Freund­schaft mit Gott und un­ter­ein­an­der

Glaubensimpuls

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Isabella Bruckner

Theologin (röm.-kath.)


Predigt zum Erntedankfest und Reformationstag mit Bezügen zu Rut 1,1-18 und Markus 12,28-34.
Helene Bindl und Isabella Bruckner in der EmK Linz

Im Bild: Helene Bindl und Isabella Bruckner in der EmK Linz.

 

Zum Bibeltext Rut 1,1-18

Zum Bibeltext  Markus 12,28-34

Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir

Ruhn vom Leben des Tags, saget, wie bring' ich den Dank?

Nenn' ich den Hohen dabei? Unschikliches liebet ein Gott nicht,

Ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein.

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen, doch bleibt die Rede zurük?

Friedrich Hölderlin
Dichter

Ich war vergangene Woche zum ersten Mal länger als nur ein paar Stunden in der Schweiz, und zwar bei einer ökumenischen Bildungsreise mit dem Verein Pro Oriente. Wir haben dort die Stadt Genf besucht, die mich wirklich sehr beeindruckt hat; diese zentrale Stätte der Schweizer Reformation, mit einer Kathedrale, die – aller Bilder entledigt –, sich den Besucherinnen und Besuchern sogar ohne Kreuz präsentiert.

„Höre, Israel! Adonai, Dein Gott, Adonai, ist einzig!“, so haben wir Jesus vorher im Evangelium das wichtigste Gebet Israels, das „Schema Israel“, zitieren gehört. Nichts reicht an diese Einzigkeit des Gottesnamens heran; „doch bleibt die Rede zurük“, wie Hölderlin es in seinem Gedicht formuliert.

Welches Wort, welcher Name, welches Zeichen vermag, „dem Hohen“, wie der Dichter ihn nennt, gerecht zu werden? Wenn wir hier und heute für unsere Gaben „Danke“ sagen – welche Form, welche Rede kann den Allmächtigen erreichen? Mir war, als würde die leere Genfer Kathedrale genau diese Frage stellen.

Luther zeigt diesbezüglich noch eine ganz andere Möglichkeit auf. Er antwortet auf die Frage nach der würdigen Ent-sprechung mit einer Übersetzung des Gottes-Wortes. Mit seiner Biblia Deudsch hat er nicht nur unzähligen Menschen die heiligen Bücher nähergebracht, sondern auch ein maßgebliches kulturbildendes Werk für die Entwicklung der deutschen Sprach- und Geisteswelt vorgelegt. Wie schwierig ein solcher Akt der angemessenen Übersetzung ist, wissen auf jeden Fall alle (von Euch), die dort, wo sie sich aufhalten, nicht die Möglichkeit haben, in ihrer Muttersprache zu kommunizieren.

Zugegeben: Ich glaube nicht, dass Hölderlin in dem anfangs zitierten Gedicht wegen solch genereller Diskussionen, wie sie öfter in Theologenkreisen geführt werden, mit seiner Gebetsanrufung so zögert; also Diskussionen, wo dann um eine adäquate Gottesrede gerungen wird, um die Möglichkeit einer Darstellbarkeit oder eben um die Undarstellbarkeit Gottes.

Hölderlin schreibt das am Anfang zitierte Gedicht „Brod und Wein“ um das Jahr 1800. Es ist die Zeit, als die ersten Auswirkungen der philosophischen Aufklärung spürbar werden und die religiöse Gottesrede generell brüchig zu werden beginnt. „wie bring‘ ich den Dank?“ fragt er – eine Frage der Unsicherheit also? Eine Frage danach, ob und wie weit die tradierte christliche Gottesrede noch trägt?

Die Frage, die sich für uns also stellt, ist: Wie vermögen wir heute, wenn, wie Hölderlin in einem anderen Gedicht sagt, welches er seiner verehrungswürdigen Großmutter (1799) widmet – wie vermögen wir heute, wenn, wie er sagt, „fast vergessen ist, was der Lebendige war“, dem Gottesnamen gerecht zu werden? Wie vermögen wir heute gerechterweise Dank zu sagen?

Hölderlin bezeichnet den Christus in diesem Großmutter-Gedicht dann als „Freund unserer Erde“. Und es heißt dort im Weiteren:

Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen ging er,
Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen
Und die Leiden der Welt trug er an liebender Brust.
Mit dem Tode befreundet' er sich, im Namen der andern
Ging er aus Schmerzen und Müh' siegend zum Vater zurück.

Friedrich Hölderlin
Dichter

In dieser Zeit also, da „fast vergessen ist, was der Lebendige war“, verweist Hölderlin auf den Gottessohn als „Freund unserer Erde“, der „mit den armen Sterblichen ging“ – wie Rut, die Noomi nicht allein in ihr Land zurückziehen lässt, sondern ihrer Schwiegermutter nach der gemeinsamen Verlustgeschichte und bei aller Ungewissheit der Zukunft die Treue hält.

Mit der Freundschaft greift Hölderlin ein Motiv auf, das in der christlichen Tradition in der Tat eine wichtige Rolle spielt. „Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“, bekennt Jesus in den Abschiedsreden in Johannes 15,15 gegenüber seinen Jüngern, kurz bevor er „sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13).

Im Kosmos der griechischen Philosophen wäre dies noch eine Unmöglichkeit gewesen. Mit dem Gott Platos und Aristoteles‘ konnte der Mensch keine Freundschaft haben. Zu fern, zu vollkommen gestaltete sich in diesem Denken das Göttliche, als dass es da mit den Kindern des „Erdlings“ Adam eine Beziehung „auf Augenhöhe“ hätte geben können. Die Inkarnation, die Menschwerdung des göttlichen Wortes, ändert in diesem Verhältnis einfach alles.

Luther, dessen wir heute besonders gedenken, betonte in dieser Hinsicht das Moment der Gnade. Nicht weil wir’s verdient hätten; nicht, weil wir etwas Besonderes geleistet hätten, sondern einfach so, sola gratia, als Gestus einer „Umsonstigkeit“ (Ivan Illich) nimmt uns der Gottessohn zum Freund, zur Freundin. Ein Wunder, eine Umstülpung unseres Denkens, damals wie heute.

Und sogar „mit dem Tode befreundet“ er sich, der Christus, wie Hölderlin in seinem Gedicht an die Großmutter schreibt. Für manche klingt hier vielleicht der Sonnengesang des Heiligen Franziskus an, der in der letzten Strophe auch „Schwester Tod“ in seinen Lobpreis miteinzubeziehen vermag. Eine besonders bedenkswerte Zeile gerade in diesen Tagen rund um das Allerseelenfest bzw. den Buß- und Bettag, aber auch in den Zeiten der pandemischen und medizinischen Krisen: in welcher die einen den Tod fürchten und zu früh von uns gehen; und die anderen den Tod herbeisehnen, aber aufgrund unserer manchmal schon zu guten medizinischen Versorgung nicht mehr so einfach sterben können.

Freundschaft ohne großes Pathos, sondern in geduldiger Solidarität „still“ mitgehend – wie Rut, wie der Christus. Einander im Leben wie im Sterben begleiten. Vielleicht ist ja gerade dies auch heute eine Möglichkeit, dem Lebendigen, dem Hohen zu entsprechen und ihm in rechter, ehrwürdiger Weise Dank zu sagen.

Ich muss gestehen: Mich hat in dieser Hinsicht die Aktion Eurer Gemeinde, während des Lockdowns die Predigt per Post an alle Gemeindemitglieder auszusenden, wirklich sehr berührt. Auch der Großteil der Schriften des Neuen Testaments sind Briefe, die sich an die „geliebten Freunde im Herrn“ adressieren, um einander über Zeit und Raum hinweg die Treue zu halten. Übersetzungen finden auch hierbei statt, von einem Kulturraum in den anderen; Übersetzungen, welche eine Freundschaft über die natürlichen Grenzen von Herkunft, Alter und Geschlecht hinaus ermöglichen.

Beeindruckt war ich in Genf jedoch nicht nur von der nackten reformierten Kathedrale, sondern auch von den global orientierten ökumenischen Institutionen, wie dem Weltkirchenrat, die in Genf angesiedelt sind. Vielleicht ist die Freundschaft ja auch eine Perspektive, die wir uns für die Beziehungen in der Ökumene mitnehmen können.

Denn Dank lässt sich in Bezug auf die Ökumene in der Tat sagen für die vielen Schritte der Wiederannäherung und Versöhnung, die hier in den letzten Jahrzehnten gegangen worden sind. „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist das Motto der Ökumenischen Bewegung, das vor über 40 Jahren von dem lutherischen Theologen Harding Meyer geprägt wurde. „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ – vielleicht könnte man auch sagen: Freundschaft.

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