Der Stern der Weih­nachts­ge­schich­te

Glaubensimpuls

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Manfred Schwarz

Pastor i.R., EmK Salzburg


Eine Predigt über den Stern - Matthäus 2,1-12

Liebe Christinnen und Christen des 21. Jahrhunderts nach Christi Geburt!
Ihr wundert euch über diese Anrede. Die habe ich aber absichtlich gewählt. 
Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob wir die Bibel mit den Augen des Altertums oder eben aus Sicht der heutigen Zeit lesen.

Die Naturwissenschaften unserer Zeit, Geografie, Astronomie, Astrophysik haben uns aufgezeigt, wie groß und gigantisch das Universum ist: mit Tausenden von Galaxien, jede mit einer Million Sonnen, die meist größer sind als unsere Sonne.  Was wir sehen, wenn wir in den Nachthimmel schauen, sind alles Sterne nur unserer Milchstraße, unserer Heimatgalaxis. 

Wie war das mit dem Stern?

Und dann lesen wir die Erzählung von den Sterndeutern, die einem Stern folgten, der über einem Haus stehen geblieben sei…

Ich habe mir vor Jahrzehnten schon Gedanken darüber gemacht, wie solches nur möglich sein sollte. Planeten unseres Sonnensystems sind mindestens so groß wie unser Erdball, wenn nicht um vieles größer. Die Fixsterne, die wir sehen, sind alles Sonnen. Die können gar nicht über einem Haus stehen bleiben – auch wenn wir das gerne über unseren Krippen darstellen. 

Den „Stern“ muss man also anders deuten – nicht als historische Tatsache.  
Wie kann man nun als aufgeklärter und doch gläubiger Christ diese Perikope verstehen? Denn es gibt genug Leute, die solche Erzählungen als Kindermärchen ablehnen. 

In meiner heutigen Predigt möchte ich aufzeigen, wie wir im 21. Jahrhundert an die oft verborgene Wahrheit biblischer Erzählungen herangehen dürfen. 

Der Stern im Weltbild des Römischen Reichs

Wir müssen die Situation und das Weltbild der damaligen Zeit genauer unter die Lupe nehmen. 

Auch wenn es zur Zeit Jesu einige griechische Philosophen gab, die die Erde als Kugel vermuteten, der Durchschnittsmensch erlebte die Welt immer noch als Scheibe, über der sich das Himmelsgewölbe wie ein Himmelszelt ausbreitet. 

Da oben laufen Sonne, Mond und eben auch die Sterne als feurig brennende  Leuchtkörper hinweg. Diese Sterne sind natürlich kleiner als der Mond und wandern da oben auf ihren Bahnen. Nun meinte man, eine dieser Leuchten verließ seine Bahn auf Gottes Geheiß und führte Sterndeuter aus dem Osten nach Israel. 
So verstand man jahrhundertelang diese Szene. Nach dem damaligen Weltbild gab es da kein Problem.

Nun aber kommt noch ein zweiter Gedanke hinzu, ein machtpolitischer Aspekt:

Palästina ist damals eine Provinz des großen Römischen Reiches. Kaiser Augustus regierte als Nachfolger von Gaius Julius Cäsar das Römische Imperium. 
Wie wir wissen, ist Cäsar im Jahr 44 vor Christus von Mitgliedern des Senats ermordet worden. Rom war erschüttert. Da erschien nach einiger Zeit sieben Tage lang am nordöstlichen Himmel Roms ein Komet. Das stimmt, und ist astronomisch nachweisbar. (Er hat eine eigene Bahn, kommt etwa alle 10.000 Jahre in unser Sonnensystem.)    

Nun wissen wir, dass in der römischen Mythologie die Planeten Götter waren. Noch heute nennen wir sie ja so: Jupiter, Saturn, Mars, Venus – alles römische Götter. 

Und nun erscheint am Himmel ein Komet etwa vier Monate nach der Ermordung von Julius Caesar. Der römische Schriftsteller Sueton schrieb (um ca. 77 n.Chr.):  "Als die Feierlichkeiten (der Venus-Spiele) begannen, strahlte ein Komet sieben Tage hintereinander, erhob sich um die elfte Stunde und wurde als die Seele von Cäsar angesehen.“ 
(Zitiert nach:https://de.abcdef.wiki/wiki/Caesar's_Comet)

Dieser Komet wurde zu einem mächtigen Symbol in der politischen Propaganda des späteren Kaisers Augustus. 

Einige Jahrzehnte später schrieb der römische Dichter Ovid sein Werk „Metamorphosen“. Darin beschreibt er den Beginn der Welt bis zu Julius Cäsar. 
Ich zitiere: "Da sprach Jupiter, der Gott-Vater, zu Venus: '…Nimm Caesars Geist von seinem ermordeten Leichnam und verwandle ihn in einen Stern, damit der vergöttlichte Julius immer von seinem hohen Tempel auf unser Kapitol und Forum herabschauen kann.' Kaum war er fertig, da stand die sanfte Venus inmitten des Senats, von niemandem gesehen, und nahm den frisch befreiten Geist ihres Caesars aus seinem Körper und trug ihn nicht in die Lüfte entschwindend, sondern den herrlichen Sternen entgegen. Als sie es trug, spürte sie, wie es glühte und Feuer nahm, und löste es von ihrer Brust: Es stieg höher als der Mond und zog einen feurigen Schwanz hinter sich, der wie ein Stern leuchtete.“ – Caesars Komet.
(Zitiert nach Caesars Komet https://gaz.wiki/wiki/de/Caesar%27s_Comet)

Versteht ihr nun, in was für einer Zeit, unter welchen mythologischen Anschauungen die Evangelien geschrieben worden sind? Was für eine Bedeutung solch ein Stern hatte?

Wohlgemerkt: Vergöttlicht wurde ein Kaiser erst nach seinem Tod. Erst dann wurde er Stern!
Bei Jesus aber ist es im Matthäusevangelium anders. Bei Jesus erscheint „sein Stern“ bereits zur Geburt. Die Magier fragen ja: “Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben ‚seinen Stern‘ im Morgenland gesehen.“ Also: ‚sein Stern‘ ist schon da!  
Das verstanden die Menschen im Altertum als deutlichen Hinweis: Hier wird nicht ein Mensch nach dem Tod vergöttlicht, sondern hier ist Gott vermenschlicht! Gott ist Mensch geworden! Das will Matthäus sagen!!!

Jetzt verstehen wir das Weitere: 
Die Sterndeuter sagen: „Wir haben ‚seinen Stern‘ im Morgenland gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten!“ Sie kommen, um den ‚neugeborenen König anzubeten‘. Aber damals wurden im Römischen Reich ja nur Götter angebetet. Die fremden Magier stellen fest: Da muss hier ein anzubetender Gott in diesem Neugeborenen sein. Denn ‚sein Stern‘ ist ja schon da!

Jesus, der verheißene Messias:

Damit will der Evangelist durch diese Erzählung sagen: In diesem Jesus begegnen wir von Anfang an Gott selbst. Er ist der verheißene ‚Gott mit uns‘, der Messias!

Wir haben noch weitere Hinweise, dass diese Geschichte auf den erwarteten Messias hindeutet.

Und zwar Bethlehem im Gegensatz zu Jerusalem:
Jesus kommt nicht in der Residenzstadt von Herodes und nicht im Tempelbezirk Jerusalems zur Welt, sondern in der Armut des bedeutungslosen Hirtendorfes Bethlehem. Allerdings ist es der Geburtsort von König David – aus dessen Stamm der Messias kommen sollte.

Parallelen zu Mose

Ein zweiter Hinweis: Der Evangelist Matthäus zieht Parallelen zwischen Mose und Jesus. Bekannte Szenen aus der Geburtsgeschichte von Mose setzt er parallel zur Kindheitsgeschichte Jesu: Da haben wir

  • einen sowohl vom Pharao wie auch von Herodes geplanten Kindermord;
  • die Rettung des Knaben Mose. Und die Rettung des Jesusknaben durch Josefs Traum;
  • Mose flieht aus Ägypten, ebenso kommt Jesus nach der Flucht aus Ägypten;

Warum das für den Evangelisten so wichtig ist, lesen wir im 5. Buch Mose (18,18). Da steht, dass Gott dem Mose verheißen hat: „Einen Propheten wie du bist, will ich erwecken und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen alles reden, was ich ihm gebieten werde.“ Und dieser erwartete Prophet wie Mose ist für Matthäus eben Jesus!

Wir merken: der Evangelist will durch diese ‚Erzählung vom Besuch der Sterndeuter‘ sagen: In diesem Jesus begegnen wir von Anfang an Gott selbst. Er ist der verheißene Messias! Das Anliegen wird immer klarer.

Aber: Warum schreibt der Evangelist diese Botschaft nicht direkt, sondern verkleidet sie in eine Geschichte? Wir wissen es nicht, aber wir können vermuten, dass Matthäus – ähnlich wie Jesus – in Gleichnissen erzählt. Also eine verschlüsselte Botschaft!

Da haben wir noch weitere Grundzüge: Die Magier aus dem Osten sind keine jüdischen Angehörige des Volkes Gottes, sondern sie sind Heiden, heidnische Astrologen, Magier, Zauberer, was die Bibel kategorisch ablehnt.

Während Jerusalem „erschrickt“ und sich nicht zu Jesus hinwendet, erkennen Heiden (Magier) vom Morgenland in Jesus ihren göttlichen Erlöser.   
Und das aber beschreibt genau jene Situation, in der dieses Evangelium geschrieben worden ist: Gottes eigenes Volk anerkennt nicht Jesus als den Messias, während Menschen aus anderen Religionen sehr wohl Christen werden.

Ausblick: die Botschaft für uns heute

Und da sind wir jetzt bei uns hier im 21. Jahrhundert angelangt. Erleben wir nicht eine ähnliche Situation wie damals zur Zeit des Matthäus: Das sogenannte christliche Abendland anerkennt kaum mehr Jesus als den Retter, den Messias, ja lehnt Gott überhaupt ab, während Menschen aus anderen Kontinenten und Religionen sich zum  Christentum bekennen. Das ist unsere Situation. 

Können wir daran etwas ändern? 

So, dass wir nicht vor der atheistischen Gottlosigkeit erstarren?

Wieder ist es Matthäus, der uns heute, wie damals aus der Krise heraus hilft: Und zwar im letzten Gleichnis von Jesus vor dessen Hinrichtung – im Matthäus-Evangelium. Es ist das Gleichnis vom Weltgericht. Da spricht Jesus vom Thron seiner Herrlichkeit (=Gottes Thron) aus: Was ihr der oder dem Geringsten meiner Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.

Es liegt also schon an uns, wie wir im Namen Jesu unseren Mitmenschen begegnen, nämlich mit Nächstenliebe. Und in erster Linie zu den ‚Geringsten‘. Und das gilt für alle Menschen aller Zeiten.

Wie mit einer Klammer fasst Matthäus die Offenbarung Gottes in Jesus von Nazareth zusammen. Von der Geburt Jesu bis zur Verherrlichung soll gelten: Von Anfang an ist Gott in diesem Kind gegenwärtig als Heil der ganzen Welt – bis hin zum göttlichen Weltenrichter, für den die gelebte Barmherzigkeit und Liebe für alle Menschen zählt.  (Bibelstellen zitiert nach M. Luther und Basis Bibel)

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