Schaff die Unterdrückung bei dir ab!
Glaubensimpuls

Pastor, Kinder- und Jugendwerk

vlnr: Tawakkol Karman, Leymah Gbowee und Ellen Johnson Sirleaf erhalten 2011 den Friedensnobelpreis.
Photo: Harry Wad
Schaff die Unterdrückung bei dir ab!
Liebe Geschwister! Habt ihr gehört, welchen Auftrag Gott uns durch das Propheten-Buch Jesaja ausrichten lässt? Schaff die Unterdrückung bei dir ab!
Ausgangspunkt für Gottes Kritik an den ungerechten Zuständen ist eine ungesunde religiöse Praxis: Die Menschen fasten. Das kann sehr gesund sein. Aber die Menschen fasten in der Hoffnung, sich Gottes Hilfe zu erkaufen. Sie hoffen auf einen Tauschhandel: „Wenn ich dir, Gott, durch mein Fasten, mein Leiden beweise, wie wichtig du mir bist, dann wirst du mir doch wohl geben, was ich von dir erwarte.“
Aber wir hören: So läuft das nicht.
Gott lässt ausrichten: „Wie könnt ihr erwarten, dass ich auf euch höre, wenn ihr nicht auf mich hört? Warum glaubt ihr, dass ich euch Gerechtigkeit schaffe, obwohl ihr Unrecht nicht nur duldet, sondern sogar mit Macht und Gewalt aufrecht erhaltet?“
„Ihr tut ja geradezu so, als würdet ihr auf mich und meine Gebote hören. Dabei sucht ihr euch ein Gebot heraus und verdreht es noch so, dass nichts Gutes mehr übrig bleibt. Es geht euch nur um den eigenen Vorteil. Eure Geschäftemacherei wollt ihr nicht einmal alle heiligen Zeiten unterbrechen. Und dann wollt ihr auch von mir noch die Bestätigung, was für fromme Menschen ihr seid; wollt noch göttlichen Lohn zu euren weltlichen Profiten.“
Gott ist nicht beeindruckt von solch selbstverliebter und eigennütziger Religionsausübung. Im Gegenteil: Gott erinnert die Menschen daran, was der Kern aller Religion ist: Liebe. Die Liebe zu Gott. Die Liebe zu den Mitmenschen.
Was bedeutet das konkret für uns? Wofür sollen wir uns in der Gesellschaft einsetzen? Wir haben es gehört:
Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen,
bindet ihr drückendes Joch los!
Lasst die Misshandelten frei
und macht jeder Unterdrückung ein Ende!Teil dein Brot mit dem Hungrigen,
nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf.
Wenn du einen nackt siehst,
bekleide ihn
und entzieh dich nicht deinem Nächsten!
Und dann – wir hören nämlich nicht nur Gottes Auftrag, sondern auch Gottes Verheißung:
Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte,
und deine Heilung schreitet schnell voran.
Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her,
und die Herrlichkeit
JHWHs folgt dir nach.Dann antwortet JHWH, wenn du rufst.
Wenn du um Hilfe schreist, sagt er:
Ich bin für dich da!
Ein zweites Mal hören wir den göttlichen Anspruch:
Schaff die Unterdrückung bei dir ab,
zeig auf niemanden mit dem Finger
und unterlass üble Nachrede.
Nimm dich des Hungrigen an
und mach den Notleidenden satt.
Ein zweites Mal folgt der göttliche Zuspruch:
Dann strahlt im Dunkeln ein Licht für dich auf.
Die Finsternis um dich herum wird hell wie der Mittag.
JHWH wird dich immer und überall führen.
Er wird dich auch in der Dürre satt machen
und deinen Körper stärken.
Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein,
wie eine Quelle, die niemals versiegt.
Liebe Geschwister! Ich vertraue auf diesen Zuspruch Gottes.
Ich bin überzeugt davon: Es zahlt sich aus, wenn wir uns dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft – unsere Welt – gerechter wird.
Und darum – am heutigen Weltfrauentag:
Schaff die Unterdrückung bei dir ab!
Finden wir uns nicht damit ab, dass
- dein Leben gefährdeter ist, wenn du kein Mann bist;
- du weniger Geld für deine Arbeit bekommst
und mehr unbezahlte Arbeit tust, wenn du eine Frau bist; - du viel häufiger zum Objekt gemacht wirst, anstatt Subjekt sein zu dürfen.
Finden wir uns nicht ab, mit all den kleinen und großen Ungerechtigkeiten!
Der Jesaja-Text fordert uns auf, unsere Stimmen zu erheben. Und zwar nicht nur ein bisschen. Sondern richtig laut. Gott fordert uns auf einen patz’n Bahö zu machen, wenn Ungerechtigkeit herrscht.
Dass noch viel zu viel Ungerechtigkeit herrscht, darin sind wir uns – denke ich – einig: Kriegstreiber, Sexisten, Rassisten, Verführer, Unbarmherzige, Machtgeile, Rücksichtslose, Blender und und und – sie sitzen derzeit noch an den Hebeln der Macht.
Aber: Gott ist nicht beeindruckt von solch selbstverliebter und eigennütziger Politik.
Ganz aus dem Blick lassen, können wir die mächtigen Männer nicht. Wollen wir Gerechtigkeit, ist es wichtig, den Mächtigen auf die Finger schauen.
Aber was wir endlich aufhören sollten, ist: Gebannt auf Menschen schauen, die schon zigmal bewiesen haben, dass von ihnen keine Gerechtigkeit ausgehen wird; dass ihr moralischer Kompass nicht gut justiert ist.
Stattdessen tun wir gut daran, unsere Augen auf den Menschen zu richten, der Gottes Gerechtigkeit verkörpert: Christus Jesus (vgl. Hebräer 12,2 und 1. Korinther 1,30). An Jesu Vorbild können wir uns orientieren.
Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus einer Frau in Samaria begegnet und sie als theologische Gesprächspartnerin ernst nimmt. Dazu ist es nötig, dass er kulturelle Gepflogenheiten hintanstellt: Jesus tut nicht, was üblich ist, oder von den meisten als normal angesehen wird. Jesus nimmt den Menschen vor sich in den Blick und lädt in eine Gottesbeziehung ein, die heil macht.
Starren wir also nicht zu viel auf die Auslaufmodelle: Die Mächtigen, die dreinschlagen und sich bereichern. Schauen wir lieber auf Jesus und auf Menschen, die von Jesu Geist inspiriert sind!
Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die vom Sex-Streik der Frauen in Liberia im Jahr 2003. Die dafür maßgeblich verantwortliche Friedensaktivistin Leymah Roberta Gbowee erzählte später, dass der Streik tatsächlich wenig wirkungsvoll war. Um den Bürgerkrieg zu beenden, waren andere Mittel ausschlaggebend: Vernetzung und Zusammenarbeit über kulturelle, ethnische und religiöse Grenzen hinweg, Bildung, Mut und politischer Druck. Und genau für letzteren war der Sex-Streik dann aber doch hilfreich. Denn der Aufruf brachte eine unglaubliche Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit. Diese half der vorrangig von Frauen getragenen Friedensbewegung, ihre Ziele zu erreichen und schließlich ein Friedensabkommen zu erwirken.
Schaff die Unterdrückung bei dir ab!
Liebe Geschwister!
Wir dürfen uns inspirieren lassen, von den vielen Menschen, die ihr Leben für das Gute einsetzen. Die sanfte, liebevolle, aber starke Wege einschlagen, um ihre Ziele zu erreichen. Ich finde gerade ungewöhnliche Strategien, wie die der Frauen in Liberia, reizvoll und ermutigend.
Gemeinsam können wir die Gärtner*innen sein, die fruchtbaren Boden vorbereiten; die Samen säen; die gießen und düngen; die jäten, wenn Unkraut wie Populismus und Gleichgültigkeit die kleinen Pflänzchen bedroht.
Ich vertraue der Verheißung: Wir selbst werden wie ein gut bewässerter Garten sein. Ein Garten, der Leben spendet. Nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Kindern und Kindeskindern.
Gott, die uns begleitet und ermutigt und stärkt, sei Lob und Preis in Ewigkeit!