Gottes Volk und Schatz

Glaubensimpuls

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Martin Obermeir-Siegrist

Pastor, Kinder- und Jugendwerk


Predigt zu Jesaja 62,1-5 über die Freude Gottes an seinem Volk

Zum Bibeltext Jesaja 62,1-5

 

Schatz

Schatz ist in Österreich der mit Abstand beliebteste Kosename für den oder die Liebste. Auch Hase, Maus, Spatz und weitere Kosenamen sind weit verbreitet, aber 4 von 10 Menschen in einer Beziehung werden Schatz oder Schatzi gerufen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Gibt es jemanden, der euch Schatz nennt? Oder gab es da einmal jemanden? Nennt ihr jemanden euren Schatz?

Klar ist auf jeden Fall einerseits: Wo solche Namen ins Spiel kommen, da geht es um eine innige, eine intime Beziehung. Andererseits: Der Kosename Schatz sagt aus: „Du bist mir unglaublich wertvoll.“

In Jesaja 62,1-5 hören wir, dass Gott, יהוה (JHWH), der Stadt Jerusalem einen neuen Kosenamen geben will. Einen Namen, der jetzt noch unbekannt ist. Einen Namen, der so intim ist, dass er für Außenstehende nicht genannt wird. Jerusalem steht dabei für das Zentrum Judas, also für die Mitte des Volkes Israel selbst.

Für die Außenstehenden, die Völker mit ihren Königen und Königinnen, bleibt der Kosename zwar unbekannt, aber – so ist es hier verheißen – sie werden den Glanz der Gerechtigkeit sehen, den Jerusalem, den Juda, den das Gottesvolk hervorbringen wird. Vom Berg Zion her wird Rettung aufleuchten wie eine Fackel.

Exil

Diese Verheißung von einer neuen, innigen Beziehung zwischen Gott und seinem Volk spricht mitten in eine Zeit der Krise, in der nur wenige Menschen an eine gute Zukunft glauben. Überall in Jerusalem und Juda sind noch die Spuren der Zerstörung durch die Babylonier zu sehen. Rund 70 Jahre zuvor – 586 vor Christus – hatte Nebukadnezar II., der König des neubabylonischen Großreichs, die Politik der Könige Judas – zunächst Jojakim gefolgt von seinem Sohn Jojachin – bestraft und Jerusalem samt dem Tempel zerstört. Vor allem die sogenannte Oberschicht wurde nach Babylon verschleppt.

Die Verschleppung nach Babylon löste einerseits eine große religiöse Krise aus. Im alten Orient war es die gängige Ansicht, dass wenn ein Volk im Krieg unterlegen war, auch der Gott dieses Volkes besiegt war und somit keine Rolle mehr spielte. Die Jüdinnen und Juden hielten aber zu einem großen Teil an ihrem Gott fest. Und Propheten wie Jesaja lieferten die Deutung, die dem Volk half, weiter auf Gott zu vertrauen. Zusammengefasst war diese Botschaft:

„Unser Gott, יהוה, ist nicht Marduk, dem Gott der Babylonier, unterlegen, sondern hat zugelassen, dass diese Katastrophe passiert. Denkt daran, wie wir gelebt haben! Wir haben uns in etlichen Dingen nicht an die Vorschriften Gottes gehalten. Wir haben uns nicht um die soziale Ungerechtigkeit gekümmert, die doch so offensichtlich mitten unter uns war. Wir haben uns nicht darum gekümmert, die Lage der verarmten Landbevölkerung zu verbessern. Wir haben zu viel auf die gehört, die uns gesagt haben: Solange es Opfer am Tempel gibt, ist Gott in unserer Mitte und uns kann nichts passieren. Wir haben Gott nicht aus ganzem Herzen und mit ganzer Kraft geliebt. Wir haben unsere Nächsten nicht geliebt, wie uns selbst.“

Diese Deutung der geschichtlichen Ereignisse, ja des eigenen Schicksals, machte es dem Gottesvolk möglich, weiterhin an einer lebendigen Beziehung mit ihrem Gott festzuhalten. So war die Krise, im Exil leben zu müssen, gleichzeitig eine unglaublich schöpferische Zeit, in der ganz viel theologisches Denken passierte. Neu dachten die Jüdinnen und Juden darüber nach: „Was macht unsere Beziehung zu Gott im Kern eigentlich aus? Wie können wir unseren Glauben leben, jetzt wo das religiöse Zentrum des Tempels fehlt?“ 

Synagogen entstanden, also Orte der Gemeinschaft, an denen eine neue Form des Gottesdienstes gefeiert wurde. Texte wurden gesammelt, geordnet und kommentiert. Lieder und Gebete wurden gesammelt, aber auch neu gedichtet. Aus dem babylonischen Kalender und der eigenen religiösen Tradition wurde der jüdische Kalender entwickelt. Die Grundlagen für das Judentum als Religion, die auch unabhängig vom Land Juda bestehen konnte, wurde gelegt.

Es war eine schöpferische Zeit, in der die Menschen ihre Beziehung zu ihrem Gott als das entscheidende Merkmal, als ihre Identität erfahren und festigen konnten. In der Fremde wuchs der Glaube: „Gott ist unser Schatz.“

Rückkehr und Aufbau

Nachdem der Perserkönig Kyros II. 539 v. Chr. Babylon erobert hatte, durfte die jüdische Bevölkerung in ihr Land zurückkehren. Viele waren aber mittlerweile in Babylonien ganz zuhause und blieben dort. 

Diejenigen, die zurückkehrten, um Jerusalem und den Tempel wieder aufzubauen, fanden ein verödetes Land vor. Darauf spielen die Spott-Namen für Jerusalem und Juda an, die in Jesaja 62,1-5 genannt werden: Als eine von ihrem Ehemann verstoßene Frau sehen die Spötter Jerusalem – nennen sie die Verlassene und das umliegende Land Juda nennen sie öd oder vereinsamt.

Die prophetische Stimme, also die Stimme Gottes durch einen Menschen ausgesprochen, sagt aber etwas anderes:

Gott freut sich so über Jerusalem, dass man es nicht verschweigen kann. Jerusalem wird wieder aufgebaut werden und im Glanz der Gerechtigkeit strahlen. Das heißt: Jerusalem wird nicht nur äußerlich wieder aufgebaut, sondern auch seine Gerechtigkeit wird von Gott erneuert. Gott wird also dafür sorgen, dass in den wieder aufgebauten Stadtmauern auch Menschen leben, die nach seinem Willen leben. So wird Jerusalem in Pracht erstrahlen, Gott wird die Stadt liebevoll mit neuen Namen rufen. Namen, die klar machen: Gott ist dieser Stadt und den Menschen in ihr liebevoll zugetan und kümmert sich um sie.
 

Wie der Bräutigam Freude an seiner Braut hat, so freut sich dein Gott an dir.

Jesaja 62,5
Die Bibel

Von einer voller Lust und Leidenschaft schwelgenden Liebe Gottes ist hier die Rede.

Diese prophetische Zusage gab den Menschen, die nach Juda zurückgekehrt waren, neuen Mut. Trotz aller Mühen und Herausforderungen bauten sie Jerusalem und sein Umland wieder auf. 

Die Liebe Gottes so unbedingt zugesprochen zu bekommen hat Kraft das Schicksal eines Menschen, ja eines ganzen Volkes zu wenden.

Tag des Judentums

Liebe Schwestern und Brüder, jedes Jahr im Jänner feiern die Kirchen die Weltgebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen. Den Auftakt zu dieser Woche macht der Tag des Judentums am 17. Jänner. Wir Christinnen und Christen erinnern uns gemeinsam daran, dass wir unseren Glauben Jüdinnen und Juden verdanken. 

Voller Dankbarkeit schauen wir zurück auf die Menschen, die auch in Verschleppung und Exil an ihrem Gott festgehalten haben. 

Voller Bewunderung schauen wir auf Prophetinnen und Propheten, die ihren Mitmenschen in Krisenzeiten von Gott her Mut zusprechen: „Gott hat eine große Freude an uns! Also lasst uns gemeinsam den Aufbau wagen.“

Voller Interesse, Neugierde und Respekt schauen wir auf unsere Geschwister, die heute noch ihren jüdischen Glauben leben. Von ihrer Beziehung zu Gott können wir etwas lernen.

Zuspruch zum Schluss

Durch den Juden Jesus hat auch dich und mich die Freudenbotschaft erreicht, die Israel schon vor langem vernommen hat:

Gott hat eine große Freude an dir! 

Gott will eine persönliche, innige Beziehung mit dir!

In Gottes Augen bist du unendlich kostbar – ein Schatz; wie eine wertvolle Krone bist du in Gottes Hand.

Wen diese Botschaft im Herzen erreicht, bei dem beginnt Gottes Gerechtigkeit zu glänzen. Diesen Glanz sehen andere Menschen und beginnen neugierig zu werden, wo dieses Leuchten ihren Ursprung hat.

Die Stimme Gottes hört nicht auf zu rufen, bis Gottes Gerechtigkeit ganz unter uns aufstrahlt.

Für uns, die wir Christinnen und Christen heißen, ist die Rettung  aufgestrahlt durch Jesus, den wir den Christus nennen. Wie eine Fackel ist uns durch ihn inmitten des jüdischen Volks ein Licht erschienen, das uns zu Gott geführt hat.

So sind auch wir jetzt Teil des Gottesvolkes und uns gilt die Freudenbotschaft. Gerade in Krisen hören wir, wie Gott sagt: „Du bist mein Schatz!“

Gott macht einen neuen Anfang mit uns. Trotz aller Schuld. Das bedeutet auch trotz der großen Schuld, den die Christenheit gegenüber ihren jüdischen Mitmenschen durch jahrtausendelange Feindseligkeit auf sich geladen hat. Gott hat uns in der Beziehung zu unseren jüdischen Geschwistern im Glauben einen neuen Anfang geschenkt.

Und dafür sei dem Gott Israels, der durch Krisen trägt; der neue Anfänge schenkt; der sich überschwänglich freut über jeden Menschen, Lob und Preis in Ewigkeit!

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