Aller (Neu-)Anfang ist schwer...

Glaubensimpuls

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Dorothee Büürma

Pastorin, Erwachsenenbildung


Die Predigt aus dem Gottesdienst in Graz zu Lukas 14,25-33 und Jeremia 18,1-11

Die Leseordnung unserer Kirche macht es uns Predigenden derzeit nicht sehr einfach mit den vorgesehenen Texten. 

Vor drei Wochen hat Pastor Frank Moritz-Jauk hier aus dem Lukasevangelium über die Entzweiung gepredigt. Heute geht es nicht um Feuer oder Entzweiung, sondern um die Last der Nachfolge Jesu.

„Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein“ (Vers 27), sagt Jesus. 

Nun weiß ich nicht, wie stark ihr den Glauben als Last empfindet, oder gar als Kreuz, also als Foltermittel. Ich hoffe, dass euch der Glaube nicht nur schwer fällt, sondern dass er euch neue Lebenskraft gibt – was das Kreuz durch Jesus für uns ja auch bedeutet.

Die Bibelverse  im Kontext des Lukasevangeliums:

Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Und wir lesen im Text: „Viele Leute begleiteten Jesus auf seinem Weg.“ (Vers 14)
Die Menschenmenge kommt vor und nach diesen Versen immer wieder vor. Menschen mit den verschiedensten Erwartungen, Hoffnungen, Wünschen oder auch Träumen sind Jesus auf dem Weg nach Jerusalem gefolgt. Der Weg ist voller Symbolik. 

Da waren unter anderem diejenigen dabei, die sich erhofften, dass Jesus endlich politische Veränderung bringen würde. Damit sie in seiner Nachfolge dann zu den ersten gehören würden, die unter seiner Herrschaft profitieren. 
Es waren auch diejenigen dabei, die Jesu Wundertaten miterlebt hatten, und die ihn deshalb verehrten. 
Doch Jesus macht in unserem heutigen Text klar, dass er an Verehrung und weltlichem Machtgehabe nicht interessiert ist. 

Ganz im Gegenteil, erklärt Jesus der Menschenmenge, Nachfolge bedeutet Verzicht und Verlust:

Wer zu mir kommt, dem muss alles andere unwichtig werden: sein Vater und seine Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar das eigene Leben: Sonst kann er nicht mein Jünger sein.“

Lukas 14,26
BasisBibel

Im griechischen Originaltext klingt dieser Vers noch drastischer: Wer Jesus nachfolgt, muss seine Familie hassen (miseo auf Griechisch). Die Sprachwahl des Evangelisten Lukas ist hier bewusst drastisch. Hassen bedeutet in diesem Zusammenhang loslassen/ hinter sich lassen. 

Was waren das für Menschen, die Jesus folgten?

Stellt euch die Menschen mal vor, die Jesus da folgten. Sie lebten in einer Gesellschaft, in der die Familie wertvoll war. Familie bedeutet Sicherheit. Die Familie kümmert sich um die einzelnen Mitglieder. Wer also die Familie verlässt, begibt sich in Gefahr. Das gesamte soziale Netz ist damit fortgerissen.

Familie bedeutet auch Hierarchie und Verantwortung. Das Familienoberhaupt, der Vater in diesem Fall, ist verantwortlich dafür, dass in der Familie alles glatt läuft. Dass jedes Familienmitglied zum Haushalt beiträgt, dass alle Mitglieder versorgt sind mit dem, was sie zum täglichen Leben brauchen. Traditionell folgten die Söhne in den Fußstapfen ihrer Väter. Wenn der Vater zum Beispiel Zimmermann war, übernahm der Sohn oft dessen Betrieb oder dessen Arbeit. 

Wenn nun ein Mitglied, normalerweise ein Mann, die Familie verließ um Jesus nachzufolgen, dann brachte es damit die ganze Familie in Schwierigkeiten. Nachfolge wurde zu einer Last und brachte viel Ärger und Unverständnis. Eine spätere Rückkehr in die Familie war daher eher unwahrscheinlich.

Die Thematik kommt auch heutzutage und in Österreich vor

Mir ist vor einigen Monaten wieder aufgefallen, dass es auch in unserer Gesellschaft noch immer Erwartungen innerhalb von Familien gibt, die für Familien zu einer Last werden. Da denke ich zum Beispiel an ein Ehepaar in der Nähe von Salzburg, das auf dem elterlichen Bauernhof lebt. Die Eltern des Mannes hatten ihr Leben lang hart gearbeitet und es geschafft, ihrem Sohn mit seiner Familie ein eigenes Haus auf dem Hof zu vermachen. Doch der Sohn leidet unter der Last der Arbeit mit den Kühen und auf den Feldern. Seine Frau arbeitet Teilzeit in ihrem eigenen Beruf und kümmert sich um die Kinder. Die Großeltern helfen mit so gut sie können, doch die Arbeit ist schwer und der Sohn hat andere Träume – er ist eigentlich ein ausgebildeter Mechaniker und möchte in diesem Berufsfeld arbeiten. Er möchte Zeit für seine Familie haben, anstatt sich abends und an Wochenenden um den Hof kümmern zu müssen. Doch die Gespräche über einen möglichen Verkauf von Feldern und Tieren bringen Frust, Enttäuschung und Ärger mit seinen Eltern, die ihr Leben in diesen Hof investiert hatten. 
Sie hatten erwartet, dass ihr Betrieb auch in den folgenden Generationen weitergeführt werden würde.

Auch in Österreich ist es nicht immer leicht für Menschen, die Familienstrukturen zu verlassen, um sich Dingen zu widmen, die uns selbst als wichtiger erscheinen.
Und mit diesem Vergleich fällt es uns vielleicht schon ein bisschen leichter, zu verstehen, welche Emotionen im Spiel sind, wenn Jesus von seinen Nachfolgern erwartet, dass sie ihre Familie zurücklassen. 

Jesus macht mit eigenen Beispielen deutlich, dass es wichtig ist, die Kosten zu erwägen, bevor man sich auf etwas einlässt, das das Leben verändern wird. Wer beispielsweise ein großes Bauwerk errichten möchte, muss erst einmal ausrechnen, ob er es auch finanzieren kann. 

Wer ihm nachfolgen möchte, muss bereit sein, alles aufzugeben, was er/sie hat. Und um ganz genau zu sein, auch alles aufzugeben, was man ist! Es geht nicht nur um Besitztümer, es geht auch darum, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche hintanzustellen. Sich selbst nicht als wichtiger zu sehen als denjenigen, dem man nachfolgt.

Und hier merken wir schnell, das diese Art von Nachfolge im Kontrast steht zu dem, was wir Menschen immer wieder erstreben: Selbstverwirklichung, Machtpositionen oder auch nur Einfluss, Ansehen und Status. Die Nachfolge Jesu erfordert Erniedrigung. Sie erfordert ein Sich-selbst-zurücknehmen. 

Erinnerung an die methodistische Bundeserneuerung

Wir erinnern uns an diesen Preis der Nachfolge als Methodist:innen jährlich in unserem Bundeserneuerungsgottesdienst. Jedes Jahr stellen wir uns wieder neu in den Dienst Gottes, in die Nachfolge Jesu. Und wir sprechen die Worte, die auch uns herausfordern:

Ich gehö­re nicht mehr mir, son­dern  dir…  Erhö­he mich für dich, ernied­ri­ge mich für dich … Lass mich voll sein, lass mich leer sein…

Aus der Bundeserneuerungsliturgie
John Wesley (deutsche Übersetzung der EmK)

Das klingt auf den ersten Blick unglaublich schwierig. Wer gibt schon gern freiwillig etwas auf, das uns als Menschen doch so wichtig ist? 

Gott ändert festgefahrene Strukturen

Im Lukasevangelium lesen wir etwas nach dem heutigen Text ein Gleichnis Jesu über einen verlorenen Sohn. Oder besser gesagt, über einen gnädigen Vater.

Wenn Jesus im Kapitel 14 noch die familiären Strukturen auseinandernimmt, dann baut er sie im 15. Kapitel wieder neu auf. 

Es erinnert ein bisschen an die Lesung aus dem Prophetenbuch Jeremia, die wir heute auch gehört haben. Gott spricht zu Jeremia mit dem Bild eines Töpfers, der Dinge schafft und formt. Wenn sie nicht gelingen, dann wird der Ton wieder neu geformt.

Auch dieses Neu-schaffen klingt im Lukasevangelium mit.

Der „verlorene“ Sohn verlässt die familiären Strukturen und den Betrieb und er nimmt seinen Anteil mit. Und wenn man genau hinschaut, dann steht da im griechischen Text nicht, dass der Vater seinen Besitz aufteilt zwischen den Söhnen, sondern dass er sein Leben aufteilt. Es geht Jesus in diesen Geschichten um mehr als nur das, was wir Menschen besitzen. Es geht ihm darum, dass wir unser Leben dem widmen, was wichtig ist – und zwar der Nachfolge Jesu.

Ich kenne euch noch nicht alle persönlich – aber ich bin mir sicher, dass ihr alle auch eure eigenen Erfahrungen habt, von Zeiten in denen ihr im Leben etwas zurückgelassen habt, weil es euch wichtig erschien, anders weiterleben.

Mein Leben im Dienst Gottes – ein Überblick

Für mich war es besonders prägend, mich in den Dienst Jesu zu stellen und damit auch das eigene bekannte Umfeld immer wieder zu verlassen.

So bin ich nach meiner Schulzeit in Deutschland für ein freiwilliges soziales Jahr nach Manchester in Großbritannien gezogen. Und habe mich dann dort für ein Theologiestudium entschieden. Ich habe gemerkt, wie schnell es möglich war, mir an diesem fremden Ort ein neues Leben aufzubauen, neue Freunde zu finden, neu über die eigenen Interessen und Hobbys nachzudenken. Und das alles war bei mir verankert im Glauben und im Leben innerhalb kirchlicher Gemeinden.

Nach dem Studium kam der nächste große Schritt – ein Umzug nach London, um dort als Pastorin von fünf Gemeinden Gott zu dienen. Wieder habe ich Menschen und Orte, die mir lieb geworden waren zurückgelassen. Und wieder durfte ich erfahren, dass mit Gottes Hilfe auch an diesem neuen Ort Menschen waren, die ich kennenlernen durfte und die mir wichtig wurden. Und diese Sommerferien haben wir einige davon wieder besucht!

Und, wie ihr wahrscheinlich alle wisst, ging meine Geschichte im Dienst Gottes dann so weiter, dass ich in seinem Dienst mit meiner Familie wieder einmal alles zurückließ, was uns wichtig geworden war und dass wir uns mit Gottes Hilfe ganz neu in Österreich einfinden konnten und auch hier viele liebe Menschen kennenlernen durften.

Jedes Zurücklassen ist auch ein Neuanfang

Was ich mit diesen Beispielen aus meinem Leben zeigen möchte: 
Dass ein Zurücklassen von Bekanntem und Geliebtem mit Gottes Hilfe auch immer wieder zu neuem Entdecken von Glaube, von Hoffnung und von Gottes Liebe unter den Menschen führt.

Auch dieser Gedanke wird von Jesus im Lukasevangelium ein paar Kapitel später genannt: „Jeder, der für das Reich Gottes etwas zurückgelassen hat – Haus, Ehefrau, Geschwister, Eltern oder Kinder – wird es um das Vielfache neu bekommen. Das gilt schon jetzt in dieser Zeit. Und dann, wenn Gottes Reich kommt, bekommt er das ewige Leben.“ (Lukas 18,29-30). 
Amen.

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