Liebe ist, wonach es sich zu streben lohnt.

Glaubensimpuls

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Stefan Schröckenfuchs

Pastor, Superintendent


Predigt zum Hohenlied der Liebe, 1. Korinther 13

Predigttext 1. Korinther 13,1-7

Stellt euch vor: Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen …

und sogar die Sprachen der Engel. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich wie ein dröhnender Gong oder ein schepperndes Becken. Oder stellt euch vor: Ich kann reden wie ein Prophet, kenne alle Geheimnisse und habe jede Erkenntnis. Oder sogar: Ich besitze den stärksten Glauben – sodass ich Berge versetzen kann. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich nichts. Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich keine Liebe habe, nützt mir das gar nichts.

Die Liebe ist geduldig. Gütig ist sie, die Liebe. Die Liebe ereifert sich nicht. Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Sie ist nicht unverschämt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie ist nicht reizbar und trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht, wenn ein Unrecht geschieht. Sie freut sich aber, wenn die Wahrheit siegt. Sie erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf. 

Liebe Schwestern und Brüder, 

es gibt vermutlich nicht viele Texte der Bibel, die so bekannt sind, wie das sogenannte „Hohelied der Liebe“ aus dem 1. Korintherbrief, das wir gerade gehört haben. Nicht zuletzt bei Hochzeiten wird diese Ode an die Liebe gerne gelesen – und dann oft auch als das Ideal für die Beziehung in einer Ehe stilisiert. Das ist zwar nicht verwunderlich. 

Liest man das Hohelied aber im Kontext des gesamten Korintherbriefes, so wird deutlich, dass Paulus nicht an die Liebe zweier Menschen in einer intimen Partnerschaft denkt. Sondern er spricht von der Liebe als einem Ausdruck des Glaubens – bzw. als wesentlichen Ausdruck des Glaubens.

1) Die Situation in Korinth 

Paulus schrieb diesen Brief an die zu diesem Zeitpunkt noch sehr junge Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth. Er hat die Mission dort ca. 49 n.Chr. begonnen und ist dann bald in andere Städte weitergezogen.  

Sechs Jahre später schreibt er diesen Brief an die Korinther, in dem deutlich wird, dass es in der Gemeinde viele Probleme und Konflikte gibt. In der Gemeinde haben sich verschiedene Gruppen gebildet, die miteinander in Konkurrenz stehen. Es gab verschiedene Auffassungen in Fragen der Sexualmoral und der Bedeutung der Ehe. Es gab die Schwierigkeit, ob man Götzenopferfleisch essen darf – oder, was im Grunde die einzige Alternative war, vegetarisch leben muss.  

Weiters gab es das Problem der mangelnden Solidarität innerhalb der Gemeinde, die bis in den Gottesdienst hinein spürbar wurde. Gerade beim Abendmahl wurde das sichtbar. Die Reichen, die es sich leisten konnten, begannen früh mit der Feier, während ihre ärmeren Brüder und Schwestern oft noch arbeiten mussten. So kam es, dass die Reichen oft schon alles aufgefuttert hatten und betrunken waren, und wenn die Armen dazu kamen, war für sie nichts mehr da. 

Zu guter Letzt haben sich manche Gemeindeglieder für wichtiger gehalten als ihre Mitgeschwister, weil sie besondere Gaben oder Aufgaben in der Gemeinde hatten. Ganz besonders traf das offenbar auf die zu, die überzeugt waren, dass der Heilige Geist ihnen die Fähigkeit gegeben hat, in unbekannten Sprachen – in Zungen – zu reden. Sie waren der Meinung, dass sie eigentlich eh schon ganz dem Himmel zugehörig sind. Die Probleme auf der Erde müssten sie deshalb nicht mehr interessieren. In dieser Überzeugung wurden sie überheblich, schauten auf andere herab – und lebten (wie Paulus es in 6,12 kritisiert) nach dem Motto „ich darf alles“.

Alle diese Probleme spricht Paulus in seinem Brief an. Und besonders hart geht er mit jenen ins Gericht, die meinen, etwas besseres zu sein als ihre Mitgeschwister. 

In diesem Zusammenhang formuliert er erst das Bild von der Gemeinde als dem einen Leib Christi (1. Kor 12,27ff): 

“Ihr (alle) seid nun der Leib von Christus! Jeder Einzelne von euch ist ein Teil davon. Und Gott hat jedem in der Gemeinde seine Aufgabe zugewiesen. Da gibt es erstens die Apostel, zweitens die Propheten, drittens die Lehrer. Dann gibt es die Fähigkeit, Wunder zu tun. Manche haben die Gabe zu heilen. Wieder andere können Hilfe leisten oder Aufgaben in der Leitung übernehmen. Wieder andere können in unbekannten Sprachen reden.” 

Die Vielfalt ist gut und wichtig, sagt Paulus; nicht jeder muss alles können; aber es braucht alle Gaben, damit eine Gemeinde funktioniert – so wie ein Körper alle verschiedenen Körperteile braucht. Die Augen und Ohren genauso wie die Füße und den Po. Da bringt es nichts zu sagen, der eine Körperteil sei wichtiger als der andere. 

Genau das ist aber das Problem der Korinther: „Ihr strebt ja nach höheren Gaben!“, sagt Paulus einen Vers vor dem Hohelied. 

Ihr wollt besser sein als andere. Ihr wollt besonders gut dastehen, wollt euch im Lichte Gottes auf die Schulter klopfen können!?

2) Wonach es sich wirklich zu streben lohnt 

Gut, sagt Paulus darauf, ohne es weiter zu kritisieren. Wenn es euch so wichtig ist, die besseren Gaben zu besitzen, dann will ich euch einen Weg zeigen, der weit über all das an Gaben und Aufgaben, die ich vorhin aufgezählt habe, hinausgeht.

“Stellt euch vor: Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen und sogar die Sprachen der Engel. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich wie ein dröhnender Gong oder ein schepperndes Becken. Oder stellt euch vor: Ich kann reden wie ein Prophet, kenne alle Geheimnisse und habe jede Erkenntnis. Oder sogar: Ich besitze den stärksten Glauben – sodass ich Berge versetzen kann. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich nichts. Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich keine Liebe habe, nützt mir das gar nichts.”

Die Botschaft des Paulus ist klar: Es ist vollkommen egal, welch großartige Gaben jemand hat oder welche bedeutende Aufgabe er übernimmt; es ist auch egal, welch großen Glauben und Gottvertrauen er hat; ja es ist sogar egal, wie fromm jemand lebt, und wie sehr er oder sie – dem Buchstaben nach – Gottes Gebote befolgt. 

All das bleibt völlig bedeutungslos, wenn es nicht mit der größten und wichtigsten Gabe einhergeht, die Gott zu geben hat: nämlich der Liebe. 

Egal, was du tust; egal, was du kannst; egal was du hast: 

Wenn das, was du tust und womit du dich beschäftigst, nicht von Liebe getragen und durchdrungen ist – dann ist es nichts, sagt Paulus. 

Wer nach Höherem strebt als nach Liebe, der verfehlt das Ziel, macht Paulus klar. 

3) Das Wesen der Liebe 

Dann beginnt er das Wesen solcher Liebe zu beschreiben. 

Und was er da beschreibt, steht offensichtlich in einem großen Kontrast zu dem, was die selbstgefälligen und zerstrittenen Frömmler aus Korinth vorzuweisen haben. 

Die Liebe ist geduldig, sagt Paulus. Sie gibt den Dingen die Zeit, die sie brauchen und übt keinen Druck aus. Mir fällt da die Geschichte des Bauern ein, der versucht, an den Getreidehalmen, die auf seinem Feld wachsen zu ziehen, damit sie schneller wachsen. Am Ende geht alles Getreide zu Grunde. Mir fallen aber auch die reichen Gemeindeglieder in Korinth ein, die beim Abendmahl nicht auf ihre ärmeren Geschwister warten, sondern alles wegfuttern. 

Liebe ist geduldig, sagt Paulus; und sie ist gütig. Gütig zu sein bedeutet, das Gute für andere zu wollen – ohne irgendwelche Hintergedanken, ohne irgendwelche besonderen Absichten oder verborgenen Motive. Güte will einfach, dass der oder die andere es gut hat.

Liebe ereifert sich nicht, sagt Paulus dann. Eifersucht hat nichts mit Liebe zu tun. Einen “Mord aus Liebe“ gibt es nicht; auch wenn man manchmal so etwas in einer Überschrift der Boulevardpresse liest.

Liebe muss sich nicht mit anderen vergleichen – sie kann sich darüber freuen, wenn anderen etwas gelingt. Sie drängt sich auch nicht in den Vordergrund, denn sie muss sich nicht größer machen als sie ist. Sie hat es nicht nötig angeberisch zu sein, weil es der Liebe nicht um sich selbst geht, sondern viel mehr um das Gegenüber. 

Liebe verhält sich auch nicht ungehörig. Sie sagt nicht: „Ich kann machen was ich will – egal, was es für andere bedeutet.“ Liebe fragt vielmehr danach, was das, was sie tut, bei anderen auslöst. Ist es etwas schlechtes, so lässt sie es sein.

Liebe ist auch nicht reizbar, sagt Paulus weiter; und sie trägt das Böse nicht nach. Sie strebt nicht nach Rache. Sie ist nicht darauf aus, jemand anderem möglichst lange böse zu sein; und sie inszeniert sich nicht in einer Opferrolle (die ja manchmal auch Vorteile bietet: Solange der andere der Böse ist, muss ich mich ja nicht mit eigener Schuld beschäftigen). 

Liebe freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht; im Gegenteil: Sie hat keine diebische Freude am Schaden anderer. Sie freut sich jedoch, wenn die Wahrheit siegt. Und zwar selbst dann, wenn die Wahrheit manchmal unbequem ist und es bequemer wäre, mit der Lüge oder zumindest mit der Halbwahrheit zu leben. Sie weiß aber, dass die Lüge Gift für jedes Miteinander ist und das Miteinander bedroht. 

Und schließlich: Liebe erträgt alles. Sie erträgt die Andersartigkeit der anderen und sieht sie nicht als Bedrohung an. Sie erträgt die Auseinandersetzung mit unangenehmer Wahrheit. Ja sie erträgt sogar Anfeindung oder Ablehnung, wie Jesus es am Kreuz gezeigt hat: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.”

Die Liebe glaubt alles. Gemeint ist hier nicht, dass die Liebe leichtgläubig wäre oder so dumm, dass sie sich ein x für ein u vormachen ließe oder 5 gerade sein lässt. “Glaube” meint hier vielmehr die Erwartungshaltung gegenüber Gott: Die Liebe traut Gott in jeder Situation etwas zu. 

Darum hofft sie alles–- sie gibt die Hoffnung niemals auf. Und so hält sie allem stand.

4) Eine Überforderung? 

Ist es nicht wunderschön, wie Paulus das Wesen der Liebe beschreibt? Wäre es nicht traumhaft, wenn das das Maß aller Dinge in einer Gemeinde – oder überhaupt in der Welt wäre?

Und ist es nicht gleichzeitig auch erschreckend? Denn wenn das, was Paulus hier beschreibt, der Anspruch oder Maßstab für unser Leben und Verhalten ist, dann müssen wir wohl sagen: Das überfordert uns. 

Ich bin viel zu oft ungeduldig. Ehrlicherweise schaffe ich es wohl nicht immer, mehr auf das Wohl der Gemeinschaft als auf meinen Vorteil zu schauen. Manche Halbwahrheit bleibt auch bei mir wohl ein blinder Fleck. Und dass ich alles ertragen, alles glauben, alles hoffen und allem Stand halten könnte, kann ich von mir gewiss nicht sagen. Darum ist es nochmals wichtig, genau hinzuhören, worum es Paulus tatsächlich geht. 

Paulus sagt nicht: Wenn ihr das nicht erfüllt, seid ihr keine richtigen Christinnen und Christen oder landet womöglich sogar in der Hölle. Er beschreibt hier vielmehr ganz grundsätzlich, wie oder was die Liebe ist;  was dem Wesen der Liebe entspricht.  

Und sein Appell ist nur der: Euch Christinnen und Christen (in Korinth) ist es ja offenbar wichtig, nach “Höheren” zu streben. Nun, wenn ihr schon nach Höherem strebt, dann orientiert euch bitte daran, was „das Höchste“. 

Das Höchste ist nicht die besondere Aufgabe oder das herausragende Talent. Das Höchste ist nichts anderes als die Liebe. Und alles andere bekommt erst durch die Liebe seinen eigentlichen Wert. 

Die “bedeutsame” Aufgabe ist nur dann gut erfüllt, wenn sie von Liebe erfüllt ausgeübt wird. Und die herausragende Gabe ist nur dann gut eingesetzt, wenn sie aus Liebe eingesetzt wird.  

Nichts sollte für eine Christin, einen Christen, erstrebenswerter sein, als zu lieben.

Die kostbarste Gabe ist die Liebe. Wenn sie fehlt, wird alles andere zu unnötigem Mist. Es kann jemand ein noch so gewandter Redner sein oder eine belesene Lehrerin oder ein begnadeter Musiker; ja, es kann jemand noch so bemüht sein, die Gebote Gottes nach Punkt und Komma zu befolgen. Wenn er es ohne Liebe tut, dann hat es keinen Wert.  

Die Liebe ist es, wonach es sich wirklich zu streben lohnt. 

5) Quelle der Liebe

Doch wo kommt sie eigentlich her, die Liebe? Liebe kann ich mir doch auch nicht einfach vornehmen. Liebe ist vielmehr eine Gabe, ein Geschenk.

Von John Wesley habe ich das Zitat im Ohr (Wesley-Brevier, S. 405): „Was anderes kann Liebe wecken, als die Liebe selbst?!“

Nur Liebe kann wiederum Liebe wecken. Und weil Gott Liebe ist (vgl. 1. Joh), ist Gott auch die Quelle unserer Liebe. Die Liebe, nach der zu streben sich lohnt, schenkt uns Gott, der die Liebe ist. Darum kann Paulus auch sagen: Die Liebe hört niemals auf. Sie ist so unendlich, wie Gott selbst unendlich ist. 

Wie aber lernt man solche Liebe konkret kennen? 

Als ich ein Kind war, bin ich regelmäßig mit meiner Mutter in der damals kleinen EmK-Gemeinde in Salzburg im Gottesdienst gewesen. Die Gemeinde war für Kinder eigentlich nicht sehr attraktiv, denn es gab nur wenige Kinder und für die paar, die da waren, gab es kein eigenes Kinderprogramm. Trotzdem bin ich gerne hingegangen und hab mich wohl gefühlt. 

Wenn ich zurückdenke und mich frage: Warum war mir die Kirche ein wichtiger Ort? dann ist die Antwort: Sicher nicht wegen der Predigten. Die hab ich als Kind nicht verstanden. Auch nicht wegen des tollen Kinderprogramms. Denn das gab es ja nicht. Es war auch nicht wegen der tollen Musik. Die war manchmal schön, manchmal aber auch eher schauderlich.  

Der Grund waren wohl mehr die Menschen, die dort waren und mir gezeigt haben: Du bist uns wichtig und wir haben dich gern. 

Die Leute, an die ich da denke, waren alle keine Heiligen. Es waren einfache Gemeindemitglieder; und jede und jeder von ihnen konnte für sich auch manchmal kompliziert sein. Dennoch hab ich immer gespürt: Diese Menschen hier meinen es gut mit mir. 

Sie scheitern zwar manchmal aneinander oder an sich selbst; und dennoch war da ein Geist der Liebe zu spüren. 

Diese Erfahrung war für mich wichtig und hat mich geprägt. Die Art, wie man mit mir als Kind umgegangen ist, hat eine wichtigere Grundlage für meinen Glauben und mein Christsein gelegt, als alle Worte, die in den Gottesdienste gesagt wurden. 

Fazit 

Wenn mich heute jemand fragt: Was ist das wichtigste, das wir als Kirche tun können? dann ist meine Antwort: Das wichtigste ist, dass wir die Liebe Gottes feiern! In unseren Worten. In unseren Liedern. Und in der Art, wie wir miteinander umgehen. 

Die Liebe ist die größte Gabe und sie ist das größte Geschenk. 

Liebe ist, wonach es sich zu streben lohnt!  

Amen 

Alle Bibeltexte sind aus der BasisBibel übernommen. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, www.die-bibel.de 

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