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Glaubensimpuls

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Ruth Armeanu

Laienpredigerin


Eine Predigt von Ruth Armeanu zu Psalm 1

Wood Wide Web

www – ihr wisst natürlich, was das heißt: World Wide Web! Es ist das weltweite Datennetz im Internet. Aber habt ihr gewusst, dass es ein natürliches Internet in der Erde gibt, versteckt im Waldboden? Wissenschaftler haben ihm den Namen "Wood Wide Web", also „Waldweites Netz“ gegeben.

Die Verbindungsleitungen in diesem Wald-Netz sind aber nicht die Wurzeln der Bäume, sondern ganz dünne Pilzfäden, die Hyphen. Die Pilze oder Schwammerl – wie sie bei uns in Österreich heißen –, die wir sammeln und essen, sind nämlich nur die Fortpflanzungsorgane oder Fruchtkörper der Pilze. Der eigentliche Pilz besteht aus einem riesigen Geflecht von Pilzfäden in der Erde. Die Gesamtheit aller Hyphen nennt man übrigens Myzel. Die Hyphen können sich kilometerweit im Waldboden ausbreiten, sie verbinden weit voneinander entfernte Bäume und andere Pflanzen miteinander und ermöglichen ihnen so, nicht nur Nährstoffe, Wasser und Botenstoffe auszutauschen, sondern auch Informationen an ihre Nachbarn zu übermitteln – so wie wir E-Mails verschicken. Man könnte sie mit besonders dünnen Glasfaserkabeln vergleichen. Forscher haben festgestellt, dass ältere Bäume über dieses Waldnetz sogar jungen Bäumen beim Wachsen helfen.

Aber bevor das möglich wird, müssen sich die Hyphen zuerst einmal mit den Wurzeln verbinden. Und dabei müssen sie den Baum zu seinem Glück zwingen: Denn wenn so ein Pilz seine Hyphe mit einer feinen Wurzel eines Baumes verbindet, wehrt sich der Baum und bildet wie bei einer Impfung Abwehrstoffe. Das hat aber den Vorteil, dass er sich in Zukunft besser gegen Bakterien oder Holz zersetzende Pilze wehren kann.

Wenn aber der Baum und der Pilz dann eine Symbiose bilden, das ist ein Zusammenleben zu beiderseitigem Vorteil, dann ist das eine Win-Win-Situation für beide. Denn die Pilze filtern nicht nur Gifte und Schwermetalle durch ihre Hyphen heraus und geben das gesäuberte Wasser an die Bäume weiter, sondern sie versorgen den Baum auch noch mit Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor, die für ihn schwer zugänglich sind. Der Baum wiederum liefert dafür dem Pilz einen Teil seines Ertrags aus der Fotosynthese. Und – wie schon gesagt – ermöglicht das Pilznetzwerk, dass Informationen zwischen Bäumen ausgetauscht werden können.

Die Forscher haben es lange Zeit gar nicht für möglich gehalten, dass Bäume miteinander kommunizieren können. Aber inzwischen sind sie sich darüber einig, dass Bäume sich sogar gegenseitig warnen und helfen. Das führt zur Erkenntnis, dass die Organismen in Ökosystemen noch viel weiter vernetzt, also miteinander verbunden sind, als bisher angenommen wurde.

Bildet der Wald also eine große Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig helfen? Leider ist das nicht der Fall. Es gibt es auch hier eine Art „Dark Net“, z.B. von Pflanzen, die die Vorteile des Netzwerkes ausnutzen, von Parasiten, die sich von ihrem Wirt ernähren. Es gibt sogar vereinzelt Baumarten, die Giftstoffe über das Pilznetzwerk weiterleiten, um ihre Nachbarn zu schwächen.

Was bedeutet das für uns? Zuerst einmal sollte uns klar werden, dass es Dinge gibt, die wir zwar nicht sehen können, die aber trotzdem existieren. Die Schöpfung verbirgt noch so viele erstaunliche Geheimnisse, das geben auch Wissenschaftler unumwunden zu. Da wäre Demut angebracht. Und wir sollten uns noch viel mehr dafür einzusetzen, dass diese wunderbare Schöpfung nicht so viel ausgenützt, sondern besser geschützt wird. Und dass Bäume und Wälder erhalten bleiben, wäre wirklich wichtig – wer weiß, womit sie uns noch überraschen!

Ein glücklicher Baum

Um Bäume oder genau genommen um einen ganz besonderen, einen so richtig glücklichen Baum, geht es auch in Psalm 1. Der ist zusammen mit dem 2. Psalm das Eingangsportal zum Psalmenbuch mit seinen 150 Psalmen. Über diesem Portal ist auf beiden Seiten ein Glückwunsch zu lesen: Bei Psalm 2 bildet er mit dem Satz „Glücklich sind alle, die beim Herrn Zuflucht suchen!“ den Schluss, bei Psalm 1 steht er am Anfang: Glücklich ist der Mensch, der sich nicht die Menschen zum Vorbild nimmt, denen Gottes Gebote egal sind und die nur ihre eigenen Interessen um jeden Preis durchsetzen wollen. Glücklich ist auch der Mensch, der sich fernhält von Leuten, über alles Heilige herziehen und es verspotten. Glücklich ist der Mensch, der mit denen, die schlecht über andere reden, keine Gemeinschaft haben will.  Glücklich ist letztendlich der Mensch, der sich so sehr über Gottes Wort freut, dass er ständig darüber nachdenkt, ja es sogar laut vor sich hin meditiert.

Und jetzt kommen wir zum Baum: Dieser Mensch, dieser glückliche Mensch – er gleicht einem Baum, der am Wasser, an einer sprudelnden Quelle steht, der Früchte trägt, wenn die Zeit dafür reif ist, und dessen Blätter nicht welk werden.

Gottes Wort als sprudelnde Quelle

Die sprudelnde Wunderquelle, die für immergrüne Blätter sorgt – was können wir uns darunter vorstellen? Der Zusammenhang liegt auf der Hand: Die sprudelnde Quelle, das ist Gottes Wort, das sind des Schöpfers Weisungen an seine geliebten Geschöpfe. Im Psalm 1 ist damit die Tora gemeint, daraus zitiert auch Jesus immer wieder, wenn er z.B. nach dem höchsten Gebot gefragt wird:

„Ein Schriftgelehrter wollte Jesus auf die Probe stellen und fragte: ‚Lehrer, welches Gebot im Gesetz ist das größte?’ Jesus antwortete: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.’ Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber das folgende Gebot ist genauso wichtig: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.’ Diese beiden Gebote fassen alles zusammen, was das Gesetz und die Propheten von den Menschen fordern.“  (Matthäus 22,35-40) Jesus zitiert hier aus dem „Schma Jisrael! Höre, Israel!“, das Gott seinem Volk gegeben hat und das bis heute das wichtigste Gebet, ja Bekenntnis der Juden ist.

Wenn wir diese Worte ernst nehmen, den Schöpfer der Erde von ganzem Herzen zu lieben und auf Basis dieser Liebe unsere Mitmenschen wie auch uns selbst, dann kommen wir nicht daran vorbei: Wir müssen bewahren, was Gott geschaffen hat. Und wir müssen solidarisch sein mit den Schwachen, den Armen und den Fremden.

Denn schon in 3. Mose ordnet Gott an: „Wenn es Zeit zum Ernten ist, sollt ihr für die Armen und Fremden etwas übriglassen. Lasst stehen, was am Rand des Feldes wächst! Sammelt nicht ein, was von der Ernte am Boden liegt! Ich bin der Herr, euer Gott.“

Auch bei der Lesung des heutigen Evangeliums haben wir gehört, worum es Gott und seinem Sohn geht: „Wer ein Kind wie dieses aufnimmt und sich dabei auf mich beruft, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht nur mich auf, sondern auch den, der mich gesandt hat.“ (Markus 9,37)

Und offenbar geht es Gott nicht nur um Menschen, sondern um seine gesamte Schöpfung! Denn in der Offenbarung ist im 9. Kapitel zu lesen: „Den Heuschrecken wurde befohlen, dem Gras auf der Erde keinen Schaden zuzufügen – auch nicht den Pflanzen und Bäumen.“

Die Völker in Aufruhr

Wir Menschen halten uns leider viel zu wenig daran, der Schöpfung keinen Schaden zuzufügen. Dabei sind doch die Psalmen 1 und 2 zusammen betrachtet unglaublich aktuell und als wären sie in unser derzeitiges weltweites Chaos hineingeschrieben, besonders, wenn man an Psalm 2 denkt: „Warum sind die Völker in Aufruhr geraten? Wozu schmieden die Nationen sinnlose Pläne? Der im Himmel wohnt, lacht darüber. Der Herr spottet über ihr Tun. Darum, ihr Könige, kommt zur Einsicht! Lasst euch warnen, ihr Herrscher der Welt!“

Aber sind da nicht auch wir gemeint, die wir unsere eigene kleine, begrenzte Welt beherrschen?

Es wird höchste Zeit, dass wir uns dem stellen und nicht immer glauben, alles besser zu wissen als der Meister – so wie Goethes Zauberlehrling, der so kläglich scheitert.

Denn es ist Gott, der die Regeln für seine Schöpfung festgelegt hat: Wie wir gerade beispielhaft gehört haben, zeigt er sie uns in seinem Wort. Und wenn wir an das „Wood Wide Web“, das Waldweite-Netz denken, so zeigt er sie uns auch immer wieder auf seiner Erde, falls wir überhaupt genau hinschauen wollen.

Wir können uns dem einfach nicht entziehen, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt und dass unser Tun Konsequenzen hat – nach dem Motto: 

Wer Unrecht sät, wird Unrecht ernten.

Wer die Klimaziele nicht einhält, darf sich über die Folgen nicht wundern.

Wer die Notleidenden im Stich lässt, muss mit Taten der Verzweiflung und bis zur Revolution rechnen – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Die Konsequenzen für unser Handeln

Unsere komfortable Lebensweise fordert zu viele menschliche Opfer in manchen Teilen der Erde. Und unser sorgloser, ja selbstverständlicher Konsum ist teilweise nur möglich, weil andere unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden und keine sozialen Sicherheiten haben. In Gottes neuem Reich, das sein Sohn so konsequent verkündet, kann ich aber nicht glücklich leben, solange andere unglücklich sind. Deshalb geht wohl nichts daran vorbei, dass wir bei unserem Schöpfer Zuflucht suchen und uns an seine liebevollen Weisungen halten.

Lassen wir uns darum nicht verführen von denen, die nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind. Prüfen wir genau, was uns gesagt wird. Halten wir uns fern von den Spöttern, die die Lebensrechte anderer Menschen zu ihrem eigenen Vorteil ignorieren.

Wir Menschen lassen uns leider leicht verführen, wenn man uns verspricht, was wir uns wünschen und erhoffen. Ohne die Hilfe von Gottes Geist ist es nicht leicht, Richtig und Falsch, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden. Nicht umsonst mahnt der Psalmdichter so eindringlich, unser Glück bei Gott zu suchen.

„Glücklich ist...“ soll für unser Leben und unsere Erde gelten. Weil wir ja Gottes Weisungen kennen, uns damit auseinandersetzen und uns darüber freuen. Weil damit auch über unserem Schicksal und dem unseres Planeten die Zusage steht: „wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen.“

Der glückliche Mensch

Ein unglaublich kraftvolles, lebendiges Bild! Das satte Grün seiner Blätter zeigt, wie gut es ihm geht. Er hat genug Kraft, der Sonne entgegenzuwachsen, kann aber auch auf seine Nachbarn Rücksicht nehmen. Das gelingt den Bäumen im Wald tatsächlich, wie Forscher festgestellt haben. Seine Wurzeln sind tief in der Erde verankert und haben schon viele Stürme überstanden. Sein dichtes Laub sorgt für Schatten und lädt zum Ausruhen ein, und zur Erntezeit schenkt er allen freigiebig seine köstlichen Früchte.

So wie dieser Baum ist er also, der glückliche Mensch, und so können auch wir glückliche Menschen sein: Gottes Wort, sein fleischgewordenes, lebendiges Wort und seine liebevollen Weisungen sind unsere Nahrung und die Grundlage für unser Wachstum. Gottes Geistkraft, die in der Bibel mehrmals mit lebendigem Wasser verglichen wird, strömt dabei in unser Leben und füllt unser Herz mit Freude und Liebe. Und wenn wir uns die Hyphen aus dem Netz des Waldes als Leitungen seines Geistes vorstellen, dann können wir uns auch ausmalen, dass wir nicht nur alles bekommen, was wir zum Leben brauchen, sondern dass wir darüber hinaus noch mit den anderen glücklichen Menschen-Bäumen vernetzt sind. Gemeinsam können wir so den Stürmen trotzen und sind stark genug, auch schwere Zeiten zu überstehen.

Denn die Menschen, die Gott lieben, gehören alle zusammen, sind miteinander verwoben in Gottes weltweitem Netz seiner Gnade und Liebe, tief verwurzelt im Biotop seiner Weisungen, gemeinsam füreinander sorgend. An seiner lebensspendenden Quelle wachsen sie immergrün und glücklich gegen Himmel – im Vertrauen darauf, dass alles zu seiner Zeit reifen wird. Und sie haben Freude daran, für Gottes Schöpfung und Geschöpfe Verantwortung zu übernehmen und die von Gott geschenkten Früchte großzügig zu verteilen. Nehmen wir uns die Bäume als Vorbild, lassen wir uns von ihnen verzaubern, wie es die Dichterin Rose Ausländer in poetische, in zeitlose Worte kleidet. Amen.

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