Ver­ant­wor­tung für die Schöpfung

Glaubensimpuls

Bild von Esther Handschin
Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zur Schöpfungszeit mit Bezug auf 2. Mose 32,7-14 und Lukas 15,1-10,  
gehalten am 11 . September in der anglikanischen Christ Church Vienna

Liebe Geschwister im Glauben,

zunächst möchte ich etwas sagen zum Tod der Königin des Vereinigten Königreichs, Queen Elisabeth II., und mein tiefes Bedauern, dass sie vergangene Woche verstorben ist. Ich habe meine Predigt am Tag vor ihrem Tod fertiggestellt, damit sie noch übersetzt werden konnte. Es geht um unsere Verantwortung hinsichtlich Gottes Schöpfung und wie wir diese Verantwortung oft nicht wahrnehmen. Als ich meine Predigt noch einmal durchgelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass Königin Elisabeth eine Person war, die ihr Leben lang die Verantwortung wahrgenommen hat, zu der sie beauftragt war. Mein Respekt für sie ist noch einmal gewachsen.

Krisen, Krisen, Krisen

Die Älteren unter uns werden die Zahlenkombination 9-11 mit einem Ereignis verbinden, das ihre Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft nachhaltig verändert hat. Der Anschlag auf das World-Trade-Center am heutigen Tag vor 21 Jahren hat unser Lebensgefühl getrübt. Ganz praktisch hat es dazu geführt, dass die Sicherheitskontrollen an den Flughäfen viel langwieriger geworden sind. Und uns ist bewusst geworden, dass ein gutes Zusammenleben mit Menschen anderer Religionen in unserer Gesellschaft gelernt und geübt werden muss.

Inzwischen haben wir uns nicht nur an die Sicherheitskontrollen gewöhnt. Es sind auch in Österreich viele Initiativen zwischen Muslimen, Christen und Juden entstanden, um unsere Gesellschaft auch als multireligiöse gut zu gestalten. Haben damals manche das Ereignis von 9-11 als Krise gesehen, so sind wir inzwischen einerseits krisenerprobter durch die Erfahrung der Pandemie. Und andererseits fragen sich viele, was noch alles auf uns zukommen wird mit dem Krieg in unserer Nähe, den dadurch ausgelösten Flüchtlingsströmen, der Energiekrise, der Teuerung und der atomaren Gefahr, die durch den Kriegsverlauf für uns wieder realer geworden ist. In anderen Gegenden dieser Erde wiederum fürchtet man sich vor der nächsten Hungerkatastrophe oder ist schon mittendrin.

Krisen, Krisen, lauter Krisen und von dem, was sich weltweit durch die Klimakatastrophe verändert und unser Leben zunehmend beeinträchtigt, habe ich noch gar nicht gesprochen. Ich laufe gerade Gefahr, dass ihr eure Ohren und Herzen verschließen werdet, wenn ich jetzt noch entsprechend darauf eingehen werde. Aber genau das — nämlich die Schöpfungszeit — ist der Grund, weswegen ich eingeladen wurde und warum ich über unsere Verantwortung, die wir für diese weitere Krise tragen, nicht schweigen kann.

Wer trägt die Verantwortung?

Für Verantwortung, mit deren Bewältigung wir uns schwer tun, gibt es verschiedene Versuche damit umzugehen. Die alttestamentliche Lesung zeigt uns eine Möglichkeit: Man schiebt die Verantwortung auf jemand anderen ab. Gott sagt zu Mose: „Dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.“ Mose jedoch ist nicht auf den Mund gefallen. Er entgegnet Gott: „Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?“ Mose spielt also den Ball zurück und man fragt sich: Wer schiebt jetzt wem die Verantwortung zu? Wer hat das Volk Israel tatsächlich aus Ägypten geführt? War es Mose, der im Auftrag Gottes gehandelt hat? Oder war es Gott selbst, der das Wunder am Schilfmeer vollbracht hat? Wem gehört nun dieses Volk Israel — Gott oder Mose?

Nicht nur wir schieben die Verantwortung gerne auf andere weiter. Sobald es Probleme gibt, das Volk nichts mehr von Gott wissen will und sich dem goldenen Kalb zuwendet, da ist auch Gott nicht faul, die Verantwortung für das Volk auf Mose abzuschieben. Doch so schnell lässt sich Mose nicht unterkriegen. Er findet ein wichtiges Argument. Er fährt in seinem Gespräch mit Gott weiter, packt ihn bei seiner Ehre und appelliert: „Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk gebracht hast.“

Fürbitte statt Verantwortung abschieben

Das ist ein starkes Stück, das Mose hier von Gott verlangt. Er soll seine Pläne ändern. Kein Zorn mehr, sondern Reue verlangt er von ihm. Mose zeigt uns eine andere Möglichkeit des Umgangs mit Verantwortung, wenn sie unsere Kräfte übersteigt. Mose macht sich zum Anwalt seines Volkes. Er leistet Fürbitte und erinnert Gott an seine Verheißung: „Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.“ Gott kann doch nicht diejenigen vertilgen und vernichten, denen er zugesagt hat, dass er sie vermehren und ihr Leben fördern will! Was für eine Blamage wäre das vor den Ägyptern! Mose setzt alles daran und leistet Fürbitte bei Gott, damit dieser seine Meinung ändert.

Tatsächlich geschieht ein weiteres Wunder, so wie es schon am Schilfmeer geschehen ist: Trotz dem dass das Volk Israel sich von Gott abgewendet hat und das Goldene Kalb zu seinem neuen Gott erhoben hat, führt er sein Vorhaben, dieses halsstarrige Volk zu vernichten, nicht durch. Gott selbst zeigt Reue und nimmt seinen Vorsatz zurück. Er hat die Größe, sich klein zu machen. Er kehrt um von seiner ursprünglichen Absicht.

Und wir? Sind wir ebenso fähig wie Gott? Haben wir den Mut umzukehren? Sind wir bereit uns klein zu machen? Treten wir fürbittend wie Mose für unsere Erde und ihre Menschen ein?

Leben im Dampfkochtopf

Für uns sind die Gier, der Gewinn, das Wachstum und der Profit zum Goldenen Kalb geworden. Wir beuten die Erde aus und leben schon seit Jahren über unsere Verhältnisse. Nun bezahlen wir den Preis dafür. Durch den steten Ausstoß von CO2 gleicht das Leben auf der Erde je länger je mehr dem Leben in einem Dampfkochtopf. Die Erwärmung führt zu Hitze und zu mehr Stürmen, Unwettern und Sintfluten.

Wir fragen uns: Wird auch weiterhin der Regenbogen das Zeichen sein, dass Starkregen, Fluten und Sturzbäche ein Ende haben werden? Wer wird für uns vor Gott Fürbitte leisten, weil wir schändlich gehandelt habe? Wer macht sich auf die Suche nach uns, weil uns der Sinn dafür abhanden gekommen ist, was ein gutes Maß ist? Wer geht uns Verlorenen nach?

Das Verlorene suchen

Die beiden Gleichnisse aus dem Lukasevangelium erzählen vom Verlorengehen. Das eine Gleichnis kommt aus der damaligen Welt der Männer. Sie waren draußen für das Vieh zuständig, weil sie manchmal Angriffe von Wölfen oder Löwen abzuwehren hatten. Was aber ist zu tun, wenn sich ein Schaf einfach nicht mehr finden lässt? Der Hirte begibt sich auf die Suche danach und freut sich, wenn er es gefunden hat. Die Freude ist so groß, dass er auch Nachbarn und Freunde dazu einlädt sich mitzufreuen.

Das andere Gleichnis spielt in der damaligen Welt der Frauen, im Haus. Hier ist es ein Geldstück, das verloren gegangen ist. Es rennt nicht davon wie ein Schaf, aber es blökt auch nicht und zeigt damit an, wo man es suchen soll. Im Haus braucht es Licht, wenn man etwas finden will. Auch hier ist die Freude groß, dass das Geldstück gefunden wird und die Nachbarinnen und Freundinnen werden eingeladen, dies mitzufeiern und sich mitzufreuen.

Jesus erzählt diese Geschichte den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er will ihnen damit deutlich machen, was aus Gottes Perspektive für diejenigen Menschen gilt, die verloren gehen. Damals waren es die Zöllner und Sünder, also Menschen, die mit ihrer Verhaltensweise nicht so leben, wie es Gottes Wille entspricht. Nach der Ansicht Jesu bleiben sie vom Heil nicht ausgeschlossen. Wo Sünder und Sünderinnen ihr Verhalten bereuen und umkehren, da ist große Freude im Himmel und bei Gottes Engeln.

Noch einmal stelle ich die Frage: Sind wir fähig zur Reue über unser Verhalten? Sind wir bereit umzukehren und so zu leben, dass es Gottes Willen entspricht, d.h. dass die Erde und alles, was auf ihr lebt, ebenso leben kann — auch in der Zukunft? Können wir uns klein machen und verzichten, obwohl wir es uns vielleicht leisten könnten mit großem Fußabdruck zu leben? Bringen wir unsere Anliegen zur Bewahrung der Erde fürbittend vor Gott und erinnern wir ihn an seine Verheißungen, die er uns gegeben hat?

Sich finden lassen und umkehren

Es fällt niemandem leicht, sich selbst als Sünder wahrzunehmen. Es ist nicht einfach zu sehen, dass wir mit unserem Lebensstil nachhaltigen Schaden anrichten, bei uns, bei Menschen, die weit entfernt leben und bei den Generationen, die nach uns kommen. Es ist unangenehm wahrzunehmen, dass wir selbst in die Irre gegangen sind, das Goldene Kalb der Gier angebetet haben und uns selbst im Streben nach Wachstum, Erfolg und Profit verloren haben. Gibt es da einen Gott, der sich auf die Suche nach uns begibt?

Es gibt einen Gott, der sich auf den Weg gemacht und die Menschen gesucht und aufgesucht hat. Er ist als Licht in diese Welt gekommen. Er ist den Menschen nachgegangen, gerade den verlorenen, den Sündern und Zöllnern, den Kranken und Leidenden. Aber dieser Gott ist darauf angewiesen, dass wir uns von ihm finden lassen. Dieser Gott will nicht, dass wir weiterhin das Goldene Kalb der Gier und des Habenwollens anbeten. Dieser Gott braucht unsere Bereitschaft, dass wir uns durch seinen Geist zu gerechtem und fairem Teilen anleiten lassen. Das geschieht zu unserem Heil, dem eigenen und dem unserer Mitgeschöpfe. Durch Gottes Geist finden wir den Mut und die Kraft einen Lebensstil einzuüben, der für uns, für die kommenden Generationen und für alle Lebewesen auf der Erde zuträglich ist. Amen.

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