"El-Roi: Du bist ein Gott, der mich sieht" – Gedanken zur Jah­res­lo­sung 2023

Glaubensimpuls

Bild von Dorothee Büürma
Dorothee Büürma

Pastorin, Erwachsenenbildung


Betrachtung zur Jahreslosung 2023 aus Genesis (1. Mose) 16,13

"Du bist ein Gott, der mich sieht"

Für Christ*innen im 21. Jahrhundert in Ländern wie Österreich, Deutschland oder auch den USA ist die Aussage der Jahreslosung eine bekannte Glaubensaussage.

Wir nehmen doch stark an, dass Gott auch uns sieht. 
Vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert, das Fest, das uns ganz deutlich lehrt: Gott sieht die Menschen. Und in Jesus Christus kommt Gott den Menschen ganz nah. Gott wird sichtbar in Menschen-Gestalt. Natürlich sieht Gott die Lebenslage seiner Geschöpfe und nimmt sich ihrer Situationen an. Deshalb beten wir in Fürbittgebeten ja auch nicht spezifisch, dass Gott zu bestimmten Menschen bitte hinsehen soll – sondern wir erwarten von Gott quasi automatisch, dass Gott schon gesehen hat und versteht, was wir Menschen wirklich brauchen im Leben. 

Wozu dann dieser Ausspruch der Jahreslosung? 
Was hat er uns heute an Neuem zu sagen?

Die Antwort liegt versteckt auf dem Bild, das diesen Artikel ziert.
Eine Frau liegt in der Wüste. 
Darum geht es in diesem Bibelvers. 
Um eine Frau in der Wüste – einsam, allein, hilflos, gefühlt von Gott und der ganzen Welt ignoriert und verlassen!

Die Frau, die diese Worte ausgesprochen hatte, war Hagar, die Magd von Sarai, Abrams Ehefrau. 
Hagar hatte als Dienerin Sarais und anstelle ihrer scheinbar wenig fruchtbaren Herrin ein Kind von Abram empfangen. Sie war schwanger und wurde von der eifersüchtigen Sarai übel behandelt. 
Hagar war alles zu viel geworden – sie ergriff die Flucht. 
Die Magd verließ die Sicherheit ihres Herrn und lief durch die Wüste. 
Anhand der Ortsangaben im 1. Buch Mose kann man davon ausgehen, dass Hagar recht weit allein durch die Wüste geirrt sein musste – wahrscheinlich auf dem Weg nach Ägypten, ihrem Herkunftsland.
Die Wüste war kein sicherer Ort – vor allem nicht für eine schwangere Frau, die ohne großen Proviant oder Schutz davongerannt war. Hagar musste sehr erschöpft gewesen sein und am Ende mit ihren Kräften, als sie den Brunnen erreichte. 

In dieser ausweglosen, hoffnungslosen Situation erscheint Hagar ein Engel Gottes. Und Hagar, die Ausgestoßene, die fast nichts wert war für ihre Mitmenschen, ist die erste Frau, die mit Gottes Engel spricht. Dass Gott wirklich ihr kleines erbärmliches Schicksal sieht und ihr helfen möchte, muss für Hagar unglaublich sein. Für sie ist der Ausspruch: "El-Roi – der Gott der mich sieht" ein starkes Bekenntnis ihres Glaubens oder Vertrauens in den Gott Abrams. 
Und Gott gibt ihr ein weiteres Hoffnungszeichen: Ihre Nachkommen sollen zahlreich sein. Ihr Sohn soll den Namen "Ismael" = "Gott hat gehört" bekommen.

Gott hat gesehen und Gott hat gehört.
Das Leben von Hagar ist durch diese Begegnung mit dem Engel Gottes verändert. Hagar wagt den weiten Weg zurück und ist bereit für die Demütigung nach der Rückkehr – weil sie weiß, dass Gott sie sieht.

Gott, der uns sieht und hört, ist uns Menschen so nah, dass er auch unsere Lebensumstände und Herausforderungen wahrnimmt. 
Welche Ängste oder Sorgen uns ins neue Jahr begleiten – Gott sieht auch uns. Und wenn wir müde, erschöpft oder hoffnungslos sind im neuen Jahr, dürfen wir glauben wie Hagar oder wie die Jünger Jesu: dass Gott sich uns zuwendet, wenn wir selbst mit unseren Kräften am Ende sind. Dass Gott Kraft schenken kann und neuen Lebensmut.
Und dass wir uns damit gestärkt auch den schwierigen Entscheidungen stellen können, die von uns im Leben immer wieder getroffen werden müssen.

Ich wünsche auch uns allen die Zuversicht, die Dankbarkeit und die Freude Hagars, dass Gott uns sieht, auch in diesem neuen Jahr!

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