, Wasserbrunnen, und so weiter, und so weiter, und schließlich bekam er auch den väterlichen Segen – und der war das wichtigste.
Der Vater Jakobs heißt Isaak und der Bruder Esau. Esau war der Erstgeborene und somit der Erbe Isaaks.
Jakob hat noch am Vortag seinen Vater und seinen Bruder betrogen, und zwar in ganz unverschämter Weise.
Als der Vater Isaak im Sterben lag, wollte er noch einmal gut essen. Er schickte Esau los, dass er ein Stück Wild jagt, um es ihm dann zuzubereiten. Dann will Isaak Esau segnen und ihm die Erbschaft übergeben. Aber während der große Bruder auf der Jagd war, schlich sich Jakob, der dem Plan seiner Mutter folgte, zum Vater, und tat, als wäre er der Bruder. Er verstellte die Stimme, brachte dem Vater ein Böcklein aus seiner Herde, Isaak aß und segnete irrtümlicherweise Jakob.
Was dann geschah, als Esau von der Jagd zurückkam, kann man sich denken: Die Wut des Betrogenen kannte keine Grenzen. Er wollte den jüngeren Bruder töten. Jakob musste fliehen.
Unterwegs zu seinem Onkel Laban, wo er warten soll, bis der Zorn von Esau verraucht ist, kommt er an einen Ort, wo er sich hinlegt, und hat einen Traum. Jakob träumt von einer Leiter, die Himmel und Erde verbindet, die Engel steigen daran auf und nieder, und Gott selber steht oben darauf und spricht zu Jakob.
Jakob gibt diesen Ort den Namen Bethel – auf hebräisch: Beit – Haus / El – Gott. Bethel: Gottes Haus.
Die Himmelsleiter
Meine ersten Gedanken, als ich diesen Text gelesen habe, war der Turm zu Babel. Aber zwischen dem Turm zu Babel und der Himmelsleiter gibt einen gravierenden Unterschied:
Beim Turm zu Babel haben die Menschen gedacht, sie könnten einen Weg zum Himmel bauen. Solche Versuche, die ihren Ursprung bei den Menschen haben, scheitern und enden letztlich in Verwirrung und Widerspruch.
Die Himmelsleiter in Jakobs Traum veranschaulicht die Offenbarung Gottes. Nur Gott kann uns den Weg zu ihm zeigen.
Im Fall von der Himmelsleiter gibt es keine Verwirrung. Ganz umgekehrt: Gott spricht zu Jakob. – Klar und deutlich!
Erstens stellt er sich vor: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott“. Bei dieser Vorstellung erinnert Gott Jakob, was er für seine Vorfahren gemacht hat und lädt Jakob ein, ihren Fußstapfen zu folgen.
Zweitens: Gott wiederholt für Jakob die Verheißungen, die seinen Vätern Abraham und Isaak gemacht hat: „das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden.“ Land und Nachkommen, zu damaliger Zeit, die Säule der Existenz. Das Land garantiert den materiellen Lebensunterhalt. Die Nachkommen garantieren die Kontinuität. Der Mensch lebt weiter durch seine Nachkommen. Die Lehre von Auferstehung und ewigem Leben war noch nicht präsent in der Religiosität der Patriarchen.
Drittens: Gott verspricht eine Art Segen Urbi et Orbi: „durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden". Nicht nur Jakob und seine Nachkommen sollen gesegnet sein. Durch sie soll der Segen ausgebreitet werden und alle Völker erreichen. Hier haben wir eine Mischung zwischen Nationalismus (dich und deine Nachkommen) und Universalismus (alle Geschlechter auf Erden). Die Israeliten haben den Segen nicht nur exklusiv für sich allein. Durch Gott wuchs und gedieh das Volk Israel. Die Israeliten müssen sich bemühen, damit der Segen alle Völker erreicht. Sie haben eine Verantwortung den anderen Völkern gegenüber.
Viertens (und hier ändert sich ein bisschen die Verheißung Gottes für Abraham und Isaak und die für Jakob): Persönliche Begleitung und Schutz: „und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ Jakobs Zukunft war noch sehr unsicher, und er war allein unterwegs zu seinem Onkel Laban, aber Gott war bei ihm. Gott will ihn beschützen.
Gottes Gerechtigkeit: Ein Traum, der wahr ist und immer noch wird
Nicht nur der Betrüger Jakob hat Gottes Schutz und Hilfe verdient. In der Bibel finden wir andere Fälle, zum Beispiel: Bevor die ungehorsamen Adam und Eva den Garten Eden verlassen haben, hat Gott Röcke von Fellen für sie gemacht (1. Mose 3,21) und an dem Mörder Kain machte Gott ein Zeichen, damit niemand, der ihn findet, ihn erschlägt. (1. Mose 4,15)
Jakob ist ein Betrüger und Gott verheißt ihm alles, was man sich nur wünschen kann. Ich hatte immer Schwierigkeit mit dieser Geschichte und ich wollte partout nicht akzeptieren, dass ein Betrüger noch von Gott gesegnet wird. Wird hier nicht die List belohnt? Ja, dieser Jakob ist ein Lügner und Betrüger. Eigentlich gebührt ihm, dass er ordentlich bestraft wird. So habe ich lange, lange Zeit gedacht. So würden es die Meisten von uns erwarten. So würde es unserer Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit entsprechen.
Unsere Vorstellung von Gerechtigkeit möchte den Regelbrecher verurteilt sehen. Und hier meine ich nicht nur den Verbrecher in strafrechtlichem Sinn. Ich meine eigentlich alle, die eine Regel brechen. Wer eine Regel bricht, der muss bestraft werden. Der Zusammenhang zwischen Regel brechen und Bestrafung ist in uns tief verankert und entspricht unserem Sinn für Gerechtigkeit.
Aber die Gerechtigkeit Gottes funktioniert anders. Gottes Gerechtigkeit wird nicht Genüge getan in der Bestrafung des Verbrechers. Sondern Gott will viel mehr. Gott will den Verbrecher, das heißt, den Sünder, der sich von ihm entfernt hat, wieder zu ihm zurückholen. Gott handelt diesbezüglich wie ein Schäfer, der das verlorene Schaf wieder in seine Herde integrieren will, oder wie ein Vater, eine Mutter, der das verlorene Kind wieder in die Familie aufnimmt. Die Gerechtigkeit Gottes ist mit Vergebung und Wiederaufnahme in seine Gemeinschaft verbunden.
Unsere Gerechtigkeit will Bestrafung sehen. Gottes Gerechtigkeit sät Vergebung, um Umkehr zu ernten.
Unser Gott ist ein Gott der Liebe. Sein Segen, seine Gerechtigkeit, sein Erbarmen und Hilfe zu uns Menschen ist nicht davon abhängig, ob wir sie verdient haben.
Es ist fast unbegreiflich, dass Gott nicht fern ist, wenn wir Schuld auf uns geladen haben oder wenn wir uns in Schwierigkeiten begeben haben, so wie Jakob und viele andere Menschen in der Bibel. Ganz besonderes in diesen Situationen ist Gott uns ausgesprochen nah. Die Himmelsleiter ist ein Zeichen dafür. Die Leiter zeigt: Himmel und Erde, Menschenalltag und Gottes Pläne sind nicht unüberbrückbar getrennt, sondern Gott schenkt eine nicht abreißende Verbindung dazwischen.
Sie ist die Verbindung zwischen Gott und Jakob. Die Engel bringen das Wort und den Segen des lebendigen Gottes zu Jakob herab und nehmen seine Sehnsüchte, Wünsche und Gebet hinauf. Und so wie es mit Jakob geschieht, geschieht auch mit jedem von uns. Keine Schwierigkeit, keine Schuld kann uns aus Gottes Hand reißen. Nichts kann uns von Gottes Liebe und Barmherzigkeit trennen, seine Liebe und Gerechtigkeit werden uns immer wieder heim zu ihm führen.
Amen
