Auf dem Weg ins Land des Glaubens

Glaubensimpuls

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Stefan Schröckenfuchs

Pastor, Superintendent


Predigt zu Markus 4,35-41 "Im Sturm auf die Probe gestellt."

Predigttext: Markus 4,35-41

Einleitung

Liebe Gemeinde, 

unser heutiges Evangelium klingt zunächst einmal wie eine ganz typische Wundergeschichte: Die Jünger Jesu geraten in eine Notsituation. In der Not schreien sie zu ihrem Herrn. Und der wiederum zögert keine Sekunde und schreitet ein, und wendet die Not ab. Am Ende können die Jünger nur staunen, wie mächtig ihr Herr ist. 

Eine typische Wundergeschichte. Wäre da nicht ein eigenartiges Detail, das mich stutzig werden lässt: Die Tatsache nämlich, dass Jesus seine Jünger dafür schilt, weil sie Angst haben und ihn um Hilfe bitten. 

„Wo ist euer Glaube?“, fragt Jesus seine Jünger, als der Sturm um sie herum tobt, die Wellen ins Boot schlagen und das Boot mit Maus und Mann zu sinken droht. 

Muss man es denn schon als ein Zeichen mangelnden Glaubens ansehen, wenn jemand in einer lebensbedrohlichen Situation Angst hat? Und: Was ist denn Schlechtes daran, dass man sich in der Not an Jesus wendet und von ihm Rettung erhofft? 

Ich denke, wir alle kennen auf unterschiedliche Weise stürmische Zeiten im Leben. Wir kennen Zeiten, in denen uns der Wind um die Ohren pfeift und wir nicht weiter wissen. 

Ja, vielleicht sogar Zeiten, in denen wir unsere Existenz bedroht sehen, in denen die Gesundheit gefährdet ist, oder der Job, oder sonst etwas, das meinem Leben Halt und Sicherheit gibt. 

Die Pandemie, die uns alle betrifft, scheint mittlerweile zwar nicht mehr gar so bedrohlich wie noch vor einigen Wochen zu sein; dennoch ist uns wieder stärker bewusst geworden, dass wir grundsätzlich eigentlich ständig Gefährdete sind und es absolute Sicherheit nicht gibt. 

Und jetzt, wo es draußen wieder unerträglich heiß wird, wird uns wieder stärker bewusst, wie abhängig wir von einem intakten Wechselspiel von Sonne, Regen und Wolken sind – und dass unser Dasein auf dieser Welt insgesamt gefährdet ist, wenn sich die Welt immer mehr erwärmt. 

Wo ist euer Glaube, fragt Jesus die Jünger, als ihnen das Wasser schon fast bis zum Hals steht. Und ich frage mich: Hält er wirklich jene für feige, die um Hilfe rufen, wenn sie in Not geraten?

Und wenn es so wäre: Was erwartet Jesus dann? Dass wir uns wie Hiob schicksalsergeben in die Asche setzten und sagen: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen – gepriesen sei der Name des Herrn. Nun: Wer im Buch Hiob nachliest wird feststellen, dass Hiob das nicht lange durchhält. Es dauert nicht lange, bis er mit Gott zu ringen beginnt. 

Nein, ich glaube, in unserem heutigen Evangelium geht es nicht darum, dass nur Feiglinge in der Not nach Gott schreien und dass wir das eigentlich gar nicht tun sollten. 

Der Kontext 

Worum geht es aber dann? Ich habe hier länger gegrübelt und wie so oft hat es mir dann geholfen zu schauen, in welchem Kontext diese Geschichte steht. 

Sie schließt unmittelbar an das Evangelium an, das wir letzten Sonntag gehört haben – nämlich an die beiden Reich-Gottes-Gleichnisse von der selbstwachsenden Saat und vom Senfkorn. Jesus verwendet hier zwei wunderbare Bilder, die voller Zuversicht davon sprechen, wie es im Reich Gottes ist. 

Das Reich Gottes – das ist der Herrschaftsbereich Gottes, der Bereich in dem Gott am Werk ist. Wo Menschen sich im Herrschaftsbereich Gottes befinden, da beginnt etwas zu wachsen, so sagt es das erste Gleichnis. Da bringt die Erde gute Früchte hervor, da bringen Menschen gute Früchte hervor. Und zwar automatisch – wie von allein.

Und das, was da gesät wird, so sagt es das zweite Gleichnis, dient nicht allein dem, der gesät hat. Sondern was da wächst, gibt (wie ein großer Baum) Schatten für andere und Nistplätze für die Vögel. Es entsteht guter Lebensraum. So ist es mit dem Reich Gottes, sagt Jesus. 

Den Schritt ins Reich Gottes wagen

Und dann fordert Jesus seine Jünger auf, mit ihm ans andere Ufer zu fahren. Doch was ist da eigentlich auf der anderen Seite des Sees? Ich denke, dass man diese Überfahrt eher als ein weiteres Gleichnis, als ein Bild verstehen muss: Jesus fordert die Jünger auf, auf die andere Seite zu wechseln – hinüber in das Reich Gottes. Macht euch auf, und fahrt hinüber ins Reich Gottes, in den Herrschaftsbereich Gottes! 

Aber was bedeutet das eigentlich: hinüberzufahren ins Reich Gottes? Ins Reich Gottes kann ich ja nicht einfach hinüberfahren wie nach Niederösterreich, ins Burgenland oder (ganz wichtig in Wien:) nach Transdanubien, also auf die andere Seite der Donau. 

Das Reich Gottes, der Herrschaftsbereich Gottes beginnt jedoch überall da, wo Menschen bereit sind, auf Gott zu vertrauen! Denn da beginnt der Machtbereich Gottes: Wo Menschen beginnen, sich von Gott leiten und sich von ihm ihren Platz geben zu lassen! Das Reich Gottes ist das Reich des Gottvertrauens. Denn so will Gott über uns regieren: indem er unser Vertrauen gewinnt und wir bereit sind, ihn zu lieben und ihm zu vertrauen. 

Wechselt mit mir auf die andere Seite, fordert Jesus seine Jünger auf – betretet mit mir diesen Herrschaftsbereich Gottes, indem ihr beginnt, Gott Gott sein zu lassen und ihm – wie ich – ganz und gar zu vertrauen. 

Ihr müsst diesen Weg auch nicht allein gehen. Ich begleite euch dabei, ich bin mit euch, mit in eurem Boot. 

Die Jünger machen sich also mit Jesus im Boot auf den Weg. Doch kaum sind sie vom Ufer losgefahren, da kommt ein starker Sturm auf. Die Wellen schlagen so hoch, dass das Boot immer mehr mit Wasser vollläuft. Und Jesus ist zwar nach wie vor an Bord; aber er liegt bequem hinten im Boot und schläft. 

Es ist ein erster Schritt hinüber ins Reich des Glaubens, doch dieser Schritt ist nicht so ohne. Und das liegt daran, dass glauben (im Sinne von vertrauen) wollen nicht dasselbe ist wie glauben können. Glauben im Sinne von Vertrauen muss erst einmal wachsen. 

Ich beobachte das immer wieder bei Kindern, wenn sie neue Menschen kennenlernen. Oft beginnt es damit, dass sie mit neugierigen Blick das neue Gegenüber abchecken: Wer ist das? Wie tickt der? Und wie verhalten sich meine Eltern zu ihm? Ist es jemand, der vertrauenserweckend wirkt, dann beginnen sie oft erst vorsichtig, Kontakt aufzunehmen. Erst nähern sie sich von ferne an, suchen den Blickkontakt, verstecken sich. Dann stupsen sie die neue Person im Spaß ein bisschen an. Und wenn sie merken: der oder die ist okay, dann sitzen sie plötzlich bei der erst unbekannten Person auf dem Schoß.

Stürmische Zeiten können Zeiten des Wachstums sein

Vertrauen muss erst Schritt für Schritt wachsen – und es wächst dadurch, dass es immer mehr auf die Probe gestellt wird. Gar nicht so unähnlich ist es auch mit dem Glauben. Sich vorzunehmen, glauben zu wollen, ist, solange alles ruhig ist und glatt läuft, nicht allzu schwer. Und solange alles glatt geht, genügt es auch, wenn Jesus irgendwo hinten auf dem Seidenpolster ruht und schläft.  

Die ruhigen Zeiten im Leben sind  nicht unbedingt die, in denen der Glaube und das Vertrauen wächst. Wird das Vertrauen dagegen einmal auf die Probe gestellt, dann ist das mitunter nicht nur eine Belastung, sondern auch ein Chance dafür, dass das Vertrauen wächst. 

Auch unsere Muskeln werden dadurch stärker, dass wir sie belasten. Ein Muskel, den man nicht nutzt, verkümmert und wird schwach. So ist es auch mit dem Vertrauen: Es kann wachsen und stärker werden, wenn man es belastet und die Erfahrung macht, dass es tatsächlich trägt. 

Dass die Jünger auf ihrer Überfahrt in den Sturm kommen ist also nichts, was irgendwie überrascht. Der Sturm ist auf dem Weg ins Reich Gottes fast unvermeidbar. Dennoch frage ich mich noch immer, warum Jesus mit seinen Jünger so hart ins Gericht geht. 

Jesus lässt sich wecken

Nun, hören wir nochmals hin, was die Jünger genau sagen: „Meister! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?“ werfen sie Jesus vor. Und implizit unterstellen sie ihm damit: „Wir sind dir egal!“ 

Das Problem ist nicht, dass die Jünger Angst haben; und auch nicht, dass sie in ihrer Angst nach Jesus schreien. Das Problem ist jedoch das Misstrauen, das sofort aufkeimt: „Du meinst es ja gar nicht gut mit uns!“ Ihr Ruf ist kein vertrauensvoller Hilferuf, sondern es ist ein Vorwurf: „Du meinst es nicht gut!“

Gott meint es vielleicht ja gar nicht so gut! Das ist dasselbe Misstrauen, das Adam und Eva dazu führt, im Paradies von der verbotenen Frucht zu naschen. Und ähnlich, in einer etwas anderen Variante, ist es auch in der nächsten Generation passiert. Da meint Kain, der ältere Sohn Adams, dass Gott es mit ihm womöglich nicht so gut meint wie mit seinem Bruder. Und das macht ihn so zornig, dass er den Bruder Abel erschlägt. 

Das Gegenteil von „Glauben“ ist nicht Unglaube im Sinne von „eine theologische Aussage nicht für wahr zu halten“. Das Gegenteil von Glauben – und des Glaubens größter Feind – ist das Misstrauen gegenüber Gott, weil es nämlich wie bei Adam und Eva zu einem Beziehungsabbruch führt. 

Misstrauen hält uns fern vom Reich Gottes. Vertrauen aber kann wachsen, wenn es auf die Probe gestellt wird und wir die Erfahrung machen: Es trägt. 

Dass die Jünger auf ihrer Überfahrt ins Reich des Glaubens in einen Sturm geraten, scheint wie gesagt geradezu unausweichlich. Der Sturm lässt sie aber die Erfahrung machen: Der schlafende Jesus lässt sich wecken. Und in der Gemeinschaft mit ihm behält der Sturm nicht das letzte Wort. 

Jesus spricht und es kehrt Ruhe ein, es wird friedlich und still. 

Das ist eine Erfahrung, die sie künftig ihrer Angst entgegenstellen können; und auch ihrem Misstrauen, Gott meine es vielleicht gar nicht so gut. 

Keine mathematische Gleichung, aber eine Erfahrung

Ist das so? Stillt Jesus tatsächlich jeden Sturm? Kommt es nicht auch vor, dass Menschen dennoch – obwohl sie Jesus um Hilfe rufen – im Sturm umkommen? Oder dass Menschen im Sturm um Hilfe rufen; und sie machen aber nicht die Erfahrung, dass Jesus ihnen zu Hilfe eilt, geschweige denn, dass er dem Sturm sagen würde: Sei still! Können wir der Zusage, dass im Sturm der Glauben wachsen kann, wirklich trauen? 

Das Evangelium von der Stillung des Sturms ist keine mathematische Gleichung, die sich immer wieder auch ganz theoretisch am Schreibtisch nachrechnen lässt und die immer zum selben Ergebnis führt. Sie ist – wie die Bibel insgesamt – ein Erfahrungsbericht. 

Die Erfahrung, die uns die Jünger hier bezeugen, ist eine doppelte. Der eine Teil ist: Eigentlich ist die Sache mit Gott ja ganz einfach. Es ist nicht viel mehr von uns gefordert, als dass wir ihm ganz einfach vertrauen. Der andere ist aber: Das mit dem Vertrauen ist – wenn es hart auf hart kommt – alles andere als leicht. 

Ich kann zwar leicht einmal mit den Worten Paulus sagen: Ich gewiss bin, dass mich "weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur (…) scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." Ob mir solches Gottvertrauen geschenkt wird, wenn es wirklich ums Leben geht, liegt sicher nicht einfach in meiner Hand. Es kann aber wachsen. 

Und damit mein Gottvertrauen wachsen kann, muss ich das Risiko der Überfahrt wagen. Ich muss es einfach riskieren, indem ich mich von Jesus an der Hand nehmen lasse und mich hinaus ins offene Wasser wage, wo ich keinen festen, sicheren Boden unter den Füßen haben. 

Und wenn auf der Überfahrt mit Jesus ein Sturm aufzieht und ich in Bedrängnis komme, kann ich mich an der Erfahrung der Jünger festhalten: Der Sturm, in den sie geraten sind, war kein Zeichen dafür, dass sie am falschen Dampfer sind und auch kein Indiz dafür, dass Gott sich nicht für sie interessieren würde. 

Er hat ihnen aber die Chance gegeben die Erfahrung zu machen: Der schlafende Jesus lässt sich wecken. Ich bin ihm nicht egal! Und wenn er spricht, finde ich Ruhe. Sogar mitten im Sturm. 

Vertrauen wagen, damit es wachsen kann 

In diesem Sinn möchte ich uns wieder neu ermutigen, unseren Glauben ganz einfach zu wagen. Und das heißt ja auch: hinzuhören, wozu Gott mich ruft. Und dann einfach loszugehen und zu tun, was zu tun ist. Selbst wenn es unbequem oder gar riskant erscheint. 

Wenn wir auf diesem Weg – oder sonst im Leben – in Bedrängnisse kommen und es stürmisch wird, dann erinnern wir uns doch daran: Jesus ist mit im Boot. Wir sind ihm nicht egal. Ich kann es freilich nicht garantieren; aber ich glaube es: Auch wir können immer wieder die Erfahrung machen, dass Jesus sich wecken lässt. Und dass wir Ruhe mitten im Sturm finden, wenn er zu uns spricht. Und ich weiß es von mir selbst, dass gerade daran der Glaube – das Vertrauen in Gott – wächst. 

Amen 

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