Seht auf und erhebt eure Häupter!

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zum ersten Advent, Lukas 21,28

Es geht in dieser Predigt nur um den einen Vers aus dem Lukasevangelium 21,28: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Wer braucht eine Aufmunterung und einen Zuspruch? Wer hat den Kopf so gesenkt, dass er gar nicht mehr sieht, was um ihn oder sie herum vorgeht? Wer sehnt sich nach Erlösung in der heutigen Zeit? Diese Frage ist heute berechtigt. Vor zwei Jahren hätten wir vielleicht noch gefragt: Ist Erlösung überhaupt noch relevant? Jeder ist doch selbst seines Glückes Schmied, wer braucht da noch Erlösung? Ich kann doch alles im Leben erreichen – wenn ich nur will –, wo bin ich da noch auf Erlösung angewiesen? Wozu brauche ich so etwas wie Erlösung als etwas, das von außen kommt und mir zugesprochen wird? Ich bin doch selbst fähig, mir Erlösung zu schaffen!

Wozu brauchen wir Erlösung?

Jetzt, zwei Jahre nach Beginn der Pandemie und mit den spürbaren Veränderungen, die die Klimakatastrophe mit sich bringen, sehen wir manches anders. Manche dieser hausgemachten Probleme können wir nicht im Alleingang lösen. Es braucht das Zusammenwirken aller Menschen. Doch was ist, wenn diese Menschen in sich selbst gefangen sind? Was ist, wenn sie durch ihre Lebenswirklichkeiten so gebunden sind, dass sie ihre Mitmenschen und ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen oder darauf eingehen können? Erst wenn wir selbst aufblicken können, dann werden wir frei zum Handeln für andere und für unsere Mitwelt. So lade ich euch ein, einigen Menschen zu begegnen, deren Blick auf den Boden gerichtet ist. Ich weiß nicht, ob das Schlagwort „Erlösung“ bei ihnen etwas auslösen würde, wenn wir sie damit konfrontierten. Aber sicher brauchen sie so etwas wie Erlösung oder Befreiung. Und vielleicht erkennen wir uns selbst in diesen Menschen, die ich euch vorstellen möchte.

Claudia

Sie schaut zu Boden, weil ihr Rücken es nicht zulässt, dass sie aufgerichtet gehen kann. Kreuzschmerzen, immer wieder Kreuzschmerzen. Ist es die viele Arbeit, die zu dieser gebückten Haltung geführt hat? Sind es die Demütigungen, die sie an ihrer Arbeitsstelle ertragen muss? Was hat ihr den Rücken so krumm gemacht? Ist es die Erziehung zur Anpassung, wie sie gerne Frauen eingetrichtert wird? Sind es die finanziellen Zwänge, weil sie ihr Kind alleine groß zieht und sie in Beruf und Familie ihren Mann stehen muss? Sich einmal aufrichten dürfen und frei durchatmen, das wäre schön. Nicht erniedrigt werden, sondern mit Stolz durch die Welt gehen, das täte gut. Alles abschütteln, was einen hindert und lähmt, davon träumt Claudia. Sie gleicht der Frau mit dem gekrümmten Rücken von deren Begegnung mit Jesus uns Lukas in seinem Evangelium erzählt. Er verwendet dasselbe Wort um ihre Situation zu beschreiben: Sie konnte nicht mehr aufsehen und aufrecht gehen.

Sieh auf und erhebe dein Haupt, weil sich deine Erlösung naht! Du darfst stolz sein auf das, was du tust, Claudia. Auch wenn man dir den Stolz versucht hat auszutreiben. Da ist einer, der dich aufrichtet und heilt.

 Michael

Er ist einer von den Schülern, die in der letzten Reihe sitzen. Er schleicht sich herein. Der Blick ist zu Boden gerichtet. Wieder einmal ist er zu spät und die Hausübung hat er auch nicht gemacht. Er ist einfach ein Chaot, unverbesserlich, so sehr er sich auch bemüht. Michael schämt sich. Er schämt sich dafür, dass er nicht so sein kann wie er es sich wünscht. Aus der Scham wird Angst und aus der Angst wird Schulverweigerung. Die Lehrerin legt ihm das als Verstocktheit aus. Ein Schüler, der einfach nicht lernfähig ist. So wird Michael abgestempelt. Dabei würde es so gerne gut machen. Nur kann er nicht aus seiner eigenen Haut heraus. Er träumt davon, einmal alles gut zu machen, es den andern beweisen zu können, dass auch er etwas kann. Er möchte so gerne, dass sein Leben gelingt und es gut wird.

Sieh auf und erhebe dein Haupt, weil sich deine Erlösung naht! Du musst nicht perfekt sein, Michael. Alle tragen zutiefst in sich den Wunsch, es gut zu machen. Das gelingt nicht immer. Aber da ist einer, der dich gut spricht trotz all deiner Fehler. Er macht dir keine Vorwürfe, weil du so bist wie du bist, denn er hat dich so geschaffen.

Maximilian 

Auch er schaut zu Boden. Er will einfach nichts mehr sehen und wahrnehmen von dieser Welt. Zuviel stürzt da auf ihn ein. Zuviel läuft schief. Zu sehr hat er sich darüber geärgert. Er ist nur noch frustriert und hat genug von allem. Ja, so mancher Satz, den er von sich gibt, klingt zynisch. Sollen sie doch … aber lasst mich in Ruhe damit. Davon wird die Welt auch nicht besser … Das hat noch niemand lösen können … Mir hängt das längst zum Hals heraus. Da gibt’s nur noch eines: Augen zu, Ohren zu, Mund zu und sich in nichts mehr einmischen. Maximilian gehört zu den Frustrierten und Resignierten. Er hat mit der Welt und mit den Menschen abgeschlossen. Er erwartet nichts mehr von ihnen und sie sollen auch nichts mehr von ihm erwarten.

Sieh auf und erhebe dein Haupt, weil sich deine Erlösung naht! Bist du wirklich schon fertig mit allem auf dieser Welt, Maximilian? Was kommt danach? Das Ende? Das Nichts? Bist du damit zufrieden? Da ist einer, der deinen Lebenshorizont weitet. Er hat von sich gesagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und er ruft dir zu: Liebe deinen Nächsten. Du hast noch eine Aufgabe, Maximilian.

Anna

Sie schaut nicht nur zu Boden. Sie hat den Kopf ein- und die Schultern hochgezogen und hält die Hände schützend darüber. Jetzt wird es dann gleich passieren. Jetzt schlägt es demnächst wieder zu. Könnte ich mich doch bloß unsichtbar machen und in den Boden verkriechen! Dann würde mich das Schicksal dieses Mal nicht treffen. Immer wieder ist es Anna, die harte Schicksalsschläge einstecken muss: Ihr Kind ist mit einer Behinderung zur Welt gekommen. Sie hat keinen Arbeitsplatz gefunden, der ihrer Qualifikation entsprechen würde. Auf ihr und ihrem Mann lasten die Schulden eines Hausbaus. Anna wartet nur darauf, dass sie der nächste Schlag trifft: ein Bruch in der Beziehung, der Wegzug ihrer besten Freundin, Brustkrebs oder ein Herzinfarkt. Das Leben meint es nicht gut mit ihr. Es verursacht Stress und das macht Angst. Das Vertrauen darauf, dass es auch einmal gut gehen könnte, ist ihr verloren gegangen.

Sieh auf und erhebe dein Haupt, weil sich deine Erlösung naht! Entspanne dich und freue dich an dem, was dir geschenkt ist. Entdecke, was es um dich herum gibt. Fasse Vertrauen, Anna, in den, der dir das Leben geschenkt hat. Seine Liebe schenkt er jedem, bedingungslos. Er hat an dich geglaubt noch bevor du deinen ersten Atemzug getan hast. Du kannst ihm vertrauen.

Paul 

Er schaut auf den Boden, um ja nicht an einen Ort zu treten, wo sein Fuß umknicken oder ausrutschen könnte. Die Straße, auf der er geht, ist unwegsam. Sie lässt es nicht zu einmal aufzuschauen und die Aussicht zu genießen. Paul hat nur gerade die nächsten paar Schritte im Blick. Übervorsichtig wie er ist, tastet er sich Schritt für Schritt durchs Leben. Großzügigkeit ist ihm fremd. Er gehört eher zu den Kleinkarierten. Man könnte ja einen Fehler machen. Man könnte ja einmal daneben treten und dann ist es aus. Immer schön auf den Boden schauen. Dann ist die Welt sicher und in Ordnung. Dann kann man nicht die Orientierung verlieren. Aber Paul, wie willst du so jemals einen Wegweiser lesen können, wenn du nur immer auf den Boden schaust?

Sieh auf und erhebe dein Haupt, weil sich deine Erlösung naht! Tausche dein Bedürfnis nach Absicherung und Sicherheit gegen die Gewissheit, dass einer mit dir geht und deinen Fuß nicht gleiten lässt, wo immer du auch hintrittst. Der, der dich behütet schläft nicht. Unter seinem Schutz darfst du in die Weite sehen. Das bereichert dein Leben.

Die Tür wird von außen geöffnet

Fünf Personen, fünf Gründe zu Boden zu schauen. Fünf Menschen, die auf ihre Weise durchs Leben gehen, mal so, mal so. Ängste, Verbohrtheit, Scham, Unsicherheit und Misstrauen bestimmen ihr Denken und Handeln. Wir erkennen da und dort, dass das Leben sie hart gemacht hat, oder missmutig, oder ängstlich, oder verbissen. Gefangen sind sie je auf ihre Weise, verstrickt in Kreisläufe, die nicht von innen zu durchbrechen sind. Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe hat es in einem Brief, den er aus dem Gefängnis an seine Verlobte Maria Wedemeyer schrieb, einmal so formuliert: „Eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und das – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

Man muss nicht wie Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis gewesen sein, um diesem Satz nachspüren zu können. Wir kennen alle unsere eigenen Gefängnisse. Die Dinge im Leben, die sich stets wiederholen. Die Situationen, wo wir denken, jetzt bin ich schon wieder in dieselbe Falle getappt. Ich hätte es doch wissen müssen. Da spüren wir: Die Tür können wir nicht selbst aufstoßen. Das kann nur einer machen, der von außen kommt. Einer, der Erlösung bringt, was auch immer das für uns heißen mag: dass ich mich ihm anvertrauen kann; dass ich Orientierung und Lebensziel finde; dass ich es lerne großzügig zu sein ohne auf meinen eigenen Vorteil achten zu müssen; dass ich Liebe erfahre und lieben kann; dass Dankbarkeit und Vertrauen zu Grundzügen meines Lebens werden. Diese Dinge können im Kleinen erfahren und gesehen werden. So wie der Feigenbaum ausschlägt und Blätter treibt und damit das Kommen des Sommers anzeigt, so können wir Gottes Wirken in dieser Welt und in unserem Leben entdecken. Und dabei spüren wir, dass diese kleinen Dinge des Lebens eigentlich die großen Themen sind, die es im Leben zu erfahren gibt. Machen wir uns also bereit, sehen wir auf und erheben wir unser Haupt, damit wir sehen, woher die Erlösung kommt.

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