Klage zu­ge­las­sen!

Glaubensimpuls

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Ruth Armeanu

Laienpredigerin


Predigt zu Jesaja 55,8-11

Es sind sehr bedrückende und politisch unruhige Zeiten, manche bezeichnen sie sogar als apokalyptisch. In manchen Gebieten herrscht rohe Gewalt, Menschenleben sind nichts wert, Söldner aus den besiegten Völkern werden rekrutiert, und viele müssen ihre Heimat verlassen und in der Fremde leben.

Rede ich von aktuellen Ereignissen? Ja – und Nein!

So ergeht es dem Volk Israel im 6. Jahrhundert vor Christus, als ein großer Teil der Bevölkerung Judäas ins Exil nach Babylon verschleppt wird. Dieses Exil hatte schon Jesaja vorausgesagt, aber auch ein Ende der Zeit in der Fremde: „Voll Freude werdet ihr aus Babylon fortziehen und wohlbehalten nach Hause gebracht werden.“ (Jes 55,12a)

Schwierige Umstände gibt es auch in der Zeit um Christi Geburt und danach.

„Unheil lag in der Luft der südsyrischen Provinzen Galiläa und Judäa. Taub, blind, lahm standen sich viele Menschen in dieser Situation gegenüber. Gleichzeitig sprach die römische Besatzer-Rhetorik vom großen Frieden, den Rom und der Kaiser der von Rom beherrschten Welt bringen wollten. In Rom aber waren Mord und Totschlag an der Tagesordnung… Und an den Grenzen des Reiches gebärdeten sich römische Armeen, meist mit rohen Söldnern aus der besiegten Völkerwelt zusammengestellt, übergriffig und willkürlich.“ So schreibt es Wilhelm Bruners in seinem Buch „Gottes hauchdünnes Schweigen“. Sind das nicht erschreckend aktuelle Aussagen?

Wenn man das alles bedenkt, dann wirft das beunruhigende Fragen auf:

Lernen denn die Menschen nichts aus der Geschichte? 

Und vor allem: Warum schaut Gott diesem furchtbaren Treiben so unendlich lange zu, statt einzugreifen? Dass wir nur auf ein besseres Leben nach dem Tod vertröstet werden, das kann es doch nicht sein! Wo ist der liebende Gott heute, jetzt, wenn nicht nur in Europa so Schreckliches geschieht? Ist er nicht ein Gott der Liebe? Beten wir nicht zu ihm: „Guter Gott“? Gibt es eine dunkle, ja erschreckende Seite Gottes? Wie sollen wir ihm da noch vertrauen? Ist er ein ferner Gott, himmelweit von uns entfernt, der seine eigenen Pläne hat, die wir nicht kennen, und der uns auf unseren Wegen allein lässt?

Vielleicht hilft uns ja ein Blick auf das Volk Israel. Es war umgeben von Völkern, die keineswegs nur einen Gott hatten, sondern viele und die deswegen Leid und Tod einem von ihnen zuordnen konnten, während die übrigen Götter für anderes zuständig waren. Israel aber hatte nur Jahwe, den einen, einzigen Gott. Damit war klar: Alles kommt von ihm.

Alles kommt von Gott

Das ergibt eine schwierige Situation: Einerseits hat Gott eine dunkle, ja unheimliche Seite und scheint für Leid und Tod verantwortlich zu sein. Andererseits können die Israeliten nur bei ihm Trost und Hilfe suchen und auch finden. Wie sollen sie nun damit zurechtkommen? Sich dem beugen und es hinnehmen oder sich dagegen auflehnen?

Im Kohelet bzw. Prediger heißt es: „Und ich sah alles Tun Gottes. Denn ein Mensch kann das Tun nicht ergründen, das unter der Sonne geschieht. Je mehr der Mensch sich müht zu suchen, desto weniger findet er. Und auch wenn der Weise meint: ‚Ich weiß es!‘ so kann er's doch nicht finden“ (Koh 8,17). Sehr eindeutig, ja resignierend, beschreibt also der Prediger die Ohnmacht der Menschen im Vergleich zu Gottes Übermacht.

In den Psalmen und Klageliedern wird das aber keineswegs hingenommen, sondern es wird dagegen protestiert, leiden zu müssen, und der Protest, die bittere Klage, richtet sich nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Gott.

Interessanterweise wurde häufig öffentlich geklagt. Man sollte ja meinen, dass die Klagerei die Lage verschlimmerte, aber so war es nicht. Anscheinend war die Solidarität so stark, dass Klagende nicht auch noch erniedrigt, sondern sogar unterstützt wurden. Zeugte die Klage doch von unerträglichen Zuständen, die dringend geändert werden mussten.

Dass Gott selber angeklagt und damit verantwortlich gemacht wird für das Leid, das den Klagenden widerfährt, lesen wir z.B. in Psalm 22. Es sind Worte, die Jesus am Kreuz ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum hilfst du nicht, wenn ich schreie, warum bist du so fern? Mein Gott, Tag und Nacht rufe ich um Hilfe, doch du antwortest nicht und schenkst mir keine Ruhe.“ (Ps 22,2-3)

Hiob zum Beispiel

Das Paradebeispiel des Klagenden ist im Alten Testament Hiob. Wir kennen die Geschichte: Sie handelt von einem rechtschaffenen Mann, dessen vorbildliches und glückliches Leben plötzlich ins Wanken gerät. Sein Geschäft scheitert, seine Kinder sterben, und er wird von Krankheiten geplagt. Trotz dieses Leidenswegs verflucht Hiob Gott aber nicht. Seine Freunde glauben zwar, dass schlimme Dinge nur als Strafe Gottes geschehen und dass Hiob leidet, weil er etwas falsch gemacht hat. Sie versuchen ihn darum zu überreden, sich bei Gott zu entschuldigen, aber Hiob weigert sich, weil er weiß, dass er gerecht gehandelt hat. Mit gebrochenem Herzen und wütend sitzt er einsam und allein auf einem Haufen Asche und wünscht sich, er wäre nie geboren worden. Schließlich, gegen Ende des Buches mit seinen 42 Kapiteln, stellt Gott Hiob aus einem Wirbelsturm heraus entscheidende Fragen – 4 Kapitel lang! Ich nenne nur einige wenige: „Wo warst du, als ich die Fundamente der Erde legte? Hast du der Morgenröte ihren Platz gezeigt? Bekamst du die Tore des Totenreichs zu Gesicht? Wo wohnt das Licht? Kennst du den Weg dahin? Wenn du es weißt, sag es mir!" (Hi 38,4.17a.19a). Hiob erkennt nun, dass er nur sehr wenig über die Geheimnisse der Schöpfung weiß, findet wieder eine gewisse Freude am Leben und antwortet: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“ (Hi 42,5-6). Als Hiob dann auch noch für seine Freunde bittet, wendet Gott sein Geschick und gibt ihm doppelt so viel, wie er vorher gehabt hatte.

Aus Hiobs Geschichte können wir auch lernen, dass Gott sich zwar sehr wohl darum kümmert, wie wir handeln, dass aber die vereinfachende Feststellung, Gott würde Menschen bestrafen, die schlecht sind, und gute belohnen, nicht stimmt – und im Gegensatz zu Hiobs Freunden sollten wir uns darum kein Urteil über andere anmaßen.

Klagen in den Psalmen

Zurück zu den Klageliedern und Klagepsalmen: Neben den Protesten und Anklagen finden sich auch Bekenntnisse von Zuversicht und Dankbarkeit in ihnen. Und wenn man bedenkt, dass die Klagepsalmen mit einer Anrufung Gottes beginnen, dann legt das nahe: Wer zu Gott schreit oder ihn sogar anschreit, muss dabei noch nicht mit ihm gebrochen haben! So steht sogar am Anfang des besonders trostlosen Psalms 88 das Bekenntnis: „HERR, Gott, mein Retter, ich schreie Tag und Nacht vor dir.“

Von Gott, von dem die Klagenden annehmen, dass er das Leid ausgelöst hat, erwarten sie also trotz allem, dass er es auch beenden kann. Darum fehlen in kaum einer Klage des Alten Testaments Bitten wie in Psalm 85,8: „HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil!“ Wenn Gott auch Nöte und Wünsche der Seinen bereits kennen mag, so ist es doch den Versuch wert, sie möglichst dringlich vor ihn zu bringen, damit er sie vielleicht doch erfüllt. Das ist ja auch immer wieder geschehen.

Beten und klagen wir zu wenig intensiv und beharrlich?

Besonders erstaunlich finde ich, dass häufig auch gleich eine Art Dank eingefügt wird: „Sooft ich auch zu dir um Hilfe rufe, du hörst mich in deinem Heiligtum, von deinem Berg her schickst du mir Antwort.“ (Ps 3,5) Da steht Gott also unter Anklage, und obwohl er den Betenden anscheinend nicht helfen will oder kann, setzen sie dennoch ihre Hoffnung auf ihn und bitten ihn inständig, ihnen doch endlich zu Hilfe zu kommen – und danken im Voraus für seine Antwort.

Ist also bittere Klage, gepaart mit einer zwar paradoxen, aber unerschütterlichen Hoffnung – damals wie heute – ein wirksames Mittel gegen Resignation und Depression? Ich bin überzeugt davon. Diese Art Glaube befreit, macht resilient, gibt Kraft zum Widerstand.

Babys und kleine Kinder machen das intuitiv: Sie brüllen laut, strecken ihre Ärmchen nach Mama oder Papa aus, lassen sich in die Arme nehmen und klammern sich dann ganz fest an die Eltern – in der sicheren Erwartung, dass die schon herausfinden werden, was sie brauchen. Größere Kinder können in eigenen Klageliedern ihre Ängste wie auch verletzende und bedrohliche Erfahrungen aussprechen, vielleicht sogar herausschreien und sie so besser verarbeiten.

Himmelweit und doch ganz nah

Wie ist das nun mit dem fernen, dem unverständlichen Gott? Sieht es nicht so aus, als wäre er zwar himmelweit entfernt, aber doch ganz nah, wenn er uns durch Jesaja zurufen lässt: „Sucht den Herrn, jetzt ist er zu finden! Ruft zu ihm, jetzt ist er nahe!“ (Jes 55,6)?

Könnte es sein, dass der Gott, der uns fremd erscheint und dessen Pläne und Gedanken wir nicht verstehen, gerade deshalb im Verborgenen wirkt, weil er von uns gesucht und gefunden werden will? Weil Geheimnisse verführerisch sein können und gelüftet werden wollen? Ist die Verborgenheit Gottes damit eine, die zu ihm einlädt?

Eine Definition dieser widersprüchlichen Nähe und Distanz Gottes, himmelweit entfernt mit seinen Plänen und doch ganz nahe in seiner liebevollen Zuwendung, finden wir wieder bei Jesaja: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ (Jes 40,28-29)

Und die Kurzfassung: „Wahrlich, du bist ein sich verbergender Gott, du Gott Israels, ein Retter!“ (Jes 45,15) Er rettet, wenn er sich auch verbirgt!

Oder meint Gott mit den fernen Plänen und Wegen: Lasst das doch meine Sorge sein, warum ich dieses tue und jenes zulasse, manches nicht tue oder nicht gewähre. Schließlich weiß ich genau, warum. Vertraut mir doch!

Gottes Nähe im Wort

Als Bestätigung verweist Gott auf sein Wort, das bewirkt, was Gott will, und er vergleicht es mit dem immerwährenden Kreislauf von Regen und Schnee, die die Erde befeuchten und damit das Wachstum der Pflanzen ermöglichen.

Beim „Wort“ handelt es sich, wie wir sehr gut wissen, keineswegs um ein nur so dahingesagtes Wort, sondern um ein „Tat-Wort“, ein Wort, das kraftvoll ist, das geschieht, weil es in die Tat umgesetzt wird.

Dass Gottes Wort Kraft hat, das erfahren wir schon am Anfang der Bibel. Durch sein Wort hat er den gesamten Kosmos geschaffen, die Menschen ins Leben gerufen zusammen mit allen anderen Geschöpfen, und durch sein Wort geht trotz allem immer noch das Leben auf Erden weiter.

Und das ganz besondere Wort, sein „Retter-Wort“, das finden wir am Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Dieses fleischgewordene Wort ist unsere Rettung. Und Gott identifiziert sich nicht nur mit diesem seinem Wort, sondern durch seinen Sohn ist ihm nichts von dem, was wir erleiden müssen, fremd oder fern.

Wenn Gottes Wege und Pläne auch himmelweit von uns entfernt sein mögen, in seinem Wort ist er uns ganz nah. Das bedeutet: Wir können jetzt sofort zu ihm kommen! Denn er ruft uns zu: „Hört mich an! Kommt zu mir! Jetzt bin ich zu finden! Jetzt bin ich nah!“ (Jes 55,6).

Nehmen wir Gott also beim Wort!

Wenden wir uns klagend oder auch vorwurfsvoll an ihn, bittend und dankend, intensiv und ohne Unterlass – vor allem, wenn wir für den Frieden beten!

Die Fragen nach dem Warum werden wir damit wohl nicht beantwortet bekommen. Aber ist es nicht ungemein befreiend zu wissen, dass wir unsere Fragen und Klagen nicht hinunterschlucken müssen, sondern sie Gott ohne weiteres an den Kopf werfen dürfen?

Er hat keine exklusiven und teuren Sprechstunden, sondern immer offene Ohren. Und schließlich können wir darauf vertrauen, dass Gott weder Satelliten noch Drohnen braucht, um von oben und aus der Ferne unsere Wege besser sehen und auch Sackgassen eindeutiger erkennen zu können als wir.

Und wer weiß, vielleicht werden wir schon bald freudig bekennen: „Du bist es gewesen, der mir geholfen hat! Im Schatten deiner Flügel preise ich dich. Meine Seele klammert sich an dich. Deine starke Hand hält mich fest.“  (Ps 63,8-9)

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