Ent­zwei­ung

Glaubensimpuls

Bild von Frank Moritz-Jauk
Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Predigt zu Lukas 12,49-56 
"Ich bin nicht gekommen um Frieden zu bringen, sondern Entzweiung" 
also available in english

Liebe Schwestern und Brüder,

der heutige Evangeliumstext ist – sagen wir es einmal vorsichtig – herausfordernd. 
Schroff, hart, irgendwie brutal – ich versuche einmal meinen ersten Eindruck in Worte zu fassen. Ich weiß nicht, wie es euch mit diesem Text gegangen ist. Jedenfalls scheint er so gar nicht zu unserer Vorstellung vom lieben und gütigen Jesus zu passen.

Darin liegt die Spannung und darum werde ich versuchen in meiner Predigt auf ein paar Fragen oder Themen, die der Text aufwirft, einzugehen.

Da wäre zunächst einmal das Feuer: „Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer anzuzünden; ich wünschte es würde schon brennen.“

Das klingt sehr brutal. Fanatisch könnte man auch sagen. Unser erstes Bild von Erde und Feuer sind brennende Wälder oder Krieg. Morden und brandschatzen ist ein Wortpaar im Deutschen und meint plündern, rauben „durch Feuer legen einen Schatz erbeuten“. Es ist also ein Bild der Zerstörung. Nur – ist es das, was Jesus meint?

Wenn ich mir den weiteren Verlauf und die Beispiele anschaue, die Jesus nennt, dann kommt mir ein weiteres Bild von Feuer in den Sinn: Für eine Sache oder eine Überzeugung brennen. Damit meinen wir im Regelfall eine besondere Hingabe oder einen besonderen Ansporn. Wenn ich für etwas brenne, dann möchte ich das mit besonders viel Einsatz, Herzblut, Zeit und Begeisterung tun.

Es ist natürlich eine erste Interpretation, aber ich meine, wir können den Satz auch in diese Richtung verstehen: Nicht Zerstörung ist gemeint, sondern besonderer Einsatz für ein Anliegen.

Kommen wir zum zweiten Satz: „Aber vor mir steht eine Taufe, mit der ich noch getauft werden muss, und wie schwer ist mir das Herz, bis sie vollzogen ist!“ 

Ich denke, Jesus spricht hier seine eigene Kreuzigung an. Auch das ist Interpretation, aber so würde ich das verstehen.

Damit komme ich zur entscheidenden Aussage: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Entzweiung?“

Hier möchte ich ein wenig weiter ausholen. 
Steht diese Aussage nicht im Widerspruch zu Johannes 14,27: „Was ich euch zurücklasse, ist Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden – einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann.“ Oder, um keinen Sprung zwischen zwei verschiedenen Evangelien machen zu müssen, mit den ersten Worten, mit denen der Auferstandene seine zitternde Jüngerschaft begrüßt? „Friede sei mit euch!“ (Lukas 24,36)

 

Bevor ich an dieser Stelle fortfahre, möchte ich noch etwas sehr persönliches und sehr grundsätzliches zur Verwendung von Bibelstellen oder Bibelzitaten sagen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man Bibelstellen nicht aus ihrem Kontext herauslösen soll. Ich halte einen Wortstreit zwischen „Hier steht es so“ und „Hier steht es aber anders“ für völlig sinnentleert. So darf man, meiner Ansicht nach, nicht mit der Bibel arbeiten. Meine Absicht beim Zitieren der beiden Bibelstellen zum Frieden ist eine andere. Wenn ich einen Text wie heute zum Frieden oder zur Entzweiung höre oder lese, dann bringt das etwas in mir zum Klingen. Will heißen, wenn ich Frieden höre, dann erinnere ich mich an andere Aussagen über den Frieden. Und weil man heutzutage nur noch Stichwörter braucht, um den Computer die exakte Bibelstelle finden zu lassen, kann ich meine Erinnerung exakt in der Bibel verorten. Was ich mir und euch damit aber sagen möchte ist keine Rechthaberei, sondern eben diese Verortung. Ich behaupte nicht einfach irgendwelche Dinge über Jesus, sondern ich kann mir selbst zeigen, wo ich das gelesen habe.

Schon lange bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Bibel uns nicht schwarz oder weiß lehrt. Weil es dort so steht, deswegen ist es so. Und nur so. Nein.

Der Reichtum der Bibel besteht meiner Ansicht nach in ihrer Erzählkraft und ihren farbenfrohen Facetten. Aus deren Summe sich ein jeweils für seine Zeit gültiges Bild zusammensetzt. Oder noch einmal anders gesagt: Die Bibel bietet uns Bilder und Erzählungen, die wir mit Hilfe des Heiligen Geistes interpretieren und zu verstehen versuchen.

Ich darf also, um das Bild vom Frieden oder der Entzweiung wieder aufzugreifen, von verschiedenen, vielleicht sehr unterschiedlich gemeinten Bedeutungen von Frieden ausgehen.

„Friede sei mit euch“ als Beruhigungsformel bei Panik darf sich also vom Frieden, wie Johannes ihn uns weitergibt, unterscheiden. Oder eben von der Fragestellung, die wir heute gehört haben: „Nicht Frieden, sondern Entzweiung.“

Auch heute noch verwenden wir das Wort „Frieden“ sehr unterschiedlich. Mit Frieden kann eine Waffenruhe gemeint sein. Oder die Schlichtung eines Streits. Oder eine alles umfassende Versöhnung. Eine Versöhnung mit Menschen oder Umständen.

Oder – und das ist meine Interpretation der heutigen Stelle – ein Beibehalten des Ist-Zustandes. Frieden, als ein „Alles soll so bleiben wie es ist – nur keine Aufregung.“ Friede, Freude, Eierkuchen.

Und dieser Vorstellung widerspricht Jesus: „Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Entzweiung.“

Und um diese Aussage zu verstehen müssen wir uns die Wurzeln unseres Glaubens ansehen. Was meine ich damit?
Ich meine, Jesus spricht damit die Frage an, wofür wir stehen. 

Was unterscheidet uns als Christinnen und Christen von Menschen, die eine andere Ansicht haben? 
Das sind keine neutralen Fragen, sondern es geht bis zur Frage: Wofür brennst du? 
Wofür setzt du dich mit allem was du hast ein?

 

Es ist mir bewusst, dass es hier jetzt etwas „brenn - zelig“ werden könnte. Heiße Fragen. Unangenehm berührt möchte sich die eine oder der andere vielleicht wegducken.

Keine Sorge, ich werde hier an meiner Kanzel stehen bleiben und nicht mit glühenden Augen und spitzem Finger auf dich zukommen und fragen: WORAN GLAUBST DU? 
Nein, das ist nicht unser Stil in der Methodistenkirche.

Aber nehmt doch einmal diese Gedanken mit aus diesem Text und stellt euch selbst die Frage: 

Woran glaube ich eigentlich? Was macht mich als Christin oder als Christ aus? Worauf vertraue ich? 

Und auch ganz wichtig: Jesus sagt im Text, dass es zu einer Entzweiung kommen wird. Nicht, dass wir das jeder Person vor Augen führen müssen oder gar sollen.

 

Schließen möchte ich mit drei Beispielen aus meinem eigenen Umfeld oder meiner eigenen Praxis.

Neulich bin ich mit meinem Onkel Ulf – ja, der heißt wirklich so – durch den Wald gegangen und wir haben uns über die Artenvielfalt unterhalten. Ich habe erzählt, wie fasziniert ich davon bin, dass es seit tausenden von Jahren keinen gleichen Menschen gegeben hat. Und dass das ja auf jeden Baum bis hin zu jedem Regenwurm zutrifft. Er meinte darauf in bestem Norddeutsch: „Jo, dat hat die Evolution echt doll hinjekricht.“

Die Evolution? Wie schaut die denn aus, ist die groß oder klein? Kann man mit der sprechen? Warum gibt es sowas dann nicht auf dem Mond? Ist die Evolution Kraft oder Schicksal?

Über das Wie kann man meiner Meinung nach zu Recht diskutieren, aber für mich steht Gott hinter meinem Dasein und dem Dasein seiner Schöpfung. Ganz klar also Entzweiung.

 

Zweites Beispiel: Jesus, dem wir den Titel Christus gegeben haben. Ich glaube, dass Jesus für meine Schuld gestorben ist und dass Gott mich dadurch gerettet hat. Gott hat mich aus Gnade erlöst und wird mich in meinen Urzustand als sündenlosen Menschen versetzen, wenn ich von den Toten auferstehe. Ja, er gewährt mir schon jetzt und heute die Vergebung meiner Schuld, meiner Gottesferne, damit ich wieder frei atmen kann. Mit diesem Jesus möchte ich eine Beziehung leben. Können das viele Menschen in Graz so und in dieser Klarheit von sich sagen? Nicht drei gegen zwei, sondern geschätzte fünfzig gegen eins, würde ich heute sagen. Also wieder: Entzweiung.

 

Letztes Beispiel: Und was bedeuten diese Zahlen eigentlich? Ich möchte auch heute und hier in Europa bezeugen, dass ich an Jesus glaube, weil ich ihn erfahren habe. Er ist für mich Realität geworden und ob das dem Mainstream entspricht oder nicht, ist nicht das Kriterium für mein Handeln. Wenn die Menschen um mich herum hundertmal sagen, dass man blöd ist wenn man sich alles gefallen lässt oder nicht einfordert, was einem zusteht. Dann möchte ich auch heute noch sagen, dass mein Lebensziel beinhaltet, dass ich barmherziger, großzügiger und mitfühlender werde. Und dass die eine Haltung des Herzens schwer mit der anderen vereinbar ist. 

Entzweiung. Entzweiung und Feuer.

Ja, Entzweiung bedeutet wohl, dass ich irgendwo meinen Standpunkt finden muss. Meinen Standpunkt in Bezug auf Jesus und seinem Kommen auf die Erde. 

Entzweiung bedeutet nicht notwendigerweise Streit. Man kann darin übereinkommen, dass man unterschiedlicher Meinung oder unterschiedlichen Glaubens ist. Und das kann sehr freundlich und liebevoll sein. Respektvoll und klar.

Feuer bedeutet für mich die Konsequenzen, die meine Errettung durch Gott in mir bewirken kann. Das muss kein Flächenbrand sein, vielleicht ist die wärmende Glut auch das bessere Bild. Gottes Liebe, die in mir brennt und mich wärmt, auch wenn es schwierig oder eben herausfordernd wird.

Amen. 

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