Ein Leib – viele Ge­schich­ten

Glaubensimpuls


Predigt zu Offenbarung 7,9-10 und 1. Korinther 12,12-27 von Global Mission Fellow Rev. Sam T. Rajkumar, 30.08.2026 in der EmK Wien-Fünfhaus

Liebe Schwestern und Brüder, Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 

Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen Gottesdienst zu feiern. Oft fragen mich Menschen: "Wie ist das Gemeindeleben in Indien?" Meine Antwort ist immer dieselbe: Es ist sehr ähnlich – und doch ganz anders." 

Ich bin in der CSI Immanuel Church in Coimbatore aufgewachsen. Sie ist eine große Gemeinde in Südindien. Später durfte ich zwei Jahre als Pfarrer in der St. Paul's Church in Bangalore arbeiten. Heute lebe und arbeite ich in Österreich. Der Weg von Coimbatore über Bangalore nach Wien hat mir etwas Wichtiges gezeigt: Jesus spricht viele Sprachen. Zum Glück versteht er auch Tamil und Deutsch. Ich hoffe nur, dass er auch mein Deutsch versteht!

Christus ist größer als unsere Kultur

Das Erste, was viele Besucher in meiner Heimatgemeinde sehen, sind die vielen Menschen. Jeden Sonntag kommen Hunderte Menschen zum Gottesdienst. Familien kommen zusammen. Kinder sitzen mit ihren Eltern. Der Chor bereitet sich vor. Vor dem Gottesdienst sprechen viele Menschen miteinander. Die Kirche ist voller Leben. Später habe ich in der St. Paul's Church gearbeitet. Auch dort war die Gemeinde sehr vielfältig. Menschen aus vielen Kulturen und mit verschiedenen Sprachen kamen zusammen. Aber wir hatten einen Glauben. Ein Evangelium. Einen Herrn.

Dann kam ich nach Österreich. Hier habe ich etwas anderes Schönes entdeckt: Die Menschen kommen ruhig in die Kirche. Die Liturgie ist gut vorbereitet. Es gibt Momente der Stille. Und ich habe gelernt: Stille gehört auch zum Gottesdienst. Am Anfang war das neu für mich. In Indien ist es selten ganz still. Wenn es plötzlich ganz still wird, denkt vielleicht jemand: "Das Mikrofon funktioniert nicht!" Hier habe ich gelernt: Stille kann auch ein Gebet sein. 

Aber trotz aller Unterschiede gibt es etwas, das gleich bleibt. In Indien beten viele auf Englisch: "Our Father in heaven..." Oder in meiner Muttersprache Tamil: "Paramandalathil irukira engal Pidhave." Hier beten Sie: "Vater unser im Himmel..." Eine andere Sprache. Der gleiche Vater. Andere Melodien. Das gleiche Evangelium. Eine andere Kultur. Der gleiche Herr. In der Offenbarung sehen wir Menschen aus allen Ländern, Völkern und Sprachen vor Gottes Thron. Gott macht uns nicht alle gleich. Er sammelt Menschen aus allen Kulturen. Das ist die Schönheit der Kirche Jesu Christi.

 

9Danach sah ich eine große Menschenmenge,

die niemand zählen konnte.

Es waren Menschen aus allen Nationen,

Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen.

Die standen vor dem Thron und vor dem Lamm.

Sie trugen weiße Gewänder

und hielten Palmzweige in ihren Händen.

10Und sie riefen mit lauter Stimme:

»Die Rettung kommt von unserem Gott,

der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.«

Offenbarung 7,9–10
Basis-Bibel

Jede Gemeinde kann von einer anderen lernen

Durch mein Leben in Indien und in Österreich habe ich etwas Wichtiges gelernt: Keine Gemeinde hat alles. Jede Gemeinde hat besondere Gaben. In meinen Gemeinden in Indien habe ich gelernt, mit Freude Gottesdienst zu feiern. Die Menschen singen mit ganzem Herzen. Sie freuen sich, wenn Besucher kommen. Gastfreundschaft ist etwas ganz Normales. Kirche ist nicht nur der Gottesdienst am Sonntag. Kirche ist eine Familie. Nach dem Gottesdienst gehen die Menschen nicht sofort nach Hause. Viele bleiben noch. Sie sprechen miteinander. Sie trinken Tee oder Kaffee. Manchmal dauert das Gespräch fast so lange wie der Gottesdienst. Das bringt mich immer zum Lächeln.

In Österreich habe ich etwas anderes gelernt. Hier schätze ich die schöne Liturgie. Ich schätze die lange Geschichte der Kirche. Ich schätze die Zeit der Stille. Und ich sehe, wie gut alles vorbereitet ist. Es gibt einen kleinen Unterschied, der mich immer wieder zum Schmunzeln bringt. In Indien fragt man nach dem Gottesdienst oft: „Kommen Sie doch mit zu uns nach Hause zum Essen!" In Österreich fragt man meistens: "Möchten Sie noch einen Kaffee?" Ich habe gelernt: Beides ist Gastfreundschaft. Nur die Form ist anders. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: "Der Leib besteht aus vielen Gliedern." Das gilt auch für die Kirche weltweit. Wir brauchen einander. Indien hat mir gezeigt, wie schön Freude im Glauben ist. Österreich hat mir gezeigt, wie wichtig Ruhe, Ordnung und gute Vorbereitung sind. Beides ist ein Geschenk Gottes. Beides hilft uns, Christus besser kennenzulernen.

Es ist wie beim menschlichen Körper:

Er bildet eine Einheit

und besteht doch aus vielen Körperteilen.

Aber obwohl es viele Teile sind,

ist es doch ein einziger Leib.

1. Korinther 12,12
Basis-Bibel

Christus ruft uns, voneinander zu lernen

Mein Leben in Indien und in Österreich hat mich verändert. Ich habe gelernt: Das Christentum gehört weder Europa noch Indien. Es gehört Jesus Christus. Manchmal denken wir: "So machen wir es in unserer Kirche. Das ist normal." Aber wenn wir Christen aus einem anderen Land kennenlernen, merken wir: Sie feiern den Gottesdienst anders. Sie beten anders. Sie singen anders. Aber sie lieben denselben Jesus. Das macht uns demütig. Wir lernen: Unsere Traditionen sind wichtig. Aber Jesus ist größer als unsere Traditionen. Eines Tages werden wir alle vor Gottes Thron stehen. Dort werden Menschen aus allen Ländern sein. Es wird Lieder auf Deutsch geben. Es wird Lieder auf Tamil geben. Und es wird Lieder in vielen anderen Sprachen geben. Vielleicht werden wir am Anfang nicht jede Sprache verstehen. Aber wir werden alle verstehen, wen wir loben. Und ich hoffe... ...dass wir im Himmel endlich alle dieselbe Tonhöhe treffen!

Zum Schluss

Manchmal fragen mich Menschen: „Welche Kirche gefällt Ihnen besser – die Kirche in Indien oder die Kirche in Österreich?" Meine Antwort ist einfach. Ich kann mich nicht entscheiden. Die Kirche in Coimbatore hat meinen Glauben geprägt. Die Kirche in Bangalore hat mich als Pfarrer geprägt. Und die Kirche in Österreich prägt mich bis heute. Sie hat meinen Blick auf die weltweite Kirche erweitert. Alle drei haben mir etwas geschenkt. Alle drei haben mir geholfen, Jesus besser kennenzulernen. Eines Tages werden wir gemeinsam vor Gottes Thron stehen. Dann wird niemand mehr ein Fremder sein. Wir werden alle Brüder und Schwestern in Christus sein. Bis dahin wollen wir voneinander lernen. Wir wollen einander willkommen heißen. Und wir wollen immer auf Jesus schauen. Denn er verbindet Menschen aus allen Ländern, Kulturen und Sprachen. 

Amen.

Bild: CSI Immanuel Church; Ssriram mt, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

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