Holz auf Jesu Schulter

Glaubensimpuls

Bild von Esther Handschin
Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Liedbetrachtung zu EM 222 "Met de boom des levens" 
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Das Kreuz als Lebensbaum

Das zentrale Bild dieses Liedes ist der Lebensbaum. Es wird in der ersten und in der letzten Strophe aufgegriffen und bildet so einen Rahmen. Der Lebensbaum wird ganz am Anfang (1. Mose 2,9) und ganz am Schluss (Offb. 22,2) der Bibel erwähnt. Der niederländische Dichter Willem Barnard (1920-2010) bringt diesen Baum des Lebens mit dem Kreuz auf Golgatha in Verbindung. Jesus hat dieses Kreuz getragen, ebenso wie er als Lamm Gottes die Sünde der Welt trägt (Joh 1,29). So wie aus der Vergebung unserer Sünde neues Leben wachsen kann, so wird das Tod bringende Holz des Kreuzes zu einem Baum des Lebens, der gute Früchte hervorbringt.

Das Lied war ursprünglich nicht für die Fasten- oder Passionszeit gedacht. Barnard, reformierter Pfarrer aus den Niederlanden, schrieb es für den letzten Sonntag des Kirchenjahres. Für diesen Sonntag war vor 1970 in der katholischen Leseordnung ein Abschnitt aus Kolosser 1,9-14 als Epistellesung vorgesehen. Es geht darum, dass ihr „Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes und gestärkt werdet mit aller Kraft durch seine herrliche Macht zu aller Geduld und Langmut.“ Die Früchte des Glaubens sind so gesehen Früchte des Kreuzes.

 

Ein Bild aus einem alten Kreuzhymnus

Das Bild vom Kreuz als dem Baum des Lebens findet sich schon in einem Kreuzhymnus „Pange, lingua, gloriosi“ des Venantius Fortunatus (geboren um 540, gestorben zwischen 600 und 610), der diesen Hymnus für die Übertragung einer Partikel des Kreuzes Jesu ins Kloster von Radegunde geschrieben hat. Die Anfangszeile „Pange, lingua – Besinge, Zunge“ wurde von vielen späteren Hymnendichtern aufgegriffen und verwendet, unter anderem vom großen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1225-1274), der damit einen Hymnus zur Eucharistie beginnt.

Die achte Strophe aus dem Hymnus von Venantius Fortunatus wiederum dient als Kehrvers zwischen den anderen Hymnenstrophen und besingt das Kreuz als edlen Baum, dessen Holz eine besonders liebliche Last trägt. Sie lautet:

Crux fidelis, inter omnes arbor una nobilis,

Nulla talem silva profert flore, fronde, germine,

Dulce lignum dulce clavo dulce pondus sustinens.

Venantius Fortunatus
aus dem Hymnus "Pange, lingua, gloriosi"

Bei der Verehrung des Kreuzes in der Liturgie des Karfreitags erklingt daher diese Strophe besonders oft. Eine ganze Reihe von Musikern haben diese Strophe gesondert vertont.

Hier eine Version aus königlicher Feder, vermutlich von König Johann IV. von Portugal (1604-1656), gesungen vom australischen Kammerchor und aufgenommen in der Londoner Kirche St Martin-in-the-fields.

Beeindruckend auch diese Vertonung des polnischen Komponisten Mateusz Debski (*1985):

Der Refrain

Der Refrain nimmt den alten kirchlichen Ruf nach Erbarmen auf: „Kyrie eleison! – Herr, erbarme dich!“ Ursprünglich war das der Ruf, mit dem man in der Antike um das Erbarmen einer höher gestellten Person flehte, wenn man ihr begegnete. Für die frühe Kirche wurde dies zu einer Art Protestruf. Statt den Kaiser um sein Erbarmen zu bitten, wenn er in eine Stadt einzog, riefen die Christen zum Beginn eines Gottesdienstes ihren Herrn, Jesus Christus, um sein Erbarmen an. Sie bekannten sich damit zu Jesus als ihrem Herrn – im Gegensatz zum Kaiser.

Die Melodie zum Lied stammt vom belgischen Musiker Ignace de Sutter (1911-1988). Er war ausgebildeter Kirchenmusiker, Musikpädagoge, Theologe und geweihter Priester. Er unterrichtete Musik an der pädagogischen Hochschule in Sint Niklaas und später Gregorianik und Hymnologie in Leuven. Zum Schluss war er für die Kirchenmusik im Bistum Gent zuständig.

Für den Refrain übernimmt er den Anfang eines alten gregorianischen Kyrie-Gesangs, genannt Kyrie XI (Orbis factor – Schöpfer des Erdkreises). Um die verschiedenen gregorianischen Messgesänge voneinander unterscheiden zu können, wurden sie durchnummeriert und lateinisch bezeichnet, sodass man daraus ersehen kann, an welchen Sonntagen im Kirchenjahr sie gesungen werden.

Hier das gregorianische Kyrie gesungen von den Mädchen des Kinder- und Jugendchores von St. Laurentius in Holzkirchen:

Und wer dazu die gregorianische Notation mitlesen möchte, findet sie hier:

Der Text des Refrains war im ursprünglichen niederländischen Original eine weitere Strophe, die an vierten Stelle stand. De Sutter lehnte die zweite Hälfte der Melodie des Refrains eng an den niederländischen Text an: „doe ons weer verrijzen (auferstehen) / uit de dood (Tod) vandaan“. Der Höhepunkt der Melodie liegt auf der Auferstehung, der Tiefpunkt auf dem Tod – in der deutschen Übersetzung ist es genau umgekehrt: die „Toten“ kommen auf den höchsten Ton, das „auferstehn“ am tiefsten Punkt.

Hier eine niederländische Fassung (Str. 1-3 und 6), gesungen von Margreet Rietveld in der Sint-Joris-Kirche von Amersfoort:

Der Mittelteil

„Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!“ lautet der Refrain in der deutschen Übersetzung von Jürgen Henkys (1929-2015). Dass wir uns selbst schon zu den Toten zählen müssen, aber dennoch auf die Auferstehung hoffen können – von dieser Spannung, die es auszuhalten gilt, erzählen die vier mittleren Strophen des Liedes.

Str. 2+3 und Str. 4+5 bilden je ein Paar, das jeweils parallel strukturiert ist. Mit der Anrede „wir“ werden wir hineingenommen in das Geschehen zwischen Himmel und Erde. Wir strecken uns nach Gott aus und bitten ihn um Bewahrung für unsere Lebensfahrt (Str. 2). Wir loben Gott und führen unser Leben in seinem Licht (Str. 4). Doch da ist auch das andere: Die Anklage der Erde – nicht direkt ausgesprochen, aber vermutet – über unsere Lebensführung (Str. 3) und die Jagd in den Abgrund durch das immer schneller, höher, weiter, das unser Leben prägt (Str. 5).

Als Willem Barnard diesen Text 1963 schrieb und als ihn Jürgen Henkys ihn 1975 ins Deutsche übertrug, war der Klimawandel noch nicht im Blickfeld des Dichters und des Übersetzers. Es waren wohl eher das Erleben des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges, das den Hintergrund für die Gedanken bildete, dass die Erde uns anklagt und wir mit ihr auf den Abgrund zustürzen. Durch den Klimawandel hat für mich die Botschaft dieses Liedes neu an Aktualität gewonnen. Die Anklage der Erde wird in den extremen Wetterphänomenen spürbar.

Der Anklage der Erde und der Ausweglosigkeit des Abgrunds wird jeweils ein „doch“ entgegengesetzt. Der Himmel – und damit Gott – hat uns etwas zu sagen.  Der Anklage der Erde wird das „Alles ist vollbracht!“ gegenübergestellt. Es ist das letzte Wort, das Jesus – nach der Darstellung im Johannesevangelium – am Kreuz hängend gesagt hat: „Es ist vollbracht!“ (Joh. 19,30) Das ist Gottes Antwort auf die Frage nach unserer Schuld. Er hat uns mit dem „Es ist vollbracht!“ die Vergebung zugesprochen.

Der Jagd auf den Abgrund zu wird eine Frage des Himmels entgegengestellt: „Warum zweifelst du?“ Sie bezieht sich zurück auf die vorherige Strophe, wo Gottes Wesen beschrieben wird: „Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.“ Eigentlich würden wir das Gegenteil erwarten: In seiner Güte ist Gott gnädig und wir haben mit einem strengen Gerichtsurteil zu rechnen. Doch Jürgen Henkys übersetzt an dieser Stelle etwas freier und macht deutlich: Gott ist ein gnädiger Richter. Darum fragt uns der Himmel: Warum zweifelst du an Gottes Gnade? Im niederländischen Text ist an dieser Stelle vom Gleichgewicht die Rede, das wiederhergestellt werden soll, wenn wir gefallen sind. Gott bringt uns wieder nach oben, er hebt uns auf.

 

Musikalische Beispiele

Die Melodie wirkt für manche Ohren etwas herb. Die musikalische Herkunft des Refrains aus der Gregorianik legt es nahe, die Strophen solistisch zu singen und als Gemeinde jeweils den Refrain wie in diesem Demo-Video aus der Diözese St. Pölten mit den ersten vier Strophen:

Das Lied mit allen sechs Strophen erklingt in dieser Choralmotette von Karl Hänsel (*1993), schwungvoll gesungen von der Lübecker Knabenkantorei an St. Marien unter der Leitung des Komponisten:

In dieser Orgelimprovisation von Robert Ijmker an der Orgel der Hervormde Kerk Coevorden ist meiner Meinung nach die Erde in Aufruhr gut zu hören:

Aus urheberrechtlichen Gründen können hier keine Texte aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche 2002 abgedruckt werden. Dieses kann jedoch bei blessings4you bestellt werden.

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