2. Advent

Glaubensimpuls

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Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Christus kann uns abholen, wo immer wir sind. 
Eine nicht ungrantige Predigt zu Lukas 3,1-6.

Liebe Geschwister, wir feiern heute den zweiten Advent. Und in Anlehnung an den heute gehörten Text aus dem Lukasevangelium könnte ich meine Predigt sinngemäß so beginnen: 
Es war im zu Ende gehenden dritten Jahr des weisen Bundespräsidenten Van der Bellen, zu der Zeit da Herbert Kickl auf Demos rumtobte, Alexander Schallenberg als Schattenkanzler den Schlaf der Ungerechten schlief und Wolfgang Mückstein allein auf weiter Flur in der Nase bohrte, da erging das Wort an Franz Josef - äh Frank aus St. Josef. 
Dann hätten wir auch für diese Predigt eine ordentliche, geschichtliche Einordnung.

Doch viel wichtiger als die geschichtliche Einordnung wäre eigentlich eine Beschreibung der Umstände, die zu dieser Zeit, also jetzt, herrschen. 

Wir befinden uns im Jahr 2021 zu Beginn der Adventzeit. Seit dem ersten Lockdown in Österreich sind 21 Monate vergangen. Noch immer besteht akute Ansteckungsgefahr und von einer Vollimmunisierung der Bevölkerung kann keine Rede sein. 

Global gesehen herrscht nach wie vor ein gewaltiger Unterschied zwischen den einzelnen Staaten der Weltgemeinschaft. Die Solidarität ist enden wollend und so kommt es immer wieder zu Mutationen des als Covid-19 bekannt gewordenen Virus. 

Die österreichische Gesellschaft droht in die Lager der Impfgegnerinnen und Impfgegner und Impfbefürworterinnen und Impfbefürworter zu zerfallen. Angesichts der steigenden Infektionszahlen hat die Regierung trotz des bevorstehenden Weihnachtsgeschäft zähneknirschend einem erneuten Lockdown zugestimmt. 

Einige Kirchen haben ihre Gottesdienste ganz ausgesetzt, andere feiern mit FFP2-Masken und einem Abstand von mindestens zwei Metern. Menschliche Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden. Wieder soll der Gesang wegen der Aerosole eingeschränkt und die Gesamtzeit der Gottesdienste verkürzt werden. 

Veranstaltungen werden abgesagt oder in die virtuelle Welt verschoben. Der Himmel ist grau, es regnet und ab 16:00 Uhr wird es finster.

 

Und da soll Freude aufkommen?

Ernsthaft?

 

Ich meine vor zwei Jahren bin ich noch mit dem Kindern beim Bauern gewesen und wir sind mit den Gummistiefeln übers Feld gestapft und haben den riesigen Baum auf den Traktor und später auf den Anhänger geladen. Das war eine Baumaktion! 
Oder auch noch vor zwei Jahren wären jetzt die letzten Chorproben im Hinblick auf den Adventabend gewesen. Ein Adventabend mit dem Chor des Abendgymnasiums, gemeinsam 30 Sängerinnen und Sänger, mit Solistinnen und Solisten, mit einem euphorischen, glücklichen Ausklang und 120 Besucherinnen und Besuchern. 

San ma uns ehrlich - es ist zach gerade. 
Für alle Nicht-Österreicher*innen: Es ist mühsam, es ist anstrengend, irgendwie will man nicht mehr so recht.

Dazu kommt, dass manche Menschen – ich würde mich selbst zu diesen dazuzählen - nicht wirklich empfänglich sind für Weihnachtskitsch. Ich mag keine Kerzen, Tee schmeckt mir nur in Ausnahmefällen, ich backe nur wenn ich muss und ich finde: Lichterketten sind Stromverschwendung. 
Und was ich zum Drüberstreuen auch sagen muss: Ich hasse es wenn mir jemand sagt was ich tun soll oder tun sollte: Freu dich – es ist Adventzeit!

Na habe die Ehre und du mich auch.

Und in dieser Situation nehme ich mir bildlich gesprochen den Lukastext zur Brust oder beim Kravatterl: So, du geschichtlicher Text, wir sind nicht zur Zeit des Tiberius und auch nicht im Jordantal. Die Menschen hier haben genug zu essen, aber viele haben vergessen, was Sünde ist. Was sagst du dazu – Text? Sprich zu mir, schließlich soll ich mit dir predigen.

Ja, liebe Geschwister, das nennt man ringen – ringen mit einem Text. Ringen mit einem Text, der so gar nicht in die eigene Situation und die gegenwärtigen Umstände zu passen scheint.

Drei Ergebnisse dieses Ringens mit dem Text und mit der Adventzeit möchte ich jetzt in der Folge mit euch teilen.

Je länger ich über die verordnete Freude nachgedacht habe – ihr habt ja gemerkt, ich bin da ein wenig sensibel – desto mehr ist mir ein anderer Zugang klargeworden. Eigentlich sind es zwei Erkenntnisse, aber jetzt einmal der Reihe nach. Zunächst habe ich gemerkt, dass ich mir vielleicht mit der unbeschwerten, kindlichen Freude schwer tue, aber die Dankbarkeit durchaus empfinden kann. Wenn ich an Weihnachten denke und hier den Heilsplan Gottes entdecke, der auch mir gilt, dann löst das eine große Dankbarkeit in mir aus. Eine zutiefst innerliche Dankbarkeit, die auch von den widrigsten Umständen nicht verdrängt oder zugedeckt werden kann. Was Gott hier für mich getan hat, kann nie mehr rückgängig gemacht werden. Mit dem Kommen von Christus geschieht tatsächlich etwas so bahnbrechendes Neues, dass ich auch heute noch darüber staunen kann. 

Es ist tatsächlich eine heilsame Gedankenkette die sich entwickelt: wenn mir klar zu werden beginnt, was Jesus für die Welt und für mich bedeutet, dann löst das in Folge Dankbarkeit, dann Staunen, dann Geborgenheit und Glücklichsein aus. In dem Moment, wo ich mich auf diese Gedankenreise einlasse, fügt sich eins ins andere. Da kann man vorher grantig sein wie man will.

Und das wäre dann auch meine zweite Erkenntnis in diesem Zusammenhang: So verordnet oder zur falschen Zeit kommend mir die Adventzeit auch erscheinen mag, was täte ich ohne sie?

Täte ich etwas ohne sie?

Erst neulich habe ich mir mit Novica Brankov und Dragan Trajcevski je einen Telefontermin ausgemacht. Davor hatten wir hin und her geschrieben und betont wie wichtig es uns ist, im Kontakt miteinander zu sein. Das Problem daran war der kleine aber feine Unterschied zwischen einer Absichtserklärung und einer konkreten Tat. Es ist eine Binsenweisheit unter Erwachsenen, dass nur mit einem Termin und mit einer Uhrzeit etwas tatsächlich Form annimmt.

Das Gleiche kann man auch von der Adventzeit sagen: Ohne konkrete Zeit, ohne jährlichen Termin sozusagen, würden wir uns die Zeit nehmen, um über die Heilstat Gottes nachzudenken und uns an ihr zu erfreuen?

Ich weiß ja nicht, wie diszipliniert ihr seid, aber wenn so ein Ereignis dann auch noch mit den Umständen, die ich anfangs beschrieben habe, zu kämpfen hat, dann kann es gut unter den Tisch fallen. Wenn es nur von unserer Disziplin oder Laune abhängt, dann ist so ein Ereignis wie Weihnachten und Advent zumindest gefährdet. Gefährdet gestrichen zu werden.

Mein drittes und letztes Ergebnis des Ringens mit dem Text und der Adventzeit betrifft tatsächlich den Text. 

Erst am Mittwoch hatte ich vom möglichen Stop für den Lobautunnel gelesen. Und tatsächlich waren das meine ersten Gedanken zum Text: Autobahnbau. Brutale Vorgangsweise. Täler auffüllen, Hügel abtragen. Natur? Pah, da fahren wir drüber, ist doch wurscht, da entsteht jetzt eine Straße. Typisch Herrscher. Der räumt aus dem Weg, was ihm im Weg steht.

Erst beim zweiten oder dritten Lesen ist mir bewusst geworden, dass es hier vielleicht doch um uns geht. Um uns Menschen.

Und unsere Täler, das könnten die Tiefpunkte in unserem Leben sein. Wo wir uns in der Opferrolle sehen und ganz gerne dort verweilen möchten, weil wir ja so arm sind. Sieht denn niemand wie schlecht es uns geht? Wie wir leiden? Wie wir leiden wollen, damit sich jemand um uns kümmert? 

Ich weiß, das klingt vielleicht hart, aber wenn wir solche Fragen ganz intim und geheim nur uns selber stellen, ohne dass irgendwer anderes davon weiß, dann können wir uns vielleicht selbst fragen, wo wir noch mehr Christus brauchen. Wo ist mein Glaube und wo ist meine Hoffnung, die mir aus allem heraushelfen kann? Dann wird das Tal schon ein wenig weniger tief. Es beginnt sich aufzufüllen, wir kommen langsam aus der Finsternis des Tales wieder zurück ans Licht.

Und unsere Berge und Hügel, könnte damit unser Stolz und unser Machbarkeitswahn gemeint sein? Braucht es da vielleicht nicht etwas weniger, damit Jesus gut zu uns kommen kann, damit wir das Heil sehen, dass von Gott kommt.

Und die krummen Wege, könnten damit nicht unsere Verbiegungen gemeint sein, die wir eh wissen, aber nicht korrigiert haben? Der Griff zum billigen statt zum Biofleisch, die Silvesterrakete statt der Saatgutspende oder die sogenannte „Notlüge“ aus purer Bequemlichkeit. Hier kann jede und jeder von uns genauer hinschauen – da wird sich schon die eine oder andre Holprigkeit ausmachen lassen.

So alt und aus einer ganz anderen Zeit kommend der Jesaja-Text auch sein mag – er kann etwas auslösen in uns, davon bin ich überzeugt.

Was bleibt?

Wir leben in ruppigen Zeiten, keine Frage – aber der Advent bleibt.
Auch wenn wir etwas mehr oder etwas weniger ringen müssen mit dem Advent – es lohnt sich.
Dankbarkeit und Freude stellen sich auch bei grantigen Menschen ein – dafür sorgt Christus.

Und gelobt sei da der, der ist und kommen wird.

Amen.

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