Dran bleiben
Glaubensimpuls

Bleiben, damit alles beim Alten bleibt
„Bleib so, wie du bist“, das sagen wir gerne zu Menschen, die wir schätzen. Ihre Art zu leben oder sich zu geben, das tut uns gut. „Bleib so, wie du bist“, das verstehen wir als ein Kompliment. Manchmal steckt dahinter auch die Hoffnung: So lange der andere so bleibt wie er ist, muss ich mich selbst nicht verändern. Wenn alles beim Alten bleibt, dann kann auch ich so bleiben wie ich bin.
„Bleib so, wie du bist, damit alles beim Alten bleibt“: In diesem Fall wird das Kompliment zu einem Gefängnis. Dann gebe ich dem anderen zu verstehen: Ändere dich unter keinen Umständen, sonst gerät mein Bild von dir ins Wanken. Bleib nur ja so wie du bist, sonst fällt für mich eine Welt zusammen. Bleibe du für mich die immer heitere und fröhliche, der Sonnenschein, damit auch für mich die Sonne scheint. Oder sei du mein Fels in der Brandung, damit ich selbst nicht untergehe. Sei ja immer nett, brav und angepasst, damit ich mich als stark und gefestigt erweisen kann. Was vielleicht ursprünglich als Kompliment gedacht war, das hemmt auf einmal jegliche Entwicklung und führt zur Erstarrung.
„Bleibt in mir, damit ihr viel Frucht bringt“, so mahnt Jesus die Jünger. Wie hat er dieses Wort verstanden, das er in seiner Abschiedsrede an die Jünger richtet? Ist es eine Mahnung, nur ja den vorgezeichneten Weg nicht zu verlassen? Schwört er sie damit auf seine Meinung ein, damit sie um kein Bisschen abweichen? Geht es auch ihm darum, dass alles beim Alten bleibt?
Bleiben, damit Veränderung möglich wird
Wir spüren, eine solch dogmatische Festlegung, das passt nicht zu Jesus. Er spricht an dieser Stelle eine ganz andere Sprache. Es ist die Sprache der Liebe. Sie versteht unter dem Bleiben nicht ein eingeschnürt und festgelegt werden. Die Liebe lässt dem anderen die Freiheit, sich zu verändern. Darum bedeutet „bleiben“ an dieser Stelle mehr ein „in einer lebendigen Verbindung bleiben“. Eben gerade so wie die Rebzweige mit einem Weinstock in Verbindung stehen.
Nicht umsonst wird uns hier der Weinstock als ein Beispiel vorgezeichnet. Es könnte auch eine andere Pflanze sein, ein Apfel- oder ein Marillenbaum. Denn die Pflanzen machen uns bewusst: Nur wenn ein Zweig oder ein Trieb mit dem Stamm in Verbindung bleibt, dann wird er auch genährt, mit Feuchtigkeit und Nährstoffen versorgt. Nur wenn eine solche Verbindung besteht, dann ist auch Wachstum möglich, nur dann kann Veränderung geschehen.
Das Bild vom Weinstock bedeutet also genau das Gegenteil von Erstarrung und Verhärtung. Es besagt vielmehr, dass nur die Person beweglich bleibt und im Glauben wachsen kann, die in ständiger Verbindung mit dem Grund des Glaubens bleibt. Nur wenn genug Nährstoffe vorhanden sind, nur wenn der Glaube immer wieder neue Anregung, Stärkung und Nahrung erfährt, nur wer sich der Frage nach Gott nicht verschließt, sondern immer wieder neu fragt, was Gott für mich und mein Leben will, der kann auch wachsen.
Dem Wildwuchs wehren
Doch, wie jeder Fachmann für Obst- und Weinbau und jede Gärtnerin weiß: Wo man alles wachsen lässt, wo Wildwuchs besteht und jeder Trieb beibehalten wird, da geht der Ertrag zurück, da wird die Ernte mickrig. Die Kunst ist es, die richtigen Haupttriebe stehen zu lassen und alle übrigen Nebentriebe wegzuschneiden.
So ist es auch mit unserem Glaubensleben. Nicht alles, was uns durch den Kopf geht, nicht jede Ansicht, die wir vertreten, nicht alles, was unser Herz bewegt, bringt auch Frucht. Manche Gedanken bringen uns auf ein Nebengeleise, sie bergen die Gefahr in sich, dass wir uns vom Wesentlichen entfernen, dass wir uns im Wildwuchs unserer Hirngespinste verlieren.
Ich muss auch sagen: Auch nicht jedes Bibelwort kommt direkt von Gott. Nicht jedes Wort spricht in meine Situation hinein. So manches Wort, das in der Bibel steht, ist ein Menschenwort. Oft genug werden wir vom Wesentlichen, von der Liebe Gottes ablenkt. Allzu gerne verwirklichen wir unsere eigenen Wunschträume und suchen uns dafür eine biblische Untermauerung statt nach Gottes Willen für unser Leben zu fragen.
Was hält lebendig?
Hier gilt es Einhalt zu gebieten und immer wieder neu zu fragen:
- Was hält mich mit Christus in einer lebendigen Beziehung?
- Was nährt meine Lebenskraft?
- Was führt mich näher zu Gott hin?
- Wie bleibe ich mit seiner Kraft spendenden Wurzel in Verbindung?
- Und wo führt mich das Festhalten an einer Tradition, das Beharren und Umklammern in eine lähmende Erstarrung?
- Wo gibt mir der Alltagstrott und die Routine nicht mehr Halt, sondern lässt mich in die Sinnlosigkeit absinken?
- Wo lasse ich mich zu übertriebener Geschäftigkeit und Betriebsamkeit hinreißen, weil ich Angst vor der Ruhe und Stille habe?
- Wo brauche ich Veränderung, damit ich lebendig bleiben und bestehen kann?
Wo ist mein Platz?
Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Wir feiern heute miteinander die Liturgie zur Erneuerung des Bundes mit Gott. Wir bestätigen heute den Bund mit Gott von unserer Seite her, den er uns in seiner Treue schon zugesagt hat. Das ist eine gute Gelegenheit, sich eben diese Fragen zu stellen und neu in den Blick zu nehmen, wo ich den Platz sehe, den Gott mir zuweist: in meiner Familie, in der Arbeit, in meinem Alltag und in der Gemeinde.
Was ist unsere Aufgabe als Gemeinde?
Auf die Gemeinde möchte ich gerne noch einmal zu sprechen kommen. Gerade weil eine Gemeinde ein lebendiger Organismus ist, der sich ständig verändert, bin ich herausgefordert meinen Platz immer wieder neu zu suchen. Gerade weil wir als Gemeinde in einer Welt leben, die sich ständig verändert, müssen wir immer wieder neu fragen: Was ist Gottes Auftrag an uns und wo sehen wir unsere Aufgabe als Gemeinde? Sind wir Heimat für Vorüberziehende und für solche, die ihre Heimat verloren haben? Oder sind wir ein Schutzort für Menschen, die vom Leben gezeichnet und verletzt wurden? Oder sind wir ein Trainingsraum, um Gottes Liebe leben zu lernen, damit wir draußen, vor unserer Kirchentür, zu Botinnen und Boten dieser Liebe werden?
Auch als Gemeinde unterliegen wir einer stetigen Veränderung. Unser Auftrag, den wir in dieser Welt haben, ist immer wieder ein neuer. Und es ist wichtig, dass wir dabei unsere Verbindung zur Wurzel, zu Jesus Christus nicht verlieren. Denn die Verbindung zu ihm schafft erst unsere Gemeinde. Es sind nicht die guten Verbindungen, die wir untereinander haben, die uns Halt genug geben. Die einzelnen Rebzweige sind nicht überlebensfähig, wenn sie nur untereinander verbunden sind. Sie beziehen ihre Kraft und ihre Lebendigkeit einzig und allein aus der gemeinsamen Wurzel.
Jesus als gemeinsame Wurzel
Ist denn wirklich Jesus unsere gemeinsame Wurzel? Wäre es nicht besser zu sagen: Lasst eure Rebzweige in Gott verwurzelt sein? Wozu sollen wir uns in Jesus verwurzeln? Ist das nicht ein Umweg? Wozu brauchen wir überhaupt diesen Jesus? Der heutige Anlass des Bundesschlussgottesdienstes kann uns einen Antwort darauf, ein Verständnis dafür geben.
In der Tradition und Sprache der Bibel erinnert das Wort „Bund“ immer an die Beziehung, die zwischen Gott und seinem Volk Israel besteht. Mit diesem Volk hat Gott zuerst einen Bund geschlossen. Am Berg Sinai hat er ihnen zugesagt, dass er ihr Gott sein will und dass sie sein Volk sein sollen. Nicht immer hat das Volk Israel diesem Bund entsprochen. Gott hat seinen Bund treu gehalten, aber das Volk hat seine Treue zu diesem Bund immer wieder gebrochen und musste den Bund neu bestätigen.
Doch je länger das Volk Israel mit seinem Gott unterwegs war, seine Zuverlässigkeit und Treue erfahren durfte, desto mehr wuchs der Wunsch und die Hoffnung, dass auch andere Menschen aus anderen Völkern zu diesem Gott finden, der von allem Anfang an ein Gott der Liebe ist. Ein biblisches Bild aus dem Buch des Propheten Jesaja, spricht von der Hoffnung, dass verschiedene Völker, die zum Berg Zion kommen, zusammenströmen, um dort gemeinsam mit dem Volk Israel den Gott Israels anzubeten.
Eingepropft in eine gute Wurzel
Diesen guten Gott sollen auch andere Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören, kennenlernen. Und diese Menschen, das sind wir. Wir sind diese Völker, die herbeiströmen. Durch Jesus, der als Jude zum Volk Israel gehört hat und durch seine Jünger und Apostel, die Jesu Botschaft und sein Zeugnis von diesem Gott weitergetragen haben, dürfen auch wir diesen Gott kennen lernen.
Er ist ein Gott, der sich auf unsere Seite stellt; der uns seine Treue und Verlässlichkeit zusagt; ein Gott, der uns nahe sein will und der uns das in Jesus gezeigt hat. So ist Jesus derjenige, der uns, die wir aus den verschiedenen Völkern kommen und wie wilde Zweige sind, quasi einpfropft in den alten Weinstock Israel. So werden wir in die Gemeinschaft mit diesem Gott hineingenommen. Doch es liegt an uns, ob wir von unserer Seite her das Angebot dieses Gottes annehmen; ob wir in seine Hand einschlagen, die er uns entgegenhält; ob wir seiner Liebe antworten, die er uns entgegenbringt.
Wie Liebe das Leben verändert
Es ist in der Rede Jesu über den Weinstock von „Bleiben“ und nicht direkt von der Liebe die Rede. Und doch ist dieses mit Christus und durch ihn miteinander Verbundensein nur denkbar und erfahrbar als Liebe.
Diese Liebe dringt zum Wesentlichen. Sie lässt uns zu Menschen werden, die täglich mutiger werden, das zu leben, was wir in Christus schon sind.
Diese Liebe erlaubt uns, dass wir uns weniger verkriechen, sondern aufrichtiger und klarer werden in unserer Haltung und in unserem Zeugnis.
Diese Liebe lässt alles Unwesentliche, Unwichtige und Lästig-Belastende fallen, so wie die überzähligen Triebe, die einen guten Ertrag schmälern und deshalb weggeschnitten werden.
Diese Liebe, die Gott an uns vollbringt, ermöglicht es uns, sowohl in Christus zu bleiben als auch das Neuwerden immer wieder zu wagen, damit wir lebendig bleiben. Amen.