Vom Geist der Wahrheit

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Johannes 14,15-21 und 25-26

Die Zeit im Dazwischen

Mit Blick auf das Kirchenjahr stehen wir in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Wir haben auf Geschichten gehört, wo Menschen, die Jesus nachgefolgt sind, in dieser Zeit dem Auferstandenen begegnet sind. Sie haben neuen Mut gefasst, weiter in der Nachfolge zu bleiben.

Aber dann galt es, Abschied zu nehmen. So erzählt es uns die Geschichte von Christi Himmelfahrt, der nächste Feiertag, der am kommenden Donnerstag vor uns liegt. Wir feiern an diesem 40. Tag nach Ostern, dass Jesus endgültig zu seinem himmlischen Vater zurückkehrt. Aber was kommt dann?

Das Pfingstfest und damit der Beginn des Wirkens von Gottes Geist unter denen, die Jesus nachfolgen, steht noch aus. Der Geist ist noch nicht da. Die Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten, das sind Tage der Abwesenheit, Tage des Dazwischens, Tage von „noch nicht da“, aber „dann schon“.

Die Verheißung von Gottes Geist

Noch nicht da, aber später dann schon: Das können wir nur sagen, weil es eine Zusage dafür gibt. Im Johannesevangelium verheißt Jesus in seiner Abschiedsrede den zurückbleibenden Jüngern, dass der Geist kommen wird. Jesus wird seinen himmlischen Vater darum bitten, dass der Geist der Wahrheit bei denen sein wird, die ihn kennen.

Allerdings steht da noch etwas über diesen Geist, das befremdet: „Das ist der Geist der Wahrheit. Diese Welt kann ihn nicht empfangen, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“ (V17)

Hier wird ein Unterschied gemacht. Es gibt Insider, Eingeweihte, Wissende, die den Geist kennen. Und es gibt die anderen, die Welt, die keinen Zugang zu diesem Geist findet. Das wirft bei mir die Frage auf, ob es Gottes Geist und damit Gottes Heil nur für bestimmte Menschen gibt. Dazu später noch ein Gedanke, folgen wir aber zunächst einmal der Spur des Geistes. Was hat es mit diesem Geist auf sich?

Der Geist weht, wo er will

Wenn vom Geist Gottes in der Bibel die Rede ist, dann wird sein Wirken sehr unterschiedlich beschrieben. In der Pfingstgeschichte wird er uns wie ein mächtiges Brausen oder wie Feuer beschrieben. An anderer Stelle wird uns der Geist als eine verbindende Kraft oder eine sanfte Berührung beschrieben.

Der Geist ist nicht leicht in den Griff zu bekommen oder an einem bestimmten Ort zu lokalisieren. Darum heißt es im Johannesevangelium in Kapitel 3 über den Geist: „Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Johannes 3,8) Was sollen wir also von diesem Geist halten?

Paraklet – den  man zur Hilfe herbeiruft

In unserem heutigen Textabschnitt aus dem Johannesevangeliums wird ein Wort für den Geist gebraucht, das eine große Bedeutungsvielfalt an den Tag legt. Ich nenne erst mal den griechischen Begriff dafür: „Paraklet“. Das bedeutet soviel wie „einer, den man zur Hilfe herbeiruft“.

Nun kann man das auf verschiedene Bereiche anwenden. Wenn ich in einem Rechtsstreit einen brauche, der mir hilft, dann ist das ein Anwalt. Er vertritt mein Anliegen als mein Verteidiger vor dem Gericht und legt ein gutes Wort für mich ein.

Wenn ich jemanden brauche, der mir in sozialen Belangen hilft, so ist das eine Fürsprecherin, eine die für mich spricht oder für mich Dinge erledigt und notfalls für mich Partei ergreift. Was früher die Sachwalterin war, das nennt man heute „Erwachsenenvertretung“.

Wenn ich jemanden brauche, der mir beim Lernen hilft, dann profitiere ich von einem guten Nachhilfelehrer, einer guten Nachhilfelehrerin. Das ist jemand, der mir die Dinge so erklären kann, dass ich sie auch verstehe.

Und wenn ich im zwischenmenschlichen Bereich jemanden brauche, der mir hilft, etwas zu verstehen oder mich selbst in meiner Hilflosigkeit anzunehmen, dann finde ich auch einen Trost bei ihm oder ihr.

Diese unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten für einen, den man zur Hilfe herbeiruft, das finden wir in den verschiedenen Übersetzungsvarianten für das Wort „Paraklet“. Die Lutherbibel übersetzt mit „Tröster“, die Basisbibel übersetzt mit „Beistand“, die in der Schweiz geläufige Zürcherbibel übersetzt mit „Fürsprecher“.

Der Geist als Ermahner

Eine weitere Bedeutung von „Paraklet“ kann ich am besten mit einem Einblick in die methodistische Tradition erklären. Es geht um die Bedeutung „ermahnen“. Das klingt zunächst nach jemandem, der den Zeigefinger erhebt und einen tadelt.

In der methodistischen Tradition war das allerdings auch ein Amt, das durchaus von Bedeutung war. Man findet den Begriff „Ermahner“ noch in den alten Statistiken. Ein bewährtes Mitglied der Gemeinde vor Ort hatte die Aufgabe, nach einer Predigt des Reisepredigers, der bald auf dem Weg zur nächsten Predigtstation war, die Gemeinde zu ermahnen. Er sprach zu den Gemeindegliedern, dass sie sich die gehörten Worte zu Herzen nehmen sollen. Er gab damit dem Prediger auch eine Rückmeldung auf sein Wort und manchmal wurden seine Worte auch zu einer Art zweiten Predigt.

Nicht wenige „Ermahner“ wurden später Laienprediger und sie hatten eine Art geistliche Leitungsaufgabe, so wie es später im Johannesevangelium von diesem Geist heißt: „Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe.“ (Johannes 14,26b)

Das ist also eine weitere Seite des Heiligen Geistes, die wir hier kennenlernen. Dem Evangelisten Johannes geht es weniger um Begeisterung, Entfachen von heißem Feuer oder um das Veränderungspotential eines Sturmwinds. Er betont mehr den Aspekt der Führung und Leitung und zwar in Stellvertretung für Jesus, der bei seinem himmlischen Vater ist.

Der Geist als Geist Jesu Christi

Ich verstehe das so: Der Heilige Geist ist nicht irgendein Geist, der irgendetwas beeinflusst und lehrt. Der Heilige Geist ist als Heiliger Geist daran erkennbar, dass er uns dahin leitet und das lehrt, was uns Jesus gelehrt hat. So bleiben wir in seiner Spur und halten das, was er uns geboten hat, z.B. im Sinn der Nächstenliebe anderen, fremden Menschen ohne Vorurteile zu begegnen und sie offen anzunehmen.

Johannes beschreibt diesen Geist als Geist der Wahrheit. Damit meint er wohl etwas anderes als eine absolute Wahrheit, die Zeit und Ewigkeit überdauert. So werden gerne Gesetzmäßigkeiten der Physik als Wahrheiten bezeichnet, die immer und überall gelten.

Wahrheit in Beziehung

Wenn Johannes von Wahrheit spricht, dann geht es ihm im Wesentlichen um eine Beziehung, die Beziehung zu Jesus.„Wahrheit im christlichen Sinn kann nicht ein für alle Mal gefunden und dann einfach besessen werden“, so heißt es in einem Dokument unserer Kirche aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Wahrheit in Beziehung“. 

Sobald Wahrheit als Besitz gehortet wird,

verliert sie die Fähigkeit, Beziehung zu schaffen.

Dokument "Wahrheit in Beziehung"
Zentralkonferenz Mittel- und Südeuropa 2013

Wir kennen alle das Wort Jesu, das im Evangelium des vergangenen Sonntags im Mittelpunkt stand. Es wird gerne zitiert, um die Einzigartigkeit Jesu zu beschreiben: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14,6) Und es wird gerne hergenommen, um diejenigen, die sich von der vermeintlichen Wahrheit abgewendet haben, auf dem rechten Weg zu halten oder wieder dahin zurückzubringen.

Im eben schon zitierten Dokument „Wahrheit in Beziehung“ heißt es jedoch: „Dass Jesus die Wahrheit ist, bedeutet ja nicht, dass wir, die wir Jesus nachfolgen, die Wahrheit wissen im Sinne einer mathematischen Formel. Es bedeutet also nicht, Recht zu haben bzw. das Richtige zu denken, als was Wahrheit oft missverstanden wird. Das Wahre ist nicht das Richtige. Wahrheit bedeutet aber sehr wohl, dass sich denen, die bei oder in Jesus bleiben, die Wahrheit als etwas Beziehungshaftes erschließt. Wer sich an Jesus hält, der weiß zwar nicht die Wahrheit, aber er erlebt sie in der Beziehung und kann mit seinem Leben dafür Zeugnis ablegen.“

 

Dokument "Wahrheit in Beziehung"
Arbeitsgruppe "Theologie und Ordinierte Dienste" der ZK MSE

Ich habe durch die Lektüre dieses Dokumentes einen neuen Blick auf das gewonnen, was „Wahrheit“ im biblischen Sinn bedeutet. Wahrheit ist etwas, das ich nicht allein in meiner Studierstube erkennen kann, um es dann allen anderen zu verkünden. Bei Wahrheit in Beziehung geht es mehr um ein gemeinsames Ringen. Wir fragen und erörtern, sodass wir Miteinander zu einem gemeinsamen Verständnis kommen, was wir als Wahr erkennen. Gerade so, wie wir es z.B. nächste Woche bei der Jährlichen Konferenz wieder versuchen werden. Die Sichtweisen und Gedanken der anderen, können mir neue Einblicke geben. So versuchen wir gemeinsam, uns der Wahrheit anzunähern.

Mir etwas sagen lassen

Damit komme ich zum Schluss und zu dem, was ich noch aufgehoben habe, nämlich die Frage: Ist Gottes Geist nur etwas für Insider? Können nur die Eingeweihten Gottes Geist erfahren, also die, die nicht von dieser Welt sind?

Der wesentliche Punkt, der zum Geist der Wahrheit gehört, das ist das, dass ich mich nicht als Wissende über diesen Geist stelle und meine, ihn schon zur Genüge zu kennen. Das Wesentliche ist, dass ich mir von diesem Geist der Wahrheit etwas sagen lasse.

Dass ich offen bleibe für ganz andere, ganz neue Gedanken, vielleicht solche, die ich bisher nicht zu denken gewagt habe, aus Angst, sie könnten mich auf Abwege bringen.

Dass ich – gerade dann, wenn sich in mir ein Vorurteil breit machen will über eine mir unbekannte Person – diesen Geist darum bitte, mir in der Begegnung zu helfen, unvoreingenommen zu sein.

Dass ich im Geist der Wahrheit bereit bleibe auf andere zu hören, auch wenn sie ein ganz anderes Leben führen als ich, auch wenn sie einer ganz anderen Glaubens- oder Denkrichtung folgen als ich.

Der Geist der Wahrheit bringt mit sich, dass er in Liebe gelebt wird und mit Gottes Geboten in Verbindung steht. Denn, so haben wir es gehört: „Wer meine Gebote hält und sie befolgt, der liebt mich wirklich.“ (V21)

Den Geist zu mir sprechen lassen

Wenn ich die Welt als etwas sehe, das in einem Gegensatz zu Gott steht, dann werde ich die Welt immer von Gott getrennt halten. Damit hat Gottes Geist weniger Chancen, mich zu erreichen, zu bewegen und zu verändern.

Wenn ich mich aber auf Gott einlasse, sein Wirken in dieser Welt wahrzunehmen versuche und bereit bin zu tun, was Gott den Menschen ans Herz legt, dann wird mich dieser Geist verändern. Und das geschieht nicht immer so spektakulär wie zu Pfingsten, sondern oft genug in kleinen, kaum zu merkenden Schritten und Veränderungen. Amen.

Das in der Predigt erwähnte Dokument "Wahrheit in Beziehung" wurde von der Arbeitsgruppe "Theologie und Ordinierte Dienste" der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa wurde im Jahr 2013 von der Zentralkonferenz verabschiedet. Das Dokument kann hier auf den Seiten 103-108 nachgelesen werden. Das längere Zitat findet sich am Ende von Kapitel 1 "Wahrheit in der Bibel".

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