Gott ist da

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Der heutige Abschnitt aus dem Lukasevangelium über Johannes den Täufer liest sich nicht so leicht wie die alttestamentliche Lesung aus dem Prophetenbuch des Zefanja. Als „Schlangenbrut“ lasse ich mich ungern bezeichnen. Und wer mir mit der Situation eines zukünftigen Gerichts und dem kommenden Zorn Gottes droht, den nehme ich erst einmal kritisch unter die Lupe, bevor ich mir etwas von ihm sagen lasse. Solche Schreckensszenarien finde ich nicht gerade hilfreich und aufbauend mitten in einer Pandemie. Das muss ich mir nicht auch noch in der Kirche anhören.

Da sind mir die Worte des Zefanja schon lieber. Sie stimmen mich mehr auf das Fest von Weihnachten ein: „Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14) Das hört sich doch viel besser an. Und ähnlich geht es auch weiter: „Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland.“ (Zef 3,16b und 17a)

Für einmal scheint die biblische Welt Kopf zu stehen. Für einmal ist es das Neue Testament, aus dem die mahnenden Worte kommen und aus dem Alten Testament hören wir den Zuspruch und die Ermutigung. Die Bibel ist wieder einmal für eine Überraschung gut, wenn wir zu wissen meinen, was wohin gehört und wie der Hase laufen soll.

Prophetisches Reden

Aber ich kann euch versichern, der Anfang vom Zefanjabuch entspricht ganz unseren Erwartungen. Da ist vom großen Tag des HERRN die Rede, gemeint ist damit der Tag des Gerichts. Es heißt, dass dieser nahe sei, sehr nahe. Da ziehen Unwetter auf, Finsternis bricht an, die Posaune wird geblasen und Kriegsgeschrei ist zu hören. Der Tag des Zorns wird kommen, ganz bestimmt. Und umgekehrt habt ihr das Ende der Lesung aus dem Lukasevangelium gehört: Johannes weist auf den hin, der nach ihm kommen und mit Heiligen Geist und Feuer taufen wird, nicht bloß mit Wasser, wie es Johannes tut.

Die Aufgabe der biblischen Propheten – und ich zähle Johannes den Täufer einmal dazu – ist es, in eine konkrete Situation hinein zu sprechen, quasi ein Wort zur aktuellen Lage zu finden. Sie tun das nicht als Politiker, diese versuchen damit ihre Führungsaufgabe im Staat wahrzunehmen. Das gelingt – wir haben es in den letzten Wochen und Monaten erlebt – mal besser und mal weniger gut, es kann hilfreich und ermutigend sein oder auch demotivierend und frustrierend. Propheten sind keine Politiker, aber ihre Worte können durchaus politische Auswirkungen haben. Was sie sagen, das tun sie im Auftrag Gottes. Sie öffnen damit unseren Horizont des Verstehens auf einer anderen Ebene. Sie helfen uns, über das aktuelle Tagesgeschäft hinauszusehen. Sie regen dazu an, unsere Sichtweise zu erweitern und unsere Existenz im Lichte Gottes zu betrachten. Dazu hilft es, einen kurzen Blick in die geschichtliche Entstehungssituation des biblischen Textes zu werfen, gerade wenn es sich um einen eher unbekannten Propheten wie Zefanja handelt.

Ein Blick in die Geschichte

Der Anfang des Buches Zefanja sagt uns, dass dieser Prophet zur Zeit des Königs Josia oder Joschijahu aufgetreten ist. Dieser König regierte in den Jahren 640 bis 609 vor Christus im Königreich Juda, dem südlichen Teil Israels mit der Hauptstadt Jerusalem. Er hatte die Chance, das Königreich etwas zu erweitern, weil die beiden Großmächte, zwischen denen das Königreich Juda eingezwickt war, Ägypten am Nil und Assyrien im Zweistromland Mesopotamien an den Flüssen Tigris und Euphrat gelegen, zu seiner Zeit gerade etwas schwächelten. Ein großes Anliegen Josias war es, Jerusalem und seinen Tempel zum religiösen Zentrum für alle im Land zu machen. Die verschiedenen Heiligtümer und Kultstätten auf dem Land wurden stillgelegt. Nur noch einem Gott – JHWH – sollte der Gottesdienst im Jerusalemer Tempel gelten. Er war der einzige und einzigartige und ihn durfte man nicht abbilden. Andere Götter wie zum Beispiel Baal sollten in Vergessenheit geraten.

Zefanja unterstützte als Prophet den König mit seinem Auftreten. So  lässt er die Botschaft Gottes ausrichten: „Ich will meine Hand ausstrecken gegen Juda und gegen alle, die in Jerusalem wohnen und will ausrotten von dieser Stätte, was vom Baal noch übrig ist, dazu den Namen der Götzenpfaffen und Priester und die auf den Dächern anbeten des Himmels Heer, die es anbeten und schwören doch bei dem HERRN – JHWH – und zugleich bei Milkom.“ (Zef 1,4f). Milkom ist ein weiterer der Götter, die es noch gab.

Geänderte Bedingungen

Was etwas irritiert, das ist der gegenüber diesen Worten so ganz andere Ton am Ende des dritten Kapitels von Zefanja. Da herrscht nicht Drohung vor, sondern Trost und Ermutigung. Da ist von einem Rest des Volkes die Rede, der wieder gesammelt werden soll. Gerade bevor unser Predigttext einsetzt heißt es: „Und diese Übriggebliebenen in Israel werden nichts Böses tun noch Lüge reden, und man wird in ihrem Munde keine betrügerische Zunge finden, sondern sie sollen weiden und lagern ohne alle Furcht.“ (Zef 3,13) Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Etwa fünfzehn Jahre nach Josias Tod kam es zum Zusammenbruch des Königreichs Juda. In Mesopotamien waren die Assyrer Geschichte und der neubabylonische König Nebukadnezzar hatte die Macht übernommen. Um diese Macht zu demonstrieren, überfuhr er gleich einmal den kleinen Nachbarn Juda und deportierte die führende Schicht nach Babylon, ins babylonische Exil. Beim Propheten Jeremia wird uns berichtet, dass in drei Ausweisungswellen etwa 4.600 Menschen das Land Juda verlassen mussten. Etwa 50 Jahre später lösten dann neue Herrscher, nämlich die Perser, die Babylonier ab. Sie gingen anders mit den sich im Land befindlichen Ausländern um und ließen sie in ihre Heimat zurückkehren.

In diese Situation hinein passen auf einmal die Worte vom Ende des Zefanjabuches. Denn diese Übriggebliebenen, die in eine zerstörte und verwüstete Heimat zurückkehren, die brauchen Ermutigung und Trost. Nun ist es nicht mehr Zefanja selbst, sondern wohl seine Schüler und diejenigen, die seine Aufzeichnungen gelesen haben, die Worte des Trostes finden und sie in der Buchrolle vermerken. Was ist Gottes Wort für heute? werden sie sich gefragt haben. Was müssen Menschen, die unter ganz anderen Bedingungen zu leben haben, heute von Gott her vernehmen? Und wir können uns fragen: Was ist die Botschaft, die für uns heute wichtig zu hören ist? Was ermutigt und tröstet Menschen von heute?

Was brauchen wir Menschen von heute?

Wir haben in den letzten Monaten viele Botschaften vernommen. Und wir haben selbst Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man mit Einschränkungen leben muss, nicht nur mit persönlichen, sondern auch mit kollektiven Einschränken für eine ganze Stadt, für ein ganzes Land, für einen ganzen Kontinent. Wir sind zwar noch nicht zu einem kleinen Rest zusammengeschmolzen, aber so manchen ist der Mut gesunken. Ob das je noch einmal wieder gut werden wird? Ob wir unsere alten Gewohnheiten wieder aufnehmen können? Ob es möglich sein wird, Gottesdienste, Gemeindefeste und Freizeiten so zu feiern und zu erleben, wie wir es früher einmal gemacht haben? Vier Ermutigungen, von Zefanja inspiriert, habe ich auszurichten.

Vier Ermutigungen

Erstens: Es wird der Tag kommen, wo die Feinde abgewendet sind und die Strafe weggenommen ist. Ich sehe die gegenwärtige Pandemie nicht als Strafe Gottes, sondern als Folge unseres menschlichen Handelns, das die Erde und ihre Güter ausbeutet. Ich kann daher nicht von einer Strafe reden. Aber der Feind, mit dem wir es gegenwärtig zu tun haben, ist ein sehr kleines Virus mit einer großen Wandlungsfähigkeit, die uns immer wieder neue Überraschungen bietet. Ich bin mir gewiss, es wird der Tag kommen, wo die Gefahr dadurch gebannt sein wird und sich niemand mehr vor den tödlichen Folgen des Virus fürchten muss.

Zweitens: Es wird der Tag kommen, wo die Furcht vorbei sein wird. „Fürchte dich nicht, Zion!“ sagt Zefanja. „Fürchtet euch nicht!“ vernehmen wir Gottes Zuspruch in vielfacher Weise aus der Bibel. Ja, manche von uns sind mit jedem Lockdown noch etwas menschenscheuer und furchtsamer geworden. Sich wieder an mehr Freiheiten zu gewöhnen, das ist jedesmal eine erneute Anstrengung. Dennoch, es wird der Tag kommen, wo wir nicht mehr beachten werden, ob der physische Abstand zu den anderen auch groß genug ist. Es wird der Tag kommen, wo wir unsere Impfnachweise nicht mehr werden herzeigen müssen. Es wird der Tag kommen, wo es wieder normal sein wird, sich mit Handschlag zu begrüßen und einander Frieden zu wünschen.

Drittens: Es wird der Tag kommen, wo wir uns wieder frei versammeln werden, auch in größerer Zahl und wo wir Gott wieder loben und ehren werden ohne Masken und ohne gekürzte Liedstrophen. So wie Gott für sein Volk Israel gesorgt hat und es in all den Wirren der Geschichte, in allen Verfolgungen und Vernichtungen nie im Stich gelassen hat, weil er es immer wieder gesammelt hat, so wird Gott auch dafür sorgen, dass wir als diejenigen, die durch Jesus zu seinem Volk gehören dürfen, ihn in gleicher Weise loben und ehren werden.

Gott ist da

Viertens, und das ist das wichtigste, weil wir dabei nicht auf einen bestimmten Tag warten müssen: Gott ist da, oder wie es Zefanja sagt: „Denn der HERR, dein Gott ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.“ (Zef 3,17) Ich finde es sehr bezeichnend, dass Gott hier den Beinamen „ein starker Heiland“ trägt. Schon den Prophetenschülern von damals war bewusst: Wenn Menschen durch Seuchen, Krankheiten und Einschränkungen so viel zugemutet wird, dann braucht es Heilung nicht nur am Körper, sondern auch an der Seele. Dann braucht es Heilung nicht nur für Einzelne, sondern für ganze Gemeinschaften. Dann braucht es nicht nur Menschen, die heilend, tröstend und versöhnend unterwegs sind, dann braucht es auch Gottes ganzen Einsatz für Frieden, Versöhnung, Heilung und Gerechtigkeit. Das ist nicht erst in der Zukunft so. Gott hat uns schon gezeigt, dass er mit uns ist und uns heilt. Er hat das mit Jesus schon getan, denn dieser trägt den Namen der Hilfe: Jeschua, Gott rettet. Gottes Hilfe ist schon da und wir können uns ihr anvertrauen. Darum können wir heute schon einstimmen und singen: „Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14)

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