Coat of many colors

Glaubensimpuls

Bild von Martin Obermeir-Siegrist
Martin Obermeir-Siegrist

Pastor, Kinder- und Jugendwerk


Eine Predigt zu Genesis / 1. Mose 37,1-4 und dem Lied "Coat of many colors" von Dolly Parton
Dolly Parton's Coat of Many Colors coat displayed in the Country Music Hall of Fame and Museum in Nashville, Tennessee. CC BY-SA 4.0

Dolly Parton, die Predigerin

In einem Interview, das Andy Warhol 1984 mit der US-amerikanischen „Queen of Country“ (Königin der Country-Musik) Dolly Parton führte, meinte er zu ihr: "You could be a great preacher." (Du könntest eine großartige Predigerin sein.) Parton antwortete mit dem für sie so typischen Humor:

What do you mean? I am a great preacher.

Dolly Parton
Country-Sängerin

(„Was meinst du? Ich bin eine großartige Predigerin.“)

Am vergangenen Dienstag ist Dolly Parton mit 80 Jahren gestorben. Sie war eine der erfolgreichsten Sängerinnen und Lied-Autorinnen im Bereich der Country- und Pop-Musik. Aber die Enkelin eines Pastors war eben auch eine großartige Predigerin. Zwar nicht im beruflichen Sinn („Preacher“ kann im Englischen ja auch gleichbedeutend mit „Pastor*in“ sein), aber im übertragenen Sinn: 

Dolly Parton war einerseits tief verwurzelt in ihrem christlichen Glauben; und sie hatte andererseits eine Gabe, biblische Wahrheiten in einfachen Worten auf den Punkt zu bringen. Viel wichtiger aber noch: Sie lebte ihren christlichen Glauben glaubhaft: Ihr Leben lang setzte sie sich für Menschen ein, die aus dem einen oder anderen Grund in der Gesellschaft benachteiligt waren. Das betraf Kinder aus bildungsfernen Familien ebenso, wie Menschen, die aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert wurden.

In diesem Sinn war Dolly Parton – durch ihr Leben, ihre Liedtexte aber auch durch ihre schlagfertigen Antworten zu religiösen und gesellschaftlichen Themen – tatsächlich eine großartige Predigerin.

Viele von Partons Liedern finde ich sehr berührend. Eines meiner liebsten Lieder ist „Coat of many colors“ – das bedeutet: bunter Mantel. Zum Inhalt des Liedes ist hilfreich zu wissen:

Dolly Parton wuchs als viertes von zwölf Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte in den Great Smoky Mountains in Tennessee. Parton erzählt in „Coat of many colors“ eine Erinnerung an ihre Jugend:

Ihre Familie bekam eine Kiste mit Stofffetzen geschenkt. Aus diesen Fetzen nähte ihre Mutter ihr einen bunten Mantel. Während die Mutter nähte, erzählte sie Dolly die Geschichte von Josef aus der Bibel. Auch der hatte einen bunten Mantel geschenkt bekommen.

Josefs bunter Mantel

Die Geschichte von Josef beginnt in Genesis (1. Buch Mose) im Kapitel 37. Wir hören dort, dass Josefs Vater Jakob sich in Kanaan niedergelassen hatte – in dem Land, in dem auch seine Eltern Isaak und Rebekka gelebt hatten.

Jakob hatte zwei Frauen: Lea und Rachel. Von ihnen und ihren Mägden Bilha und Silpa hatte Jakob insgesamt 12 Söhne; daneben auch Töchter (vgl. Genesis / 1. Mose 46,7), von denen nur Dina namentlich erwähnt wird.

Josef, den ersten Sohn, den Jakob mit seiner Lieblingsfrau Rachel bekommt, liebt er mehr als seine anderen Kinder. Als Zeichen seiner besonderen Liebe schenkt Jakob Josef ein prächtiges Gewand, einen bunten Mantel.

Dieser bunte Mantel steht als augenfälliges Zeichen für die Bevorzugung Josefs durch den Vater. Wir lesen:

Seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn lieber hatte als sie alle. Daher hassten sie Josef und konnten kein friedliches Wort mehr mit ihm reden.

Die Bibel
Genesis / 1. Mose 37,4

Josefs bunter Mantel wird zum Objekt des Hasses seiner Brüder. Als sich eine günstige Gelegenheit bietet, beschließen die Brüder Josef beiseite zu schaffen. Die ursprünglichen Mordpläne werden zwar noch abgeändert. Aber Josef wird an Händler verkauft, die ihn als Sklaven nach Ägypten verschleppen.

Nicht jedoch, bevor die Brüder ihm den kostbaren bunten Mantel ausgezogen haben. Diesen tauchen sie in Ziegenblut, um dem Vater weiszumachen, sein Lieblingssohn Josef sei von einem wilden Tier gerissen worden. 

Bevorzugung, Hass, Eifersucht und Gottes Fürsorge

Die Josefsgeschichte zeigt uns, wie gefährlich es sein kann, wenn jemand bevorzugt wird: Eifersucht und Hass sind die Folge. 

In der Erzählung wird aber auch klar: Die Ungerechtigkeit von Jakob seinen Kindern gegenüber rechtfertigt nicht, was die Brüder Josef und ihrem Vater antun. 

Dennoch: Eifersucht ist bis heute ein starkes Motiv für vielfältiges Unrecht. Und Eifersucht hat die gefährliche Eigenschaft, Menschen einzureden, sie wären im Recht, während sie anderen Furchtbares antun. Dabei erfindet die Eifersucht tausend Gründe, plausibel bis ins Detail. Am Ende steht für Menschen die Erkenntnis: „Ich muss dieses oder jenes ja tun, weil ich selbst schlecht behandelt wurde.“

Die Josefserzählung macht klar: Das Böse, das Menschen einander antun, ist nicht zu rechtfertigen. Menschen haben nämlich die Freiheit, sich dafür zu entscheiden, gut zu handeln. Auch dann, wenn ihnen selbst Schlimmes angetan wurde.

Die wichtigste Aussage der Josefsgeschichte bleibt aber: Selbst dort, wo Menschen, einander furchtbares Unrecht zugefügt haben: Gott hilft, eine gute Zukunft offen zu halten.

Obwohl Josefs Brüder falsch gehandelt haben, obwohl sich das Unrecht, das Josef erfährt, in Ägypten fortsetzt: Gott sorgt für Josef. 

Ja, mehr noch: Gott nutzt das menschliche Unrecht sogar, um sowohl Jakobs Familie, als auch ganz Ägypten zu retten.

Dollys bunter Mantel

Was ich euch gerade erzählt habe – diese oder zumindest ähnliche Gedanken – hat Dolly Parton von ihrer Mutter gehört, während die Mutter aus den alten Stofffetzen einen wunderschönen, bunten Mantel nähte.

Dolly singt in ihrem Lied, dass ihre Mutter jedes Stück mit Liebe genäht hat: In jedem Nadelstich steckte Liebe. Zum Schluss kommt ein Kuss als Siegel der Liebe auf den Mantel.

Dieser bunte Mantel, genäht und gesegnet mit Liebe, schützt die junge Dolly vor der Kälte des Winters in den Smoky Mountains. Und der Mantel der Liebe, den ihre Mutter ihr umhängt, schützt sie in gewisser Weise auch vor negativen Folgen der Armut der Familie:

Als Dolly ihren bunten Mantel stolz in der Schule trägt, wird sie von andern Kindern verspottet. Sie kann das nicht verstehen. Denn sie spürt: Dieser Mantel und die Liebe ihrer Mutter, die darin steckt, ist mehr wert als alle kostbare Kleidung, ja als alles Geld der Welt.

Menschliches und Göttliches

Warum machen Menschen sich übereinander lustig? Warum haben Menschen so einen Druck, eine Norm festzulegen, und alles abzuwerten, was von der Norm abweicht?

Ja, eine Gruppe kann durch Abgrenzung von Anderen nach innen hin stärker werden: „So sind wir nicht. Nicht wie die! Wir sind anders!“

Jesus legt uns ans Herz: Das, woran man euch erkennen soll, das, worin ihr euch ruhig von anderen Menschen abheben dürft ist: Liebe. (vgl. Johannes 13,35)

Liebe hat es nicht Not, sich über andere zu erheben und sie zu verspotten. Liebe hilft, Menschen zu umarmen, auch wenn diese ganz anders sind, als ich selbst.

Dolly Parton trug diese Liebe, die Liebe ihrer Mutter, die Liebe Gottes, tief in sich. Es ist diese Liebe, die ihr Selbstsicherheit schenkte und damit auch maßgeblich zu ihrem Erfolg beitrug.

Ironisch sagte die vielseitig begabte Künstlerin und Geschäftsfrau: "I’ve had more guts than I’ve got talent." (Ich hatte mehr Mut, als Talent.) Das Wort „guts“ heißt wörtlich „Eingeweide“. Wer ich innerlich bin, das zeigt sich auch in meinen Handlungen, in meinem Leben.

Dolly war erfüllt von dem Frieden und der Freude, die aus einer lebendigen Beziehung mit Gott folgen. Sie bekennt mit Augenzwinkern:

Me and God have a great relationship, but we’re both seeing other people.

Dolly Parton
Country-Sängerin

(„Ich und Gott führen eine großartige Beziehung, aber wir treffen uns beide auch mit andern Leuten.“)

Was ich von Predigerin Dolly gelernt habe

Liebe Geschwister, ich wünsche mir, dass auch wir so erfüllt von Gottes Liebe sind:
Dass wir andere Menschen annehmen können, wie sie sind.
Dass wir uns für gesellschaftliche benachteiligte Menschen einsetzen. 
Dass wir vielleicht sogar auf Anfeindungen und Spott mit humorvoller Schlagfertigkeit reagieren können.

Denn wir werden immer wieder angegriffen und herausgefordert, von den Eifersüchtigen und Machthungrigen, die uns klein machen wollen.

Aber die Liebe Gottes, die wir einander und unseren Kindern weitergeben können, stärkt uns!

Wo die Liebe Gottes in einem Menschen zu wirken beginnt, da passiert eine neue Schöpfung, lesen wir in 2. Korinther 5,17.

Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt.

Die Bibel
2. Korinther 5,19

Ich sehe in Dolly Partons Leben viel von dieser neuen Schöpfung. 
Und Parton selbst sagte: „Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, um davon zu leben und Karriere zu machen, dann wäre es das Songschreiben. Für mich ist das die intimste Zeit. Das ist wahrlich meine Zeit mit Gott. Ist meine Zeit mit dieser göttlichen, kreativen Kraft. Und ich liebe sie.“

Um ein kreatives und ein trotz Widernissen fröhliches Leben zu führen, war Parton sich bewusst, dass sie Gott braucht:

"I just depend on a lot of prayer and meditation. I believe that without God I am nobody, but that with God, I can do anything." („Ich verlasse mich einfach ganz auf das Gebet und die Meditation. Ich glaube, dass ich ohne Gott ein Niemand bin, aber dass ich mit Gott alles schaffen kann.“)

Möge Gott auch uns seine Liebe in so reichem Maße schenken. 
Sodass wir zugleich selbstsicher und bescheiden sein können.

Gott helfe uns, dass wir unsere bunten Farben zeigen können; und dass unsere bunten Farben diese Welt segnen.

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