Gott, der Hirt, und Gott, der Wirt

Glaubensimpuls

Bild von Esther Handschin
Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Psalm 23

Vertraute Worte

Die Worte von Psalm 23 sind vielen Menschen vertraut. Manche haben diese Psalm schon als Kind auswendig gelernt. Und ich habe erlebt, wie ein alter Mensch, der fünfzig Jahre lang nicht von der Kirche wissen wollte, diese Worte auswendig mitgesprochen hat, als ich ihm am Pflegebett diesen Psalm vorgelesen habe.

Die Worte strahlen Wärme und Vertrautheit aus. Es kommt eine Atmosphäre der Geborgenheit auf. Es ist, als ob man in diesen Worten wohnen und sich beheimaten kann, fast so, wie es am Schluss heißt: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ (V6b)

Ich kann mir vorstellen, dass der Psalm für Menschen gedacht war, die unterwegs waren. Pilger, die auf dem Weg zum Tempel waren und Ausschau gehalten haben, wo sie Essen und Unterkunft finden. Oder Menschen, die den Rückweg antraten und die die Sehnsucht im Herzen trugen, für immer im Tempel, im Haus des Herrn, zu wohnen. Sie werden diesen Psalm gesungen haben, so stelle ich es mir vor.

Gott als Hirt und als Wirt

Zwei starke Bilder von Gott prägen diesen Psalm. In beiden Bildern wird Gottes Fürsorge zum Ausdruck gebracht. Auf der einen Seite wird uns Gott als Hirt vorgestellt, der seine Schafe zu den fettesten Weiden führt und für frisches Wasser sorgt. Und auf der anderen Seite sehen wir Gott als Wirt, der für uns den Tisch deckt, das Beste vom Besten auftischt und darauf achtet, dass immer genug zu trinken da ist.

Gott als Hirt und Gott als Wirt, das kann man sich in der deutschen Sprache durch den Reim besonders gut merken. Beide Bilder sprechen unsere Sinne an: das saftige Grün des Grases, das kühle und frische Wasser, der reich gedeckte Tisch und der übervolle Becher, der vermutlich einen guten Wein enthält.

Es sind viele Freuden dieser Welt, die zu diesem frommen Lied gehören. Das ist ungewohnt. Aber für die Menschen des Alten Testaments gehörte beides zusammen: das irdische Glück, das man schmecken und sehen kann, und das Wohl der Seele, das sich in der Fürsorge und Geborgenheit bei Gott ausdrückt.

Die dunklen Töne

Im Hintergrund klingen noch andere Töne an in diesem Psalm. Sie wirken wie ein fernes Donnergrollen, das Gefahr signalisiert. Es ist die Rede vom finstern Tal, das durchwandert werden muss, vom Tal der Todesschatten. Ein Stecken dient als Trost: gemeint ist eine mit Eisen beschlagene Keule, die der Hirt braucht, um seine Schafe vor dem Angriff wilder Tiere zu schützen.

Auch am Tisch des Wirten ist nicht nur eitel Wonne und Sonnenschein: Der üppige Tisch ist gedeckt „im Angesicht meiner Feinde.“ Normalerweise würde einem dabei der Appetit vergehen. Doch die Person, die diesen Psalm betet, lässt sich von der bedrohenden Nähe seiner Feinde den Appetit nicht verderben. Die Aufmerksamkeit gilt dem gefüllten Becher. Selbst im Angesicht der Feinde ist die Lebensfreude groß.

Irdisches und Himmlisches gehört zusammen

Was in diesen Bildern so anschaulich wird, das ist Gott selbst. Dieser Psalm ist ein einziger Anschauungsunterricht über Gott, den Herrn. So wie hier gesungen wird, genauso verhält es sich mit Gott. Gott ist wie ein Hirte, der die fetteste Weide und das beste Wasser für seine Tiere aussucht. Er ist wie ein Wirt, der seinen Gast großzügig bedient und ihm voll einschenkt. Einen solchen Wirt kann man bestimmt weiter empfehlen.

Dieser Psalm bringt beides zusammen: die irdische Freude am Leben und an all dem Guten, was es zu bieten hat. Und die himmlische Freude an Gott und wie er für den Menschen sorgt. Hier gehören Gott und die Welt zusammen.

Die Welt und Gott

In der Kirche hat man oft das Gegenteil gelehrt. Es wurde gesagt, dass man Gott nur genießen kann, wenn man der Welt entsagt. Und umgekehrt: Wenn man die Welt genießen will, dann geht das am besten ohne Gott. Gott und die Welt wurden künstlich auseinandergerissen.

Auf der einen Seite wurde Gott weltlos. Das machte ihn unendlich erhaben über alles menschliche Fühlen und Erleiden. Und auf der anderen Seite wurde die Welt gottlos, indem die Sucht und Gier nach materiellen Gütern überhand nahm bis zur totalen Ausbeutung der Erde und der Menschen.

Ohne die Welt wurde Gott zu einem fernen Mysterium, das mehr Angst als Freude in den Herzen der Menschen erzeugte. Ohne die Welt wurde Gott als ein leidenschaftsloses, apathisches Wesen gedacht, das niemanden braucht, um glücklich zu sein, sondern nur sich selbst genug ist.

Und umgekehrt: Ohne Gott wurde die Welt zu einem Gegenstand der Anbetung für den Menschen. Der Mensch glaubt nur noch an die Leistung, an den Erfolg, an das machbare Glück. Ohne Gott geht der Welt auch jeglicher Maßstab verloren für das, was gut und für das, was böse ist.

Ein Gott ohne Welt löst sich schließlich für die Menschen im Nichts auf. Er wird einfach mit der Zeit uninteressant. Und eine Welt ohne Gott droht aus den Fugen zu geraten, um sich schließlich auch im Nichts aufzulösen.

Eine Trennung mit fatalen Folgen

Die Trennung von Gott und Welt, das ist im Grunde genommen der Ursprung der Sünde. Und der Sünde Lohn wird der Tod sein — der Tod für die Welt. Immer wieder sind die Menschen versucht, die Welt von Gott zu trennen und ihn in den Himmel zu verbannen. Aber Gott will sich nicht von der Welt trennen lassen. Wo er ausgesperrt wird, da mischt er sich immer wieder hinein, z.B. in dem er Mensch wird.

Schon das Alte Testament wacht mit großer Sorgfalt darüber, dass die Welt und Gott zusammenbleiben, um der Menschen willen. Darum wird Gott oft so weltlich und so menschlich beschrieben: als Hirt, als Wirt, als König und Feldherr, als zorniger Richter, als eifersüchtiger und leidenschaftlicher Liebhaber.

Darum scheut sich das Alte Testament nicht, die Welt als den Arbeitsplatz Gottes zu beschreiben, die Welt als eine göttliche Töpferscheibe, an der er am Werk ist. Ja, selbst dann, wenn sich die Welt als eine treulose Ehebrecherin benimmt und zur Prostituierten wird, wirbt Gott um sie und zahlt den Preis und tut alles, was er kann, um sie für sich zu gewinnen.

Gott in der Welt behalten

Diese Bilder, die das Alte Testament von Gott und der Welt zeichnet, sie sind oft weiser als die keimfreien Vorstellungen, die sich manche Philosophen von Gott machen. Auch die Kirche stand in der Versuchung Gott und die Welt auseinander zu dividieren. Das führte zur Gier und zum Wohlstandsfieber der Menschen, die in endloser Sucht nach mehr Lebensgewinn streben.

Die Kirche wollte die Menschen für Gott gewinnen. Aber die Mehrzahl der Menschen wurde damit in eine von Gott getrennte Welt gestürzt. Die Kirche wollte, dass die Menschen auf die Welt vergessen und nur mehr auf „keimfreie Art Gott genießen“. Tatsächliches Resultat aber war, dass die Mehrzahl der Menschen auf Gott vergessen haben, die Welt in selbstsüchtiger Weise genießen und den Genuss zum Götzen machen.

Von der Welt wegblicken, das hilft nicht zu Gott;

auf die Welt hinstarren, das hilft auch nicht zu ihm;

aber wer die Welt in Gott schaut, steht in seiner Gegenwart.

Martin Buber
Philosoph

Was Martin Buber sagt, genau das tut der 23. Psalm. Er schaut die Welt in Gott. Er erzählt von der grünen Aue und vom frischen Wasser, von der rechten Straße und dem gedeckten Tisch; aber auch vom finsteren Tal und den Feinden. 

Wer diesen Psalm betet, erblickt Gott nicht neben der Welt und nicht unberührt von der Welt, sondern durch die Welt hindurch. Wer betet, sieht Gott als den Hirten, der für seine Schafe sorgt, und als den Wirten, der den Tisch überreich deckt und den Becher voll einschenkt.

Gott und die Welt gehören zusammen

Gott und die Welt gehören zusammen wie der Hirte und die grüne Au, wie der Wirt und der gedeckte Tisch. Kein Tisch wird jemals so üppig gedeckt sein, wenn nicht ein freundlicher Wirt für alles sorgt. Die Wirklichkeit braucht einen Wirten. Und keine Schafherde könnte ein so sicheres und erfreuliches Dasein führen, wenn es nicht den aufmerksamen Hirten gäbe. Für die Schafe ist es ganz normal, dass er da ist; so normal, dass sie fressen und saufen, ohne sich dabei stören zu lassen.

Zu dieser schlichten Vertrauensseligkeit in Gott ermutigt uns der Psalm. Das Leben aus dem Glauben an Gott spielt sich mitten in der Welt ab. Nicht neben ihr; nicht, indem wir die Welt ignorieren oder aus ihr flüchten, sondern mitten in der Welt gilt es, freudig mit Gott unterwegs zu sein.

Er lädt uns ein, dass wir uns an seinen Tisch setzen, auch im Angesicht unserer Feinde. Er schenkt uns voll ein und schaut, dass es uns an nichts fehlt. Ihm können wir vertrauen, auch wenn es durch ein Tal der Todesschatten geht und bedrohende Feinde uns auflauern. Die Worte aus diesem Psalm wollen uns alle Angst nehmen und uns Vertrauen einflößen. Sie ermutigen uns, mitten in der Welt mit Gott unterwegs zu sein. Amen.

Nach einer Predigt von Pastor Lothar Pöll, gehalten an der Jährlichen Konferenz 1980 in Thun / Schweiz.

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