Schau auf das, was du gewinnen kannst

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Markus 10,17-31

Ein Ding der Unmöglichkeit

„Geh hin und verkaufe alles!“ Dieses Wort Jesu wollen wir lieber im übertragenen Sinn zu verstehen. Denn es scheint uns kaum realisierbar, wenn wir es wortwörtlich nehmen würden. Alles verkaufen, was ich habe? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Und dann noch an die Armen verkaufen, nicht an Mitglieder meiner eigenen Familie oder meines Freundeskreises. Es ist schon heftig, was Jesus da verlangt!

Sich von etwas verabschieden

In einer Bibelarbeit zu diesem Text habe ich die Teilnehmenden eingeladen, drei Listen mit je 10 Punkten abzufassen. Eine erste Liste mit den wichtigsten Dingen, die in meinem Besitz sind. Eine zweite Liste mit den Personen, die mir nahe stehen und wichtig sind. Und eine dritte Liste mit den Rollen oder Funktionen, die mich prägen oder die ich innehabe, z.B. der Beruf, die Eltern- oder die Kindrolle, Ämter und Aufgaben oder Hobbies. Jede Liste sollte nach der Wichtigkeit geordnet sein. Und bei jeder Liste bestand die Aufgabe darin, sie von hinten her durchzugehen, sich von jedem Punkt zu verabschieden und darauf zu achten, was einen am meisten bewegt oder beschäftigt.

Wo zwickt es?

Anschließend an diese kleine Übung haben wir uns darüber ausgetauscht und was wir entdeckt haben, miteinander geteilt. Die eine Frau meinte: „Es liegt alles am Geld. Hergeben kann ich alles. Da habe ich kein Problem. Aber Geld muss ich haben, sonst fehlt mir etwas.“ Eine andere meinte: „Was ich an Besitztümern aufgeschrieben habe, das sind eigentlich alles nur Dinge, die mir helfen meine Arbeit zu erleichtern: die Waschmaschine, der Geschirrspüler, das Auto. Aber diese Dinge möchte ich nicht mehr missen.“ Wieder ein anderer stellte fest: „Das meiste, was ich besitze, steht eigentlich für etwas anderes: Das Auto steht für die Mobilität, der Computer und E-mails für die Möglichkeit nach überall hin schnell Kontakt zu haben. Das Haus oder die Wohnung stehen für meine Wurzeln oder dafür, dass ich eine Heimat habe. Und der Fernseher dafür, am Weltgeschehen teilhaben zu können. Eigentlich ginge es immer ohne, aber das Leben wäre dadurch viel mühsamer und umständlicher.“

Diese Übung und das Gespräch danach haben mir deutlich gemacht: Es sind nicht nur materielle Dinge, es ist nicht nur der Besitz, der es uns schwer macht, dem Aufruf Jesu Folge zu leisten. Hier geht es nicht um den Gewinn an Geld, den wir hätten, wenn wir alles verkaufen würden. Hier geht es nicht nur um die Möglichkeit, den Armen etwas geben zu können, um dadurch einen Schatz im Himmel zu gewinnen. Es gibt auch anderes, was uns bindet und hindert: Beziehungen, die uns Zugehörigkeit oder Heimat geben; Aufgaben, durch die uns Anerkennung zuteil wird; Verpflichtungen, die wir eingegangen sind und an die wir uns gebunden fühlen. Hier geht es darum, dass unser Herz nicht frei werden kann dem zu folgen, der uns in seine Nachfolge ruft. Hier geht es um ein Herz, das sich an einen Reichtum hängt, der aus Beziehungen besteht. Oder um ein Herz, dem der Familiensinn das ein und alles ist. Oder um ein Herz, das immer wieder Anerkennung braucht und diese in verschiedenen Ämtern und Aufgaben sucht.

Was hält mich gefangen?

Vielleicht reagieren wir ähnlich wie dieser unbekannte und namenlose Mann, der zu Jesus kam, wenn wir uns einmal näher mit unserem Besitz und unseren Reichtümern befassen. Unsere Emotionen regen sich, wir werden betrübt oder unmutig, wir ärgern uns über unser Gebundensein und über unsere Unfreiheit. Oder wir empfinden Trauer und Abschiedsschmerz, weil uns bewusst wird: Da hält mich etwas oder ich halte etwas, das ich nicht loslassen kann oder will. Und es geht uns Ähnliches durch den Kopf wie den Jüngern: Wie kann ein Mensch selig werden? Das ist ja unmöglich ins Reich Gottes zu gelangen! Was wird einem da nicht alles auferlegt. Das übersteigt das Fassungsvermögen eines Normalsterblichen! Und der Vergleich Jesu mit dem Kamel und dem Nadelöhr macht diese Unmöglichkeit nur noch deutlicher: Wie soll ein so großes Tier durch ein so kleines Loch kommen?

Auf das Problem fixiert

Wenn ich an das Kamel und das Nadelöhr denke, so kommen mir verschiedene Knobelspiele in den Sinn. Da gilt es z.B. eine Kugel, die an einem Faden hängt, durch ein Holzbrettchen mit kleinen Löchern zu schieben. Beides ist so miteinander verbunden, dass man unmöglich eine Lösung findet. Die beiden Teile, die Kugel und das Holzbrettchen, lassen sich nicht voneinander trennen. Wie man auch immer diese Kugel vom Holzbrettchen befreien will: Entweder man hat einen Schnursalat oder die Kugel will nicht durch das zu kleine Loch. Meine Reaktion darauf ist dann immer ähnlich: Irgendwann landet das Knobelspiel in der Ecke, weil meine Frustration zu groß geworden ist. Die Lösung ist meist einfacher als man sich denkt. Aber sie erfordert ein Denken, das über das hinausgeht, was man direkt vor seiner Nase sieht. Mit der Schnur ist z.B. eine zusätzliche Schleife zu bilden und schon lässt sich die Kugel hindurchschieben. In meiner Fixierung auf das Problem bin ich aber nicht frei genug, um solange zu tüfteln und zu probieren, bis ich eine Lösung finde, die etwas mehr Fantasie braucht als gewöhnlich.

Schau nach vorne

Auch die Jünger oder der junge Mann ohne Namen fixieren sich in ähnlicher Weise auf das Problem. Sie sehen nur das Kamel, das nicht durch ein Nadelöhr passen will. Sie hören nur, dass es schwierig ist in Gottes Reich zu kommen. Der junge Mann sieht nur das eigene Vermögen, den Besitz, der ihm im Weg steht, um Jesus nachfolgen zu können. Und es ist schon eine etwas verkehrte Welt: Dem jungen Mann fehlt nicht etwas, weil er etwas nicht mitbringt oder weil er einen Mangel hat. Was ihm fehlt, das ist das, was er zu viel hat. Jesus aber sagt zu den Jüngern: Schaut nicht auf das, was schwierig oder unmöglich ist. Schaut nicht auf das, was euch hindert oder bindet. Schaut nicht auf das, was ihr zurücklassen müsst und was euch loszulassen unmöglich scheint. Für Menschen ist es unmöglich, aber nicht für Gott. Für ihn ist alles möglich. Darum schaut nach vorne, auf das, was kommt, was vor euch liegt. Das eröffnet euch neue Möglichkeiten, auch solche, die ihr nicht seht, die ihr nicht erahnt und von denen ihr nicht einmal geträumt habt.

Darum habe ich zur heutigen Lesung aus dem Evangelium noch die darauf folgenden vier Verse hinzugenommen. Jesus spricht davon, was die Jünger alles hinzugewinnen, wenn sie bereit sind zur Nachfolge. Es gilt zwar etwas zu verlassen, aber es kommt hundertfach zurück, verheißt Jesus. Selbst wenn das Leben durch Verfolgung beschwerlicher werden sollte, heißt das nicht, dass es in Beziehungslosigkeit oder Familienlosigkeit enden wird. Ja, es gibt sogar noch eine Draufgabe, bei der alle irdischen Güter nicht mithalten können: das ewige Leben in der zukünftigen Welt.

Entscheidungen treffen

Manche von euch werden schon eine ähnliche Erfahrung gemacht haben: Es steht eine Entscheidung an. Man wägt die Vorteile und Nachteile gegeneinander ab, vielleicht mit einer schönen Liste von Pro und Contra. Da gibt es einiges, was dafür spricht. Aber die neue Aufgabe, die neue Arbeitsstelle, die veränderte Situation bringt auch so einige Nachteile oder wirft bisher Bewährtes durcheinander: längere Fahrzeiten, für das Neue muss etwas Bestehendes aufgegeben werden, womöglich steht der Wechsel des Wohnortes an. Eine solche Entscheidung zu fällen ist nicht leicht.

Meine bisher größte Entscheidung dieser Art war es, nach dem Studium aus der Schweiz nach Österreich zu gehen. Familie und Freunde, besonders Freundinnen zurücklassen und in ein neues Land aufbrechen mit mir unbekannten Menschen. Der Wechsel war groß und es war von der Schweiz aus nicht abzusehen, was es da Gutes geben könnte in Österreich. Das Gehalt ist geringer, die Distanzen sind größer, der öffentliche Verkehr reicht nicht bis in jedes Nest und als Ausländerin darf ich die Politik im fremden Land nicht mitbestimmen. Der Schritt ist nur gelungen, weil sich mein Blick gewendet hat: nicht auf das zu schauen, was ich zurücklasse, sondern auf das, was ich Neues dazu gewinne und inzwischen dazu gewonnen habe. Neue Freundinnen und Freunde, einen Ehemann, andere kulinarische Erfahrungen und viel Tätigkeit, die mich zufrieden macht, weil ich das weitergeben kann, was ich gelernt habe und was mir ein Anliegen ist.

Schau auf das, was du gewinnen kannst

Schau nicht auf das, was du zu verlieren hast, sondern auf das, was du gewinnen kannst. Diesen Tipp möchte man gerne auch dem reichen Mann geben, der zu Jesus kommt. Denn die Aufforderung Jesu lautet ja nicht nur: „Geh hin und verkaufe alles, was du hast.“ Sie ist nicht nur am Verlust orientiert. Sie geht noch weiter: „Gib das Geld den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben.“ Schau auf das, was dein Gewinn ist. Und der Gewinn heißt hier: Durch dich gewinnen andere. In der Sprache des modernen Managements würde man sagen: Hier liegt eine Win-Win-Situation vor. Nicht nur du gewinnst, indem du lernst, deinen Besitz loszulassen und indem du freier wirst für Neues. Andere gewinnen dazu, weil ihre Situation durch dein Loslassen verbessert wird. Schau nicht auf das, was du zu verlieren hast, sondern auf das, was du und andere gewinnen können.

Das gilt nicht nur für das Vermögen, den Besitz, den jemand herzuschenken hat. Es gilt auch für die Beziehungen, in denen wir stehen oder die Aufgaben, die uns erfüllen. Wer weiß, ob der junge Mann nicht auch zu einem ganz neuen Kreis von Menschen hätte Beziehungen knüpfen können, wenn er sein Geld an die Armen weitergegeben hätte. Wer weiß, ob nicht gerade er einer gewesen wäre, der mit der gleichen Hingabe, mit der er seinen Besitz verwaltete, sich auch um arme und kranke Menschen gekümmert hätte. Jesus lädt ihn nicht nur ein loszulassen und seinen Vermögen zu verkaufen. Jesus bietet ihm die Möglichkeit, sich auf etwas Neues einzulassen, neue Beziehungen zu knüpfen, sich mit etwas zu beschäftigen, das nicht in seinem bisherigen Erfahrungsbereich gelegen ist.

Noch ein letztes: Auch für Jesus selbst war es wichtig nicht auf das zu schauen, was er zu verlieren hat, sondern auf das, was er gewinnen kann. Die Begegnung mit dem jungen Mann endet mit dem Satz, der sonst am Ende einer Jüngerberufung folgt. Die Aufforderung lautet: „Komm und folge mir nach!“ so wie es Jesus zu Petrus und Andreas, zu Johannes und Jakobus gesagt hat. Aber bei diesem jungen Mann hat er damit keinen Erfolg. Ihn zu berufen, das ist Jesus nicht gelungen. Auch Jesus darf sich nicht auf die Probleme fixieren, auf das, was schief läuft, was nicht gelingt. Auch Jesus muss sich nach dem ausrichten, was Gott ihm an Möglichkeiten bietet. Auch für Jesus gilt: Schau auf das, was du gewinnen kannst. Schau auf die Menschen, die du gewinnen kannst. Schau auf die neuen Beziehungen, die du stiften kannst. Schau darauf, wo du Menschen mit Gottes Nähe berühren kannst. Die Freude darüber wird deinen Schmerz und deinen Verlust, den auch du zu tragen hast, überwiegen. Amen.

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